Ausgabe 
27.12.1916
 
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Als hie Tanne leer mar, begann sie sich zu drehen, nnU Unter ihrem Fuß linkte es hervor wie fernes Zetterspiel:O on fröhliche, o du selige . . , inorauf die dreiste Schar irrtümlich

einen Walzer begann. Tie Kugeln konnten es am besten, die brauchten keinen Takt, die Sterne schwirrten herum wie betriurkenc.' Silberschmetterliuge, (uiti) die Nüsse wurde:: so schwindlig beinr Drehen, daß sic bald nicht mehr wußten, was ober: und unteni war. Nur der Bär tappte unschön von einem Bein aufs andre - das Engelchen jedoch verbat sich jegliches Engagieren, daWackeln" etwas tief Unchristliches sei. Soviel Menschenkenntnis besäst der Bär nun doch, daß er eine beleidigte weiblich- Seele mit fern­liegendem Gesprächsstoff zerstreuen müsse.^ Er führte sein braunes Lieb abseits der andern hinter den Christbaumständer, sprach von der Menschenverlobnng, die am Bescherabeud unter den goldenen Kerzenslammen so herzlick) vorgegangen war, dsst alle Lichter vor Freude zu weinen angefangen hatten. Ihm selbst sitze zwischen den Ohren noch eine Stearinträne. Da.habe er m: das Engeichei: gedacht und er er habe cs lieb itub ob cs nicht seine Frau werden wolle und und ....

Der Kuß hätte Meister Petz auch dann geschmeckt, ivenn die jenseitigen Lippen nicht von Schokolade gewesen wären! Ter Hirte hielt eine schöne Hochzeitspredigt, der beglückte Bräutigam riß ein Stückchen Golopapier von den unteren Banmziveigen imd band es seiner fast zerschmelzeirdeu Braut als Schleppe um-, ein Stern war Brautführer, vier Nüsse Schleppenträger, der Fisch einziger Trauzeuge beim bei ihm wußte miau das süste Ge­heimnis am, besten bewahrt. Me Lichter flammten freudig auf, plötzlich hielt der Baum im Drehen inne und das Weihnachtslicd verstummte. Meister Petz drückte einen Ast vorwärts es half nichts. Da rief jemarw aus der Hochzeitstzesellschaft, doch einmal rückwärts zu probieren. Siehe, es ging. Wer das Stück begann auch von hinten zu spielen, zur Entriistung der braunen Braut, die energisch einordentliches" Weihnachtslied forderte. Der phlegmatische Hirte riet, das LiedStille Nacht, heilige Nacht" einfach anzustimmen. Es klang so marchensüß, daß die konfuse Orgel unter der Tanne beschämt schwieg vor Andacht, denn die Stimmen der HochzeitSgaste ivaren wie Silbergeläute, und des Bären edler Bast wie ein G-ewölbe unk die übrwm Töne. Ein Kerzen tropfe:: fiel vor das Brautpaar, und Petz behauptete noch lange danach, die Träne habe er geioeint ....

Die Kinder roaren erlvacht n:ck> betrachteter: mit glänzenden Augen den klingenden Reigen auf der kleinen, Purpur,:en Wiese. Als das die kleinen Leutchen mertten, huschte der bunte Spuk in die Tanne hinauf, die Lichter erlosck?en, und die Finsternis hielt vor die großen Äugen der Kknder die Hände, die das Märchen schützen sollten ....

Die Uhr lief durch die Stille.

Uiü) ein bloßes Beinchen kam unter der Bettdecke hervor, zrvei. drei, vier Beinchen. Und ein Stuhl ionrde an der: Tisch gerückt, den hielt ein kleiner Hemdenmatz, das Schwesterchen, fest. Und das Brüderchen stieg in der Dunkelheit auf den Tisch, lastete iit den Baum uiib riß. an dein Schokoladenengel.

Ich will auch was haben," weinerte das Schwesterchen.

Den Schokoladenei:gel krieg ich allein, ich bringe dir Nüsse, wart mal . . . ."

^ Heulend liest das Schivesterchen los, den: Jungen griffe:: stachlige grüne Finger in Gesicht und Hände Schleifen, Knistern, Poltern Klirren Bnmbnm ein dünnes Kinderivimmern. ...

