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Meßfehler, sind kotal kurzsichtig, und Nnl der Leber soll es doch Ml-ch nicht sttmmen, wie?"
„Was gar," brnnimte Speckhuber, „die paar Fehler, freute Putag sieht inan aus sowas nimmer so genau. Heutzutag können s ledeir Mann gebrauchen!" '
„Jawohl, aber auch hinter der Front, nämlich die, welche d:e Strapazen nicht anshalteir. Denken Sie an Ihre Gesundheit, Herr Speckhuber!"
„Eben weil ich an meine Gesundheit denke, werd' ich mich jetzt ausheben lassen," beharrte Speckhuber. „Nämlich ich habe Erholung dringend nötig, das hat auch der Arzt gemeint."
„Und zur Erholung ^vollen Sie —? Na, hören Sie mal, ein Schützengraben bst doch kein Kurhotel, mein Lieber!"
„Kommen Sie mir auch etlva mit den: Schützengrabenschreck?" tzÄrnte Speckhuber. „Ich sag' ja, es ist eine Manie, eine Massenpsychose, eine —"
„Aber immun regen Sie sich denn auf, Herr Speckhuber?"
„Nein, da soll män nicht aus der Haut fahren. Ja, wenn's nicht so widersinnig wär, aber" r
„Wollen Sie nicht deutlicher werden? Vielleicht, daß ich Ihnen —"
„Deutlicher?" stöhnte Speckhuber, „ja wo sang' ich da an? Das verfolgt einen ja wie's leibhaftige Nervenfieber. Nirgends ist man sicher. Besorge ich mir da neulich ein Paar neue Schuhe. Ich hatte sie irötig, drinaend nötig. Die alten hatten bereits Italiens Kriegserklärung unv den deutschen Vorinarsch im Osten mitgemacht. Komme ich zu meinem alten Schuhlieferanten. Uebrigens, die Preise waren nicht von Pappe, aber die Sohlen natürlich. Nach drei Wochen hätten sie keine Siegesfeier mehr ausgehalten. Ich beschwere mich. Sagt mir der Mensch: „'s ist Krieg, Herr Speck- huber. Kommen Sie mal erst in den Schützengraben, Herr Speck- huber!" —
Mein Schneider liefert wir — rus Gnade und Barmherzigkeit sage ich "Ihnen, denn er hat Kriegsarbeiten in Hülle und Fülle — einen Anzug. Natürlich bat alles iroch Friedensmaß. die Hosenbeine schlampen und die Weste schlägt Fullen, wie eine Tragödie, als ob man nickst fünsundzivanzig Monate durchgehalten hätt'!
„Ich muß mich aber doch sehr wundern, Herr Bartmuß, daß Sie solche Arbeit ablieferm" sage ich.
„Wenn S' erst im Schützengraben sind, Herr Speckhuber," sagt der vorlaute Mensch, „nachher wundern S' sich überhaupt Über nix mehr!"
Im Schlafzimmer meiner Wohnung regnet es durch, daß die Masurischen Seen nix dagegen sind. Sechsmal schickte ich zum Hauswirt, er möchte sich oie Bescherung ansehn. Endlich kommt er, betrachtet die Seen, die Zimmerdecke, wiegt den Kopf und brummt: „Jessas, Herr Speckhuber, allweil die Aufregung um die paar Tröpfln? Sie, wenn S' im Schützengraben wären, würden S' lachen über die Tröpstn, also wissen S', was so an richtinga .Unterstand is —"
„Schon gut," sag' ich, . Herr Bleichinger, entlveder, wir sind im Schützengraben, dann bezahl' ich keine Miete, oder wir sind —"
Aber das ist noch nicht alles. Gestern, zum Exempel, kauf ich Aepfel. Ja, was weinen S', die Hälfte :st grundverdorben. Als ich sie zu der Frau zurückbring', fängt das Weibsbild an zu greinen: „In: Schitz'ngrab'n wär'n S' froh, wenn S' a sol
chen e hätten, Herr." Und sie wär eine ehrliche Person, die zwei Söhne iw Krieg hätt', und solche Anspriich' zu machen, ob sich das in so ernster Zeit gehörte. Tie Leut' blieben steh'n, sag' ich Ihnen, Inld es hatt' nicht viel gefehlt und mm: hätte mich gesteinigt.
