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war Staunen und ,Unb was soll ich. .
leise Enttäuschung in . was wird bis dahin
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dem Ausruf.
fein?"
Wieder blätterte der Abgesandte in seinen Papreren. „Wir haben lange beraten, Herr Graf. So gewiß es ist, daß die Demokraten ohne den Adel nichts ausrichten, ebenso gewiß ist es, daß der Adel allein die Freiheit auch nicht erkämpfen kann. Beide müssen Zusammenwirken. Die Aufgabe ist also, durch Sie die gesamte aristokratische Partei an uns zu binden, ohne die Demokraten, die bis jetzt vornehmlich gekämpft und geblutet haben, vor den Kopf zu stoßen. Das geschähe aber sofort, wenn die Nationalregie- rung den Grafen Napoleon. Stanislaus Rutkowski als Stanislaus den Dritten zum neuen König von Polen proklamierte. Nein, die nach außen hin demokratische Regierung muß vorerst am Ruder bleiben. Sie darf erst dann abtreten, wenn Sie, wie einst Ihr Vater, sich die Bewunderung, Liebe, Begeisterung der Nation erworben haben."
Eine leichte Falte hatte sich in Rutkowskis Stirn gegraben. Ein heimliches Mißtrauen überkam ihn.
„Wer gibt mir die Gewähr, Herr, daß die Nationalregierung mich nicht in eine Falle locken will? Ich soll ihr mitsamt dem Mel die Kastanien aus dem Feuer holen, und wenn das geschehen ist, sagt mau uus höflich, daß man gehen könne, da unsere Hilfe nun überflüssig sei und Polen eine republikanische Verfassung vörziehe."
„Auf den Einwand war ich gefaßt," erwiderte Kasimir Rzonka. „Wer wenn Sie an eine Falle glauben, so wird Sie dieses Dokument hier vielleicht beruhigen."
Er schwang es in der Hand, ohne es noch zu übergeben.
„Folgendes ist der Standpunkt der Nationalregierung: Sie erhalten den Oberbefehl vorerst über alles, was aus Ihren Ruf zu den Waffen eilt. Die Bestallung halte ich hier in Händen. Unumschränkte Vollmacht in militärischer Hinsicht ist Ihnen darin gewährleistet. Da Sie die Hauptzahl der Streiter versammeln werden, werden Sie eher als die andern Generale den Sieg an Ihre Fahnen knüpfen können. Sind einige solcher kleineren oder größeren Siege errungen, so wird die Nationalregierung mit gutem Grunde Ihnen den Oberbefehl über die gesamten polnischen Streitkräfte übertragen können. Auch die Demokraten werden dann begreifen, daß man die Armee dem fähigsten und siegreichsten General unterstellt. Mit den vereinigten Streitkräften werden Sie dann Vorgehen. Jauchzend werden Ihnen die Männer in Kampf und Sieg folgen. Gefeiert von dem Heere, dankbar begrüßt vom ganzen, durch Sie befreiten Lande, werden Sie rn Warschau ein^iehen und die Nationalregierung wird Ihnen die Krone anbieten, die Sie an der Spitze eines Ihnen ergebenen, siegreichen Heeres sich auch aus eigener Macht aufs Haupt setzen könnten. Im Namen der Regierung überreiche ich Ihnen das Patent als Höchstkommandierender aller aus Posen, Ost- und Westpreußen, Schlesien und Galizien zu Ihnen stoßenden Truppen. Ich bitte, nicht zu veraessen, daß der General nur das notwendige Sprungbrett ist für den Königsthron."
In nervöser Hast überflog der Graf die Urkunde.
Er konnte sich der ruhigen Sicherheit, mit der Kasimir Rzonka sprach, nicht verschließen. Der Blick der Augen war kalt, aber es lag eine bezwingende Kraft darin, eine alles erreichende Energie.
Mit großen Schritten nahm Rutkowski dann die Wanderung durchs Zimmer wieder auf. Der Abgesandte ließ ihn nicht aus den Augen, störte ihn jedoch durch keine Frage.
Da plötzlich, ob sich ein Nagel gelockert, ob die schweren, ununterbrochenen Schritte eine kleine Erschütterung herbeireführt, fiel klirrend etwas herab.
Der Graf blieb erschrocken stehen. „Was ist das?"
^Nichts, Euer Gnaden, nur der alte Säbel!"
Kasimir Rzonka bückte sich, um ihn aufzuheben. Aber Napoleon Rutkowski war schneller.
„Lassen Sie, bitte!" Und schon hatte er den Säbel gepackt, den Säbel von Grojow und Ostrolenka, mit dem sein Vater für die Freiheit gekämpft. Wild hob sich seine Brust. Gewiß, ein reiner Zufall. Aber war's darüber hinaus nicht eine große Mahnung, die Waffe anfzunehmen, die seinem Vater entsunken war/
Ein jähes Bild tauchte vor ihm auf: Er war sechzehn vahre, sein Vater hatte mit ihm geredet. Und wieder vernahm er die letzten, ihn verwirrenden Worte: Jeder Mensch veftimmt selbst über sein Leben und Streben. Es gibt Dinge,
wo jeder Rat, wie er auch ausfallen nröge, Frevel ist. Was! ich jetzt spreche, verstehst du noch nicht, aber es wird ein Tag kommen., wo du es verstehen wirft, dann wirst du dich entscheiden! Heute, nach so vielen Jahren, verstand er die Worte ganz. Heute war der Tag erschienen, wo er sich entscheiden sollte.
