Er sah ihn au. Versen war gleichfalls ausgestanden. Er atte noch abwehrend die Hand erhoben, als dürfe er sich berhaupt kein Urteil erlauben, aber das Leuchten in seinen Augen verriet ihn.
„Mensch!" sagte Ernst August seltsam, „ich glaube gar, du freust dich, He?"
Er wurde rot, schluckte.
„Es ist wegen, na, du kennst doch meine Ansichten, Ernst. Deutsch zu Deutsch!und Polnisch zu Polnisch ! Und insofern natürlich, wenn du das so ausdrücken willst, freue ick mich. Als Deutscher ist mir ein Fräulein von Graßnick lieber als eine Gräfin Rutkowska, du verstehst schon!"
„Bravo!" stimmte der Vater zu. „'s hakt' bei mir auch gewürgt, lieber Versen, aber wenn's mal beschlossen war! Nu sieht das Bild plötzlich ganz anders aus."
Er kam nicht weiter, denn in diesem Augenblick flog ein Schneeball gegen das Fenster.
„Ernst!"
Man hörte Hannas Stimme. Schmunzelnd legte der Bruder die Zigarre fort.
„Sie will wirklich schneebalken, Vater, wie früher, wenn Vetter ^angwerth noch dabei war. Na, denn mal los — ich komme schon! Und du, Menschenskind? Kommst du mit?"
„Wenn ich euch nicht störe, von Herzen gern!"
Kopfschüttelnd griff Ernst August nach der Mütze.
(Fortsetzung folgt.)
Mutter Marthe und der Tod.
Von Ernst Nicolas (Berlin).
(Nachdruck verboten.) *
Mutter Marthe war auf ihrem Felde und band den Roggen in Garben, den ihr der mitleidige Nachbar gemäht hatte, denn Mutter Marthe lebte allein: ihr Mann war längst gestorben, und 'ihre beiden Söhne waren des Kaisers Ruf gefolgt, ihr Vaterland zu verteidigen.
Mutier Marthe zählte fast siebzig Lahre, ihr Rücken war krumm gezogen von schwerer Arbeit imd ihr Atem! ging keuchend.
Am Nachmittage erst ging sic daran, den Roggen in Hauben aufzusetzen. Das Feld war nicht groß, aber es ist schwere Arbeit für einen einzelnen, noch dazu, wenn man fast siebzig Jahre! trägt und sich sein Lebelang geplagt und abgerackert hat. Mutter Marthe aber gönnte sich keine Ruh', und als die Dämmerung kam, waren beinahe alle Garben in Reih und Glied zu Hauben auf-' gestellt.
Ansruhend hielt Mutter Marthe iititc; ihre Glieder zitterten und ihr Atem pfiff, aber ihre stumpfen, müden Augen sahen doch die Gestalt, die am Wege unterm Eschenbaum stand, düster und hager, Und ihr zu winken schien. Als sic zögernd hinging, sah sie, daß es der Tod war.
Mutter Marthe erschrak.
„Erschrick nicht, Mutter Marthe," sagte der Tod und legte sachte eine Haird ans ihren Arni. „Aber du mußt mit mir gehen."
„Ich? Nein, nein!"
Der Tod schüttelte leise den Kops und sagte.
„Oft hast du mich gerufen, Mutter Matthe, daß es mich manchmal rührte, aber ich durste mich nicht erbarmen. Hub jetzt klammerst du dich an dein bißchen armseliges Leben, als wäre eck-lauter Glück und Glanz. Bist du nicht töricht, Mutter Marthe?"
„Es ist wahr, ich hakw dich fttiher manchmal gerufen^ aber da war auch alles anders. Sieh doch, wer soll das Getteide ernten und einsahren, Iver soll das Land bestellen, wenn ich nicht mehr bin? Alles wird verfallen sein, wenn meine Jungens heimkehren.
. Sic werden lästern wider Gott und Mensch und werden mutlos sein, ivepn sie ihr Vatcrerbc ansehen! In die Fremde werden sie Ziehen und mit bösen Gedanken an ihre Heimat denken. Davor sei Gott!"