Was sage ich, wo uh geh und stehe, wohin ich komme, — ich brauch nur den Mund aufzutmr, gleich heißt's: „Sie, wenn S' im Schützcngrab'n wären —" Ich sage, ist das nicht, um aus der Haut zu fahren. Ja, wenn sie wcirigstens recht hätten, die Leut' mit ihrem Sckiützengrabenschreck. Aber da lesen S' nur die Karten von imein'm Schwager, der sckwn so ein Jahr im Osten steht, lesen S' nur!"
Speckhuber hielt mir eine Feldpostkarle unter die Nase. Verwischte Bleistiftzeichen, kaum mehr zu entziffern, besagten: „Lieber Schwager, tu dich nicht gar so hart mit deinen Liebespaketchen. Wir werden hier so extra iwoel verpflegt, alles, was des Kriegers Herz begehrt, ist vorhanden. Und Fett- rmd Brotkarten, womit chr Aermsten euch abhaspeln nulßt, gibt's dahier nicht. Sogar a Bier Hammer, proscht! Dein Franz."
Postskriptum: „Hoffentlich geht's bald wieder to an den Feind!" Der Obige.
Na, was sagen Sie nun, hä?" Mr Aermsten," schreibt er, ist das zu glauben? „Ihr Aermsten!" Nächstens wird er mir noch Liebesgaben schicken, statt umgekehrt. Und da reden die Leut': „Wären Sie mal erst in: Schützengraben, Sie llnzufri ebener, Sie Nörgler, Sie Grandlhrlber, Sie —." Ja, w ä r' i ch nur erst im Schützengraben!"_
Pirmasens unk» vuchsweiler.
Kin Volksbuch zum 25jährigen Re gie r UN g Sj u b i- lläum des Groß Herzogs.
So betitelt sich »ein in diesen Tagen von Karl Esselborn heraus- KegebeneS hessisches Volksbuch Es ist Sr. Kgl. Hoheit, dem Groß- berzog Ernst Ludwig zum 13. März 1917, dem 25. Jahrestag, keines Regier::n gsan tritts, geioidiuet. Tie Sammlung der hessi
schen Volksbücher ist ein Unternehmen, das dem Namen deS Herausgebers Prof. D. Wilhelm Diehl in Friedberg alle Ehre macht. ^ ist tatsächlich ein edles und schwieriges Unterfangen, spröde geschichtliche Stoffe so zu glätten und zu bearbeiten, daß sie einer größereu Menge nicht nur vertraut, sondern auch lieb und wert werden. Was im Verlauf der deutschen und der hessischen Geschichte nur eine Episode tvar, die Hessenzeit der Grafschaft Hanau-Lichten- berg, das erscheint, eingereiht in die Zusammenhänge der Kultur- Seschlchte, als ein in reizvollen Farben ausgemaltes, charakteristisches Bild von dem Leben und Treiben eines kleinen deutschen Hofes in der stillen Llbgeschlossenheit seines Herrschastssitzes.
Mit dem Tode des Grafen Johann Reinhard von Hanau, am 28. März 1736, fiel der im jetzigen Unterelsaß und der Pfalz gelegene Besitz an Lndlvig VIII. von Hessen-Tarmstadt, der am 12. Dezember 1739 als Nachfolger Ernst Ludloigs die Regierung der Landgrafschast übernahm. In Buchsweiler und Pirmasens residierte der Erbprinz Ludwig, der spätere Landgraf Ludwig IV., der sich 1741 mit der Prinzessin Karoline von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld vermählte. Ein eigenarttges staatliches Sonderlehen entwickelte sich in den linksrheinischen Besitzungen des Hauses Hessen-Darmstadt. Wenn wir heute mit offenen Augen in den Teilen unseres Vaterlandes rrmherwandern, wo uns der Zustand der Kultur des 18. Jahrhunderts am unmittelbarsten entgegentritt, in den Gebieten des alten schwäbischen, fränkischen und oberrheinischen Kreises, so erstaunen wir vor der stummen Vornehmheit dieser alten Herrensitze, wo in behaglichem, ruhigen: Dasein eure geistig hoännteressaE Gesellschaft der Muße ihres Verkehrs und der Freude ihrer geistigen Arbeit lebte. Von Buchsweiler und seinem Hofleben war auch Goethe aufs tiefste ergriffen, und von ihm stammt der Name der „großen Landgräfin", mit dem er Karoline von Hessen bezeichn nete. Er hat im zehnten Buche von Wahrheit und Dichtung mit der ganzen Liebe seiner- Schilderung