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Auf beiden Seiten war der Blick kalt und ruhig. Aber sie wußten beide, daß sie Feinde waren, daß sie sich haßten.

Das trifft sich gut," antwortete Rutkowski in gewöhn­lichem Tonfall.Läßt Ihnen der Dienst so viel freie Zeit, S>m: von Versen? Unsereiner kann sich das ja nicht recht vorstellen. Wenn man immer und in jeder Beziehung sein eigener Herr war"

Fritz von Versen merkte den Stich. Hanna von Graß­nick, die wieder eingetreten war, desgleichen.

Sie waren niemals Soldat, Herr Graf?"

Gottlob nein, das heißt: Pardon, ich sage natürlich nur deshalb gottlob, weil der Beruf meiner ganzen Wesensart nicht entsprochen hätte. Es gibt ja Menschen, die es niemals lernen, sich unterzuordnen."

Der alte Baron sprach beim Essen nicht gern. Er hörte nur zu, überließ aber im übrigen jetzt das Wort dem Leut­nant. Er nahm noch etwas von der präsentierten Schüssel.

Gewiß", sprach er leichthin, mit gewollt großer Lie­benswürdigkeit,solche Menschen gibt es auch. Aber glauben Sie mir, beim Militär machen wir kurzen Prozeß damit. Sag' selbst, Ernst August: die Zähmung der Wrderspensti- gen hat uns noch nie großen Kummer gemacht?"

Wirklick) nicht, lieber Graf. Dafür gibt's Mittel. Aber Pardon, ich sehe eben, daß Sie trocken sitzen. Darf ich?"' Er goß ihm Wein ein.

Danke," erwiderte Rutkowski. Er hatte nur einmal Versen angesehen. Er wurde auch ganz leicht rot. Er bekam immer zwei rote Flecken auf die Backen, wenn er innerlich zornig war. Jetzt stürzte er ein Glas Wein hinunter und sagte scheinbar ganz ruhig:

^Die Herren müssen das ja besser wissen. Für mich, meinte ich uur, wäre der bunte Rock nichts gewesen. Er macht mehr oder minder unfrei."

Das war nun doch dem Hausherrn zu viel.Der Rock des Königs, Graf? Aber zum Deubel, wie meinen Sie das?"

Der junge Pole stutzte einen Augenblick. Dann lachte er.Sie nehmen es zu tragisch, Herr Baron. Die Sache ist herzlich harmlos. Ich sagte, der bunte Rock mache in mancher Beziehung unfrei. Tut er's nicht, wenn die beiden Herren oft trotz des lebhaftesten Wunsches auf einen Besuch in Nas- aora verzichten müssen? Bin ich nicht freier, da ich, wann ich nur will, mir das Vergnügen machen kann, hier vorzu­sprechen, natürlich, soweit die Herrschaften es gestatten? Mehr wollte ich damit nicht ausdrücken."

Daß der Dienst oft persönliche Wünsche durchquert," sagte Ernst August,ist selbstverständlich. Zum Spaß ist man nicht Offizier."

Sondern um seinen Dienst auszuüben. Ganz recht. Aber das WortDienst ist schon charakteristisch. Es gefällt Mir nicht."

Versen erhob langsam den Blick.

>,Wer ist denn frei?" fragte er.Jeder, der Pflichten hat, dient doch!"

Dann ist der frei, der keine hat!"

Keine Pflichten? Danke schön! Und wo bleibt das rwvlesse oblige? Adel verpflichtet. Er verpflichtet zum Dienst für sein Volk und für sein Land. So übersetze ich den Wahl­spruch wenigstens!"

- rr ^?bnn ich schon eine Verpflichtung anerkennen

soll, übersetze mir den alten Spruch anders. Adel verpflich-

Er verpflichtet zur Freiheit. Er lehnt den Dienst eben ab.

Dann gibt's aNerdings keine Brücke zwischen uns."

"Ich glaube auch nicht, Herr Leutnant."

Es war gut, daß die Tafel aufgehoben wurde. Der alte der gern ein Wörtlein dreingeredet hätte, aber sich während des Essens nicht stören ließ, nahm jetzt den Grafen vor.

h(l aFagl haben, lieber Rutkowski, ist ja eine Seche die m ihrer Art Hand und Fuß hat. Und so ein biß­chen Feudalitat steckt uns allen in den Knochen. Aber ich alaube, es zeigt sich in Ihrer und Versens Anschauung nicht so eine persönliche Verschiedenheit als ein fundamentaler Unterschied des deutschen und polnischen Adels: die histori- schen Bedingungen sozusagen, wissen Sie! Während der deutsche Adel im Dienste des Königtums und mit dem Könia- Urm groß geworden ist, ward's der polnische gegen das Königtum, unter das er sich doch nie recht untergeordnet hat Habe ick) reckst?"

Weil jeder von uns die Anwartschaft auf die Königs­krone selbst in der Tasche trug, Herr Baron."

