KömgsLräume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsevung.)
„Er hat doch ein Schnäpschen getrunken," dachte Peter Wroblewski. „Russenblut wohl, nun, was geht's mich an!"
Und laut sprach er: „Du bist ein guter Mensch, Juschu, der Gotteslohn wird nicht ausbleiben. Und mache dich bald ans Werk, denn schlimme Zeiten kommen über uns, es tut not, daß die Gebenedeite hilft. Dir und mir und uns allen — auch Michael Laskowicz, deinem Väterchen!"
Ein Zucken ging über Josefs Gesicht. Die Hand sank herab, er ließ den Gendarm los und trat traurig beiseite.
„Ich habe zu früh versprochen. Pan Wachtmeister, ich glaube, ich kann das Bild doch nicht machen. Mein Vater wird es nicht erlauben. Ich soll Körbe flechten und kleine Madonnen schnitzen zum Verkaufen, für das große Bild gibt mir niemand etwas, und mein Vater ist streng. Ihr kennt ihn."
„Unsinn!" knurrte Peter Wroblewski. „Da müßt' ich nicht sein bester Freund sein, wenn ich das nicht mal durchs setzen sollte! Hier, Juschu, die Hand drauf. Michael Lasko- wicz, dein Vater, soll nichts wider die Arbeit sagen, so wahr ich Peter Wroblewski heiße und ein Hauskreuz habe, daß Gott erbarm! Man muß ihn nur zu nehmen wissen^ und das werde ich!"
Leise setzte er hinzu: „Mißte ich ihm selbst erzählen, daß es ein Bitten an die heilige Jungfrau ist, den Polen zu helfen und ihre Feinde zu vernichten."
Zwei Tage später holte Joses Laskowicz aus der versteckten Waldhütte den großen Holzklotz heun. Wider Erwarten hatte Michael Laskowicz die Erlaubnis gegeben. Und mit glühendem Eifer begann der Krüppel sein Werk. —
8. Kapitel.
„Sag' selbst, Bruderherz, bin ich dein Freund oder nicht? Du kannst daran nicht zweifeln, schon mit deinem Vater selig saß ich beim Wein, du warst ein Jungchen, Napoleon, drei Käse hoch, so wahr ich Kozlowski heiße."
Er legte die Hand aus den Schlitten. Napoleon RrU- kowski kutschierte selbst. Der Kutscher saß steif hinter ihm auf dem kleinen Bock.
„Ja, zum Teufel, Freund, was willst du denn? Raus mit der Sprache! Du siehst doch, daß ich Eile habe. Ich muß sofort nach Muchocin zurück."
Kozlowski kraute sich den Kopf. Gutmütig und bekümmert sah sein Gesicht drein. „Ich möchte dir keinen Schmerz bereiten, wenn es wahr ist, Napoleon. Aber die Spatzen pseifen es von den Dächern. Nicht nur in Nasgora, sondern in Wreschen vor allem, wo die Dragoner stehn."
Ein Schatten flog über das Gesicht des Grafen. Spielend ließ er die Peitschenschnur durch die Luft tanzen.
„Leb' wohl," sagte er kurz.
„Halt, Freundchen, als Freund deines Vaters: Ist & wahr, was die Leute reden? Zürne mir nicht, aber man sagt, das deutsche Fräulein von Nasgora wird sich demnächst verloben. Bei allen Heiligen, ich habe gelacht und geantwortet: Warum nicht, den Bräutigam kenne ich, mit seinem Vater selig saß ich oft beim Wein. 9hm, nun, Napoleon, ich bitte dich, als alter Freund, aber man lachte mich aus. Nicht du bist der Bräutigam, sondern ein Offizier, ein Dragoner von denen, die jetzt in Wreschen liegen, Gott selbst möge die deutschen Namen alle behalten!"
Starr sah der Graf ihm einen Augenblick ins Auge. Dann lachte er gepreßt.
„Die Leute reden viel, Bruderherr! Dummes Zeug! Verzeih' mir, und aus Wiedersehn. Ich habe Eile!"
Ein Händedruck, ein Peitschenknall, und fort brauste der Schlitten.
Mit leisem Lächeln sah Lucian von Kozlowski ihm nach. Dann ging er noch einmal zu Pan Jurek hinein. Es waren neue Wasfensendungen angekündigt, und er gab die nötigen
Weisungen.
Zwei Stunden später saß er auf seinem Gut Milostowo und rauchte behaglich seine Zigarette. Am Tische hatte ein Mensch mit glattrasiertem Gesicht Platz genommen, der mannigfache Papiere vor sich ausgebreitet hatte und eifrig Notizen machte.
„Die Sache wäre erledigt," sagte er in geschäftsmäßigem Tone. „Ich fasse zusammen: Der anonyme Brief hat den Grafen vor zwei Tagen getroffen! Am selben Tage hat Wenzel Pollak, der Scherenschleuer, den Aufruf der Nationalregierung vom 22. Januar in seine Hände gespielt/*
„Einige zwanzig Exemplare," nickte der Gutsbesitzer.
„Schön. Ich finde die Art, wie er's bewerkstelligt hat, zwar ungewöhnlich, aber es mag sein."
„Vielleicht war es wirksam. Und ferner: Bedenken Sie, Kasimir Rzonka, daß ..
„So heiße ich nicht, Herr von Kozlowski."
„Nun also: Pan Ladislaus Pyrka, bedenken Sie, daß der Gras sehr jähzornig ist. Er hätte sonst vielleicht den Wenzel Pollak angezeigt. Geschossen hat er so wie so auf ihn."
In dem Antlitz des Fremden zuckte es höhnisch auf.
„Ich fürchte fast. Sie überschätzen Ihren Grafen, Verehrtester. Wäre er geistesgegenwärtig, so könnte Wenzel Pollak den Karren des Scherenschleifers nicht mehr durchs Land ziehen, sondern läge mit durchschossener Stirn im gräflichen Forst. Offen gestanden, es wäre mir lieber gewesen."
„Aber das ist. Mord!" fuhr Kozlowski aus. „Keiner dient unserer Sache treuer als Wenzel Pollak."
Der Fremde zuckte die Achseln. „Wenn man große Ziele verfolgt, darf man sich nicht bei Kleinigkeiten anfhalten. Härte der Gras den Wenzel Pollak, als er ihm so frech aus den Schlitten sprang, niedergeschossen, so hätten wir zwar einen Mann weniger. Aber ich hätte dann eher geglaubt, einen anderer zu gewi"--*r. der all dies Kanonenfutter aufwiegt.


