Ausgabe 
6.1.1917
 
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Und weshalb?" fragte er kurz. Die Stimme schien un-

atme?c schnell ein paarmal. Und aV walle sie sich selbst den^ug abschneiden, sagte sie rasch:

Weil doch so vieles verschieden ist. Sie sind katholisch, ich evangelisch. Und Sie sind ein Pole, ich bin eine Deutsche. Und das sind doch keine Handschuhe, die man nach Belieben an- und ablegt. DaZ sind doch Eigenschaften, die bleiben urtl> die sich entgegenstehen und die... was rede ich denn noch. Sie müssen mich ja verstehen!"

Ihr war, als stünde auch jetzt noch der blaue Dragoner neben dem Grafen, aber nicht mehr totenblaß, sondern leuch' tenden Auges. Totenblaß jedoch war jetzt Napoleon Rud kowski. DaS sprach nicht Hanna von Graßnick, das sprach ein anderer aus ihr; wie der Blitz durchzuckte ihn diese Ahnung und schüttelte ihn. O, er kannte den andern wohl!

Ruhe! schrie es in ihm, nur jetzt ruhig sein! Alle Wil­lenskraft nahm er zusammen und setzte sie dafür ein. Jedes Wort, daS er sprach, war still, aber jedes durchzittert von Angst und Leidenschaft.

Ich verstehe Sie nicht mehr! Was sind die Schranken der verschiedenen Religion, der verschiedenen Nationalität gegen solche Liebe? So viel wie Spinngewebe gegen den Sturm! Der Sturm bläst sie weg! Fühlen Sie denn das nicht? WaS soll denn da noch Wägen und Ueberlegen? Wie kann denn das Ihre Antwmtt bestimmen? Mein Gott, so reden Sie doch!"

Sie schluckte.ES sind doch große Bedenken!"

Und deshalb," fuhr er auf,wollen Sie Bedenkzeit! Deshalb soll ich mich gedulden und soll warten! Deshalb mich verzehren in Ungewißheit, bis dann, später, doch viel­leicht einNein!"" erfolgt! Das können Sie nicht wollen, das dürfen Sie nicht! Sagen Sie mir, daß ich warten soll, aber

J agen Sie mir auch, daß diese Hand, oie Sie mir heute noch »erweigern, in dieser Wartezeit sich keinem andern gibt, daß sie einst sich bindend in die meine legt!"

Hanna von Graßnick hob das Haiipt.Wenn ich das vorher bestimmen könnte, brauchte es keine Frist. Dann könnte ich mich schon heute entscheiden."

Und ich muß die Entscheidung hören!" brach es heraus aus ihm.Warum sagen Sie nicht ein volles Fa? Warum bläst kein Sturm dieses Spinngewebe fort? Sie müssen mir antworten ich weiche nicht eher, als bis ich Ihre Antwort habe!"

Unwillig zogen sich ihre Brauen zusammen.Und wenn ich die Antwort verweigere?"

Da hielt es ihn nicht mehr. Er vergaß, vor wem er

stand.

,Lkch will es Iahet , 1 " 1 stieß er wild hervor.Und wenn ich's erzwingen sollte"

Herr Graß" unterbrach sie ihn jäh. Sie stand hoch auf- gerichtet. Das Blut warf sich nach den: Haupte.

Seine Augen glühten. Wie ein Fieber packte eS ihm Und in Hohn, Haß, Leidenschaft schrie er:Also doch wahr, also doch der Narr! O, ich weiß, wer dahintersteckt, wer aus alledem spricht! Und wenn man auch nur Pole ist, und kein Dragonerleutnant"

Kurz brach er ab. Hanna hatte sich gewandt und ging nach der Tür. Dort sagte sie kühl:Sie wollten eine Ant­wort hören, Herr Graf. Nun wohl: sie heißt Nein! Ich muß bedauern!"

.Keine Wimper zuckte an ihr. Es war die kühle, stolze Schönheit, die da sprach, gerade jene ki'lhle Schönheit, die ihn so bestrickt hatte.

Hanna !" schrie er auf. Wer die Tür schloß sich. Er war im Zimmer allein. Einen Augenblick blieb er regungs- los. Dann taumelte er mit rauhem, dumpfem Laut zurück. Seine Hände ballten sich zusammen, daß die Nägel ins

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sich?. An der Nationalität? Er lachte auf, kurz, grell. Und ein wahnwitziger Haß, der allgetvaltige Hochmut, der in ihm tahef, stieg empor und überschwoll alles andere. Wie eine «ernrchtnnaswut war es: er hätte gleich Simson die Pfeiler stürzen und alles Leben unter den Trümmern begraben möge«. Er hätte aufschreien mögen, daß alle eS hörten, er hatte den roten Brand in die Häuser aller Deutschen w^sen nröaen daß sie gleich Rachefackeln, die er seinem Schmerz und Stolz entzündet, zum Himmel lohten.

