614 —
„Wun also!" Ihr Auge bannte ihn wieder. „Dann ist eS doch nicht recht, wenn du unfreundlich bist. Ich glaube, Josef LaSkowicz, die Kascha weint sich deineth-alb noch die Augen auS dem Kopf. Das wäre schade. Ihr kanntet es beide doch so gut haben. Wenn du nicht wolltest!"
Irre Lichter zuckten in seinen Augen auf, und als müßten sie sich satt trinken für eine lange, dunkle Nacht fxn Heller Schönheit, ruhten sie auf ihr.
„Euer Gnaden," stammelte er nur, „Euer Geraden!"
Wahnwitziges Verlangen, vollste Hingabe, heißeste Andacht und Ehrfurcht, Gnaden flehen und Ersüllungsseligkeit l—i alles lag in diesen Blicken, und gleich als ob sie sich körperlich davon berührt fühlte, bog Hanna sich halb verlegen zur Seite.
„ueberleg's dir also," sprach sie in dieser Verlegenheit, „man muß ein Glück nicht mutwillig von sich stoßen. Versäumt ist es gar leicht." Und nach eurer Pause: „Wie geht es dir sonst?"
„Gut, Euer Gnaden, so gut!" Wie eine stille Verzückung lag es jetzt auf seinen Mienen.
„DaS freut mich, zu hören. Da bist du wohl nicht mehr so döse auf uns, wir können doch für das Unglück auch nichts."
„Euck?"
Als hätte sie gotteslästerliche Reden geführt, trat er in jähem Schreck einen Schritt zurück. Ihr böse sein!
„Um jo besser. Adieu, Joses Laskowicz. Und nicht wahr, fcttit der Kascha überlege dir das gründlich! Du verstehst schon, ich würde mich freuen!"
Sie nickte einen Gruß und ritt davon. Josef blieb stehen, die Mütze in der Hand, daß der Wind durch sein Haar blies. Gr schwankte einen Augenblick wie ein Betrunkener her und hin.
Sinnend hielt die Baroneß die Zügel. Ein merkwürdiger Bursch, dieser Krüppel! Wie er sie angestarrt, es wäre unverschämt gewesen, wenn nicht so viel demütige Hingabe Ln dem Blick gelegen hätte. Ein zitternder kurzer Schauer, als berühre sie jemand, lies ihr über den Rücken. Sie wandte sich jäh um. Juschu Laskowicz sah ihr mit großen Augen unverwandt nach. Alle seine Kraft lag darin, sein wildes, krankes Begehren, seine Qual und seine Sehnsucht sammelten sich in den: Blick.
Fast unwillig versetzte Hanna dem Fuchs einen Schlag mit der Gerte, daß er sie schneller weitertrug. Als sie in den Schloßhof einritt, war der Krüppel vergessen. Kein Gedanke kehrte zu ihm zurück. Dann kleidete sie sich in ihrem Zimmer zum Essen um. Als sie nachmittags in ihr Stübchen rurückkehrte, trug Kascha Kaczmarek gerade wieder ein Bündel Holz für den Ofen herbei. Sie trug's in der Schürze.
„Es ist alles ausgebrannt, Herrin," sprach sie entschuldigend, „und der Wend wird kalt."
Die Baroneß nickte nur und sah ihr zu, wie sie die Wamme an fachte.
„Ach übrigens, ich hatte dir doch versprochen, mit Josef ein Wort zu reden! Verdient hast du's nicht, aber ich hab's heute für dich getan!"
Ein abgebrochener Schrei. Kascha Kaczmarek schnellte auf, sekmrdenlang stand sie vorgebeugt. Dann krachte das Holz auf dem Boden hin, und mit einem Sprunge war sie vor der Baroneß, warf sich nieder vor ihr, nmNammerto F®““' preßte sie zusammen, lachend, jude-lnd, seltq: „Das habt Ihr getan, Herrin? Was hat er gesagt? Was will er? Wird er gut zu mir sein; hat er die Kindheit vergessen?
er gesagt? Um aller Helligcn willen, redet!"
.... Die Worte überstürzten sich. Die junge Brust flog, das junge Herz schlug so stark, daß Hanna es spürte.
zappelli^w ^^katz! Sonst muht du noch länger
Flehend hob sie die Hände. Da lachte die Baroneß ^Ganz klug wird man ja nicht ans ihm, aber ich denke, die
^J ü i nt nicht, und ich habe ihm ge- sagt, er soll sich die Sache überlegen. Es würde mich freuen wenn ihr beide zusammenkämt. Was meinst du, Kascha' wenn eS in Naögora bald Hochzeit gäbe?" '
Sag war aufgestanden. Ms fasse sie es noch
l' 6 ba ' bie H^'de teile flehend noch immer ansgestreckt, mit kurzem, erregtem Atem. Und ein Schrei dann, gellend, selig. Mit beiden Händen strich sie das tZSX ^ AMk das Danken. Ms wäre Hanna nicht ' «Wohin, Tildkatz?"
