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,MH frage Euch nicht weshalb und warum! Das ist Eure Sache, nicht meine. Aber ich werde Euch segnen mein Lebtag, wenn Ihr mir das eine sagt: Warm, Euer G-naden. wird der Tag kommen, da Polen frei wird? Euer Gnaden, ich fleh' Euch an."
„Geht an die Arbeit, Michael Laskowicz! Ihr fragt -u viel. Aber er wird kommen!"
„Hopla, Euer Gnaden, das Wort macht jung! Und ich soll dü>ei sein, gebt mir das Eisen, Herr! Der Schmied von Nasgora bückt sich nicht, aber für das Wort könnte ich Euch die Hand küssen!"
Er schürte das Feuer und machte sich an die Arbeit. Finster sah der Graf in die Flammen. Finster hielt er den unruhigen Gaul, als das Eisen angelegt wurde.
„So kann ich mich aus Euch verlassen, Michael Laskowicz?"
„Meiner Treu!" lachte der, „in Stücke lasse ich mich hacken, wenn die Sache so steht. Das ist ein Feiertag, wie meines Vaters Sohn nicht viele erlebt hat Wenn Ihr mich braucht. Herr, so schickt nach mir! Ob die Schmiede bis oben voll Arbeit liegt, ich lasse das Feuer ausgehen und komme!"
„Gut, gut? Ich könnte (huf) wirklich noch gebrauchen. Hier habt Ihr den Lohn ? Lebt wohl!"
Er gab ihm eine größere Münze hin und schwang sich aufs Pferd.
„Was Hu viel ist," sagte er, als Michael Laskowicz mit finsteren Augen darauf hinsah, „gebt's, wem Ihr wollt!"
„Das Ganze, Herr? Ich weiß, wer es brauchen kann, Wenzel Pollak, der Scherenschleifer, für unsere Freunde drüben!"
Aber schon galoppierte Napoleon Rutkowski davon. Der Wind pfiff, manchmal nahm er ihm fast den Atem, was tat's! Rache für diese Stunde, mehr wußte er nicht.
Er war nock) nicht weit von Nasgora entfernt, als ihm ein anderer Reiter entgegenkam. Er erkannte ihn erst, als jener grüßend das Pferd parierte. Mit einen: Blick hatte Kasimir Rzonka das Gesicht des Grasen geprüft.
„Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, ich ließ mir den Gaul * satteln. Die 24 Stunden sind bald um!"
„Und welcher Teufel führt Sie hierher?"
„Der Zufall, ein kleiner Spazierritt!"
„Hm! ^)ann kann ich Ihnen die Antwort geben, die ich Ihnen versprach."
Er hob sich im Sattel: „Hier, meine Hand. Ich bin der Ihre! Melden Sie das der Nationalregierung!"
(Fortsetzung folgt.)
wie der hansjörg einen vilck in die Zukunft tat
Skizze van Gisella Katz (Prag).
„Wenn nur die Frau ordentlich eingekachelt hat!" brumnrte der Hansjörg vor sich hin; und beruhigte sich gleich darauf: „Sie wird ja wohl! Tückschen tut sie und dem Menschen ordentlich ins Gesicht sehen, das kann sie auch nicht. Aber sonst ist sie ein tätiges Weib. Der kleine Spirrfir, ihre Jeanne, geht immer so sauber herum — es dürste Friede sein und alles in schönster Ordnung!"
Der Hansjörg. oder wie er in der Stammrolle geführt wurde, der Gesteite Johann Georg Sorge, klopfte seine Meise ans und machte sich auf den Heimweg. Der heutige Nachnrittag war freigegeben worden, was hier, so weit hinter der Front, ganz leicht anging. Die Kameraden nützten die Ruhe, um großartige Vorbereitungen für den Sylvester zu treffen. Punsch, Bleigießen und allerlei heitere Ueberraschungan waren vorgesehen. Man munkelte sogar von „einem Blick in die Zukunft" und tat gewaltig geheimnis- voll damit. Hansjörg aber wollte einmal in Ruhe in dem Buche lesen, das ihm am heftigen Abend zugefallen war. Ein Märchenbuch — niemand hat es gemocht, nur der Gefreite griff hastig danach. Märchen gingen ihm über alles.
