Ausgabe 
16.12.1916
 
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Samstag, den 1b. Dezember.

Königsträume.

Roman von Karl Busse.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Und minutenlang ging ein Sturm durch seine Brust. Er haßte diesen Versen, er haßte die Preußen und Deutschen, er wußte, daß er trotz allein Pole war, Pole blieb und Pole bleiben würde sein Leben lang. Der Haß gegen den einen, hatte ihm den ursprünglichen Haß gegen das ganze Volk für Augenblicke wiedergegeben.

Wir rechnen noch ab," sagte er halblaut. Ein Zucken ging nervös um seine Mundwinkel. Langsam toard er ruhiger. Er setzte sich nieder. Neben ihm, noch uneröffnet, lagen die Briefe, die heute gekommen waren. Meist landwirt­schaftliche Offerten, darunter nur ein Privatbrief.

Von wem? Er wußte es nicht, trotzdem er die Schrift lange studierte. Der Brieföffner war zur Hand. Es war ein schönes Stück, das er mit vielen anderen von Paris heim- ebracht hatte. Den Griff bildete ein wunderbar Herb ge- altener, leicht geneigter Frauenkopf, den das Haar von allen Seiten umfloß.

Er hatte diesen Brieföffner lose in der Hand, als er den Brief las. Plötzlich, halb unterdrückt, ein wilder Fluch. Beides flog zur Seite. Ein Klingelzeichen rief den Diener herbei.

Wer hat den Brief abgegeben, Bartek?"

Der Postbote, Euer Gnaden," erwiderte Bartek Zychod erstaunt.

Napoleon Rutkowski wurde verlegen. Er hieß den Die­ner gehen. Dann nahm er den Brief noch einmal vor. Er enthielt nur die Worte:Ein guter Freund möchte Sie vor unnützen Enttäuschungen bewahren. Die deutsche Baroneß wird ihre Hand niemals einem Polen reichen."

Lange sah der Graf das merkwürdige Schriftstück an. Er begriff seine erste Wut selbst nicht mehr ganz. Aber es war ihm bis zum Halse gestiegen. War er nur so gereizt, oder stand auch da zwischen den Zeilen etwas wie Mißachtung.

Sieger und Besiegte, Sieger und Besiegte!

Wie der Säbel glanzte! Die Kerzen, die darüber flacker­ten, warfen irre Lichtreflexe über das Königsbild.

Er schritt ans Fenster. Die Stirn war ihm heiß. Das machte der Wein. Er legte sie an die Scheiben und starrte hinaus. Der Park mit kahlen Bäumeni weit sah man nicht. Und drüben mußte der Wald sein.

Plötzlich zuckte er zusammen.

Wir warten, Herr Gras!" Als ob eine Stimme neben ihm es gesagt hätte. Teufel ja, da hatte er glücklich das ver­schnürte Päcklein vergessen. Er ließ es vom Diener aus der Tasche des Pelzes hereinbringen und löste die Schnüre. Was war das?

Ein Haufen Flugblätter! Der Aufruf, den das Zentral­komitee als provisorische Nationalregierung am 22. Januar

erlassen hatte! Was sollte er mit dem Zeug, das er langst kannte!

Ein Volk, das um Hilfe ruft. Wir warten, Graf Rut­kowski!" Wieder hörte er die fremde Stimme. Er zündele eine Zigarette an. Da las er das Blatt. Er las, wie die Russen versucht hätten, die Jünglinge in den verhaßten mos- kowitischen Soldatenrock zu stecken und Tausende von Meilen ins ewige Elend zu führen. Er las den flammenden Protest dagegen.

Scharen von tapfern, opferfreudigen Jünglingen, erg­riffen vom heißen Feuer der Vaterlandsliebe, beseelt von em unerschütterlichen Glauben an die Gerechtigkeit und Hilfe Gottes, haben geschworen, das verfluchte Joch abzu­schütteln oder unterzugehen! Folge ihnen, folge, o polnische Nation!"

Napoleon atmete tief. Er hatte das doch schon einmal gelesen, ohne einen besonderen Eindruck davon zu emp­fangen. Ja, er hatte es Phrasen genannt und darüber ge­kachelt. Und heute? War der Wein auch daran schuld, daß es ihm heute ans Herz griff, daß ihn eine gewisse Bewegung packte?

Er laS weiter. Aus der Sklaverei wollte die neue Natio­nalregierung die Nation aus das Feld des Ruhmes führen; jede Feindseligkeit gegen die heilige Sache, ja, sogar der Mangel an Eifer werde vor dem strengen, aber gerechten, Tribunal des beleidigten Vaterlandes verfolgt und bestraft werden. Mit dem Tage der Erhebung Wien alle Ä)hne Polens gleich Die Ländereien des Landvolkes feien von Zins und Fron befreit; alle Einlieger und Tagelöhner, die zu den Fahnen eilten, sollten einen Teil der von den Feinden befreiten Erde als fteies Eigentum erhalten.

Zu den Waffen daher, du Volk Polens, Litauens, Ruß­lands! Zu den Waffen! Schon hat die Stunde der gemein­samen Befreiung geschlagen, unser altes Schwert ist ge­zogen, die heilige Standarte des Adlers, des Pogon*), des Erzengels ist entfaltet!

Auch zu dir sprechen wir, du moskowitische Nation! Wir verzeihen dir, denn auch du bist im Elend, wirst gemordet, niedergedrückt und gefoltert. Die Leichen deiner Kinöer schaukeln am Galgen, deine Propheten erfrieren im Schnee Sibiriens. Wenn du aber in dieser entscheidenden Stunde nicht Reue über die Vergangenheit und ein heiligeres Seh- .nen für die Zukunft in deiner Brust fühlst, wenn du den Tyrannen, der uns mordet und dich zertritt, in diesem Kampfe unterstützest, dann wehe! Wehe dir! Angesichts Gottes und der ganzen Welt verfluchen wir dich dann zur Schande ewiger Untertänigkeit, zur Folter ewiger Knecht­schaft!"

Graf Napoleon starrte auf das Flugblatt nieder. War­schau, den 22. Januar 1863 war es datiert. Wieder durch-

*) Ter mit erhobenem Schwert eirchersprengende geharnischte Ritter im litauischen Wappen. Der Aufruf der National regie­rt tag ist wörtlich/ wiedorgegeben.