Vater und Mutter brausten geradezu herein, machten Licht. Den: Jungen blutete die Nash, er lag wtter Tisch und Tanne ans dem madelbedeckten Fußboden zwischen zerschelltem Christ­baumschmuck. Den Emgel hätte er noch in der Hand, der mußte das Genick gebrochen haben, dem: der Kopf konnte in dieser Nacht nicht mehr gestruden werden. Der Vater hielt vorderhand die Rnle für das beste Ende des alten Jahres, jammernd ob des teuren Schmuckes las Mütter allerhand Glasscherben zusammen und warf alles in eine ganz unmärchenhafte Zigarrenkiste. Zur Strafe Mstte Fritz alle Aeste abbrechen u:ck> ins Feuer stecken. Die hämischen Kohlen lachten so Unbändig darüber, daß. der ganze Ofen lustig knatterte und knisterte und der Schornstein prasselnde Goldfunken in die inondblauc Schneenacht entporwarf.

Fritzens linke Backe brannte ihm noch lange. Seine Mütter hatte ja nicht wissen können, daß, der Stearinfleck ans der end­gültig verdorbenen Plüschdecke eine angebliche Bärenträne ge­wesen rvar. .... /

Kricgscrfolge in der Tierwelt.

Uns »oird geschrieben: Die durch den Krieg bedingte Um- und Neugestaltung der Werte, von der so viel gesprochen wird, bezieht sich nicht nur auf Politik, soziale Reforin, Sprachrvesen, Handel, Dcoral nsw. Der Krieg hat änch die Fstuna und Flora in sein, Be renn gezogen, verschiedene Angehörige dieser Gattungen wurden mif neue Posten gestellt, und einige haben eine Erhöhung der Wertschätzung zu verzeichnen, wie sie früher ganz oljaic Beispiel war. r ^ wer :st das belebende und förderickw Moment dieEr­satz'-Praxis, me ia schon so viele Anschauungen und Gepslogen- hetten geändert hat. Wmrn auch heute :wch die Speisekarten zahl- re:cher Gasthäuser eine reiche Röenge verschiedenartiger Speisen auf!ve:sen, so liegt das Geheimins dieser anfangs erstaunlichen

Tatsache zum nicht geringen Teil darin, daß die Vielartigkeit im Grunde nur eine sck>einbare ist. Man liest verblüfft und beglückt: Gulasch, Deutscher Braten, Wiener Braten, Fleischpastete, frische Wurst nsw. Und leas verbirgt sich hinter a'.l diesen Herrlichkeiten? Der Thunfisch, dessen vortreffliche Eigenschaften zu entdecken und zu würdigen erst den Weltkriegsbürgeri: Vorbehalten wurde. Wer kannte den Thunfisch zur Friedenszeit, wen: erweckt dieser Name auch nur aunäl.ernd festumrissene Begriffe? Erst heute wisse:: wir. daß das Fleisch des Thunfisches - - nach entsprechender Behandlung, eine geradezu verwirrende Aehmlichke.it mit Schien­st eisch besitzt. Daher also die vielen Brate::, die man.Fleifchkarten- los genießen kann! DasPrestige" des Tlmnsiscl-es ist durch den Krieg um N'.iu.destens 500 Prozent in die Höhe gesch::ellt! Ein Er- folg, der n:anck/ei: Entcutevertreter neidisch rnachen könnte. Und daß der Thunfisch sich dies nicht zu Kopse steigen ließ, sondern! verhältnismäßig billig blieb, ist eine Bescheidenheit, die ihn ist tinscre:: Angen doppelt und dreifach wertvoll erscheinen läßt.

Einen ähnlichen Aufschwung hat anch ein anderer Wasserbe- wohmer» anfzuweisen: die Miesmuschel. Sie, die sich zu Hun­derttausenden schiveigsam und pflichteifrig an Wasserstcgen. Brücken­pfeilern, Steinen und Kaimauern ansiedelt, ist ein vortreffliches! Volksnahrungsmittel, lvie ihre vielfache Verwerchung in den Volks­und Mittelstandsküch-en beweist. Seit einigen Monaten wandert sie auch in die Gasthäuser u:rd vornehmenRestaurants", und dieser Aufschwung hat ihre Impresarien veranlaßt, anch die Preise sachte, aber sicher aufwärts steigen zu lassen.

Tie Ehre, von den Menschen verspeist zu werden, wird jetzt auch der Krähe zuteil, die dazu berufe:: wurde, das Brathuhn zu vertreten. Merkwürdigerweise hat sie aber unter denSternen" der eßbaren Tierwelt verhältnismäßig geringe Erfolge aufzuweisen. Tie Gründe hierfür lassen sich nicht mit Genauigkeit angeben,, jedenfalls ist der Abschuß aber nicht allzngroß.