Mutter Marthe strich die wirren, grauen Strähnen zurück, die der Abendwind um ihren verwitterten Kvps wehte. Die Angst schüttelte sie und gab ihr tolle Dinge ein.
„Höre," sagte sie znm Tode, „da steht unsere Kuh im Stall, die Schecke, cs ist eiu schönes Tier: nimm die-Kuh heute! Es ist mir ein schwerer schlag, aber ich werd' es verwinden. Nimm alles, was ich durch Arbeit ersetzen kann, aber laß mich noch! Schenke mir das bißchen Zeit noch, bis meine Jungens kommen!"
„Ich tritt dir keine Schläge versetzen, Mutter Mgrthe," sagte tzütig der Tod. „ich will dir nicht wehe tun. ich will dich erlösen."
„Wovon denn erlösen?" jannnette die Alte. „Meine Jahre sind-ja niemandem zur Last, und ich arbeite! Ich arbeite ja für meine Kinder!"
Aber der Tod blieb unerbittlich.
Die Augen der Alten irrten in höchster Augst über ihre Felder, als könnte ihr von irgendwo eine Hilfe kommen.
„Tort steht der Weizen noch," jammerte sie halblaut, „und dort der Hafer, hoch und voll nric selten! Für du- Sä,ecke muß Grünsntter morgen in der Frühe gehauen norden! Und die Kar ivsseln liaben besser angesetzt als ic! Nein, nein, ich kann nicht lott' Was würden die Jungens sagen?"
Wieder wandte sie sich an den Tod:
„Es war vielleicht dumm, was ich voohin sagte von Der Kuh; die unvernünftige Kreatur kann nicht für mich einlreten, ich sehe es ein,, aber höre: mein Acltestcr, der Hermann, liegt schwer verwundet /groß sind die Qualen, die er leidet. Wenn er lebt, wird er als Krüppel leben, elend zum Erbarmen, überall wird er zuviel sein Die Menschen sinö nicht gut gegen so einen, nicht gut genug: und ich mach es ohnehin nicht mehr lange, und was dann —r Gott verzeih mir's, aber nimm ihn statt meiner? Laß mich meinem Franz leben! Nimm den Hermann mit dir; wo er stirbt, stehen zehn andere an seiner Stelle, aber hier ist niemand, der einspringt, wenn i ch nicht mehr bin. Wenn du erlösen wülst, erlöse meinen Aeltesten!"
„Tu irrst, Mutter Matthe," sagte ruhig der Tod. „so wie die Kuh nicht für dich sterben kann, so kann kein Mensch für dich ein - treten; jeder lebt sein eigenes Leben und stirbt seinen eigenen Tod. Dein Hermann starb gestern den seinen; er ist erlöst."
„Gott helf!"
Mutter Matthe staud starr und preßte die verarbeiteten Hände gegen ihr zuckendes Herz. Nach einer langen Stille sagte sie müde:
„Tu bist unerbittlich und hätter noch, als die Menschen dich schildern."
Währenddessen tauchte der Mond überm schwarzen Walde aus, rund und gelb. Er schien dem Tode gerade ins Gesicht und traf auch den Stahl der Sense, die unter dem Mantel des dunklen Schnü- ters hervorlugte. Da kam der armen Alten ein neuer Gedanke:
„Ich isehe7 du wirst mich nicht hierlassen, aber wenn noch ein Funken Mitleid- in dir ist, so erfülle mir eine Bitte: Sieh, wie lyod) Und voll der Weizen und Hafer steht, es ist höchste Zeit, daß beides geschnitten wird: wer weiß, wie lange das Werter noch trocken bleibt!^ Du bist bei Kräften, dein Arm kann wert ausholen und deine Sense ist scharf.: schlage du den Weizen und Hafer herunter! Mein Franz wird so alle Hände voll zu tun haben, westn er zu meinem Begräbnis kommt. Sein Urlaub ist gewiß kurz, und Inas getan ist, ist getan. Tu es meinem Jungen zuliebe, meinem Einzigen !"
