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ad)tet Oft, wenn sie vor der Ofentür hockte, flog ihr Blick spähend urtb finster zunr Fensterplatz hinüber. Und eines Morgeüs, beim Frisieren, legte die Dienerin plötzlich Kamm und Bürsten beiseite.
„Erlaubt, Herrin, erinnert Ihr Euch an den Taa, als der junge Herr und der fiemde Offizier hier waren? Fhr seid mit den Herren davongeritten."
Die Baroneß ward rot. Sie hatte eben daran gedacht, wie .Versen ihr den Handschuh zuzuknöpfen versuchte, wie seine Finger dabei gezittert hatten.
„Warum?" ftagte sie. „Was willst du damit?"
Finster vor sich hinbrütend, stand Kascha Kaczmarek da. ° „Ich habe mit Juschu Laskowicz geredet!" sagte sie. Sie sprach fiir ihre Art seltsam ruhig und dunkel.
„Und was weiter? Mach', daß du mit dem Frisieren fertig wirst!"
Aber das Mädchen rührte sich nicht. „Ihr hattet mit ihm gesprochen, Herrin. Was habt Ihr ihm gesagt?"
Ungeduldig zuckte Hanna von Graßnick die Achseln. „Das hast du ja gleich nachher erfahren, Wildkatz! Ich hatte oir mallversprochen, ein gutes Wort für dich bei Juschu einzulegen, und ich hab's getan."
Ein kurzes Schweigen.
,Lch dank' Euch nicht für das gute Wort," fuhr Kascha Kaczmarek dann auf. Und mit finsteren!, höhirischem Lachen blitzten chre dunklen Augen die Herrin cm.
„War er anders zu mir als früher? Hat er ein einzig freundlich Wort für mich gehabt? Hat er mir die Hand hin-
a estreckt? Hat er mich überhaupt beachtet? Psia krew, Euer Waden — was nicht besser wird, wird schlechter, und nur schlechter ist der jFuschu mir geworden! O je, was mag das für ein Wort sein, das Ihr ihm von mir gesagt habt! Ich danke Euch nicht dafür! Mich soll er sehen, und er sieht rrur das Bild, woran er schnitzt; von mir soll er sprechen, und er stamlnelt nur von der neuen Madonna, die er vorhat; bei mir soll er bleiben, und er läßt mich stehen: „Verzeiht, Pani, es ist ellig!" Als ob die Madonna wegliefe?"
Die Erinnerung daran schüttelte sie förmlich. Aergerlich hatte die Herrin die Stirn verzogen.
;,Latz mich endlich mit deinen dummen Geschichten in Ruhe. Wenn er dich nicht lieb hat, hilft kein Zureden!" Das Mädchen starrte vor sich hin.
„Wenn er mich nicht lieb hat," murmelte sie. „Wenn er mich nicht lieb hat —I"
Und wild: „Dann ist er nicht so zu mir, so kurz.. Dann kann er freundlich sein Es kostet keinen Taler. Mer ich weiß was, Herrin, ich weiß was!"
Gewaltsam hielt sie den beißen Atem zurück.
„So," sprach sie leise und seltsam, „kann er nur sein, wenn er eine andere liebt! Juschu Laskowicz liebt eine andere! Deshalb kennt er mich kaum, deshalb hat er keine Zeit für mich, deshalb ist er ein Narr geworden!"
Ihre Stimme hatte sich immer mehr gehoben. Drohend reckte fie den Arm empor. „Wer's ist, das wissen die Heiligen ! Ich weiß es nicht. Mer ich werde es wissen, und sollte ich Tag und Nacht horchen. Und ich werde es wissen, und ich werde, ich werde —Sie brach jäh ab.
„Wildkatz nennen sie mich. Hei, was tut die Mldkatz? Das Gesicht will ich chr zerkratzen, daß er's nicht mehr ansehen kann! An den Haaren schleif' ich sie durchs Dorf! Mir gehört der Juschu, und keiner anderen! Und wenn ich's getan habe, mag kommen, was will! Ich werde lachen, lachen!"
Ein krampfhaftes Lachen brach auch jetzt aus ihr heraus, aber es schlug sofort um. Und bitterlich weinend kauerte sich Kascha Kaczmarek nieder. Hanna von Graßnick sagte nichts. Die Zeit verrann, sie schwieg noch immer. Sie war blaß. In ihren Augen stand Scheu und Schreck. Erst lange nachher s^r^sie ruhig, fast leise: „Ich bin noch nicht fertig frisiert,
„Ja!" erwiderte die Dienerin. Ohne den Blick zu erheben, stand sie auf und führte die Arbeit zu Ende, während die Tränen auf ihrem Gesicht brannten. So lange das Mädchen zugegen war, hielt sich die Baroneß. Mer als sie dann im Zinrmer allein blieb, schloß sie die Augen. Ein Zittern ging durch chren Körper. Sie war müde, wie zerschlagen. Ueberall das gleiche Schicksal, dem keiner zu entgehen schien. Rutkowski war so geschüttelt davon wie Kascha Kaczmarek, wie tausend andere. Und stand es unentrinnbar nicht auch vor ihr? War es seit dem Tage, als der Graf davongeritten, nicht wie eine dumpfe Erwartung in ihr? Wie ein Warten
auf etwas, das kommen mußte? Mit geschlossenen Augen saß sie am Feilster.
