Ausgabe 
13.12.1916
 
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Mick streifte das Gesicht des alten Mannes. Es kam ihm ver­ändert vor. Ueb er Haupt mußte Bartek Zychvd seit einiger Zeit etwas mit sich herumtragen. Er sah krank ans.

Fehlt dir etwas, Alter?"

Nern, Herr!"

Hm, mir schien es so. Es ist gut!"

Bartek Zychod entfernte sich. Durstig riß Napoleon das Kelchglas an die Lippen. Er hatte heute nicht umsonst an das heiße Leben von Paris gedacht. Er dachte auch jetzt einen Augenblick daran, als ihm der Wein durch die Adern rann.

Wer stärker war ein anderes Bild, stärker war der Haß. In Haß urrd daneben in fast naiven: Staunen dachte Napo­leon Rutkowski an Versen. Er kam nie über das Eine, Un­begreifliche fort: Woher nahm dieser Leutnant den Mut, ihm so entgegenzutreten, ihn als seinesgleichen zu behandeln? Der wahnsinnige Hochmut, den die Erzählungen des Dieners schon in dem Kinde geweckt hatten, brach mit Allgewalt hervor. Er schlief, so lange alle Welt hier in schuldigem Respekt und untertäniger Ehrfrrrcht zu dem Svrossen eines Künigsgeschlechtes aufsah. Er ward wach, sobalo jemand sich wider ihn erhob. War dieser Versen ihm denn an Namen, Mang, Reichtum, Alter voraus? Stand er nicht in alledem unter ihm? Und trotzdem?

Er sah zu dem Bilde des zweiten Stanislaus empor. Die Lampe beleuchtete es nur schwach. Aber voll traf der Schein den Säbel seines Vaters. Den Säbel, der sich bei Grochorv und Ostrolenka in Blut gebadet hatte. Und plötzlich sprang Graf Napoleon auf.

Unsinn," brmnmte er. Hastig stürzte er ein neues Glas des schäum enden Weines herab.

Wenn er znm Beispiel ein Verwandter des preußischen Königshauses gewesen wäre? Ob der Leutnant da auch so geredet hätte? Er mußte selber lachen.

Also weil er nur ein Pole war. Und das galt nicht.

Er ging auf und ab. Auf dem Tische lag die kurze Reit­peitsche. Spielend nahm er sie auf. Das galt nicht. Und warum?

Ein jäher Schlag der Gerte.Sieger und Besiegte," murmelte er. Das Blut brauste nach seinem Kopfe.

(Fortsetzung folgt.)

Der Erzengel.

Erzählung von L. N. Tolstoi.

Deutsch von Marie BeßinertnH.

Am Ufer des Meeres lebte außerhalb der Stadt ein Fischer mit seiner Frau. Er mußte zum Fang anfs Meer. Ein heftiger Sturm trieb die Wogen über sein Boot, und der Fischer ertrank.

Gott, der Herr, rief einen Erzengel heran und sagte ihm: Geh, hole mir die Seele des toten Mannes herauf und brürge mir auch die Seele seiner Frau, die du in der Hütte am Ausgange der Stadt finden wirst."

Der Erzengel flog übers Meer, nahm die Seele des ertrunkenen Marmes und schickte sie zu Gott. Dann begab sich der Erzengel nach der Hütte. Tort lag die Frau auf denr Bett, und an ihre Brust schmiegten sich zwei kleine Mädchen, denen sie gerade das Leben gegeben hatte. Tic arnie Frau stählte mrd betete:Herr, du mein Vater, lasse mich, die verlassenen .Waisen nähren und sie aus die Füße stellen, erbarm dich ihrer!"

Ter Erzengel, der anr Kopfende des Bettes stand, schaute die Neugeborenen an, ging hinaus, erhob sich in den Himmel und sprach daun zu Gott:Tie Seele des Mannes habe ich aus seinen^ Körper herausgnogen, als seine Frau, die Wöchnerin, aber um Gnade bat wegen der verwaisten Säuglinge, konnte ich ihr die Seele nicht entreißen.