Der Tod hatte ein grausames Wort aus den Lipven, aber die alte Mutter sah ihn so flehend an, daß er sich anders bedachte.
„Gut." sagte er, „ich will dir deine Bitte erfüllen."
Da stand nun der Tod im mondbeschienenen A ehren selb, und sein Arni holte weit aus: die Sense blinkte, und die Halme sanken seufzend hin. Rasche Arbeit tat der Tod, seine Kraft wurde nickt lahm, und seine Sense verlor nicht an Schärfe. Mutter Matthe ging gebückt hinter ihm drein und band die Halme zu Garben.
^Binnen kurzem 1 uac das Weizenfeld nmgelegt.
„Laß cs genug lein, Mutter Matthe/» sagte der Tod, dem die Arbeit nicht behagte und der mehr wußte als die arme Alte. Doch Mutter Matthe schüttelte den verwitterten Kopf:
„Ten Hafer mxf>!"
Tie Sense rauschte, und die Halme seufzten und sanken hin. Das Haferfeld war größer, und der Mond hatte ein betracht! iel>es Stück seiner Bahn zurückgelegt, als der Tod endlich fettig war Und die Schneide seiner Sense pttifend gegen die helle Fläche des Mondes hielt. Aber sie batte ja in dieser Kriegszeit schon weit härtere Arbeit geleistet und war nicht stumpf gervorden.
„Nun ist es Zeit, Mutter Matthe," jagte der Tod zu der Alten, die emsig ihre Garben baitd.
„Noch nicht," sagte sie ausschauend. „Du mußt auch für die Schecke noch Grünsuttcr schlagen, sei barmherzig! Dir mach! es nichts, und Hunger tut loch." 4 »
Der Tod unterdrückte einvr derben Fluch und schwor sich, nie wieder mitleidig zu sein. Der Mond warf seinen langen, hogern Schatten über bcu Klee, der unter der Sense des Schnitters lief seufzte, denn der Tod faßte ll>n hart nick grimmig an. Indessen fuhr Mutter Marthe fort, ihre Garben zu binden.
Als der erste frühe Hahnenschrei ertönte, hielt der Tod mit seiner Arbeit ein unb ging zu der Alten.
„Ja, nun ist's wohl Zeit. Aber hart bist du. Bruder Tod!" sagte Mutter Matthe mtb sie fühlte, wie ihr Leben floh. ..Mein Fran^ wird mich loben." ^
Lie wankte, und der Tod nahm sie in seine Arme.
ttrrd als er mm den Frieden in dem vollendeten Greisengencht sah, da vergaß er seinen Grimm, und cs tat ihm nicht lew. Mutter Marthe verschwiegen zu haben, daß auch ihr Franz am letzte» Morgen so in seinen Armen gelegen hatte.
Zran^oi? Toppee.
Am 12. Januar 1917 sind 75 Jahre verstrichen, sek Frrue^rs Coppöe geboren wurde. In seinem Leben und Diäten, seiner Persönlichkeit und seinen Ideen ist er der typische Snmmkudni» des französischen Nationalismus, der nickt aufhören konnte, 'ich im Revanckjegedonken su spiegeln. Den Krieg hur er nickt mrtn erlebt, aber stets uwr Eovvöe einer der lautesten, trenn drc chunrn instische Erregung .sich Lun machte. Bekannt ist die Nette. d?e er in den Drennishandeln gespielt bat Er war Kr Sohn imrf subalternen Beamten, stammte -also aus den Svk-n K. er ut seinen Poesien am wärmsten gefeiert dar :'tt Tufvrr wird er z» den ..Parnafsiems" gezählt, die ihren Rainen iv* Kr m-
schien enen lyrisch epischen Anthologie „Parna »o -nt •■mp« r.i»&' tragen. Sein Verdienst und seine Orignialita: rndt rn Km


