,.Der HmrSherv läß^lnS bange allein. Sind die Herren »och immer nicht vollzählig? Wer fehlt denn nochr-
Kasimir Rzonka änderte seine Stellung kaum.
„Soviel ich vorhin hörte: Herr von Rybsczhnsk:/
„Ah, also auch diese Schleiereule ist dabei? Ich dachte, er würde oen Rosenkranz nicht mit dem Schwert vertauschen.^ §
Langsam wandte sich der andere ihm zu. „Sie irren, Herr Gras. Wenn selbst die Priester zu den Waffen greifen, warum soll der gläubige Laie zurückstehen? Der eine kämpft für die Religion, der andere für die Freiheit, der dritte fürs -Vaterland — es fließt alles in ein-Wett. Die Hauptsache ist, daß sie kämpfen. Aber ich! denke, der Wagen kommt!"
Gr horchte. Dann trat er ans Fenster. Die Gardinen waren dicht; man konnte ihn von draußen nicht sehen. Napoleon Rutkowski stand gleichfalls aup Rastlos durchmaß er das Zimmer. Alles, was ihm während der letzten Tage durch den Kopf gegangen, bedrängte ihn wieder. Mit jener wilden, fast starren Entschlossenheit, die Bartek Zychod an ihm wahrgenommen, hatte er sich in die Arbeit gestürzt. Alles andere wollte er vergessen darüber. Vergessen seinen Schmerz, seinen verwundeten Stolz, seine getäuschte Liebe.
So hatte er gleich einen Tag nach seiner verfehlten Werbung mit dem Abgesandten der Natronalregierung beraten.
„Was gilt es zuerst, Pan Rzonka?" hatte er gefragt.
Und dieser, kühl, ruhig: „Dem Patente, das ich Ihnen überbrachte, Bedeutung ^u verschaffen. Ein Oberbefehlshaber ohne Armee ist lächerlich. Es gilt, den Grundstock dieser .Armee zu bilden."
Und er hatte ihm auseinandergesetzt, daß eine lose Vereinigung des umwohnenden polnischen Wels bereits bestehe, daß er mit dieser Vereinigung in Verbindung treten und als ihr Oberhaupt sie zu einem festen Bunde organisieren müsse.
„Und wer ist bisher der Leiter und Führer dieser mir Unbekannten Bewegung?" hatte er weiter gefragt.
„Herr von Kozlowski!"
„Nicht möglich! Herr von Kozlowski auf Milostowo?"
„Eben der! Das eigentliche Oberhaupt fehlt ja noch, deshalb fehlt das gemeinsame Handeln. Der Herr Graf werden srch an die Spitze der Herren stellen. Jeder bürgt für eine gewisse Anzahl von Leuten. Das sind die ersten paar Hundert Mann, der Anfang des Heeres, das Polen frei machen wird. In einzelnen Trupps, zur genau bestimmten Zeit, rücken sie unauffällig an verschiedenen Punkten über die Grenze. Jü Polen selbst wird ein Treffpunkt bestimmt. Dort übernehmen Sie offiziell das Kommando. Und gleichzeitig wird ein von Ihnen unterfertigter Aufruf in Hunderttausenden von Exemplaren durch treue Leute in allen Dörfern und Städten der preußisch-polnischen Provinzen verbreitet. Darüber wird noch zu reden sein. Zunächst also müssen Sie dem umwohnenden Lldel Gelegenheit geben, sich zu überzeugen, daß aus „Napoleon dem Deutschen" Graf „Napoleon der Pole" geworden ist! Das geschieht am besten im Hause des Herrn von Kozlowski, der Sie in den Kreis! der Verschworenen einsührt.
Nach einigem Zpjgern hatte Graf Rutkowski einaewilligt, und so wartete er jetzt in einein Zimmer des Milostowoer! Herrenhauses, bis Kozlowski ihn rief.
„Gottlob!" murmelte er, „lange dauern kann es nicht Mehr. Die Slachta ist versammelt."
