Ausgabe 
13.12.1916
 
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hätte Napoleon RuLkowski Jahre und Fahre auf Muchocin ilnd Skydlewo sitzen können, ohne den Baron zu Gesicht zu bekommen, geschweige denn ihn kennen zu lernen. Da trat in Wreschen zun: Bau eines Kreiskrankenhauses ein zur Hälfte aus den angesehensten Deutschen, zur anderen aus vor­nehmen Polen bestehendes Komitee zusammen, das ein Wohl- tätigkeitssest mit dem üblichen Bazar veranstaltete. Das ging Deutsche und Polen in gleicher Weise an, so konnte sich nie­mand recht ausschließen.

Hanna von Graßnick verkaufte Zigaretten. Jbr bester Kunde war Graf Napoleon. Gr zechte mit dem Vater, er tanzte mit der Tochter. Aus dem Heimwege gähnte er. Pariser Chic ist es nicht, aber für Wreschen und Umgegend, alle Achtuirg!"

Am nächsten Tage erkundigte er sich, wie den Herr­schaften das Fest bekommen sei. Vier Wochen später gestand er sich selbst, daß er in .Hanna von Graßnick wahnsinnig verliebt war. Was ihn reizte, das war ihre etwas kühle Schönheit. Cr hatte so viele heiße Augen in Paris leuchten sehen, so viel heiße Lippen hatten ihn müde geküßt. Hanna von Graßnick war ganz anders. Ein befreundeter Pariser Flaneur hatte ihm einst gesagt:Attention, lieberGraf: Man sollte nur eine Frau heiraten, die einem als Geliebte zu langweilig wäre!"

Fast ging es ihm so mit der deutschen Baroneß. Es war keine wilde, alle Schranken niederreißende, stürmende Leidenschaft, die ihn zu chr trieb. Die Ruhe ihrer Schönheit war's, die chm imponierte, die ihn anzog, die ihn langsam immer fester gebunden hatte. Sein Haus war einsam. In Nasgora, wenn Hanna bei der Lampe ihm gcgenübersaß, ward ihm wohl zu Nut. Cr hatte sich längst entschlossen, sie zu heiraten. Cr verschob eine Aussprache mit ihr trotz­dem, teils weil noch etwas in chm sich gegen eine feste Bindung auflehnte, teils weil er sich auch so sicher und behaglich fühlte. Ein anderer Bewerber war nicht da. Und außerdem: Er hieß Gras Napoleon RuLkowski, war Schloß­herr aus Muchocin und Skydlewo, und aus einer Familie, die mit Königen verwandt war.

Langsam löste der stete Verkehr in der deutschen Fa­milie ihn von der Sache seiner Landsleute. Hier und da hatte ihm einer leise Vorwürfe gemacht, andere über ihn gespottet. Familienväter, die für ihre Tochter auf den reichen Magnaten spekuliert hatten, spielten ihre Ent- rüstuiig aufs nationale Gebiet hinüber.Napoleon der Deutsche" nannten sie ihn und zuckten verächtlich die Achseln. Der Graf merkte das wohl. Und ob er sich aiis den Leuten selbst nichts machte, es kräilkte ihn, daß der alte ungeheure Respekt nicht mehr ungetrübt war. Das beleidigte leinen Stolz. Und trotzig zog er sich noch mehr zurück, erschien selbst auf dem großen Polenbäll in Posen nicht mehr und zuckte die Achseln, wenn er vom Ausstand hörte.

Lieber beuge ich mich vor dem preußischen König als vor dem polnischen Mob," hatte er einst, als man vorsichtig sondiert hatte, zur Antwort gegebeii. Er war immer leicht gereizt. }

So standen die Dinge. Da hatte der heutige 2lbend ihne von neuem ein verändertes Aussehen gegeben.

Rutkowskr wickelte sich fester rn den Pelz. Abgeschütte' waren die Bilder der Vergangenheit. Was ihn heute aben so erregt hatte, was ihn jetzt noch erregte, war zweierle Einmal, daß es ein simpler Herr von Verseii gewagt hatd ihm in dieser Weise entgegenzutreten, Stolz gegen Swl Hohn gegen Hohn, Haß gegen Haß zu stellen! Das war ihr ^ ^bar, chm, der in dieser Gegend gewöhnt war, wie ei ^ \ ^pektiert zu werden! Und ferner: nid

ber preußische Leutnant schien aitc auen Crnstev Absichten aus Hanna von Graßnick zu dabei ^ .^vare lächerlich gewesen, wenn die Baroneß sich heut r U * feme e r eitc ^stellt hätte. Da mußte ma x ^ar noch ernst nehmen. Das Blut stieg ich zii Kopf, als er deii Gedanken weiterspann. Wenn Versen ihr

CfZ't Ä! ® 0mW einTebete ' wenn er statt seine

r Graßnick in den Armen dieses Versen! Napc

leon Rutkowski schloß die Augen. Es flimmerte seltsan davor. Nem und tanseiidmal nein, das durfte nicht geschehen wo die Möglichkeit da war, daß Hanna^chu verlöre gehen konnte, bäumte sich alles in ihm ans. Und noch daz verloreii gehen an diesen Schuft! Die ganze Welt sollte si eber haben als Versen! Diesem eiiien gönnte er sie nicht dieser eine sollte sie nie besitzen, so wahr er RNtkowski hieß

,Lch muß ein Eiide macheri," miirnielte er vor sich hin, je eher, je besser!" Als wäre die Entscheidung damit be­siegelt, atmete er tief auf.

