Ausgabe 
13.12.1916
 
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Kömgsträume.

Roman von Karl Busse.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

-Der Mann, der jetzt im Schlitten durch die nordische Winternacht nach seinem Gute fuhr, lächelte. Der Frost war stark, die Gäule dampften, uns dem Walde bellten manch­mal hungrig die Füchse.

Und er, er dachte jetzt an das heiße, berauschende Leben in Paris, an weiße Schultern und leuchtende Augen, an Fächer, die seinen Fürwitz gestraft, an rote Lippen, die im großen kreise in konventioneller Zurückhaltung mit ihm geplaudert und nachher ihn verschwiegen geküßt hatten, wild und süß und jugendtoll. 0, er hatte Glück gehabt bei den Frauen. Trotz der starken Einwanderung galt ein junger reicher Pole aus einem der ältesten Adelsgeschlechter noch immer etwas in Frankreich. Und das Unglück des gekuech-, teteii Polens rührte die schönsten Damen so, daß sie in Huld und Güte dem Sprossen dieses Landes entgegenkamen.

Er seufzte. Dann starb die Mutter. Er müßte nach Hause.Ich sehe Sie schon sitzen, lieber Graf," hatte die kleine, geschmeidige Gräfin Corignon am letzten Abend ge­sagt,tief im Schnee in Ihrer alten Burg, und draußen heulen die Wölfe, uiiD die Wälder knarren, und kvcnn irgend so eine Nachteule schreit, schrecken Sie auf, und es friert Sie bis ins Herz, denn Sie sind fort von Paris und tonnen Mir nicht mehr die Hand kiissen, und hören die Wölfe statt der Tanzmusik. Sie dauern mich wirklich!"

Wenn es auch nicht gar so schlimm ward, viel besser schien es ihm zuerst wirklich nickt. Er war ein Fremder in der .Heimat. So machte er bald, daß er wieder fortkam. Bis schließlich vor drei, vier Jahren der Tod des Vaters, ihn ganz heimrief.

Erst da sah Napoleon Rutkowski, wie reich er lvar. Ob auch der Besitz nicht mehr ruit dem zu vergleichen war, den die Familie noch oor hundert Jahren besessen, es blieb doch genug und übergenug, und kein polnischer Magnat konnte sich mit ihm messen. Mit einer gewissen Rührung kon­statierte er vor allem, wie sehr sein Vater gespart hatte. Wofür?

Er sann lange nach Gerade saß er am Schreibtisch. Da fiel sein Blick auf das Bild des Königs auf das Bild Stanislaus des Zweiten. Er wurde rot, suchte und klappte die Bücher zu. Sein erster Entschluß war es gewesen, sofort wieder zurückAukehren nach demHerzen der Welt", nach Paris. Rin einen passenden, tüchtigen Verwalter brauchte er für die Güter. Er sah sich lange vergeblich um. Und langsam gewann während dieser Zeit die Vergangen­heit wieder Macht über ihn, das alte Ächloß, darin er als Kind gespielt, Stanislaus der Zweite, dessen Krone er hatte haben wollen, die einsame Heimat.

Viel tat dazu der Verkehr mit seinen näheren und fer- ^ neren Gutsnachbarn. Die ungeheure Hochachtung, die sie dem berühknten Namen, dem Verwandten ihres letzter! Königs, dem Sohne des besten Mtters der heiligen Jung­frau, entgegenbvachten, schmeichelte ihm. Wo er auch hin- kam, sein Naine brauchte nur genaimt zu werden, und es^- gab keine Riegel. Allmählich gewöhnte er sich so daran, daß er das für selbstverständlich nahm. Und ob er auch keine Königsträlune mehr träumte, wie ein König residierte er aus Mnchocin.

So verschob er seine Abreise immer mehr. Als er schließ­lich auch den tüchtigen Verwalter gesunden hatte, wollte er erst sehen, ob auch die Dinge richtig in Gang kamen und er sich aus den neuen Manu verlassen könne. *

Und weiter: auch Bartek Zychod, der ihn bisher stets begleitet hatte, verzog in Todesangst das Gesicht, wenn er nur von Paris hörte.

He, Alter, warum willst du nicht mit?" hatte er ihn eines Tages gefragt.Werden die Beine steif?"

Das kränkte den trenen Bartek.Euer Gnaden," sagte er,wenn es sein muß, will ich mich von Mnchocin auf den Weg machen und bis nach Paris laufen."

Na also, was ist es denn?"

Da hatte der alte Diener sich kerzengerade aufgereckt und seinem Herrn starr in die Angen gesehen.Euer Gela­den, der letzte Graf Rutkowski darf jetzt nicht fort jaus Polen. Wir werden, denk' ich, zu tun kriegen, und sind hier nötiger als in Paris."

Bald daraus brachen in Warschau die ersten Unruhen aus. Das war im Februar 1861. Im Oktober desselben Jahres gab es wiederum blutige Köpfe. Das Revotutious- komitee in Paris lvar in vollster Tätigkeit, um den all­gemeinen Aufstand vorznbereiten. Als Nesse des Fürsten Adam Czartoryski, der in Paris gleichsam als polnischer Geschäftsträger fungierte, ward Napoleon Rutkowski natür lich herangezogen. So lauge die weiße, aristokratische Partei die Führmrg hatte, hielt er treu zu ihr. Als jedoch die Re­volution tatsächlich ausbrach, die Demokraten dieWeißen" des Verrats beschuldigten, die Geivalt an sich rissen und offen als Ziel des Aufstandes eine freie Republik Polen verkündeten, zog sich Napoleon Rutkowski mit vielen an deren achselzuckend zurück. Er, der täglich das Bild dieses Stanislaus vor Augen hatte, der Königsträume geträumt hatte, der stolz war auf seine Verwandtschaft mit «dein letzten König, er wollte nur ein Königreich Polen oder gar keins?

Bielseicht lMte er sich, lvie die meisten seiner Landsleute, aber doch nach kurzem Grollen entschlossen, die aufständische Bewegung weiter zu fördern, lvenn nicht etwas Großes und Neues dazwischen gekommen wäre, was alt diesen Dingen ein verändertes Aussehen gab.

Das war seine erste Begegnung mit Hans Albert von Graßnick und seiner Tochter Hanna. Da der deutsche und polnische Adel untereinander keinen Verkehr pflogen, so