Ausgabe 
11.12.1916
 
Einzelbild herunterladen

699

hatten. Es ist ja noch in frischer Erinnerung, wie die zwei Jahre für unerschütterlich gehaltene Front im Westen unter einer er­neuten Offetrsive der Franzosen und Engländer mit ihren portugiesischen, afrikanischen, indischen und indianischen Hilfs­truppe:: jäh zusammenbrach, und bald darauf auch die Ostfront ins Waiden geriet.

Tie äußeren Ereignisse, die Schlachtentaten, die Gefechtspläne sind bekannt. Aber dasWarum" bohrt noch in jeder Brust, die verzweifelte Frage, warum denn dem Feinde im dritte,: Kriegsjahre das gelingen mußte, was bis dahin kein Mensch innerhalb und außerhalb Deutschlands für inöglich gehalten hätte.

Wir müssen es hier offen aussprechen: Der Sieg, den unsre Feinde niemals aus eigener Kraft hätten erhoffen können, er fiel ihnen aus Deutschlands Innern heraus mühelos in den Schoß. Nicht ihr Menschennraterial, mcht ihre Artilleriemunition, nicht ihr Gold, mcht ihre Seeherrschaft konnten den Wall der deutschen Landesverteidigung brechei:. sie wurden seiner erst Herr, als das deutsche Volk selber seine Verteidigung preisgab.

Daran müssen wir hier erinnern. Und Ovar deshalb, well diese Tatsache niemals als großes Ereignis zutage getreten und deshalb bisher unbekannt geblieben ist. Es waren Millionen Kleinigkeiten, die wie eine schleichende Seuche fortfraßen, die sich wie ein Herd tod­bringender Mikroben im Volkskörper eingenistet hatten, der Kranke fühlt wohl sein Elend, aber er kennt die Kleinwesen nicht, die es ihm bereiten. Bon diesen Kleinigkeiten, diesen Krankheits­bazillen, hat keine .Zeitung im Fettdruck berichtet, sie wurden nicht als Extrablatt verkündet, aber sie waren da, fräße:: nnd wühlten, und so kam es, daß- der scheinbar kraftstrotzende Körper eines Tages nwrsch ztffammHrbrach.

Und jetzt erinnert Euch einmal der vielen Frauen, die ihren Männern jammernde Briefe ins Feld schickten, ihnen das ein­geschränkte Leben daheim als schwärzestes Elend malten (wußten sie wirklich- nichts von den Strapazen und ^Entbehrungen der Front?) und so Mutlosigkeit nnd düstere Stimnnnrg in die Reihen der Unerschütterlichen säten. Brach nicht nrancher, den fünf hungernd durchwaMe Regennächte im Schlammloch nicht hatten umiverfen können, niedergeschmettert zusammen, als er in Briefen von daheim (in einer dluswallung schlechter Laune geschrieben) mit angeblich un­erträglichem Elend der Seinen gequält wurde?!

Das ist Nur eine beliebig herausgerissene Spielart des verderb­lichen Bazillus. Eine andere verkörpert jener Arbeiter Wilhelm Packheister, der tagtäglich in der Arbeitsstelle und am Mer Usch wiederholte:Ich bin Proletarier, ich habe nichts zu verlieren Von nur ans ist eS ganz egal, ob die Russen oder Engläiwer über uns herrschen."

Bon diesen: Wilhelm Packheister soll einiges berichtet werden.

Als er aber hörte, daß die deutsche Regierung den Frieden nach- gesucht hatte, überlief Wilhelm Packheister ein Gefühl selbstbewußter Genugtuung. Das hatte er intimer gesagt, dahin mußte es noch kommen! Aber jetzt war doch wenigsteits derdaumlige Krieg" zu Ende, morgen würde er wieder nach Herzenslust essen und trinke::, Hit Leben der Erleichterung und allgemeinen Freude würde angehen, in den: er, Wilhelm Packheister, sich, einmal richtig ! weder würde Mensch fühlen können. Aus den Straßen, in den Wirts­häusern gingen die Menschen tut jenem Abend stumm nnd wie von Schau: gequält aneinander vorbei. .An Wilhelm Packheisters Stannutisch, aber ivurde ein Hoch nach denk andern ans den Frieden ausgebracht.

