Ausgabe 
27.12.1916
 
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An mich? Ich sollte..."

Der Graf war aufgesprungen. Gr ging ein paarmal auf und ob. Daun lachte er kurz.Man tut mir wirklich zu. viel Ehre an. Ich bin ein harmloser Privatmann, dessen Eiiv- fluß mau überschätzt."

Kasimir Nzoukn lächelte kaum merklich.

Wir sind anderer Meinung in Warschau, Herr Gras! Unter allen Ihren Standesgenossen kann sich nur einer an Klang des Namens und weitreichendem Einfluß mit Ihnen messen. Dieser eine ist der Fürst Czartoryski. Er ist ein Greis und in Paris wichtiger als in Polen. Er wird aus dom Wägeil nie zunr Wagen kommen. Sie aber sind jung, haben speziell auf beit Adel in den preußischen Gebietsteilen den größten Einfluß und zehren noch von dem überall lebendigen Andenken Ihres Vaters."

Mehr und niehr waren die roten Flecke im Gesicht des Grafen erschienen. Ob er einst über dieseNationalregie,- rung" gelacht hatte, es schmeichelte ihm doch, daß auch sie gleichsam offiziell anerkannte, welche Stellung er einnahm, und was ihm gebührte.

Wenn ich mich nun bereit erklärte, Ihre Vorschläge entg'egenzunehmen, welche wären das? Sie haben doch zwei­fellos ganz bestimmte Weisungen erhalten!"

Allerdings. Uitb ich bitte wiederum, sie so nüchtern zu prüfen, wie sie gestellt werden. Es ist selbstverständlich, daß überall im Leben eine Hand die andere wäscht. Deshalb bringe ich im Auftrag der Regieruitg zweierlei: Das, lvcts wir von Ihnen fordern, und das, was wir geneigt sind, zu gewähren."

Erlauben Sie,"- unterbrach ihn Rutkowski,ich mag nicht so lange sitzen. Es geniert Sie hoffentlich nicht, wenn ich mich ans Fenster stelle. Lassen Sie sich nicht stören ich höre!"

Er trat rasch ans Fenster und sah hinaus. So hatte er dem Abgesandten den Rücken gekehrt. Kasimir Nzonka zuckte unt halbem Lächeln die Llchseln. Ein geringschätziger Blick flog zum Fenster hinüber. Gleich darauf war das Gesicht wieder unbeweglich.

Was man von Ihnen fordert, Herr Graf, ist ungefähr folgendes: Sie stellen Ihre gesamte Kraft, Ihren Namen, ^Zhren Einfluß, Ihr Vermögen in den Dienst der großen Bewegung, die Polen ergriffen hat. Sie treten an die'Spitze des polnischen ?ldels und führen ihn, der noch zögert, in den Kampf. Wenn ein Graf Rutkowski das Schwert zieht, folgt die gesamte Slachta. Ein Zuwachs von vieleil Tausen­den ist uns, dadurch gewiß. Das Ringen zwischen Polen und Russen ist wtzt schon unentschieden. Ein bedeutender Führer Mit einigen frischen,Tausend Mann entscheidet es zu unseren Gilnlteii. Das ist die Hauptforderung, die wir stellen."

Napoleon tronimelte leise gegen die Scheiben. Danii wandte er sich plötzlich.

Wissen Sie, was Sie von mir verlangen, Herr? Daß ich ein ^piel um Tod und Leben spiele. Der Einsatz ist meine gesamte Existenz. Geht das Spiel verloren, so wird der Staat nieine Guter einziehen, mit) in ewiger Verbannung, vielleicht in Armut, tarnt ich in London oder in Paris hinvcgetieren, wenn eine mitleidige russische Kugel mir nicht vorher den gemacht hat. Und den Fall angenommen, daß es gluckt-was habe ich dann? Ein freies Vaterland, ans deni der Adel, und ich mit ihm, sich grollend zurückzieht, weil es als voraussichtliche Republik uns rechtlos nracht. Vergleichen sie pai Einsatz und die günstigste Gewinnchance, dann brauche ich ^chneu Nicht erst nieine Entscheidung mitznteilen."

Sie irren, Graf Rutkowski!"

Kasimir Nzonka hatte laut gesprochen. Jetzt erhob am er sich und trat Hinter seinen Stuhl, dessen Lehne seine Recht umfaßte.A-enn es so stände, wie Sie sagten, lvüre ich nich hier, dann wäre meine pAission aussichtslos, und von allen was aussichtslos ist, lasse ich die Hände weg. Die Nationa! regiernng war sich bewußt, daß Einsatz und Gewinnchance i einem gewissen Verhältnis stehen müßten. Nun wohl" - er richtete sich höher auf, seine Stimme ward volleral Abgesandter und Bevollmächtigter der Nationalregicrun ^ a£ Vs$ ty'Wr Qbraf Wa\>okon Stanislaus Bo AEowvki, als Preis für die Befreiung des Vaterlandes da Hochsüe zu bieten, was ein freies Polen vergeben kann'" .Auge in Auge standen sic sich gegenüber. Ein 'jähe Schweigen kam. y

Und das wäre?"