Was in Sekunden in wilder Jagd durch seinen Kopf

blauste f-H er verstand es kaum. Mer über die Wirt und de« Schmerz, über Liebe und gekränkten Stolz, über Haß und Hohn erhob sich das blinde Verlangen nach Rache!

Gr stürzte hinaus. Im halb offenen Stall polterte der Baron. In derselben deutschen Sprache, in der eben Hanna sich ihm verweigert hatte. Noch führte der Fornal den Gaul herum. Er riß ihm die Zügel aus der Hand. Mit einem Schwünge saß er im Sattell Und er stieß dem Pferde di« Sporen in den Leib, daß es schmerzgepeinigt in die Höh« stieg, als wollte es sich überschlagen, und dann in wildem Galopp durchs Tor schoß. Immer stärker hatte den Grafen wie ein fressendes Fieber die Wut gepackt. Immer schneller brauste der Gaul dahin. Durch die Kirschallee aus die Chaussee und dort weiter in Karriere durchs Dorf.

Plötzlich ein Klirren, das Pferd rutschte, um ein Haar wäre es gestürzt, das Eisen, das locker war, hatte sich ganz gelöst. Fluchend sprang er ab, nahm es auf. Drüben war die Schmiede. Klirr und llirr tönten die Schläge. Den Gaul am Zügel, ging Napoleon Rutkowski bis vor die Tür.

Heda, Meister, Arbeit für Euch! Aber es muß schnell gehen!"

Michael Laskowicz hörte die heisere, noch immer von der gewaltigen Erregung zeugende Stimme. Den schweren Hammer in der Faust, trat er ins Freie.

Der Gaul hat ein Eisen verloren. Beschlagt ihn, Meister, aber sputet Euch, denn ich habe Eile.""

Prüfend musterte ihn der Schmied. Sein Gesicht ward finster.

He, wird's bald?"

Die Hünengestalt streckte sich.Da wird Graf Rutkowski schon nach Muchocin gehen oder sich von seinen deutschen Freunden ein anderes Reitpferd geben lassen müssen!""

Trotzig wandte Michael Laskowicz ihm den Rücken. Teufel, was heißt das?" brauste der Gras ans.

Daß ich nicht für Euch arbeite!" erwiderte der Schmied hart.

Die Augen Napoleons begannen zu glühen.Und warum nicht, Mann?"

DaS fragt Ihr noch, Herr? Ich denke, man kennt die Ansichten von Michael Laskowicz in der ganzen Gegend? Und Eure, Herr, kennt man auch! Ich bin ein armer Schlucker, und Ihr seid ein reicher und vornehmer Mann. Aber eher soll mir diese Haiid verdorren, und ich wlll betteln gehen, eh« ich für einen arbeite, der fein Volk verläßt. Was Ihr haßt, liebe ich, und was Ihr liebt, hasse ich. Das gibt keinen Reim zusammen! Geht zu Euren Freunden aufs Schloß, die mei­nen Sohn zum Krüppel gemacht wer der Deutsche heißt, soll sich auch von Deutschen helfen lassen. In meiner Schmiede ist kein Raum für Euch!""

Mit wenigen Schritten stand er anr Amboß. Ein wilder Hanimerschlag sauste nieder.

Das für den Baron, unfern Herrn! Das ein zweiter Schlag! für die russischen Bluthunde über der Grenze!" Klirr, sauste der Dritte!Und das den verdanmiten Deud- schen, die ihnen helfen!"

Michael Laskowicz!" tönte die Stimme des Grafen. Der wilde Riif drang durch die Schläge des Hammers.

Seid Ihr noch immer hier?"

Michael Laskowicz, ich sage Euch, Ihr könnt ruhig für mich arbeiten!"

Mit starrem Gesicht wandte sich der Schmied. Mit starren Augen sah er in die deS Grafen, der, den Zügel des Gauls um die linke Hand geschwungen, an der Schwelle der Schmiede stand und den Blick des Meisters aushielt. Lang­sam trat Michael Laskowicz zwei Schritt näher. Die Faust umkrampfte den Hammergriff, als wollte er ihn heben.

Wenn Ihr spotten wollt, Herr, so wahr mir Gott helfe, ich rat's Euch nicht!""

Ich spotte nicht, Mann! Ihr haßt die Deutschen, Ihr haßt die Russen, Ihr haßt die da drüben im Schloß?"

Wie die Sünde, Herr! Und tausendmal: Wie die Sünde! Nun könnt Ihr hingehen und mich verklagen!"

Wild sah der Gras ihn an.Meister! Und wenn Euer Haß groß ist wie der Himmel, ich kenne einen, der größer ist. Und der sitzt hier! Beschlagt mein Pferd, Ihr dürft es!""

Die Hünengestalt taumelte. Der Hammer fiel ans der Faust, llirrte zu Boden.

Herr, und ick kann Euch glauben? Herr, Herr, ich glaube Euch! So könntet Ihr nicht reden! O Herr, Herr!"

Die mächtige Brust spannte sich, als wollte sie den Kittel sprengen; unter oen buschigen Brauen glomm es auß