Wenn man sonst Tag für Tag mrd Nacht für Nacht in überheizten Räumen jedem Wink des anspruchsvollen Publikums zu Diensten sein muß, dann sehnt man sich nach reinerer Lust. Weiß Gott, Hansjörg hatte es als Oberkellner nicht immer leicht gehabt! Trotz seiner „Konditionen" in erstklassigen Hotels! Man legte ja einen hübschen Batzen zurück und das „tadellose Französisch", welche- ihm jedes Zeugnis bescheinigte, tat hier draußen auch guten Dienst. Aber Hansjörg lobte sich doch den feldcwauen Rock, die derben Stiefel; die Ge weiten knöpfe nicht zu vergehen. Hier diente vran Kaiser und Reich, nicht müßigen Launen. Und war die Arbeit attan — ach, der heutige Nachmittag sollte schon behaglich werden! Venn nur die Frau ordentlich emgeheizt hatte!
Frau Levour war keine Mi genehme Wirtin, die Kameraden hatten es alle besser getroffen. Trotz ihrer mangelichen Sprach- -vrntnisse. Aber was nutzte Hansjörg sein fließeicheS Französisch,
wenn die Frau doch nicht antwortete. Sie gab sich stets mürrffcy, verdrossen und Mete sogar ihr« kleine Joanne vor dem kinderX lieben Manne. Als hätte der dem netten Dingelchen Schaden tun wollen! Daß die Mutter gar keine Annäherung an das Ktndi litt! Hansjörg hätte sich gar zu gerne mit ihm befaßt.
Der „Herr Ober" war wenig mit Kindern in Berührung gekommen, hatte ein richtiges Heim kaum je gekannt. Früh ver- waift, von einem braven, aber schrullenhaften Onkel erzogenwar ihm der Eintritt ins praktische Leben fast Erlösung gewesen« Strebsam und ehrgeizig, hatte er sich Schritt für Schritt herau^- gearbeitet, jeden Groschen dreimal umgedreht, immer nur das Endziel vor Äugen — eine kleine Pachtung zuerst, dann eine größere, endlich den eigenen Besitz, das erstklassige Hotel.
Nun, mit den Fremdwörtern war es wohl jetzt alle. Es würd/ nach dem Frieden ein gutgehender Gasthof werden. Aber so etwas wie ein Ideal hegt auch der praktischste Mensch in der innersten Herzkammer: für Hansjörg \vax es ein behagliches Heim, ein paar nette Kinder — die notwendig dazu gehörende Frau dünkte ihm weniger wichtig — und ein helloderndes Feuer, an dem er abends in Hausjoppe und Schuhen sitzen und seinen Kleinen Märchens erzählen konnte.
Ein kleiner Teil dieses rosigen Zukunststraumes sollte heute in Erfüllung gehen. Zwar die netten Kinder fehlten noch; mit Joppe und rvarmem Schuhwerk sah es auch würdig aus. Aber das Märchenbuch war schon zur Stelle.
Und auch das saubere Häuschen der Frau Leroux. HanS, jörg hatte im Sinnen und Denken den beträchtlühen Heimweck zurückgelegt, klinkte die Stubentür auf und trat ein. Daber stieß ihm wieder einmal der Herr Ober ins Genick — das richtige Servieren muh ganz lautlos vor sich gehen — und seine schwerer* Stiefel knarrten kaum, als er die Schwelle überschritt. Eins bellagliche Wärme schlug ihm aus der halbdunklen Stube entgegen^ im Ofen knisterte und prasselte das dürre Holz. Hansjörg riß ein Schwefelholz an, entzündete die Lampe und blieb erstaunt, betroffen stehen. Er war nicht allein.