Ganz anders steht es mit der Gans, die ein Matador unter den geflügelten Wesen gewordei: ist. Sie ist stolz wie ein geschäfts­kundiger Kriegsliefcrant, wahrscheinlich, weil sie meist, nur noch auf den Tisch der Letzteren kommt. Das Jahr 1916 wird in den! Annalen der Gänsegeschlechter für alle Zerten rot an gestrichen! bleiben, da ein Hundertmarkschein das einzige ist, :vas eine Nach­folgerin der Hütermiren des Kapitals noch zu verlocken oernnrg, aus ihrer hochmütigen Reserve herauszntreten.

Selbst das ivackere Roß, das nicht kriegsverwendungsfähig ist und zun: Ziehen eines Sechseromnibusses zu alt oder zu schmm erscheint, erlebt eine späte, aber über alle Maßen hohe Würdigung. In gewissen Teilen Berlins ist das Pferdefleisch nachgerade einä angeschwärmte, mächtig verehrte Delikatesse gewordei:. Besonders seine Verarbeitung zu Würsten, früher so sehr geschmäht hat sich kräftig entwickelt: und die Zahl der überzeugten Liebhaber vonj Pferdefleisch steigt von Woche zn Woche. In diesen: Fall erscheint wieder einmal die Fleischkarte als der SckMssel des Rätsels. Die Gattung Pferd fällt nicht unter den Bann der Kartenh-errschast, und darum wurde die Nachfrage in verhältnismäßig kurzer Zeit höher als das Angebot. Aber anch der Roßschlächter ist keineswegs ein geschästsunkundiger Mann, und schließlich stiegen die Preise für Pserdewürste und Pferdekoteletten zu so ansehn licken Höhen, daß vor wenigen Tagen auch für dieses Genußmittcl amtlich^ Höchstpreise festgesetzt werden mußten,

Zuletzt, aber nicht als Letzter, gebührt in dieser eßgeschichtlichen Betrachtung der Ziege ein kurzes Wort. Für sie bedeutete der erste Tag der Kuhmilchnöte den Beginn eines an Ehren und Fveuden reichen Zeitalters. Tie .Jagd nach der Ziege ist in fast allen kinder-

# reichen' Familien an >der Tagesordnung, und der Gedanke an

* Ziegenmilch! wird, nicht mehr von einen: geringschätzigen Lächeln begleitet, sonder:: mit seltenem Eifer und nicht erlahmender Energie ausgenommen. Tie Ziege 'ist ans dem besten Wege, als neuester Hausgelwssc Innd willkommener 'Rostfreier Mieter, in die Wohnungen der Städter cinzuziehen. Sie wird ihre Springübnngen auf den Baikonen machen, während die Familie hinter den Gardinen mit ängstlichen Augen darüber macht, daß der kostbare Hausfreund es sich nur ja recht wohl sein läßt, nur mit dem Milchzins nicht zn sparen.

Damen, die sich, früher nach einen: französisch radebrechenden Papageien, nach chinesischen »Goldfische:: oder einem japanischen Seidenäsfchen sehnten, hauchen jetzt als Ziel ihrer heißesten Wünsche das WortZiege". Wer ein Gärtchen sein Eigentum nennt, und sei es auch nur eine Rasenfläche von 1 oder 2 Meter in: Quadrat, kann daran gehen, sich seine eigene Milchwirtschaft zu gründen. . . .Bade»zu Hause" hieß es früher;melke zu Hause" heißt es heute. Tie Ziege ist unbedingt die neueste Mode, und viele werden in ihr ein sinniges Weihnachtsgeschenk er­blicken. lind dabei hat sie vor der stolz gewordenen Gans d-eni Vorteil, daß man sie nicht schlachtet,, sondern hegt und pflegt, da sie kein Eintagsbissen, »sondern vielmehr ein Tauerlieferant sein soll. Und in dieser Beziehung hat sie alle erfolgreiche:: Kollegen, und Kolleginnen aus »der Tierwelt im Kriege geschlagen: sie stirbt nicht, sondern sie lebt fürs Vaterland.

° vermischtes.

-v Das Schwein ist heute in der Zeit der allgemeinem Mc:,ch- und Fettknappheit fast salonfähig. So liest man einen Ansatz von lWilheln: Bölsche über diesen edlen Wurst- und Schinken-