Ausgabe 
23.12.1916
 
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Aber wir vertrödeln die Zeit. Also den Aufruf hätte der Vraf zweitens."

Drittens haben Sie heute mit ihtn gesprochen."

Kozlowski spürte ein leises Unbehagen. Aber er be­zwang sich. .

Ganz recht. Wir können in Nasgora auf zwei Leute bauen. Auf Michael Laskowicz, den Schmied."

Sein Gegenüber notierte den Namen.

Gr ist ehrlich, von gründlichstem Hasse gegen unsere Feinde beseelt, und kann uns noch nützen."

Braucht also nicht bestochen zu werden?"

Nein! Weiter haben wir den Johann Kohalyn. Er ist Knecht aus dem Gute und unser Spion. Von jeder Anwesen­heit oes Grafen auf Nasgora wie überhaupt von allen wich­tigen Vorgängen hat er uns Mitteilung zu machen. Von ihm wußte ich, daß die beiden Dragoner da waren. Das vaßte in die Rechnung. Es ist verbreitet worden, daß das deutsche Fräulein und der Leutnant vor der Verlobung ständen. Als ich den Grafen in Stralkowo traf, habe ich ihm damit eine Wespe ins Ohr gesetzt, die ihn toll macht."

Dann beginnt m e i n e Aufgabe," sagte der Fremde und nahm sorgsam die Blätter zusammen.

Und ich hoffe," fügte Kozlowski hinzu, während er sich erhob,daß sie gelingt. Es wäre ein Segen fiir Polen. Aber ich bin beruhigt, da ich diese Aufgabe in so guten Händen sehe."

Das Gelingen hängt nicht allein von mir ab. Es ist das Lächerliche, daß immer, wenn man mit Männern rechnen möchte, sich Weiber dazwischenschieben und die Ausstellung verwirren. Wie heißt oie deutsche Dame?"

Er überflog die Zettel.

Hanna von Graßnick. Gut. Und noch eins: Wissen Vte in Muchocin einen uns treu ergebenen Mann, aus den man sich in etwaiger Verlegenheit stützen könnte?"

Der Gutsherr dachte nach.

Fragen Sie nach Bartek, nach dem alten Diener. Er hat 1830 und 1831 mitgekänrpft. "

Auch dieser Name wurde sorgfältig notiert.

Gs mochte gegen drei Uhr nachmittags sein, als vor die Gchloßtreppe von Muchocin ein Wägelchen vorfuhr, ein Einspänner, der schläfrig die Chaussee entlanggerollt war. Bartek Zychod, alt und verfallen seit der Nacht, und mür­risch nicht minder, stand in der Tür. Sein Herr hatte sich auf den Divan geworfen, um zu ruhen, und hatte deu Drener fortgeschickt. Der Fremde, der bei Kozlowski auf Milostowo gewesen, entstieg dem bescheidenen Gefährt und grüßte den Alten, während das Wägelchen warteno stehen blieb und der Gaul eine Decke übergeworfen erhielt.

,^Jch möchte Seine Gnaden, den Grafen sprechen."

Mißtrauisch musterte ihn Bartek Zychod.Da kann jeder kommen. Wer seid Ihr?"

Zu dienen: Ladislaus Pyrka, der Feldmesser, der gncö> dtge Graf wollten Skydlewo vermessen lassen."

Davon weiß ich nichts. Kommt ein andermal wieder. Der Herr schläft." Mürrisch kehrte er ihm den Rücken.

Aber ich muß sofort zum Grafen, bitte!"

Be: dem Ton stutzte der Alte. Dann aber gab der Aerger ihm etnmS von der früheren Elastizität zurück. Mit der ganzen Würde eines alten herrschaftlichen Dieners richtete er srch aus.Ich bedaure, den Herrn nicht melden zu können Wenn der Herr etwas wünscht, dort drüben wohnt der Ver- walter. Meinetwegen wendet Euch an ihn. Er führt die Geschäfte."

Steif machte der Me Kehrt und wollte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen. Mer ehe es noch geschehen konnte, hatte ^r Fremde im Sprung die paar Stufen genommen, den Fuß zwischen die Tür geschoben und stand nun im Flur.

Seid Ihr Bartek, der Diener'?"

Bartek Zychod, woher habt Ihr den Namen?"

^Jhr habt 1831 drüben gekämpft, Bartek Zychod?"

Es war seine stolzeste Erinnerung.Allerdings, Herr, und wenn s beliebt, so tapfer wie nur einer. Mer was geht das Euch an? Ich kenne Euch nicht und melde Euch nickst. Ich habe Euch gesagt, wo Ihr Euer Anliegen Vorbringen sollt. Hier ist Euer Platz nicht!"

Der Frenrde sah ihn groß an.

. fe " nt mich nicht," sprach er langsam,vielleicht

wnnt Ihr aber dies hier, Bartek Zychod?"

