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maß er bann das Zimmer. Was wollten die Leute von ihm? Sollte er mitziehen in den Meiheitskamps? Sollte er alles aufs Spiel setzen? Sollte er seiner Liebe entsagen um seines Volkes Witten? Wie der Lichtschein auf den: alten Säbel spielte, aus dem Säbel von Grochow und Ostrolenka?
Bartek Zychod kam leise ins Zimmer, um die geteerte Flasche fortzunehmen und die andere zu entkorken. In seiner geräuschlosen Art wollte er den Draht abmachen. Aber plötzlich begann er zu zittern. Ein halber Laut ward hörbar, gitteriw stellte er die Flasche fort.
„Herr!"
Es war ein Aufschrei, ein halbes Stöhnen und Gurgeln, es war Angst, Hoffnung und Freude. Und seine starren Augen blickten unverwandt nach den Flugblättern, die auf dem Schreibtisch lagen. Erstaunt trat der Graf näher.
„Was hast du, Bartek?"
„Herr, Herr, Ihr habt den Aufruf!"
Ein wilder Juvel war's. Und doch lag in den Augen, die sich jetzt auf Napoleon Rutkowski richteten, eine zitternde Angst daneben, ein demütig-scheues Flehen.
„Und was weiter?"
Der alte Diener neigte den grauen Kopf.
„Euer Gnaden, vor 32 Jahren, mit dem seligen Grasen waren wirtdrüben, haben auf pro Hunde eingeschlagen, es hat nichts genützt. Die heilige Jungfrau, hat der selige Graf gesagt, will Polens Prüfzeit noch verlängern. Aber Bartek Zychod, hat er gesagt, und die Hand hat er mir hierher gelegt, aujs ldie Schulter, es kommt ein Dag, wo der weiße Adler hoher fliegt als alle, wo Polen die Ketten bricht. Vielleicht erlebst du es. Und wenn du es erlebst, dann, hoffe ich, bist du wieder an der Seite eines Nutkowski, der seinem Volke die Fahne voranträgt."
Zuerst hatte er sich die Worte einzeln abgerungen, sie mühsam gesucht. Dann sprach er fließender. Groß sah ihn sein junger Herr an.
„Euer Gnaden, der Tag ist gekommen, ich hab's gewußt, daß er kommen wird, schon vor Jahr und Tag. Deshalb wollte ich nicht nach Paris. Ganz Polen drüben ist im Ausstand, die Brüder kämpfen, die Sensen haben Arbeit. Alke eilen sie zu den Waffen, Jünglinge, Männer, Greise. Wieder, höre ich gehen die Priester voran mit dem Kreuz, ganz Polen kämpft — —"
Seine Stimme brach. „Aber ein Graf Nutkowski — ist diesmal nicht dabei."
Ein hawes Weinen war darin. Napoleon stand unbeweglich^ Dann lachte er kurz.
„Willst du etwa noch die Sense schwingen? Laß dich nicht auslachen, Alter."
„Herr, es ist keiner zu alt. Einen Moskowiter nehme ich noch auf mich. Und das Sterben fällt den Alten leichter als den Jungen."
Ein Schweigen entstand. Bartek Zychod rang mit sich selbst. Dann hob er, wie zu allem entschlossen, den Kopf.
, „Euer Gnaden, ich habe an der Wiege gesessen, als Ihr darin lagt. Ich habe Euch Lieder gesungen vom Vaterland, die wir so auf dem Marsche sangen. Ich weiß, daß Ihr ein Herz hattet für Polen. Ihr wäret kein Nutkowski sonst, nicht der Sohn Eures Vaters. Ihr habt, als sie in Warschau kämpften, nach Paris geschrieben, und Ihr habt Briefe bekommen von dort, und inein Herz lachte. Und ich habe gebetet reden Abend und jeden Morgen für Euch, und daß die heilige Jungfrau mir noch lange das Leben schenken möchte, bis der Kampf beginnt und ich neben Euch stehen kann, wie ernst neben dein seligen Grafen. Bis dcurn der Tag kam, wo Ihr immer öfter nach Nasgora fuhrt, in das verfluchte Haus zu den Deutschen, wo das deutsche Fräulein Euch abwendig machte von unserer Sache, bis —" y
-. Napoleon hatte den Kops zurückgeworfen. „Bartek, wie sprichst du zu deinem Herrn!"
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Und mit einemmal warf er sich auf die Knie und reckte d^e Arme arrs. „Hier lieg' ich. Euer Gnaden, Ihr könnt mich Wien, Ihr könnt mich forhagen in die Nacht, daß ich verhungere, denn ich bin alt, wer nimmt mich noch? Aber einer muß es Euch sagen, daß Jbr-s hört. Ihr habt als Kind nach der Krone gegriffen, nach der Krone Eures Vorfahren, dort PÖ 1 er. ,Lch will auch eine Krone," habt Ihr gesagt. Und ifwußt ich, seit jenem Tage: Polen wird auferstehen, Stanislaus twc nicht unser letzter König, es! wird nach ihm einer »mmen, der Polen frei macht und sich die Krone aufsetzt.
