Mittwoch, den 10. Januar
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Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
10. Kapitel.
Lianna von Graßnickwar, als .sie,dem! Grafen den Rücken gedreht, geradesioegs in ihr Zimmer gegangen und hatte sich erngeriegelt. Dann hatte sie die Arme auf den Tisch gelegt, den Kaps darauf, und so hatte sie Minuten und wieder Minuten gesessen.
Als sie nachher schwerfällig aufstand, trat sie vor den Spiegel. War sie denn die noch, die sie gewesen? Ihr Gesicht war auch jetz't noch blutrot, ihre Brust atmete heftig, ihre Zähne drückten sich fast schmerzhaft in die Unterlippe. Und dieselbe Frage: War sie denn die noch, die sie gewesen? — sie wich nicht von ihr am nächsten, nicht von ihr am darauffolgenden Tage.
- Seit Graf Rutkowsti sein ungestümes Begehren, seine wilde Werbung vorgebracht, war etwas Neues in ihr, eine Scham und Verwirrung, in der sie sich selbst verlor. Ihr war, als hätten heiße Hände sie berührt, als hatte fremde Leidenschaft einen glühenden Mantel um sie geschlagen, dessen Brennen sie stets fühlen müsse, als wäre ihre ruhige Sicherheit und Kühle nun für immer dahin.
Sie selbst und alles hatte der Graf vergessen in dieser Leidenschaft. Und die Schauer schlugen auch hinüber zu ihr. Die Scham hatte ihr Gesicht gefärbt, und eine Schwäche war in ihr gewesen, die ihrer sicheren Ruhe bisher fremd war, eine Schwäche, die sie einen Moment fast den starken Armen des wilden Werlkbrs ansgeliefert hätte — ein zitterndes, unterjochtes Weib.
Nein, sie war nicht mehr, die sie gewesen. Nicht mehr das ruhige Mädchen, das frisch und gesund, ohne rechtes Ziel und ohne rechte Sehnsucht dahinlebte.
„Ich, glaube nicht, daß Jugend ohne Sehnsucht nach Jugend ist?" Die Worte, die der Graf gesprochen, hörte sie stets von neuem. Sie sah seitdem alles so anders an. Sie sah, daß ihr Vater alt war, daß sie mit ihm allein hier in der Einsamkeit lebte; daß sie selber aber doch herrlich jung war und ein ganzes, großes Leben noch vor sich hatte.
„Ich glaube nicht, daß Jugend ohne Sehnsucht nach äugend ist!" Sie schloß die Augen. Ihr war, als glaubte sie es jetzt auch nicht mehr. Und ein Zittern befiel sie, wieder diese halb willenlose Schwäche. Sie gab sich ihr hin und erschrak doch davor. Als übe der Graf noch Macht über sie, als müsse sie ihin entfliehen, trat sie selbst jetzt ein paar Schritte zurück.
Sie haßte ihn nicht. Und nicht aus kindischem Trotz hatte sie ihn stehen lassen. Nein, die Furcht hatte sie aus dem Zimmer getrieben, es war eine Art Flucht gewesen vor der wilden Leidenschaft, die sich ihr genähert, die sie einen Augenblick fast mitgerissen hätte. Und zuletzt hatte ihr Stolz
die Furcht niedergerungen, der kühle Stolz, der allein standhielt gegen die Glut seiner Worte, der das ruhige „Nein!" schließlich gesprochen hatte.
^ Ganz anders hatte sie sich zuerst den Ausgang gedacht Sie wollte ihm sagen: Noch sei ihr Herz nicht gebunden, wollte ihn bitten, in aller Freundschaft zu warten, wollte rhrem Vater und sich den Verkehr erhalten, und in den folgenden Wochen und Monaten sich ganz klar werden.
Da kam statt des ruhigen, formellen Antrags jener Leidenschaftsausbruch, der alte guten Vorsätze über den Haufen warf. Da kam zuletzt die empörende Anspielung, daß Fritz von Versen der Begünstigte sei. Die empörende Anspielung! Ihre Finger verschlangen und bogen sich. Weshalb hatte sie das so empört? Weit Rutkowski etwas aus der Luft griff, woran sie nie gedacht? Oder — sie zuckte zusammen , weil er recht hatte, weil er den Schleier von einem Geheimnis zog, das ftir sie selbst noch ein Geheimnis war?
Liebte sie Versen denn? Sie schüttelte leise den Kopf. Aber seit der Graf sie zusammengebracht hatte, mußte sie öfter als je an ihn denken. Niemals hätte er so mit ihr gesprochen. Und ob er sie lieber gehabt als alles auf der Welt — seine Liebe hätte sich in zitternder Scheu offenbart. Deutsche und polnische Liebe! Er mochte recht haben, es gab Gefühlsklüste, die unüberbrückbar waren.
Immer von neuem quälten sie alle diese Gedanken in den folgenden Tagen. Hans Albert sah sie brummig von der Seite an — auch er empfand dunkel, daß sein Kind anders geworden war. Als Hanna ihm kurz gesagt, daß sie den - Grafen abgewiesen, hatte er sich halb gefreut, ball» auch gewettert und geflucht. Aber es siel ihm nicht ein, etwas dagegen zu reden.
Was die Viertelstunde in Hanna geweckt hatte, kam auch später nicht mehr zur Ruhe. Jugend sehnte sich nach Jugend. Und oft, wenn sie sich der heißen Worte des Grafen erinnerte, war es ihr, als müsse sie Schutz suchen — nicht nur vor ihm, sondern auch vor sich! Als müsse jemand komiken, der sie wieder ruhig und sicher machte, ohne das Weib, das in ihr geweckt war, zu töten. Und manchesmal schien es ihr, als würde sie nicht mehr die Widerstandskraft besitzen, einem zweiten Ansturm solcher Leidenschaft allein standzuhalten.
Sie hatte bisher eine Freundin nicht gerade entbehrt. Was zu besprechen war, besprach sie mit ihrem Vater oder mit Kascha Kaczmarek, oder machte es mit sich allein ab. Jetzt aber, in diesem gärenden Chaos neuer Gedanken und Empfindungen, empfand sie es bitter, daß niemand da war, der ihr tragen half, bei dem sie Verständnis geftinden, dem sie alles hätte sagen könneu. Das verschärfte in ihr das Gefühl der großen Einsamkeit, des Meinstehens. Und je tiefer dieses Gefühl sie erfüllte, um so hoher wuchs die Sehnsucht, die große Sehnfiuht nach einem gleichempfinden' den Herzen, die Jugend zu Jugend treibt.
Kascha Kaczmarek hatte die Herrin ein paar Tage beob-