Ohne Vater und Mutter kann man leben, aber nicht ohne die Gnade Gottes: geh.und hole die Seele der Wöchnerin"

Der Engel tat, wie ihm geheißen. Die Frau wurde schwächer, vermochte kaum noch, die Säuglinge zu -halten und betete fort- geiebt:Nrmmlmw nicht die Seele, habe Mitleid mit den Kleinen'" Meinend nahm der Engel ihre Seele und ließ sie zu Gott auf- stngen. Als er bte Hütte verlassen hatte, serrfzte er lind schickte üch an in den Hunwel zu steigen. Aber er konnte nicht fliegen, ferne Nügel senkten 'sich,, und er schlnchtze über sein Vergehen^ Gott nicht gleich gehörest zu haben.

In demselben Ort lebte auch, ein alter Sckmster mit seiner Frau. Kanin hatte die Mte venwmmen, daß der Fischer auf denr Meere WM und daß ferne Frau Zwillinge geboren hatte, so sagte sre zu ihrem Manne: *

Waisenkinder! Komm', wir wollen sie besuchen. Die 6 ^^kt, an den will wrch Gott nicht denken."

Dw beiden Men begaben nch nach der Hütte. Die Frau trat

ein, der Mann blieb auf der Straße. Er hörte jemaiid in der Nähe wemen und, sah sich um, wer es wohl sein könnte. Ta kanr vom Hofe her em Jüngling, der ganz nackt rvar und das Geffcht mit den Händen bedeckt hatte, durch die die Tränen flössen.

Wer bist du, Jüngling, mid ivarum weinst du?"

Gott hat mich gestraft und ich mich weinen."'

Der Mte fand Gefallen an dem schönen Jüngling. Ei: be­dauerte ihn und sprach die trösteilden Worte:Gott hat gestraft, Gott wird auch wieder vergeben, komm zu mir." Ter Jüngling fiel zur Erde. In einen Winkel sich zurückziehend, nahm der Alte seinen Kittel ab, seine Strümpfe, reichte sie dann dem Jüng­ling hin und sprach: Ein Mensch hilft den: andern. Hier hast du etwas, um deine Blöße zu bedeckeir, Gott wird es mir und meiner Men löhnen. Erst will ich dich noch sätttgen und dann dick ausfragen. Ter Jüngling beugte sich tief vor dem Alten, legte toe Kleider an, bic ihm ganz genau paßten, und ging mit feinem Wohltäter die Straße herunter. Inzwischen kaum Mich die Alte aus der Hütte heraus. Sie sah den schönen Jüngling im Kittel des Mannes und wagte nicht zu fragen, wer er sei. So gingeii alle drei nach Hause. Unterwegs erzählte die Mte. daß die Fischers­frau gestorben war, und daß die Paten sich der verwaisten Säug­linge angenonimen haben.

Der Gast bekam in der Hütte des Schusters ein Zlbendessen uud eure Lagerstätte, die er bald aufsuchte. Tie Alte machte ihrem Manne Vorwürfe, aber nicht etwa, weil er einen Fremden ins Hans .gebracht hatte, sondern weil er ihm sein neues Hemd gegeben hatte, während doch eins von den alten dafür verwendet werden konnte!

Anr folgenden Morgen fragte per Mte den Gast:Me heißt mr - und kannst du Schuhe zerschneiden und nähen. . . . ?"

Michael heiße ich; genäht habe ich noch nicht, aber ich lerne es wohl, wenn es mir gezeigt wird! ..." war die Antwort.