(Fortsetzung folgt.) * '
3it französischer Gefangenschaft.*)
Ich läge ohne Pflege oder Nahrimg bis zum Ylbend frierend bn Fieber. Französische Soldaten, alte Kerle von: Landsturm, begannen den Saal für ein«: mir unbekamtten Zweck aufzuräumcn Und einzurichten. Lange beachteten sie mich nicht. Schließlich lag ich zweien im Wege. Sie hielten mir eine Lampe über das Gesicht und stellten Fragen, die ich, natürlich nicht beantworten konnte. Doch zeigte ich auf mein geschwollenes Bein mrd den verbuWenen Fuß. Sie beratschlagten und nahmen mich an Knien mrd Schultern auf. Da mußte ich schreien, weil ich so entsetzliche Schmerzen! spürte. Sie taten, als ginge sie das nichts an mib schleppten mich
*) Wir entnehmen die nachstehende Erzählung dem dieser Tage bei Otto Elsner Verlagsgesellschaft m. b. H. Berlin S. 42 er- stk.jeinenden Buche „Hans Hellers Höllenfahrt" von Otto von Goltberg, das in einfacher, aber durchaus der Wahrheit entt- sprechende Weise die Leiden eines deutschen Soldat«: in den verschiedenen Osfangenlagern FrankreiM Md Afrikas ergreifend
über die Straße. Gottlob machten sie keinen langett WvA, sondern trugen mich bald in die offene Tür eines ausgwäumten kleinen! Hauses und legten mich dort im Dunkeln aus dünnes Stroh. Als sie gegangen waren, glaubte jch mich allein, aber hörte Streichhölzer kratzen und sah eine zitternde Hand die Flamme einem aut dem! Fußboden stehenden Lichtstümpfchen nähern. Im Kerzenschein lag ein elend aussehender Verwundeter auf einer Matratze ohne Deck« und über seinen Füßen der Waffenrock eines preußischen Haupte nranns vom Jnfanteriereginrent Nr. 28. Damit jedermann weist/ daß ich richtige Hingaben mache, will ich seinen Namen nennenu Es war der jetzige Major v. W., der mich fragte, wer ich fei undl was mir fehle. Er hat toährend der Tage unseres Zusammenseins! viel und gut mit mir geredet. Namentlich erzählte er mir stets/ toas die Franzosen in chrer Sprache gesagt hatten, und schärft« mir ein,später in der Heimat von pllem Gehörten und Gei sehenen Meldung zu machen, weil er kaum Aussicht habe, aml Leben zu bleiben. Doch war er ein selten starker Mann an Leib und Seele. Darum ist er am Leben geblieben und jetzt in der Schveiz> obwohl er mit schwerem Bauch- Md Schulterschuß wie vielleicht kein anderer deutsch«: Gefangener unter Quälereien der Franzosen gelitten hat.
Wir lagen nach, kurzem Gespräch etwa eine Stunde im T tmkeln/ als wir Tritte hörten. Ein französischer Soldat trat mit einev Lampe ins Zimmer. Ihm folgten fünf Offiziere, die ich als Aerzts erkannte. Zwei sprmfen Deutsch und sagten dem Maprr, daß sie Elsässer Mren. Mir ließen sie nach kurzem Fragen R:che. Sie waren gekommen, um den Major zu peinig«:. Ueberhcrupt machte icht die Erfahrung, daß es den Offizieren in Gefangenschaft noch schlimmer als uns Soldaten ging.
Tie beiden Elsäser lachten den Major höhnisch an und fragten * wie er sich- als Gefangener vvrkäme. Er antwortete mit der sckwachen Stimme ernes Schwerkranken:
„Ta die Herren Aerzte sind, haben Sie wohl die (Mf« mich zu verbinden und mir zu essen und zu trinken zu geben. Jch liege seit nun drei Tagen ohne Nahrung mit den Verbänden^ die mir meine Leute aus dem Gefechts-Ade angelegt haben."