Mer gerade das," mischte sich Versen ein,war daZ Unglück Polens. Der Adel, der Preußen erhoben hat, hat Polen gestürzt, weil er das Noblesse oblige falsch übersetzte, weil er die Pflichten gegen sein Land und Volk vergaß. Und mir scheint, ich bitte um Verzeihung, daß er bis zunt heutigen Tage nichts gelernt und nichts vergessen hat, dag er auch heute noch ziemlich zwecklos dahinlebt."

Rutkowski hatte sich eine Zigarette genommen und sog mit Behagen den Rauch ein.

Ich könnte Ihnen eine rasche Antwort geben. Herr: Leutnant. Ich könnte fragen: Weshalb leben wir so dahin? Weil wir eben keinen Zweck, keine Beschäftigung, kein Ziel haben! Weshalb haben wir es nicht? Weil wir kein Vater­land, keinen Staat, keinen königlichen Hof mehr besitzen! Ich könnte sagen: Die persönliche Freiheit wird von uns um so höher geschätzt, weil wir die allgemeine, nationale ent­behren."

Fritz von Versen hatte aufmerksam zugehört. Er vergaß einen Augenblick seinen Groll, denn ihm schien, als spreche der Graf jetzt aus einer gewissen temperamentvollen Ehr­lichkeit heraus. Freundlicher als vorhin, jedenfalls weniger kühl, erwiderte er darum:Mit dieser Antwort geben Sie mir recht, Herr Graf. Sie entschuldigen und klagen damit an!"

Pardon, ich sagte ausdrücklich, ich könnte Ihnen das entgegenhalten. Ich tue es aber gar nicht. Wir sind einmal, wie wir sind. Jeder ein König, jeder Herr über Tod und Leben, jeder nur Gott über sich, und sonst keinen. Wenn wir Tausende und Hunderttansende in einer Nacht verschleuder­ten, wen ging es an? Es war unser Gold! Wenn, wie eins alte Sage spricht, den Leibeibenen der Leib aufgeschlitzt ward, damit Ibie wunderschöne Fürstin Jgnatia sich die kalten Füße wärmen konnte, gut, der Sklave hatte seinen Zweck erfüllt. In Glanz und Pracht und Freiheit haben meine Väter ihr Leben genossen, ich bin ihr Erbe. In Fron und Alltag schleppt sich der Knecht hin, wer ^urn Herrn geboren ist, sei auch Herr. Wir haben stärkere Leidenschaften. Kleine Ziele, wie sie andern vorschweben, reizen uns nicht. Wenn wir spielen, muß der Einsatz hoch sein; wenn wir kämpfen,- muß es um Too und Leben sein. Das Höchste allein lohnt sich zu erringen, nur das spannt uns an: das schönste Weib, das heißeste Leben. Und wenn der Ehrgeiz anderer nach einer Generalsmütze steht, es mag sein. Mich und uns alle lockt das nicht. Wenn ich die Hand hebe, so muß es schon ein Kronreif sein, nach dem ich fasse. Drxi!"

Seine Augen waren jetzt nicht mehr müde, nicht mehr verschleiert. Groß und leuchtend schalsten sie umher. Sie hatten einet: jähen Blitz zu Hanna hinübergeworfen, als er von dem schönsten Weibe gesprochen, um das allein ein Ringen sich lohne. Versen hatte den Blick wohl gesehen. Der alte Groll stieg empor rn ihm, eine halbe Angst dazu. Es war in diesem Rutkowski zuzeiten etwas Ungebändigtes, Wildes, was ein Weiberherz leicht in Bann schlagen konnte.

In dieser Empfindung erlviderte er mst spöttischem Lächeln:Es ist nur gut, daß die Kronen s!o hoch hängen/*

Der Graf hatte sich zu Hanna gewandt. Jetzt kehrte er sich rasch um.Für Sie, Herr Leutnant, mag der Gedanke allerdings etwas Unmögliches haben; für den Sproß eines!

t auses, dessen nahe Verwandte einst auf dem polnischen önrgsthron saßen, ist der Gedanke weniger unnatürlich und beängstigend."

Ernst August mischte sich ein. Ein unsagbar hochmütiger Zug stand in dem Gesicht Rutkowskis. Der Sohn des Hauses! mochte fürchten, daß Versen dadurch doppelt gereizt würde.

Die Herren sollten lieber trinken," sprach er und ging mit gutem Beispiel voran.Bei solcher Debatte kommt jq niemals etwas heraus. Jeder mag von seinem Standpunkt recht haben."'

(Fortsetzung folgt.)

ver Zchützengrabenschreck.

Von Paul Alexander Schettler.

Als i-ch um die Ecke der Wittelsbacherstraße bog, stieß ich Mit etwas Rundlich-Massigem zusammen.

. //.Sieb da. Sie smd's, Herr Speckhuber?" rief ick» aus.Wohin so eilig?"

Wohin?" verschnaufte Speckhuber und wischte sich di« Schweißtropfen von der Stirn,zum Bezirkskommmtdo. In den Schützengraben will ich, daß Sie's wissen!"

.. v möglich. (Sie, Speckhuber, m den Schützengraben? Ja, sind Sie denn nicht als dauernd untauglich ausgemustert, haben