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Teil bei Schuld tilgen, die sein Herr ans sich g.ladcn. Und mto dem Gedanken ward allmählich der Entschluß.
„Ich- gehe!" sagte der Alte und sprang herab von der Siitierfifrc. Geschäftig, als wäre ihm neue Kraft verliehen, eilte er über den Hof in sein Zimmer. Ein Feuereifer ergriff ihn. Er nahni das alte Gewehr herab, umwickelte den starken Draht des Ladestockes mit Werg und begann, den Lauf zu reinigen. Es war eine mi'chseligc Arbeit. Dann ging es an die Rostflecke, die sich auf der Außenseite des Laufes gebildet hatten. Sie wollten und wollten nicht schwinden.
Und während der Alte rieb, daß ihm die Arme lahm wurden, dachte er der früheren Zeiten, als er mit junger Kraft diese selbe Büchse geputzt hatte. An den seligen Herrn dachte er, an .Kampf und ^ieg. Und daun sank sein Haupt immer mehr. Denn nun dachte er daran, daß er nicht mehr mit einem Grafen Rutkowski arrsziehen würde, sonders allein.
Der Arm wurde ihm lahm, doch er putzte fort. Fast ward ihm die Büchse zu schwer, doch er hielt sie fest. Sein Herz lvar noch schwerer. Eben wollte er an die Hauptsache gehen, an Hahn und Schloß, als ein Trab draußen ihn auf- nörte. Kuba war's, der schon aus der Apotheke zurückkehrte. Gr mußte scharf geritten ^ein. Der alte Diener ließ sich die Pulver voll ihnr geben. Bor der Tür des Arbeitszimmers! stand er eine ganze Weile still. Kein Laut war drinnen hörbar. Ob der Herr schlief?
Aber was sein mußte, mußte sein. Bartek Zychod gab sich einen Ruck und machte sich steif. Dann trat er ein.
„Es sind die Pulver, Euer Gnaden!"
Gras . wleon saß am Schreibtisch. Er sah angegriffen ans, als hätte er viele Nächte ourchwacht. Aber das Fieber, das in feinen Augen geglüht, schien verschwunden zu sein. Sie waren jetzt fast starr; eine unbeugsame Entschlossenheit lag darin. So ruhten fietauf dem alten Diener.
„Es ist gut. Lege sie hin."
Er tat's. Ltber er ging nicht hinaus. Er blieb an der Tür stehen.
„Was willst du noch, Alter?"
Mit Gewalt zwang sich Bartek Zychod zu der steifen Hal- limg, um nicht in dieser schweren Stunde znsammenzu- brechen.
, "?? et Gnaden," sagte er, und die Stimme zitterte trotz
aller Anstrengung, „ich bitte um Urlaub, oder, wenn's nicht anders geht, um meine — Entlassung!"
Weiter konnte er vorläufig nicht reden.
Ein Schweigen entstand. Ms hätte er nicht recht gehört, hatte der Graf kurz und scharf einen Augenblick zu ihm hinübergesehen.
„So, so, du willst fort. Hm!"
Nack) einer Panse: „Sag' mal, Bartek, wie lange dienst du uns eigentlich schon ?'
m "Euer Gnaden" — das Zittern ward stärker — „es wogen so fünfnnddreißig Jährchen sein!"
„Das dachte ich mir. Und wohin willst du?"
Der Alte schluckte uno schnaufte. „Nach drüben," sprach er leise.
„. wartete vergeblich auf eine Antwort. Da wischte er ich m?t deni Aermel über die Augen, obwohl keine Träne in ihnen stand.
„Ja, Euer Gnaden, ich will nach drüben! Ich halt's nicht mehr aus hier. Jede Nacht inuß ich denken, daß unsere Bruder kämpfen, und ich bin nicht dabei. -Jede Nacht liege ich ohne schlaf. Und ich werde erst schlafen können, wenn ich drüben wieder die Flinte inl Arm habe oder eine Kugel Mich trifft Deshalb muß ich fort, und ob ich am Wegrand sterbeii ]oll statt int Bett. Wenn der selige Herr von oben Nieder,ieht niüßte er sich wundern, wo der alte Bartek Zychod steckt Das will ich dem seligen Herrn und mir nicht antnn. Ec muß sich schon genug wundern!"
Erschrocken hielt der Alte inne. Tie Worte waren ihm über die Lippen getreten, er wußte selbst nicht wie. Wer sein Herr schien sie kaum gehört zu haben.
danr^gehe?"" Mer," sprach er langsam,
den Stuhl zurück „Aber ich habe geglaubt, bn .iiitbcit Die kurze Zeit noch warten, bis ich mit- romme^ Du yair neben meinem Vater gefochten, so könntest dii doch auch neoen Mir im Kampfe stehen. Was meinst du ^
Barttk Zyck'-od ffattb steif, seine Angen wurden größer nno großer, -vn;n nberlies ihn ruckweise, gleichsam Glied für
Glied, ein Schauer. Er schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte.