Aber der nächste Tag brachte die ersten Enttäuschungen. Tic fremden Regierungen zögerte:: uänllich,, den deutschen Friedens­borschlag anzunehmen, obwohl er ihnen bedeutende Vorteile sichere. Jetzt sich als Sieger sehend schwoll ihre Gier erheblich an, bei einen: Teil steigerte sie sich, ins Unermeßliche. Gewiß waren auch Stimmen der Vernunft zu hören, die rieten, sich mit einem mäßigen ehrenvollen Gewinn zu bescheiden, aber sie wurden tot- geschrieen durch das Rache- uird Vergeltungsgeheul einer von dema­gogischen Preßagenten fanatisierten Menge. Die Erbitterung und Enttäuschung zweier ergebnisloser Kriegsjahre machte sich jetzt Lust; in Paris bildete sich ein KlubKeine Gnade," eine englische Frauenliga bearbeitete die hervorragendsten Friedensfreunde ihres Landes mit der Reitpeitsche, gewiß lächerliche Auswüchse, die aber bitterer Ernst wurden, angesichts der erregten Parlaments- debatten, in denen ungeheure Mehrheiten jedes Ministerium mit schmachvollem Sturz bedrohten, das es ablehneu würde, den ruhm­reichen Sieg durch einen Deutschland zerschmetternden Frieden zu krönen.

Ja, nich-t eiuiual die Hungerblockade um Deutschland hob Eng­land auf. Der englische Premierminister war es selber, der das scharfsinnige Bild prägte:Deutschland gleicht in diesem Augenblick einem in der Grube gefangenen Raubtier. Wollen wir es zähmen nnd ihm seine bösen Instinkte austrciben, so müssen wir es in erster Linie dauernd unter strenger Aufsicht und bei schmaler Kost halten." Das letztere war Wilhelm Packheister besonders unangenehm. Wo bisher über Nahruugsmittelknappheit geklagt worden war, hatte er Mit Stentorstimme auf die Regierung geschimpft unb int Brustton unantastbarer Ueberzeugung erklärt:Die Kerle sollten nur Frieden schließen, da würden wir schon satt zu essen haben." Jetzt schlossen -die Kerle" Frieden, und was geschah? England erklärte,zn-^ nächst" nndbis zur Erlangung völliger Sicherheit" die Hunger­blockade noch! aufrechterhalten zu müssen. Ja, im Parlament ließ der Premier durchblicken, daß man dies glänzende Mittel, Deutsch­

land in dauernder Unterwürfigkeit zu halten, überhaupt nicht mehr ans bec Hand geben würde.

Auch die feindlichen Heere stellten ihren Vormarsch keineswegs ein. Es war ja niemand da, der für bas zertretene Deutschland hätte eingreisen können, ::ndje mehr man'hat, desto mehr kann man fordern" äußerte zynisch der russische Generalissimus, als ihm ein Waffenstillstand angetragen mürbe.

Sv kan: die Stadt, in der Wilhelm Packl-eister arbeitete, nnter russische Herrschaft. Bon der UebergangSzeit, in der die Bevölke­rung alsfeindliche" behandelt wurde, soll hier ganz geschwiegen werden. Später kamengeordnete" Zustände, da die Russen auf den dauernden Besitz dieses Landstriches rechneten. Nun, nnserm Packheister war es ja egal, ob er unter deutscher oder russischer Herrschaft stand. Freilich brachte der Wechsel der Regierung gleich von vornherein allerhand Scherereien, alles wurde auf russisch umgetauft, in der Schule russisch gelehrt, die Behörden verlangten, daß man sich, auf 'Russisch an sie wende usw.

Alber dann kam das Unerwartete. Die Unternehmer setzten mit Hinweis auf die Kriegsschäden, die sie angeblich erlitten hätten, den Lohn herab. A:ich Packheister war unter den Betroffenen. Natürlich! erwartete er das Eingreifen seiner Gewerkschaft. Aber als diese nach vergeblichem Unterhandeln den Streik erklärte, erschien die Polizei in Begleitung der Kosakei:. Das Bttreau der Gewerk­schaft wurde geschlossen, die Kasse beschlagnahmt, die Fichrer wurden verhaftet, vor ein Kriegsgericht gestellt jetzt herrschte der Belagerungszustand auch im Frieden fort nnd nach Si­birien verschickt. Tie Arbeiter streikte:: trotzdem weiter. Aber jede Versammlung, jede Zusammenkunft war verboten. Als sie es trotzdem versuchten, sprengten die Kosaken dazwischen. Es gab viele Tote und Verwundete.

