Oh?. Das einzige Kind ward von allen verwöhnt. Wenn sein Vater mit dem Inspektor arbeitete, durfte er auf dem Teppich ün Zimmer spielen. An den Wänden hingen die Bilder der polnischen Könige. Das letzte und größte sah auf den Schreibtisch hinab, an dem der Vater saß. Oft wies Barlek Zychod heimlich mit dem Finger danach und sagte: „Sieh' es dir an, Söhucheu, der letzte König von Polen, die Teilung brach ihm das Herz. Gott helfe uns allen uitb Polen insbesondere! Der da hängt, ist der Großonkel deines Vaters. Dein Urgroßvater und König Stanislaus waren rechte Vettern. Es kann eine Zeit kommen —"
Aber erschrocken, als dürfe er nicht weiterreden, hielt Bartek Zl-chod sich den Mund zu. „Bereite dich vor," murmelte er. „Die Rutkowski, die Czartoryski und Ponintowski — große Namen, Söhnchen, große Namen! Doch wo sind die Poniatowski geblieben? Erbarme dick), heilige Jungfrau! Bleiben noch zwei Namen, so oder so! Wenn ein neuer Körnig von Polen kommt, einen davon wird er führen, so wahr ich Bartek Zychod heiße und meinem gnädigsten Herrn treu diene."
Der Knabe verstand nicht alles. Aber er sah das große Bild an, das über dem Schreibtisch hing. Er sah Krone und Zepter, Purpur inrd Hermelin. Die Krone besonders tat es ihm an. Es mußte sich schön damit spielen lassen, hei, wie sie rollen mußte, wenn man sie auf dem Fußboden entlang kollerte. Und einst, die Mutter saß im Sessel, der Vater hatte die Hand auf die Lehne gestützt, sagte der Knabe, der sich langweilte: „Ich will auch eine Krone, Papa, wie sie der König hat." Und die Hände griffen in die Lust, während die Blicke unverwandt am Bilde hingen.
Erstaunt sahen die Eltern sich an.
„Und warum, Napoleon?" fragte der Vater.
„Spielen möcht' ich," antwortete das Kind. „Das andere Spielzeug ist immer dasselbe."
^ Ernst und mit seltsamen Augen nahm der Vater seinen Sohn empor. „Sieh' sie dir in der Nähe an, Kind," sprach er und hob ihn über den Schreibtisch, „mit Kronen spielt man nicht!"
Und leiser, zur Mutter gewandt: „Höchstens um Kronen."
„Was sagst du, Papa?"
„Nichts, Napoleon!"
Erstaunt wandte der Knabe den Kopf. Bartek Zychod, der Diener, stand bescheiden an der Tür. Er hatte die Hände gefaltet und ließ den Blick nicht ab von ihm, nicht ab von dem kleinen Napoleon Rutkowski.
Er ward älter. Bartek Zychod lief ihm wie ein treuen Hund nach. Er ließ sich schlagen, treten — es tat nichts. Er gehorchte dem Kinde fast eifriger als den: Vater. Und ob der alte Rutkowski aus guten Gründen auch verbot, daß Bartek zu oft mit dem Knaben zusammenstecke, Bartek trotzte dem Verbot und kauerte sich im Park neben die Schaukel hin und erzählte dem jungen Herrn vom König Stanislaus, seinem Vorfahren, von dem Unglück des Vaterlandes, von: letzten Freiheitskampf.
Unter dem Bilde hing ein Säbel. Der Vater hatte ihr der Grochow und Ostrolenka geführt. „Mir scheint," lacht« Bartek Zychod, „er ist noch rot vom Moskowiterblut. Keir Polensäbel, keine Sense ward 1830 und 1831 röter als er' Und leise raunend erzählte er von Heldentaten, die de^ Knaben Vater getan. Der beste Ritter der heiligen Jungfrau M hatte ihn ein Priester genannt, und der Name verbreitet, srch bald rm ganzen Heere. Das alles hörte Napoleon vor dem treuen «Diener. Und der Knabe träumte seltsame Königs träume, in denen er mit der Krone spielte und das Zeptei wie einen Ball in die .Höhe warf und wieder ausfing.
Als Napoleon Rutkowski sechzehn Jahre alt war, rie rhn der Vater ins Zimmer. Zum erstenmal hörte er am seinem Munde, was er durch Bartek längst wußte, wenn aucl Bartek ostlverworreues Zeug geschwatzt. Die nahe Verwandt schuft mit den Czartoryskis und durch diese mit Stanis laus II. von Polen ward ihm erklärt, und bewegt ermahiit der Vater den Jüngling, die Tradition heilig zu halten und wie er's getan, als Mann einst auf der Wacht zu stehen Vom weißen Adler sprach der Graf und voin Vaterlande, dw geknechtet ain Boden liege. Und mm erfuhr er auch, we^hall er Napoleon hieß.