ein überaus anmuttges Bill» von dem Städtchen entworfen. In den Aufzeichnung gen eines ungenannten alten Buchsroeilers aus dem Jahre 1838, die Goethes Betrachtungen wirksam ergänzen, heißt es: „Aus der Jugendzeit meines Aufenthaltes in Buchsweiler ist mir das prächtige, mit Tor- und zwei Seitenflügeln versehene und einem tiefen Wassergraben stehende Scüloßgebäude nebst demt daran stoßenden kleinen, niedlichen und geschmackvoll mit Statuen gezierten Garten in frischem Andenken. In letzteren befanden sich zwei lange Orangeriegebäude und ein bedeutendes Gewächshaus. Mcht weit davon entfernt befand sich eine zahme Fasanerie mit den: schönen, in dem Haine stehenden Gebäude. Unweit des Schlosses stand das große Regierungsgebäude mit Turin und Uhr, die hanauische Kanzlei genannt, der Marstall, der sogen. Ackerhof. ein weitläufiges Gebäirde mit dem herrschaftlichen Fuhrwerke, woher jahraus jahrein jeden Samstag Träger mit Gemüse und Obst aus dem dortigen Küchengarten, sowie Wildbret, Geflügel und Fische an die fürstliche Hoflialtung in Pirmasens befördert wurden. Llußerhalb der Stadt, am sogenannten Holzhof, befand sich ein sehr weitläufiges, solioes Gebäude mit mehreren Wohnungen- worin das Jagdpersonal eingnartiert uird alles, was zum Jagen und Fischen gehörte, anzutreffen roar. In dem dabei gelegenen sogenMmten Fischpfuhl, einem langen, schmalen Garten mit einem See und dabei befindlichen zwölf, mrt Quadersteinen ausgelegten Behältern, waren allerlei Fischsorten aufbewahrt."
Die Behaglichkeit dieser Schilderung des Herrensitzes, der Sommerresidenz Ludwigs IX., gemahnt an das ganze gemütvolle Gesellschaftsleben der empfindsamen Zeit. Aber weder der Fürst noch seine Gemahlin harten Umlage oder Neigung, ganz in diesen Formen anfzugehen. Arbeit im Dienste rhi^s Länochens war ihnen höchstes Ziel und schönster Genuß. Die Soldatenspielerei des Landgraf«:, der zu Pirmasens ein Regiment von Leuten von mrßeo- ordentlicher Körpergröße zusammenstellte, ist oft mißgünstig beurteilt worden. Man darf aber nicht vergessen — imb auch EsselbornS Veröffentlichung zeigt dies erneut, ■— daß die Hofhaltung deS Landgrafei: in Wrchsweiler imi> die große Garnison, die er in Pirmasens zusamm«M)g, Faktoren von allererster wirtschaftlicher Wichtigkeit für die kleinen Verhältnisse des Gebietes tvaren. Dis Soldaten kmmten sich in ihrer freien Zeit nach Belieben beschäftigen, die indnstrieUe Bedeutung der Gemeinde Pirinasens hatte ihre Grundlage in jenen Tagen. Ach der Hand von Brief«: und z-eit- nössischen Schilderungen entrollt der Herausgeber daS Leben und Treiben jener kleinen Welt. Dam: führt er ui:s hinüber in die Tage der Revolution, lvo eine große W:zahl deutscher Familien beim Anmarsch der Franzosen auf das rechte Rheinufer flohen imd in Pirinasens eine republikanische Volksgesellschaft begründet wurde.
Die Neuordnung der Verhältnisse in der Franzosenzeit brachte im Vergleich zu dem vorhergegangen«: Zustand für die Bürgerschaft von Pirmasens und Buchslveiler einen erheblichen wirtscl)aftlick>en Nachteil. Nahe verwandtsckiaftliche Beziehungen verbanden Pirma- fenser Familien mit dem hess«:-darmstädtischen Beamtentum und Offizierskorps. Man pflegte gerne die Ucberlieserung, weil sich mft üyr die angenehnve Erinnerung an eine stille, frerckvolle und fried- fame Zeit verband.
Ein Teilbild der Kulturgeschichte jener Tage, reiht sich dieses Volksbuch würdig in die ganze Samnckuna ein. Gegenstand und Inhalt sind m anziehender, leb«ü)iger Darstellung dargebot«:: es ist geeignet, voll imd ga:H seinem geschichtlich-belehrend«: Ztveck gerecht zu iverden. Dr. Ernst^Htz.