und dieser eine, Gras Napoleon, seid Ihr! Ihr werdet König von Polen sein, es ward Euch bestimnit in der Wiege schon. Und auf den Knien habe ich gebeten, ich will mitkommen mit Euch, dem Herrn habe ich gedient, aber noch mehr dem Befreier Polens, dem einstigen König unseres Volkes. Und ich habe Euch unsere Lieder gelehrt und Euch vom Unglück des Vaterlandes und von Stanislaus, Eurem Vorfahren, erzählt. Ich sollte es nicht, aber ich tat es, und hätte es getan, wenn es um die Seligkeit gegangen lväre. Und als Euer Vater, der selige Graf, Euch zu sich rief, habe ich gehorcht an der Tür, jagt mich fort, Herr, aber ich habe es getan, Und habe gehört, wie der selige Graf sagte: „Sieh' zu, daß du deine Zeit nicht versäumst!" Euer Gnaden, Graf Napoleon, hier liege ich, ein alter Mann, und ich sage Euch: Ihr versäumt Eure Zeit. Der Kampf geht hin und her, noch sind die Moskowiter schwach, bald werden sie stark sein. Besehlt, daß wir hinübergehen, ruft ganz Polen jetzt zu den Waffen, stellt Euch jetzt an die Spitze! Wer kennt die Männer, die fick) zur Nationalregierung zusammentaten? Keiner! Deshalb zögert der Adel. Euch kennt jeder. Wenn Ihr die Fahne tragt, folgt jeder Pole. Herr, Herr, hört mich Nehmt mein Leben, aber helft dem weißen Adler empor. Auf Euch warten alle. Warum hat Euer Vater gespart und gespart? Damit Ihr Gold habt, wenn Ihr die Krone Euch aufsetzt. Verschmäht Ihr das Erbteil Eures Vorfahren? O Herr, Herr, versäumt die Zeit nicht. Die Stunde ist da, wenn Ihr zögert, ist alles verloren. Das letztema! erhebt sich ganz Polen; wenn der weiße Adler wieder sinkt, wird er sich nie mehr erheben, denn sie werden seine Flügel noch fester binden. Sagt, daß wir hinübergehen, sagt, daß Ihr unser Volk nicht verlaßt, sagt, daß der alte Säbel sich wieder blank waschen soll und der alte Bartek noch einmal jung werden! Und daß es wieder ein freies Polen geben soll und Ihr sein König sein wollt, der König von Polen."
Eine wilde Beredsamkeit war über ihn gekommen. Seine Augen brannten. Die Hände, die er stehend ausgestreckt hatte, zitterten. Was er ein Leben durch getragen, erhofft, als sein Geheimnis gehütet — mit Allgewalt brach es hervor. Ungeduldig hatte sein Herr mit der Hand gewinkt, der Graukopf, oer sonst jedem Blick gehorchte, kehrte sich nicht daran.
Napoleon Nutkowski hatte jetzt, wie sein Vater es gern getan, jdie.Arme übereinandergeschlagen. Eine heiße fliegende Röte schoß über sein Gesicht, als das „König von Polen" zu ihm empordrang.
Ein Volk, das um Hilfe ruft, —i selbst jetzt verließ das Wort ihn nicht.
Und über den Alten fort glitt sein Blick empor zu dem im hellen Lichtschein funkelnden Revolutionssäbel, zu dem Bilde Stanislaus' des Zweiten, seines „Vorfahren". Ein Sturm ging durch seine Brust. Schwer trat er ans Fenster und blickte lange, lange in die Wirllernacht. Fast ohne zu denken. Es wirbelte durch seinen Kopf, sein erregtes Herz schlug schnell.
König von Polen! Tiefer und lauter atmete er.
„Herr," flehte Bartek Zychod hinter ihm.
Die Nacht war dunkel. Driiben lag Skydlewo, und in jener Richtung Nasgora. Nasgora, wo Hanna von GraßnicL wohnte.
ootx in lyrer ruyigen, sajt kühlen
Schönheit. Seine Lippen formten ihren Namen, ohne daß ein Laut hörbar wurde. Dann strich er sich langsam über die Stirn und wandte sich um.
„Steh' auf, Alter!" sagte er. Weiter nichts.
„Herr!" Die Stimme zitterte, als wollte sie versagen. „Ach! Du bist ein Narr, Bartek!" .
vwch immer blieb der grauköpfige Diener liegen. Noch immer wichen seine Blicke nicht vom Gesicht seines Herrn. Mer in diesen Blicken machte die Hoffnung immer mehr der Verzweiflung Matz. Napoleon trat, ohne des Mten weiter zu achten, an den Schreibtisch. Er nahm das Paket Flugschriften, zog einen Schub auf und warf es hinein. Dal sanken die Arme Bartek Zychods gemach herab; aus den alten Augen rannen zwei Tränen. Als hätten sie Zeit, rollten sie langsam über die Backen.
Schwerfällig stand er auf und ging gebeugter als sonst zur Tür. Mer er erinnerte sich selbst jetzt, daß er noch die Flasche Hu öffnen hatte, die zweite Champagnerflasche. Seine Hände zitterten. Kraftlos führten sie den Oeffner. Der Draht war zu stark. Tausendmal hatten sie's gemacht. Und heute?