Die Stimme war belegt, fast heiser. Das Auge schlo

sich leicht, als könnte es den Blick der ruhigen Augen von drüben nicht ertragen.

Das wäre die polnische Königskrone!"

Mit jäher Wendung nach deni Fenster barg Napoleon sein Gesicht. Seine Augen brannten, sein Kopf brauste, die Hand packte das Fensterbrett, als wollte sie es brechen.

Was verborgen in ihm geruht, was Form gewonnen, seit der alte Diener in Schmerzen es ausgesprochen, was seitdem ihn erfüllte und sich nicht wegbringen ließ, hier wie­derholte es durch den Mund Kasimir Rzonkas die anerkannte Vertretung und Regierung des polnischen Volkes.

War es denn kein wirrer Traum? War kein offener Hohn und Scherz?

Er kehrte sich hastig um. Seine brennenden Augen such­ten das Gesicht des Abgesandten. Aber keine Miene zuckte darin, es blieb unbeweglich wie immer.

Wenn das kein schlechter Witz ist!" sagte der Gras dann. Er versuchte zu lächeln.

Um Witze zu machen, unternimmt man keine Reise, die so weit und so gefährlich ist!"

Aber, wenn ich einen Augenblick die Sache ernst neh­men soll Sie begreifen, daß ein Gedanke, der mir niemals gekommen ist, befremdet und verwirrt."

Für den Nachfahren unseres letzten Königs kann er nicht lange verwirrend sein."

Napoleon Rutkowski hatte sich scheinbar gefaßt. Er at- rnete tief.

Schon die Unterhaltung darüber ist interessant genug für mich. Also gut, reden wir darüber! Sie bieten mir eine Krone, die Sie noch gar nicht vergeben können. Wo ist sie?"

Hinter einem Wall russischer Bajonette, Herr Graf. Dort holen Sie sie heraus! Auf Rosenbüschen wachsen keine Kronen. Nur Revolutionen machen die Bahn zum Throne frei und gebären d-en Cäsar. Wer Napoleon heißt, sollte das wissen!"

Ein kurzes Auflachen.Es klingt gut. Aber selbst zu­gegeben, daß uns die Losreißung von Rußland gelingt und die alte Krone des zweiten Stanislaus mir übertragen wird, glauben Sie wirklich, daß die Regierungen Europas ruhig da­bei zusehen?"

(Fortsetzung folgt.)

Die kleine hochz it.

Ein Märchen zwischen den Jahren.

Von Ludwig Beil (Hamburg).

Die Kinder schliefen.

Eine Uhr tickte ans dem Dunkel, atemlos flink, als mache ein ängstliches Fabelwesen leise, hastige Schritte um den runden Tisch, aus dem der Christbau in stand. Blausilbern lag der Schnee-- glanz von draußen in die Gardinen' geflochten; im Ofm glomm rote Kohle und schaute sich von unten herauf mit großen, vier-, eckigem Auge im Zimmer um. Gar zu gern hätten die Kohlen ge­hört, was die goldenen Nüsse und silbernen Pappsteine, die bunt­blanken Glaskugeln mit ihrem winzigen Weltspiegcl einander zu erzählen hatten. Aber diese Tinge haben eine eigene Märchen- spräche, von der dummglotzende Kohlen im Ofeuloch nichts oer- stehen! Sie glühten und fauchten wütend gegen den Stehrost, und eine Neugierige fiel sogar aufs Ofenblech, ihr dünner brau^ ncr Qualm wurde von den andern eingezogen. So verblieb ihre schäbige Seele dem Feuer, bis sie unverbrannt erlosch und starb. Ihre sämtlichen feurigen Schwestern machten Rumor und schworen dem schuldigen Tannenbaum mit seinem bunten Glasflittergcsindel glühende und ewige Rache. . . .

Das Uhrlicken trippelte- weiter durch die Kinderstube.

Einem Schockolabcnengel mit rosa Glasflügeln war das zu langweilig. Er machte sich vom Baume los und kletterte sorgft sam- von Ast zu Ast. Auf hällrem Wege tippte er dem weißert Wattebären mit den schwarzen Perlaugen auf den Nacken. Die weichen Tatzen turnten au dem Garn empor, womit er am Tonnenästchen hing, Meister Petz wickelte den Faden ab und trug würdehaft das Engelchen auf den Tisch. Gar süß war ihm das Gefühl der fchwarzbrannen Aermchen um den Hals, denn er hatte das Engelchen im geheimien recht lieb!

Der Zellnloidhirte mit denr blinkenden Halbmondschild,Ehre U". Gott in der Höhe" aus der Brust, war von dem leisen Zittern! des Baumes wach geworden, ebenso der silberbronzierte Blechfisch neben ihm. Der biß sich dein einen Faden amj MäUl entzwei, und baumelte nun kläglich mit dem Kopf nach unten. Der gute, Hirte Hirten sind immer gut! schnitt ihm mit dem scharf kantigen Brust,child den andern Faden am Schivanze ab und trmg das hilflose Tier auf die Plüschldecke hinunter, die jetzt im Mondlicht aussah wie eine purpurne Wiese. Kugeln und Nüsse pochten hinterdrein herab, und auch die sechseckigen Pappsterne ließen sich getrost vom Bäume flattern.