„Mein Herr," sagte er und stützte sich leicht auf dis Klinge, „Sie können unmöglich erwarten, daß ich in wenigen Minuten eine bindende Antwort gebe, die für mein ganzes Leben folgenschwer ist. Ein Ja wäre ebenso unverantwortlich wie ein Nein. Ich muß Bedenkzeit haben."
„Das verstehe ich, es fragt sich nur: Wie lange?"
Napoleon Rutkowski dachte einen Augenblick nach. Er dachte an Hanna von Grabnick. Hätte er heute vormittag in Nasgora gehalten, hätte er alles ins reine gebracht, hätte das schönste Weib sich an ihn gebunden — pah, was war eine Krone gegen diese Seligkeit? Dann hätte Kasimir Rzonka den Stecken weitersetzen können.
Und wenn er nun nrorgen an dem alten Baron schrieb? Wenn er übermorgen sich von Hanna selbst die Antwort holte?
Wie die Entscheidung auch ausfiel, es war gleichzeitig eine Entscheidung über die verlockenden Anträge der Natio- nalrecsiernng. So sollte es sein!
Er atmete auf und sagte: „Heute in drei Tagen um eben diese Zeit könnte ich Ihnen die definitive Antwort geben. Falls Ihnen das genügt."
Dev Abgesandte verbeugte sich. „Es tut mir leid, aber ich habe gemessene Ordre, binnen zweimal vierundzwanzig Stunden abzureisen, falls die Verhandlungen ein günstiges Ergebnis nicht gezeitigt haben."
„Teufel, Pan Rzonka, Sie haben es eilig! Aber gut. gut, in 24 Stundeck wird alles entschieden sein. So lange sind Sie vielleicht, falls Sie nicht anderswo gebunden sind, mein Gast."
„Sehr gütig. Dann wäre es mir lieb, wenn ich mich zurückziehen dürfte, die Reise macht müde."
Rutkowski griff nach der Klingel.
„Noch eins," warf Rzonka schnell ein, „ich bin der Feldmesser Ladislaus Pyrka, den Euer Gnaden eventueU mit der Vermessung von Skydlewo betrauen wollen."
„Ganz recht." Und zu Bartek Zychod, der leise eingetreten war: „Führe den Herrn Feldmesser in ein Fremdenzimmer. Morgen will ich mit dem Verwalter über die Vermessung reden."
Als der Graf aUein war, nahm er einen Briefbogen vor und schrieb. Nur wenige Zeilen. Sie lauteten:
„Hochverehrter Herr Baron! Ich werde mir die Ehre geben, Ihnen in einer Angelegenheit, die mich schon seit langem ganz erfüllt, morgen vormittag gegen zwölf Uhr rnerne Aufwartung zu machen. In der Hoffnung, nicht ungelegen zu kommen, bin ich mit verbindlichster Empfehlung Euer Hochwohlgeboren ergebenster
Gras Napoleon Rutkowski.^
Auf das Klingelzeichen erschien Bartek Zychod. Der Graf kuvertierte und siegelte den Brief.
„Dieses Schreiben wird sofort in Nasgora bei Herrn von Graßnick abgegeben. Kuba soll mein Reitpferd nehmen, Antwort ist nicht nötig."
(Fortsetzung folgt.)
Vas Lhristwunder.
Vlon Paul Alexander Schettlep.
(Nachdruck verboten.)
U 169 hatte den Heimathafen verlassen. Rasch und sicher durchs schnitt das schlanke Sä)iff das Wasser wtb ließ sich von den Wellen den glänzenden Rücken streicheln.
Die See war ruhig. Durch die Oeffnung des Turmluks lächelte die Himmelsbläue in die dunstigen Räume, ein Fetzen blauen Himmels für die, die da unten ihren Dienst taten, und eine frische Brise kühlte ihre heißen Lungen.
^ Kapitänleutnant Reimers stand auf der Plattform des Turmes. Ssine graublauen Augen, die habichtsscharf und sicher die fernsten! Dinge unterschieden, durchforschten den Umkreis und blieben immer wieder in der Ferne hasten, wio der WoHenkranz, der im Aether schwamm, in die See zu sinken schien.
Dort wiar das letzte Zipfelchen Land zlwischen Wölken unH Wasser versunken. Vor ihm lag das Meer und die Pflicht.
Weiß Gott, es war nicht feine erste Austzahrt. die er heute unter-« Nahm. Er kannte die See, er hatte dem Kriege Leben und Eh«j abgetrotzt. Und doch! Heute ging es nicht gwH so leicht wie sonst. Ihm war, als müsst er etwas Kostbares sich anS den Händia-