Aer Me gab ihm Arbeit, unterwies ihn und behielt ihn als Gehilfen. Michael dankte diese Güte dadurch, daß er alles sehr schnell erfaßte, immer zufrieden und fleißig war. Am Sonntag Amg er zum Gottesdienst, und wenn er heimkam, saß er ganz still da. so lebte er zehn Jahre lang bei dem Schuster, als er eines ^ages durchs Fenster schauend lächelte beim Anblick einer reichen .Witwe die zwei kleine Mädchen, die sich sehr ähnlich iahen, an den Händen führte. An demselben Tage kam auch ein Herr und bestellte Sttefel, indem er sagte:

Mache mir die Sttefel so fest, daß sie ein Jahr halten- ohne zu zerreißen und die Form zu verlieren. Es kommt nrtr Nicht auf den Preis an, mid wenn ich nach einem Jahr zufrieden bin, 10 bekoimnst du einen iveiteren Auftrag."

Der Meister rvundte sich <m Michael und schärfte ihm ein: Nahe nur recht fest, Michael, sieh zu, daß der Herr mit un­zufrieden ist."

Michael nickte mit dem Kopfe, lächelte mrd sagte nichts. Ter Schuster lKntt das Leder zu, wie es sich ftir feine Herren.sttejfck gehörte Michael legte das Material aber ganz anders zusammen und nahte es nur mit einer Naht zusammen, wie für einen Toten. Ein Tiener von dem Herrn kam und sprach:

,Tie Sttefel sind wohl schon fertig, die mein Herr bestellte, aber er ist soeben gestorben und wir brauchen nur Totenschubä." Michael stand auf und reichte ihm die Totenschnhe hin.

.Ter Alte timrde nachdenklich und sagte beim Schlafengehen zu lemer Frau :Weißt du, Michael ist kein gewöhnlicher Mensch, ^etzt lebt er schon zehn Jahre bei uns, wir haben nur Gut.es von ihm gehabt, und jetzt hat er sogar Pen Tod eines vornehmen Herrn erraten. Wir finb alte Leute, wollen wir ihn als Sohn annchmen und chm alles, was wir hrben, dereinst überlassen?" ,,^as hat er verdient," erwiderte die Mte.

Michael saß in seiner Ecke und lächelte. Ter Me gtng am näch sten sonntag mit chni ziun! Gottesdienst und saute: , Du dast Gutes von ulis gehabt, wir aber muchi mehr vor: dir, wir haben beschlossen, dich als Sohn anzuerkennen, und mm erzähle mir, wes Stammes du bist."

Vielen Dank, Großväterchen, für alle deine guten Worte," eutgegnete Michael, ohne weiter etwas zu äußern. Sowie sie in der Kirche an gelangt waren, stellte sich der Alte in der Vorhalle auf. Michael aber grng zu dem Säugerchor und sang so laitt und herr­lich! daß seine Stimme die Kirche erfüllte, die Wände zittern! machte und die Leute so ergriff, daß sie in die Kniee sanken, ä-re Kuppel des Gotteshauses öffnete sich, und als beflügelter Erz­engel erhob sich- Michael in den Himmel.

Ter Alte schlief in dieser Nacht fest und träumte von Michael Bist du es, Dttchael?" fragte er ihn und bekam die Antwort: ^.a, Großväterchen, ich bnr ciu Enget. Gott h-itte mich nach einer seelc geschickt und gesagt, man könne ohne Vater und Mutter leben aber nicht ohne die Gnade Gottes. Ich glaubte ihm nicht mrd bedauerte die Walsen, die der Mutter berMibt werden sollten.

So Imrrde ick-bestraft und blieb zehn Jahre aus der Erde. Besser Ä^.,bn der, Mutter wuchsen die Waisen auf, wie ich sah, nnÄ Gott hat mir verziehen, und ich wurde wieder ein Engel. Daher

W Herr sterben würde, der die festen Stiefel be-

An deniselbeil Tage, als sich, der Himmel mir wieder öffnete, wolltest du niich zu deinem sohne mächen. Murre nie gegen Gott J mielt o < ! Tlbcr ? lt J* rt und fetze deine Hofffuma nicht ans deir Reichtum. Lebe mit Gott, und mit Gott wirst du sterben!"-