Der Schlitten fuhr jetzt dicht anr Walde eiitlang. .Mit scharfem Laut knickten hin und wieder trockene Zweige. Das Belten der Fiichse hatte aufgehört. Plötzlich ein Geräusch: Ein Schatten spannt sich. Wie eine Katze schwingt er sich auf die Kufe des Schlittens. Unb ehe der Gras iivch ein Wort sagen kann, ehe> die Hand den Revolver ergreift, fliegt ihm ein verschnürtes Päckchen in den Schoß.

Wir warten, Graf Rutkowski!"

Halt, oder ich schieße t"

Die Pferde bäumen auf; der Schlitten schwenkt. Den Revolver in der H>and, ist Napoleon aufgesprungen.Nichts!

Für Augenblick war der Schatten im Walde verschwnn- den. Nur das verschnürte Päckchen beweist, daß es kein Ge- sperrst, sondern ein Wesen vorr Fleisch und Blut tvar.

Zum Teufel, wer ist da?" ruft der Graf. Auf gut Glück grbt er Feuer. Der Schuß weckt ein langes, rollendes Echo. Ern kurzes Lachen.Wir warten, Graf Rutkowski!"

Entschlossen springt Napoleon ab. Den Revolver in der Hand, geht er ein paar Schritte in den Wald hinein.

Worauf wartest du, Freundchen? Auf die Kugel?"

Kerne Llntwort.

luuuutt u

|iur uu/ieiftuutiLU

uu ouv, nrrva r an den Kutscher.

Nein, Euer Gnaden," sagte der Fornal. Er zitterte wie Espenlaub imb schlug fortwährend ba§ Kreuz.Aber meine Großmutter hat erzählt, dah die Wyli*) und das Toten­gespenst rn den Wäldern hausen. Gelobt sei Jesus Christus!"

Halt' den Mund!"

Er stieg in den Schlitten. Noch einmal rief er laut: Wer rst da?"

Die Arrtwort:Ein Volk, das nur Hilfe ruft. Wir warten, Graf RuLkowski!"

Dann blieb es still. Nicht mal das Reisig knackte. Mach', daß du weiterkommst!"

Der Kutscher ließ sich das nicht zweimal sagen. Er hieb aus die Pferde ein, daß sie wie gejagt dahins'chossen. Und daver betete er und stöhnte leise und sah scheu hinüber nach dem Walde. Die Wege sind wirklich nicht mehr sicher in dreser Zeit, dachte Rutkowski. Er lud den Revolver nerr und legte ihn auf den Schoß, griffbereit. Danrr besah er das verschnürte Päckchen.

Was wird's sein? Bettelbriefe! Allerdings eine merk­würdige Art, sie zu übergeben!"

, - ®JL das Päckchen in die Tasche. Bald schweiften ferne Gedanken wieder nach Nasgora hinüber. Und er kam nrcht los von dem heutigen Abeird, bis der Schlitten mit kurzem Ruck vor der Schloßtreppe von Muchocin hielt. Diener eilten herbei, den danlpfeuden Gäulen wurden Decken uberaeworfen.-

Der Flur war dunkel. Ein alter Diener mit zwei Lich­tern rm ooppelarmigen Leuchter verneigte sich steif.

Jemand dagewesen, Bartek?"

zil speisen?"^"^ ^uer Gnaden. Wünschen Euer Gnaden noch

Nein."

Er fuhr mit der Hand über die Stirn. Ein Wink, und cner ging mit dem Leuchter voran. Im durchwärmten Arbeitszimmer setzte er ihn wieder. Fast unhörbar zündete er mehrere Lampen an. Dann zog er sich zur Tür zurück und weitere Befehle. Das Zimmer war chst ganz so, wie es schvn zu Lebzeiten des alten Grafen geweseii war ^L^twas prunkvoller vielleicht. Aber die Bilder der pol- sahen iivch ebenso starr herab, über denk Schreibtisch hing das große des zweiten Stanislaus, und manch altes Gewaffen war zwischen die einzelnen verteilt x d^^roßen Schritten ging Napoleon im Zimmer auf wuß??er^ ^ ^ t0nnteX Um aU ber Aufregung, das

Bartek!"

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"Zwei Flaschen, aber aus der Pariser 3eit"

Nun war er allein. Er reckte die Arme. Dann sebtc er sich an!den Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hand Der öen Sekt, öffnete eine Flasche, goß ein Der

rüh rte sichecht. Dann ivaickte er sich langsam. Setn

*) Untzvlo-e Geister.