„Der große Kaiser," sagte der Alte, „hatte ein Herz fü Polen, ob die Leute auch anders reden. Er hatte schon be gönnen, ein selbständiges Herzogtum Warschau zu schaffen Er hat es 18(19 vergrößert. Er zog 1812 zur Besiegung Miß
lands aus, und wäre er als Sieger heimgekehrt, lebten wir heute in einem freien Königreiche Polen. Das wußteii die hunderttausend Polen, die uiiter ihm fochten. Sein Fall war auch unser Fall. Die Flammen Moskaris begrubeir seine Macht und ilnsere nationalen Hoffnungen. Aber so lange ich lebe, werde ich liicht aiifhören, für den Toten von St. Helena zu beten. Nach ihnr heißt du Napoleon, nach jenem dort Stanislaus. Vergiß das niernals, mein Sohn. Wenn mich ilicht alles täuscht, steigt drüben im heiligen Frankreich ein neuer Stern empor: der Siegerstern oes ersten Kaisers. Ein Napoleon sitzt auf den: Präsidentenstuhl, aber ein Napoleon bleibt nicht beim Prinz-Präsidenten stehen. Vielleicht-führt der Neffe einst aus, was der Onkel nicht konnte. Dann siehe zu, daß du deine Zeit nicht versäumst!"
„Wie meinst du das? Was soll hch^tun? Willst du mir nicht mehr sagen?"
Da wandte sich der Vater, sah aus den: Fenster und sprach fast heftig: „Geh', geh', ich will allein sein!"
Doch an der Tur hörte er seinen Nmnen rufen: „Napoleon!"
Der Vater hatte ihm wieder das Gesicht zugekehrt, mit übereinandergeschlagenen Armer:, wie es der abgöttisch von ihm verehrte große Kaiser geliebt, stand er da. Und langsam, mit eindringlichem Ernst, sagte er: „Jeder Mensch bestimmt selbst über sein Leben und Streben. Es gibt Dinge, wo jeder Rat, wie er auch cuBsallen möge, Frevel ist. Was ich jetzt spreche, verstehst du noch nicht; aber es wird ein Tag konrmen, wo du es verstehen wirst. Dann wirst du dich entscheiden."
Ein leichtes Neigen des Kopfes, und noch verwirrter verließ der Jüngling das Zimmer. Nicht lange darauf, früher als andere, ging er zur Universität. Auf den Knien bat Bartek Zychod, er möchte ihn mitnehmen. Der Vater war dagegen, die Mutter dafür. „Bartek ist treu," sagte sie, „einen treuen Menschen kann Napoleon inrmer brauchen." So ward denn der Diener dem Sohne mitgegeben. In Warschau und Lemberg ward der junge Gras sehr gefeiert. Sein Rang und Reichtmn erschlossen ihm jede Pforte. Von Lemberg aus ging es nach Paris. Dort nahn: ihn der alte Fürst Wan: Czartoryski wie einen Sohn auf. Er küßte ihn: die Hand und nannte ihn Onkel. Inzwischen war die Vermutung seines Vaters verwirklicht worden. Aus den: Prinz- Präsidenten war der Kaiser Napoleon III. geworden, vor dem der junge Graf Rutkowski sich in den Tuilerien verneigen durfte. In: Hause seines Onkels fand er die bedeir- tenosten polnischen Emigranten. Er hörte sie rede,:, Pläne schmieden, über den Stand der vaterländischen Dinge berichten. Viele der Worte seines Vaters lvurden ihn: klarer.
Aber er war jung, und Paris war groß. Das junge Kaiserreich wollte Pracht und Frohsinn. 'Man inußte die Stadt bei guter Laune erhalten. Es war eine Zeit der Feste und Freuden. Mit heißem Herzen stürzte sich der junge Pole hinein. Der weiße Adler war fern — aber berückend nahe waren die weißen Schulter:: schöner Frauen, und der Wein duftete in den Kelchen, und die Blumen dufteten aus dunklem Haar, während die Seide knisterte und die Musik wundersam berauschende Weisen spielte.
(Fortsetzung folgt.)
Die deutsche Niederlage.
(Eine Phantasie.)
Den Leuten, die ungeachtet der wiederholt bekundeten Abneigung Englands gegen einen Friedensschlnß wähnen, du deutsche Regierung könne doch ein Ende des Krieges! herbeiführen, wenn sie nur wolle, wird in der „Sozial- demolrattschen Feldpost" eine erstischend derbe Lektion ertcrlt. Weil der Aufsatz in sehr treffender Weise di 5 Gefahren beleuchtet, du eine Förderung solcher Verdrießliche keitsstunmung mit sich bringt, drucken wir ihn hier ab In Nutz und Frommen aller, die es angeht.
So war es denn wirklich gekommen. Tie Feinde Deutschlands hatten den S:eg errungen. Köln, Mainz und Straßburg befanden Nch m der Gewalt der Franzosen, die russische Dampfwalze malmte über Ost- und Westpreußens zertretene Fluren bis ins Herz der Provinzen Pommern und Brandenburg, Schlesien röchelte iw Verzweiflungskampf, und /ben schickten englische Dreadnoughts (Eroßtämpfichllse) sich au, Hamburg zu bombardieren. Da entschloß sich die deutsche Regierung, unf der Bevölkerung weitere nutzlose Leiden £11 ersparen, be: ben verbündeten Regierungen der Entente um Frieden uachgusuchen.
. Es soll hier nicht noch einmal all das Weh der traurigen Er- ngmge aufgewühlt werden, die diese Katastrophe herbeigeführt