Da ward die Chaussee plötzlich lebendig. Die Kinder lärmten; die Knechte strömten nach der Straße. Pferde- aetrappel kam näher und näher. Mit weit offenen Augen sah sie jetzt hinüber. Helmspitzen tauchten auf. In Zügen ritten die blauen Dragoner die Chaussee entlang. Ktzt sprengten zwei davon vor, an den ältesten Offizier heran. Und jetzt schwenkten die beiden in die Kirschbaumallee ein. Hanna von Graßnick sah nicht mehr hin. Sie wußte, es war ihr Bruder und Herr von Versen. Die Dragoner waren wohl von Wreschen nach Stralkowo gelegt. Und die beiden Offiziere hatten die Erlaubnis, ein paar Stunden hier zu verweilen.
Larrgsam erhob sie sich. Als täte ihr das Weiße Schneen- licht des Wintertages plötzlich weh, setzte sie sich in die dunklere Ecke des attmodischen, behaglichen Sofas. Sie hatte Furcht vor Versen. Er mußte ihr ja ansehen, was geschehen war, mußte ihr ansehen, daß Jugend zu Jugend drängte.
Bei der Begrüßung Versens wunderte sich Hanna, wie gut sie äußerlich chre Ruhe wahrte. Als der Kaffee nach dem Diner im Nebenzimmer herumgereicht ward, wurde die Unterhaltung lebhafter.
,^Fetzt beginnt das Schuften," sagte Ernjst August. „In Wreschen lagen wir manchmal noch auf der faulen Haut. Aber was man so hört, eine'Gemeinheit ist es. Die Tilsiter Kameraden kommen nach dem Briefe, den Hans Langwert an mich schrieb, überhaupt nicht aus dem Sattel. Tag für Tag endlose Streifpatrouillen, und nachts dito, wenn sie nicht irgendwo im Hinterhalt liegen, um einen Wasfeutrans- port abzufangen. Natürlich alles vergeblich — dtzr Teufel hol' diese Art von Grenzwacht!"
Die Sporen klirrten.
„Und was Aehnliches," setzte er nach einer Pause hinzu, „wird wohl unser jetzt in Stralkowo warten. Da habt Ihr in der warmen Stube es gut!"
„Dafür bist du Soldat," erwiderte Hanna.
„Na ja, ja, meine ja auch nur so. Ist was passiert währeird meines Fernseins? War der Graf wieder mal Da?"
„Und ob!" lachte der alte Baron knurrig. „Ich taxiere, er wird keinen Rotwein aus meinem Keller mehr trinken. Der Ast wäre auch abgesägt."
„Aber das ist ja sehr interessant. Rutkowski? Und weswegen denn?"
Versen horchte ebenso gespannt auf wie Ernst August.
„Trage deine Schwester. In solchen Dingen kiltschiert sie nach eigenem Gutdünken. Gott verdamm' mich, aber lru sinrd der Keller noch langsamer sich leeren."
_ Versen wollte aufstehen und hinausgehen. Er hatte das Gefühl, als ob er störe.
„Unsinn!" sagte sein Kamerad und drückte ihn auf seinen
f latz nieder. „Familien-Jntimitäten gibt's bei uns nicht, lso bleib' nur. Nicht, Hannas Sie drehte sich halb um.
„Was soll ich denn dabei? Ich weiß kaum, wovon ihr redet. Es muß übrigens ganz prächtige Schlittenbahn sein!"
„Außerordentlich! Mer im übrigen: Sage mal, Kind, hast du wirklich die neun Zacken mit einen: Korbe nach Haus geschickt?"
Versen hielt den Atem an.
„Ach, laß doch!" sagte Hanna halb beschämt, halb unwillig. „Komm' lieber mtt hinaus zum Schneebällen." und rasch war sie an der Tür.
„Straf' mich Gott, Vater," nickte Ernst Arrgust betroffen, „aus dem Mädel wird der Terrüel klug! Ich habe immer geglaubt, der Rutkowski würde mal mein Schwager. Die elenden Manichäer hätten mir daun Kredit bis i,rs Uner- messene bewilligt. Schrumm, wieder nischt!" Er seufzte. „Und schlankweg abgewiesen? Ein reeller Korb? Ohne Hoffnungsschleifen und aperes Brimborium?"
„War ich denn dabei ?' brummte der Mtc. „Ich weiß nur, was sie mir gesagt hat, urid daß Seine Hoclrgeboren wie ein Verrückter vom Hof gerast ist. Scheint ihn: also nicht viel Rosinen zwischen die Zähne geschoben zu haben."
Hans Albert halte die Worte gleichsam widerwillig ber- ausgequetscht. Sein Sohn war' aufgesprnngen und durchmaß das Zimmer.
„Sapperment, das ist eine nette Geschichte. Das soll dann wonröglich noch nicht mal eine Neuigkeit sein! Schlägt das Wettermädel eine Grafenkrone aus! Was sagst du dazu. Fritz? Ist das nicht toll?"