Unter diesen ivar auch, Wilhelm Packheister. Eine ungeheure! Erbitterung hatte sich seiner bemächtigt. Als daher von gewisser Seite die Aufforderung an ihn erging, einem Geheimbunde gegen die russische Regienmg beizntreten, fand der Vorschlag bei ihm wlllige Aufnahme. Es waren aber Spitzel dabei, die Sache kam heraus, und Wilhelm Packheister erhielt, obwohl nur seine Mit­gliedschaft feststand, eine schwere Gefängnisstrafe.

Und da in der Gefängniseinsanckeit- kau: ein seltsames Gefühl über ihn: er, dem es ganz egal gewesen war, ob Russen, Engländer oder Franzosen über ihn herrschten, wollte um jeden! Preis wieder Deutscher sein.

Von einer abenteuerlichen Flucht soll hier nicht geredet werde::. Es genügt, zu wissen, daß er nach mannigfachen Gefahren in das Restdeutschland man hatte trotz allen Sieaesübermutes doch noch solch ein Runtpfgebllde bestehen lassen müssen gelangte.

Atbcr neue Enttäuschungen erwartete:: ihn hier. Wohin er sch wandte, herrschte drückeiwste Not mll> Arbeitslosigkeit.Tie Eng­länder verhinderten ans jede Weise, daß wir unsre Industrien wieder aufrichten", klagte es ihm ans allen Ecken eittgegen. Tie Branche, in der er selber arbeitete und in der er früher in fünfzig Städten Arbeit gesunden hätte, war so gilt wie ausgeftorben.Wo sind denn die Kollege::?" fragte er. Ein Teil war nach Amerika, wo es ihnen nicht gut erging, denn der Massenandrang deutscher Aus­wanderer hatte ein Ueberangebot von Arbeitskräften erzeugt. Zu- denr wtrrden sie von dem englischen Volke als Besiegte betrachtet und als Lohndrücker gehaßt. Tie meisten waren in Deutschland geblieben :titb lebten kümmerlich. 3Cnt meisten klagte man über den riesigen Steuerdruck.Das laßt Ihr Euch von der Regierung bieten?" fragte Packheister erregt. Lluch die Regierung ist ja ohne Einfluß, wurde ihn: erwidert, die Steuern werden von den fremden Mächten vorgeschrieben, die ihre Kriegsentschädigung um jeden Preis hereinhabcn wollen. Sie legen alle Steuer:: auf die breiten Massen, weil ihnen das der bequemste Weg ist, Geld einzutreibelr.

Unter den Nachwirkungen des Gefängnisses die russischen Gefängniseinrichtungen waren wie vor dem Kriege unerhört wurde Packheister lungenkrank. Eine Krankenversicherung, öffentliche Heilstätten gab es :ncht mehr. Für Sozialpolitik war in Deutsch­land kein Geld n:ehr vorhanden. Mte und invalide Arbeiter ver­kamen. Alle Ansätze, die zun: Schutze der Schwangen:, der Säug­linge, auf den: Gebiete der Wohnungsreform, des Gesundheits­wesens vor dem Kriege gemacht waren, starben aus Mangel an Mitteln ab. Tie fremden Mächte forderten unbarmherzig alle verfügbaren Gelder für ihre Kriegsentsch-ädiguny. Und bei alleden: wütete die künstlich erzeugte Hungersnot Infolge der englischen Maßregeln fort.

Von Packlmstcrs fünf Kindern gingen drei zugrunde. Man kann gerade nicht sagen, woran sie starben, aber sie wären wohl leben geblieben, wenn das Elend nicht gewesen wäre. Er selbst fühlte sich unrettbar der Schwüchsucht verfallen. Er sah sein kläg­liches Ende sicher vor Augen-

-und erwachte schweißgebadet von einem starken Klopfen

an der Tür. Es war die Botenfrau, die wie allmorgeirdlick die Zeitung brachte. An der Spitze stand in großen Lettern:Alle feindlichen Angriffe abgeschlagen."

Gott sei Tank!" murmelte Packheister mit sicht!iet>er Be­friedigung.War das ein dummer Traum!"

Bon diesen: Tage an war er nachdenklich, und als ihn: einmal ein Kollege sagte:Es ist ganz egal, wie der Krieg endet, it»cntt er nur anshört," lächelte er still und meinte:Es wäre gut, »nenn alle Menschen die Folgen ihrer Worte im voraus träumen könnten "