Laut lachend übersetzten die Elsässer des Offiziers Worte den; drei anderen Franzosen. Alle fünf begannen den Schwerverwunde-, ten zu verhöhnen. Ihre Zigaretten hielten sie über seinen Kopf und tippten ihm die Asche ins Gesicht. Einer der Elsässer sagte:
„Wilhelms Schsoeine von Qftizieren pflegen wir nicht. Ihr habt den Krieg angefangen. Dafür sollst du büßen, du Schwein, du Hund, du Boche."
Jch, hätte ein Glied von meinem Körper gegeben, wenn der! Major oder ich jetzt gesund gewesen wären, doch konnten nnr beide uns nicht rühren. Ich sah nur, daß der Mchor nrit sehr swlzeiü Gesicht die Augen schloß und den Kopf aus die Sekte legte. Bis techjn hatte ich nicht gewußt, daß ein Mensch, ohne ein Wort *u sagen, andere so nnt Verachtung strafen kann. Das fühlten auch die fünf. Sie traten mit Füßen gegen die Mattatze, um dem Major :oeh zu tun. Er öffnete einmal die Augen, jimt .zu sehen, was ihm, geschähe, aber er hat wLer gestöhnt noch mit einer Wimper gezuckt. Sein Gesicht blieb stolz wie vorher. Da setzten sich die Franzosen rings :mr ihn auf den Rand seiner Matratze. Einer der Elsässer spuckte ihm ins Gesicht. Alle fünf bewarfen ihn wieder mit Asche. Aus Deutsch und Französisch erzählten sie ihm, wie schlecht es um unsere Sache stünde. Doch brachten auch sie so verrücktes Zeug vor, daß ich Wichte, es war kein wahres Wort an ihren: Geschwätz. Sie meiitten, unser Kaiser sei mit dein Geld der Reickiskasse nach Amerika geflüchtet und der Kronprinz habe sich, ersck-ossen, weil sein Vater ihn Boeder nritgenommcn noch ihm Geld znrückgelassen habe. Während fte immer den Major mit „Du Schwein" oder „Du Hmrd" ansprachen, fragte ich mich, warum ich so oft gelesen hatte, die Franzosen wären ein ritterliches Volk. Endlich gingen die Aerzte. Der eine meinte nochi
„Mit «uh Räubern haben nicht Aerzte, sondern nur Gen-i darmen zu tun."
Bald kamen auch, wie au jedem der nächsten Llbende, zur Nachtwache zwei Gendarmen. Sie sahen sich nach einem Lager unt A aber fanden nickt genug Sttoh, um es sich behaglich zu mack>en. Da gesckah eine der schändlichsten Untaten, die ich in Frankreich gesellen habe. Tie Gendarmen traten zum Major, faßten sein« Matratze, hoben die eine .Seite hoch und ließe:: ten Schwer^ venrmnteten mit Bauch- und Schulterschuß auf den Fußboten rollen. Tann zertten sie die Matratze in eine Zimnrerecke, streckt«, fkfj darauf ans und schnarchte:: bis in den Hellen Morgen. Ehe sie bei Tagesanbnlch gingen, legte:: sie den Major lvieder auf die Mattatze. Vielleicht lrw>ttten sie ihre Vorgesetzten nicht wissen lasse::, wie sie einen Berlvundeten behandelten.
?lm nächsten Morgen kamen französische Truppen durch den Ort. Zwei Offiziere bettat«: das Zimn:er unb dnrch.ffvclOen die Sachen des auch schon ausgepländerten Majors. Immerhin fand der eine Leirtnant :wch eine Zigarrentasche als Andenken. Ter andere nah::: die Gamaschen. Zwei Zigarre:: auS der gestohlenen Tasche steckt«: sie vor unseven Augen an, taten ein paar Züge, Nickten zufrieden mit dem Kopf, sagten „bon" uiü> gingen. Schlimmer freilich hausten die Zivilisten, Männer, Frauen Und sogar Kinder. Sie verhöhnten und verlacht«: u:vs nicht nur. sonder:« traten nach, uns und :puckttn uns an. Darrmter litt namerttlick) den Major. Damtz sein Ichwergettosfener. aber unverwurürettr locken^