Mit raschein Griff hatte er ein Papier aus der Täscke ^gen und hielt es dem Mten hin. Es war eine mit dem »ei der Nationalregierung versehene Aus weis karte, die

bei strenger Strafe jedem Polen befahl, dein Vorzeiger, der im Auftrag der Regierung handle, in jeder Weise behilflich zu sein. Sowohl die berüchtigten Hängegendarmen, die die Todesurteile der Nationalregierung vollstreckten, wie die mit dem Eiiltreiben der Mgaben oder init außerordeiitlichen Missionen betrauten Personen führten solch eine Legitime tionskarte mit sich. Der alte Diener hatte keine guten Augen; mehr. Er mußte sich tief herabbengen. Plötzlich begann er zu zittern. Das Zittern lief durch alle Glieder.

Herr," sprach er leise,was wollt Ihr? Maria und Josef, was sucht Ihr in diesem Hause?"

Ruhig steckte der Fremde die Karte ein. Kühl sah er auf den Greis herab, den die Angst schüttelte.

Ich habe Euch gesagt, Bartek Zychod, ich will Skyd- lewo vermessen."

Der Diener schüttelte den Kopf.Was mir nicht gelang,"- sagte er traurig,gelingt Euch auch nicht. Ich habe an ferner Wiege gesessen und vorletzte Nacht auf den Knien vor ihm gelegen."

Ich verstehe Euch nicht. Mer denkt, was Ihr wollt, Mter. Ihr habt die Karte gesehen. Wenn Euer Mund nur ein Wort davon schwatzt, serd Ihr verloren!"

Herr!" Beteuernd legte Bartek Zychod die Hand aufs Herz.

Schon gut. Ich rate es Euch auckr"

Was befehlt Ihr, Herr?"

Führt mich sofort vor den Grafen!"

Und wenn er schläft?" wagte Bartek Zychod noch ein?, zuwenden.

Dann weckt ihn!"

Gedrückt, ohne Widerrede, schritt der Me voran; ihm war, als schwebe etwas über seinem Haupte, wös ihn jeden Augenblick zerschmettern konnte. Zitternd betrat er das Arbeitszimmer, undeutlich war seine Meldung. Er hörte, wie der Graf sagte:Zum Teufel, Alter, du wirst schtvach'- srnnrg. Habe ich nicht befohlen, daß ich nicht gestört seilt will? Ich bedaure, empfange nieinairden!"

Er ging über die Schwelle zurück, er wollte den Bescheid dein Fremden bringen, da sah er in seine Augen, uiid weit öffnete er die Tür vor ihm. Mit einem Mcken schritt der! Fremde an ihm vorüber und betrat das Arbeitszimmer des Grafen.

Mit -scheuen Angen schloß der Diener die Tür hinter ihm.

Napoleon hatte lang auf dem Divan gelegen, aber ge­schlafen hatte er nicht. Eine ewig zehrende Unruhe plagte- ihn seit zwei Tagen. Heute vormittag wollte er eigentlich schon, von Stralkowo konrmend, in Nasgora halten uird allem Zweifel ein Eilde machen. Aber da führte ihm der Zufall diesen Kozlowski in den Weg, der ihm brühwarm das unsinnige Gerücht von Hannas Verlobung mit Versen Mischte. Es regte ihn so auf, daß er alles seelische Gleichgewicht verlor. Die Gedanken jagten sich. Hanna von Graßmck, Versen, sein Antrag alles wirbelte durchs einander. Dazwischen drängte sich ihin stets von neuern lene verrückte Idee auf, die Bartek Zychod in der Nacht wachgerufen, die er nicht bannen mw beschwören konnte, die rmmer wieder eindringlich zu ihm sprach, wenn fein) Blick auf Stanislaus den Zweiten fiel. König von Polen, er, der König von Polen!

. w r oHte be !l ® turm in seiner Brust austoben lassen, Monte ruhen, wollte nienianden sehen. So hatte er sich aus die Chaiselongue geworfen und die Augen geschlossen, daß dre Außenwelt ihn nicht störe, nichts ihn abwnke. "

, Da ließ Bartek Zychod wider seinen ausdrücklichen Be­fehl diesen Fremden em! Es war unerhört. Mit mühsam verhaltenem Aerger war er aufgestandcu und hatte sich vor den Schreibtisch gesetzt. Kaum, daß er die Verbeugung deÄ Fremden mit einem kühlen Kopfnickeir erwiderte Sie wünschen?"

Ich habe dem Diener gesagt, daß ich Skydlewo ver­messen solle und der Feldmesser Ladislaus Pyrka bin" Bedaure, ich habe keine Beschäftigung für Sie!"

Es war eine deutliche Verabschiedung. Der Graf deaann in einem Prospekt zu lesen, der auf dem Schreibtisch lag, Ruhig sah der Fremde ihn an. Er studierte sein GesiÄ Kur; vorher war sein Blick über die Bilder der polni chen Könige geflogen. Als er nicht ging, wandte sich Napoleon mit einer Falte des Unmuts aus der Stirn noch einmal zu sh"- --Ich sagte bereits, daß ich aus Ihre Kunst verzichte. Ich habe wenig Zeit uno denke, wir sind fertig."

(Fortsetzung folgt.)