Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Die Hauser blieben hinter ihm; hinter ihm blieb die heilige Jungfrau vorc Nasgvra mit dem Jesusknaben. Sogar den Hut vor ihr abzunehmen, vergaß Joses heute. Er blickte nur inrmer in die Ferne und ging und ging, bis weit draußen eine Biegung des Weges die Reiter seinem Blick entzog. Erst da stand er still.
Was wollte er eigentlich? Weshalb war er ziellos so weit auf die Chaussee hiuausgelaufen? Wollte er nach Wre- fchen? Er niußte- nach Atem ringen. Er vertrug dieses schnelle Laufeu nicht mehr. Und mit glänzenden und doch traurigen Augen sah er von neuem in die Ferne, wo ihm etwas'entschwunden war, ivas ihm Kopf und Herz erfüllte, die Schönheit, die Königin der Träume.
Langsam ging er den Weg zurück. Weder Hanna noch die beiden Offiziere hatten ihn bemerkt. In fröhlichem Geplauder trotz des Windes waren sie ein gutes Enoe vorwärts gekommen. Dann hielt die Baroneß ihr Pferd zurück.
„Es ist Zeit, daß ich umkehre. Papa sieht es nicht gern, wenn ich allein reite."
Sie schüttelte Ernst August herzlich zum Abschiede die Hand. „Auf baldiges Wiedersehen Y‘
Es konnte auch für Versen gelten, denn gleich darauf sagte sie ihm Adieu.
„Komm' aut nach Haus," rief ihr der Bruder noch nach.
Sie wandte sich. „Danke!" Und plötzlich: „Ehe ich's vergesse. Sie wollten noch eine Antwort hören, Herr von Versen!"
Im Nu war er herangesprengt. Ihr Gesicht war rot. „Heute morgen fragten Sie, ob ich mich von allem lösen Wnnte. Ich glaube nicht."
In stürmischer Freude griff er nach ihrer Hand und küßte sie. Sie entzog sie chm rasch, warf das Pferd herum und jagte davon.
Es tat mir wohl, den Wind im Rücken, durch den kühlen Tag so dahinzusprengen. Sie wiegte sich im Sattel, und ihr Herz tanzte, und wie ein drängender Arm packte sie der Wind und legte sich um ihre Hüsten. Warum hatte sie Versen die letzten Worte gesagt? Warum die Freunde begleitet?
Bloß deshalb, weck Versen nicht schlecht von ihr denken sollte? Weil er nicht glauben sollte, daß sie leichten Herzens jemals ihr Deutschtuni aufgeben und verleugnen würde? Sie wußte es nicht, und sie wollte nicht daran denken, jetzt nicht. (8s war ihr genug, daß eine innere Wärme und Freudigkeit chr Wohltat. So brauchte sie nicbt zu bereuen, was sie Getan hatte.
Der Fuchs, den sie ritt, griff curs und schlug scharf mit den Eisen. Die Straße war leer. Nach einer Viertelstunde tauchte unweit von Nasgora Juschu Laskowicr auf. Langsam
humpelte er dahin; an dem Humpeln erkannte sie ihn. lieber rhr Gesicht flog ein Lächeln. Sie hatte ja der Kascha versprochen, mit ihm zu reden, und heut hätte sie gern jedem eine Abende gemacht! Ein Schlag mit der Gerte, und schneller flog dkw Fuchs dahin.
Juschu Laskowicz hatte sich umgewandt. Als er die Reiterin erkannte, ward er rot und bleich. Hastig, ohne an seine Brust zu denken, lief er dem Dorfe zu, um die Schmiede noch vor Hanna von Graßnick zu erreichen. Deirn wohl konnte er nicht genug von ihr träumen, aber wenn er zufällig einmal in ihre Nähe kam, verttoch er sich am liebsten vor Angst und Schani und Herzklopfen in den fernsten und dunkelsten Winkel.
Es nutzte ihm heute nichts. Der Gaul holte ihn ein. Als er sah, daß es kein Entrinnen mehr gab, lehnte er sich an die alte Weide, die das vergraute uick> verstümmelte Bild der heiligen Jungstau trug. In kurzen Stößen ging seine Brust aus und nieder. Die Baroneß war herangekommen und zügelte ihr Pferd.
„Wovor hast du Furcht, Josef Laskowicz?" fragte ste freundlich „Weshalb läufst du so?"
Er hob die Augen zu ihr wie der Bettler zur Madonna- Augen voll zitternder Andacht und zagender Scheu. Er wollte antworten, aber kaum ein Lallen brachte er heraus. Lächelnd klopfte sie den Hals des Pferdes.
„Es beklagt sich mancher über dich. Deshalb will ich mal mit dir reden. Warum gehst du deinen besten Freunden auS
dem Wege?"
Es dauerte lange, ehe Hanna eine Antwort erhielt.
„Euer Gnaden, ich versteh' nicht."
„Sieh' mich einmal an, Juschu Laskowicz!"
Er tat's. Sie hatte große, ruhige Augen, wie ungetrübte Sterne. Fest sah sie in die seinen, so fest und unverwandt, daß er wie gebannt zu chr emporblictte. Er konnte daS Haupt nicht wenden, er mußte hochschauen, ob er wollte oder nicht.
Kennst du Kascha Kaczmarek?"
„Ja!" Es zuckte keine Miene in seinem Gesicht. Er gab die Antwort, als wäre seine Seele ganz anderswo. Wie ein Wunder der Ewigkeit dünkte es ihm, daß er hier stand und emporschaute zu ihr, sich blind schaute an ihrer Schönheit.
„Sie ist eine flinke und hübsche Dirne, die Kascha. Was meinst bu?"
'„Ihr habt zusamnien gespielt? Und hattet euch doch lieb als Kinder, Josef!"
„Jv! y/
„Unb nun beklagt sie sich, daß du die einstige Spielgefährtin ganz vergessen hast. Du kümmerst dich nicht mehr um sie, und das macht sie traurig. Das ist nicht hübsch, Josef. Die Kascha hat dir doch nichts getan?"
Einen Augenblick ließ ihr Blick von dem Krüppel ab. Er atmete aus, als erwache er aus einem Trauma
..Nein," sagte er verlegen.