, ^ Ein irres Lachen. „Was fragt Ihr, Herrin, . . wohin soll ich anders gehen als zu tf>m?"
Die Hand lag schon auf der Klinke.
„Mädchen!" ri.es die Baroneß ärgerlich. „Ich glaube gar. du tust es wirklich. Bist du denn von Sinnen? Was willst du bei ihm?"
Ein Lachen und Leuchten zitterte über das Gesicht, wie durstig öffneten sich die Lippen, die tveißen Zähne blitzten durch.
„Zu ihm will ich, was weiß ich? Nur bei ihm sein- wenn er gut ist, und er wird mich küssen und schlagen wie damals, als ich der Russe war, und, und — laßt mich gehen, Herrin!"
Hanna war enipört. „Hast du denn so wenig Stolz im Leibe, Kascha? Lieber Gott, wie kann man sich so tvegwerfen — bedenk' doch, was bu tust, Mädchen!"
Eine kurze Pause. Ihre Angen, die schwarzen, glänzten stärker. ,^zch versteh Euch nicht. Ich will zu ihm."
Achselzuckend erhob sich die Baroneß. „Du bleibst!" sprach sie kurz. „Wenn du gehst, brauchst du nicht mehr zu- rückzukommen. Dann mache, was du willst. Wenn du aber weiter auf dem Schloß bleiben niöchtest, verbiete ich dir, dies Zimmer zu verlassen."
Der Ton wirkte. Kascha Kaczmarek ward wieder die gehorsame Dienerin. Ihre Augen senkten sich, irrten scheu über den Boden. Sie svrach kein Wort. Dann kauerte sie sich vor den Ofen hin uno begann ihr vorhin unterbrochenes Werk von neuem. Ein Stück Holz na.ch, dem andern legte sie in die Flammen. Und sie blies das Feuer heute wilder an als je, und in ihren dunklen Augen stand der Widerschein der tanzenden, zuckenden, spielenden F-lämmchen, die mit gierigen Zungen nach dem Holze leckten.
Juschu Laskowicz, der Krüppel, war noch lange an derselben Stelle, wo Hanna von Graßnick ihn verlassen hatte, stehen geblieben. Es verwirrte sich ihm alles. So lange er wie gebannt nur in ihr Antlitz gesehen, so lange sein Blick sie noch hatte treffen und erreichen können, hatte die Anspannung aller Nerven ihn gehalten. Als er die Reiterin dam, ans dem Auge verlor, befiel ihm ein jähes Zittern, eine große Schwäche. Eine wohlige, überselige Mattigkeit kam über ihn, seine Knie hielten ihn kaum, er lehnte sich an die aste Weide, die das Bild der heiligen Jungfrau trug, und lächelte. Leise Schauer des Lebens zogen durch seinen Körper, die Landschaft verschloamm vor ihm, ein Singen und Läuten war in ihm und um ihn. Er glaubte immer, in der wohligen Müdigkeit würden ihm die Knie brechen, und er würde einschlafen, von einem Traume in den andern. Den Kopf bog er zurück und preßte ihn gegen die Rinde des Baumes, so fest er konnte. Die Weide war alt und knorrig, die Knorren driickten ihn. Aber er empfand den leichten Schmerz als eine Wohltat und preßte den Kopf nur noch fester gegen den Baum. ö
Nasgora? War die Welt noch diellt?
Er tat zitternd einen Schritt vorwärts und drehte sich um Hier also war es, gerade hier, wo Maria segnend den Heiland der Welt trug. £>, sie selbst, die heilige Jungfrau, die ihn lieb hatte, hatte es so gefügt. Er sah empor. Und lang- ff f ün * er 111 die Knie. Die Straße war leer, lieber der! Mutze faltete er beide Hände und drückte sie gegen die Brust. Und die Außen — noch voll von dem Bilde der irdischen Jungfrau, -hingen gläubig und glücklich, verträumt und verloren an der himmlischen.
Er betete. Nicht in Worten, nicht in klaren Gedanken. Ein so starkes und großes Gefühl dnrchbebte ihn, daß er nicht stammeln und beten konnte, nur immer die Mütze preßte und emporsah. Und die Himmelskönigin verwandelte sich. Nicht mehr erhob sich auf der Weide das vom Straßenstaub ver- graute, verwaschene und zerschlagene Bild der Gottesmutter — es stand em anderes da in schöner Reinheit und voll wun- . 11110 dnmittg neigte sich der Krüppel, und die $¥9*: Heiligen waren verklärt die Züge einer andern
Die Himmelskönigin und die Königin seine/kranken Träume
J teS 1 fie l Äef a5en ^ lMk er fnietö
^^^bsich.Undschmerzbaft ruckte sein Gesicht: Die t ? t J? die schmerzhaften Stiche, die er fürchtete, ^Äx^ftlg.ein. Da dachte er mit Inbrunst an das wunderschöne Märchen, das heute wieder ein Stückchen weiter war Ulid siehe sie taten nicht halb so weh mehr, die Stiche. Felsenfest ivar sein Glaube gewesen, daß etuft der
l WUU DU»