„Heda, Bartek Zychod, red' ein Wörtchen! Willst du wieder mit einem Rutkowski itt den Freiheitskampf ziehen odekr gehst du allein?"
Da stieß der Alte einen Schrei aus. „Herr, Herr!" Und auf den Knien lag er vor ihnr und küßte ihm den Rock, küßte ihm die Schuhe, und lachte und weinte, weinte seit Jahren die ersten,, schweren Tränen.
„Euer Gnaden, Söhnchen, Staschu, Napoleon." Die alten Namen stammelte er wieder, die er dem Kinde einst gegeben. „Heilige-Jungfrau, also doch, also doch! Laß mich nicht sterben, bis ich die Krone sehe, unser König! Mein Graf unser König! Uno auf diesen Armen hier..."
Er konnte nicht sprechen uni) stammelte in halb schluchz zendem Jubel: „Hoch unser König, hoch der neue König von Polen!"
Und wie ohnmächtig vor- Freude schlug er mit der Stirn hart gegen den Boden.
„Du bist ein Narr, Alter," sagte Graf Napoleon wieder, aber es klang anders als in jener Nacht. Erst allmählich kaut Bartek Zychod zu sich, erst allmählich war er wieder der würdige Diener. Als er das Zimmer verlies, als er die Tür hinter sich geschlossen, taumelte er fast. Irr seinem Stübchen lag noch die alte Flinte. Schloß und Hahii mußten noch geputzt werden. Und Bartek putzte. Er pfiff und sang dabei, er warf den Lappen in die Höhe und fing ihn wieder. Er konnte es noch immer nicht begreifen. Vor einer Biertel- sttlnde noch hatte er den Lauf abgerieben, und sein Herz lag ihin in der Brust uiid drückte, als wär's ein Stein. Und nun? Nun, wo er den Hahn putzte?
Nicht mehr sollte Schande lasten auf dein edlen Namen, nicht mehr Gram und Schuld ans ihm. Alles, alles sollte er noch erleben, was er geträumt und gehofft in der Jugendzeit, und diese seine Augen sollten die Krone noch glänzen sehen auf dem Haupte seines Herrn. Immer glänzender, blanker ward die alte Flinte. Er rieb und putzte, und dazu sang er aus verschollener Zeit das Lied der Kosiniery, der Sensenmänner.
Nur einmal hielt er inne. Der Wyl war auf den Schlitten gesprungen, sagte Kuba, der Knecht. Aber der König von Polen starb ja nicht, der König von Polen sollte ja gerade auferstehen. Wem galt das Zeichen dann? Dem Grafen Rutkowski?
Mürrisch schüttelte er den Kopf. Dumme Geschichten. Und lauter nur, wie um den Gedanken darin zu begraben, saiig er das alte polnische Freiheitslied, mit dem er einst,' an der Seite des besten Rätters der heiligen Jungfrau unter Michael Radziwill über die Weichsel gezogen war '
Von draußen aber warf sich der Ostwind, der „polnische Wind", atls Fenster, als tveckte das große Freiheitslied auch in ihm die wilde Sehnsucht und Erinnerimg an jene Tage die er einst gesehen. —•
(Fortsetzung folgt.)
Reichrgetreioestekle und Nahrungrmitlelamt vor 2000 Zähren.
Von Geh. Postrat Prof. Tr. Fr. Preisigke in Heidelberg*).
Tie einheitliche Regelung unserer Getreideproduktion und der Getreide- wie der Nahrungsmittelverteilung lenkt die Blicke zurück aus ähnliche Organisationen in früheren Zeiten. Ein jeder wird sich der bekannten MaMahmQi erinnern, zu denen Joseph im Aegypter- laud den Pharao aus, Grund der Teutimg seines Traumes be-, stimmte. Tatsächlich i,t Aegypten nicht nur in diesem Punkte, sondern mich sonst das Musterlaiid für die Organisation der Staatsverwaltung des ganzen Abendlandes. Unsere heutige Kultur weist hier viele Beziehungen auf, deren Wurzeln sich bis nach Aegypten hin verfolgen lassen.. Organisation der Behörden, Iueinander-
- *) Die nachstehendeii für den gegemvärtigen Zeitpunkt beson
ders interessanten Ausführungen entnehmen foir dem im Berlage B. G. Teubner ,erschienenen 565. Bändchen der Sammlung: Aus ^sltur und Geisteswelt" ^dlntikes Leben nach den ägyptischen Papyri (Geh. M. 1,20, geb. M. 1,50.) Das Buch,, gibt einen Einblick rn das durch die Papyri — von denen zahlreiche Proben in Ueber- fetzung mitgttcilt fverden - uns in eiirzigartiger Lebendigkeit, vor die Augen tretende antike Leben in Aegypten, vor allem in die VMoaltimgsorganlsation, die durch, Vermittlung der Griechen und M?mer Mich dw letzte Grundlage unserer heutigen Einrichtimgen- «*5; -Insbesondere über Nahrungsmittel Hinter l>audelt em Ans- rm Dezemverhcft der „Internationales Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik."


