Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
LFortsevurig.,
Kasimir Rzonka griff in die Tasche. Langsam entfaltete er eine große, oft zusammengelegte Karte von Europa.
„Wollen S^e sich diese Karte genau betrachten, Herr Graf. Da ist erstens England. Es unterstützt uns schon jetzt heimlich gegen Rußland. Ebenso ist Oesterreich nicht abgeneigt, un ere Selbständigkeit anzuerkennen. Wie es mit Frankreich steht, wissen Sie so gut wie ich. Das gesamte Volk ist für Polen begeistert, und Napoleon hat mit dieser Strömung zu rechnen."
Rutkow.'k. zuckte die Achseln.
„Er wird ich die Finger nicht noch einmal verbrennen, nachdem sein Vermittlungsantrag kurzerhand in Petersburg abgelehnt worden." i
„Und weshalb konnte er abgelehnt werden?" fragte Kasimir Rzonka mit Augen, in denen der Haß aufblitzte. „Weshalb konnte vieles Rustland, das nicht einmal unsere paarlausend Mann zu besiegen vermag, es wagen, dein Antrag Frankreichs und der aicdereu Mächte zu trotzen? Nun, Herr Gras, roeil es eine Stütze an Preußen hat! Preußen ist es, das Polen besiegt, nicht Rußland! Dieses Preußen, mit dem sich auch Frankreich eines Tages auseinandersetzen muß, und das deshalb nicht zu mächtig werden darf! Sowie durch die Erhebung des polnischen Adels der Sieg unserer Waffen wahrscheinlicher wird, wird Napoleon handeln. Er wird einen Druck auf Preußen ausüben, der es zur strikten Neutralität zwingt oder einen casus belli gibt. Wählt Herr von Bismarck den Frieden, so haben wir es mit Rußland allein zu tun, der Sieg ist unser, und Polen frei. Wählt er den Krieg, so hat Napoleon leichtes Spiel. Denn Preußen kann seine Macht weder entfalten, da es mit dem Aufstand in seinen Ostprovinzen rechnen muß, noch hat es irgendwoher Hilfe zu erhoffen, da Rußland selbst engagiert ist und Oesterreich Kossuth und die Ungarn zu fürchten hat. Damit ist der Krieg entschieden — Napoleon hat seine Dynastie gesichert, die drohende Gefahr von Osten für Jahrzehnte abgewendet, kann sich als Retter Polens feiern lassen und zu alledem noch Rheinbayern, Rheinhessen und Mainz in die Tasche stecken. Indem er dann ein ihm ganz ergebenes Königreich Polen als Keil zwischen Preußen und Rußland schiebt, sorgt er dafür, daß dieses von zwei Seiten eingeschlossene Preußen sich nie mehr zu einer Gefahr für Frankreich auswachsen kann. Das muß der Kaiser einsehen. Unser Interesse ist das seine. Eine entsprechende Denkschrift liegt ihm bereits vor. Haben Sie nun verstanden, Herr Graf?"
Die Augen des Abgesandten waren groß, voll bezwingender Kraft aus ihn gerichtet.
Rutkowski konnte sich diesem Blicke nicht entziehen, wie er sich den Gründen nickt -ntziehen konnte, die Kasimir
Rzonka eben mit eindringlicher Schärfe vorgetragen.
„Ihre Kombinationen sind kühn und bestechend," erwiderte er zögernd. „Und wenn der Kaiser sich anders entschließt?"
„Hätte Cäsar nur an die „Wenns" gedacht," sagte der Unterhändler kalt, „so hätte er den Rubikon nie überschrit- ten. Oder, falls Ihnen das rräher liegt, dann süße Napr>- leon III. heute nicht auf Frankreichs Thron, sondern wahrscheinlich noch als Gefangener in der Zitadelle von Ham. Ich kann nur wiederholen: Wenn Sie so wollen, entscheidet sich hier auf den polnisch-russischen Schlachtfeldern die Zukunft nicht nur Preußens, sondern auch Frankreichs. Herr von Bismarck hat das sofort begriffen. Das macht den Mann so gefährlich. Glauben Sie nicht, daß ein Napoleon es auch begreift'?"
Die Stimme hob sich.
„Ein Steinchen, Herr Graf, bringt oft Lawinen ins Rollen. Augenblicklich wird die Politrk Frankreichs vielleicht in diesem Zimmer entschieden. Stellen Sie sich an unsere Spitze, reißen Sie den gesamten Adel mit, geben Sie durch Ihren Namen der Nationalregierung einen festeren Halt, dem ganzen Aufstande damit die höchste Wahrscheinlichkeit des Sieges — dann, aber auch nur dann, wird Napoleon III. nicht zögern und wird allein um seinetwillen handeln müssen. In Ihrer Hand liegt die Entscheidung — ich warte, Herr Graf!"
Draußen war es windig. Unter starken Stützen bogen sich die Aeste urch Zweige der Bäume. Die Haustür schlug zu. Die Scheiben klirrten leise. Rutkowski sah und hörte nichts, obwohl er die Stirn jetzt wieder gegen das Fenster gepreßt hatte.
Ein Gedanke berauschte chn immer wieder. Der Gedanke: daß er in dieser Stunde das Geschick der Völker in Händen haben sollte, daß ein Stück Weltgeschichte abhängig sein sollte von dem Nein oder dem Ja, das er sprach! Ein Cäsar vor dem Rubikon!
Als wäre er trunken, so ging alles drüber und drunter in seinein Kopfe. Dieses Haupt sollte eine Krone tragen, diese Hände sollten eingreifeu in das gewaltige Rad der Weltgeschichte. Würde es chic zermalmen? Würde eS ihn emporrerßen zum Gipfel? Brausend sang der Wind. Sang er dem neuen König von Polen zu? Sang er ein Requiem für seine Liebe? Sang er vernichtend das Aufruhrlied?
Es blieb lange still. Daun wandte sich Rutkowski und legte langsam die Karte von Europa zusammen, die Kasimir Rzonka vorhin aufgeschlagen hatte.
„Wenn ich Ihnen nun Glauben schenkte und dem Anerbieten der Nationalregieruna näherträte, wie meinen ©i*, würden sich die Dinge zunächst entwickeln? Die Proklamie- rung meiner Kandidatur für den polnischen Thron würde der Politik der Machte vielleicht eine unerwartete Wendung geben t"
„Deshalb wird sie erst dann erfolgen," erwiderte Kasimir Rzonka, „wenn Polen frei ifo-"