Das breite Fenster ging auf den Garten und der Schnee vor den Scheiben gab ein fahles, unbestimmtes Dämmerlicht an die hohe Fensterbmik ab. Und in diesem fahlen Halblicht sah der Gestecke eine kleine zierliche Gestalt stehen, Jeanne Leroux, das Töch- terchen der Wirtin. Sie drückte das Naschen gegen die Scheiben und sah wie entrückt auf das Buch in ihren Händen, auf die bunten Bilder, die ihr eine ganze Märchenwelt vorzaubertm. Ihre schwarzen Augen leuchteten, ein glücklicher Seufzer hob die schmale Brüste
Der Einttitt des Gefreiten war ganz spurlos an ihr vor übergegangen: erst di« plötzliche Helle weckte sie aus ihrem Träumen. Mit leisem Aufschrei und ängstlich verzogenem Munde blickte sie den „Deutschen" <m. Was würde er sagen? Was tun, um sie zu strafen? Die Mutter hatte ihr stets so bange vor „ihnen" gemacht!
Der Deutsche sagte vorerst nickst viel. Er trug die Lampe vorsichtig zum runden Tische, dann nahm er die kleine Je arme auf den Arm, strich über ihr dunkles Haar, bettete ihr Köpfchen ari seine Brust. Cs war ihm, als dürfe er nicht zuviel, als dürfe er nicht zu laut reden, sollte ihm das holde Bild nicht wieder enttr schwinden, von dem er so oft geträumt. Ein behagliches Feuer, helle Kinderaugen urrd bunte Märchen. Schnxigend setzte er das Kind in den beguemsterr Seffel, schweigend legte er das Buch wieder in seine Hände zurück. Dann holte er tief Atem, deutete auf d« bunter: Bilder und stagte flüsternd:
„Soll ich erzählen?"
„Ach!" Jeanne hatte alle Furcht verloren und klatschte vor Fre^che in die Hände. „Ja. erzählen, erzählen!"
Und Hansjörg erzählte. Was verschlug es ihm, daß er mit *11 etait une fois" beginnen mußte, statt mit „Es war einmal", was verschlug es ihm, daß Jeanne schon alle Märchen zu kennen vorgab — im Pörault (Französischer Märchendickster und Sammler) stünden sie alle, alle —, was verschlug es ihm, daß sie eigensinnig darauf bestand, den Prinzen Wrcnderhold „deines Charmant;" zu nerrnen. Er war selig. Das kleine, niedrige Stübchen verschwamm vor seinen Augen, dehnte sich aus zum weiten, behag- lichen Raum. Joannes Haare färbte:: sich blond, wie der Flachs auf heimischen Feldern, ihre Augen tiefblau, geheimnisvoll wie Märchenseen. Ihm selbst, dem Gefreiten Johairn Georg Sorge, strich eine gütige Fee über Kleider nnd SchuMnk: der feldgraus Rock wurde zur beauemeu Hausjoppe, die hohen Stiefel zu weichen und warmen Schuhen.
Sv saß der Hansjörg und erzählte dem kleinen, Wesens- und artfremden, hochaufhorchenden Mädchen. Längst schon hatte Jeanne ihren erhabenen Sitz aufgegeben und sich weich in die türken Arme des „Deutschen" gebettet. Ms Mutter LerouF ruchtlos das ganze Haus nach der Kleinen durchsucht hatte, kantz ie geängstigt auch in die Stube des S^efreiten. Aber Jeanne war nicht mehr von dem neuen Freunde zu trennen, Aie weinte« sie bettelte und Harrsjörg vertauschte nur zu gerne seine einsam« °Stube gegen das lodernde Herdfeuer in der Küche.
Dort fanden ihn die Kameraden, die ihn zu Punsch. zu Blek- ssießen und zum „Blick in die Zukunft" holen wollten Sir erhielten eine fremststiche, aber bestimnrte Absage. Punsch trinken — mein Gott, der Herr Ober war im Punkte d« Getränte wruxMint! Und der Blick in die Zukunft lockte ihn wenig. Den hatte a


