Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Erstaunt sah Versen auf; Hannas Stirn logte sich in Falten, aber sie sagte nichts.
„Dein Wohl, Schwesterlein! Neun Zacken an der Krone sind mehr als sieben!"
Sie fuhr auf. „Was soll das heißen, Ernst?"
„Jesus," lachte er. „Ms ob ich nicht wüßte, daß dieser Graf Rutkowski deinetwegen kommt; daß er deinetwegen sich sorgsam von der polnischen Sache zurückhält. Mich wundert nur, daß er so lange wartet, ehe er anfragt, ob aus der deutschen Baroneß eine polnische Gräfin werden will. Na, meinetwegen, er hat klotzige Gelder!"
„Dummes 3eu<a!" brummte der alte Baron.ärgerlich. Er liebte keine Anspielungen. Versen sah angestrengt und blaß zu dem Mädchen hinüber.
„Du träumst," sagte sie leichthin, aber die Stimme war nicht sicher. „Der Graf ist ein Freund von Papa und sonst nichts. Ich wußte nicht, daß auch ein Dragonerleutnant manchmal toie eilt altes Weib schwatzt."
Der letzte Satz war in gereiztem Tone gesprochen. Ernst August duckte sich. ,/O weh, da habe ich aus der Schule geplaudert und kriege nun mein Teil. Hilf inir, Fritz — ich allein werde mit Hanna doch nicht fertig."
Ein halbes Lachen. Es war unfrei.
„Ich mag den Menschen nicht," sagte Versen schroff.
„Aber du kennst ihn ja gar nicht!"
„Hm, ja, ich meine, sür einen Polen ist der Beiname „der Deutsche" kein Lob. Ebensowenig wie es ein Lob für einen Deutschen ist, wenn er „der Franzose" oder „der Pole" heißt. Aber andere Herrschaften mögen anders urteilen."
Seirl Kamerad konnte nur den Kopf schütteln. „Um Hinimelswillen, Mensch, was fehlt dir denn heute? Ueberall gräbst du die Streitaxt aus! — sei gut, Hanna. War nicht so schlimm gemeint. Und wenn du Gräftn bist, bezahle meine Schulden!"
„Hörst du noch immer nicht auf?" fragte sie kühl. „Uebe deinen Witz doch bei andern, und lasse mich aus dem Spiele."
Er zuckte die Achseln, während oer alte Baron, um das Gespräch abzulenken, mit einigen Kernflüchen gegen die Tierärzte von der Krankheit und dem Tode der Blässe erzählte, die ihm kürzlich gefallen war. Mer keiner ging recht darauf ein. Unverkennbar lvar eine Mißstimmung entstanden. Versen trank in kürzeren Pausen als vorher und konnte einen uribestimmten Aerger nicht unterdrücken. Ernst August hörte aleichgültig zu. Hanna hatte trotzig die Lippen verzogen. So begrüßte man es mit Freuden, als das Abend- brot angerichtet war. Im Augenbuck, als man sich erhob, ftrm ein scharfer Peitschenknall und Schellengeläut von
draußen. Das eiserne Gittertor öffnete sich. Man hörte reden. Ernst August war ans Fenster getreten.
„Besuch?" sagte er fragend. „Wer kann denn kommend
Der Alte lachte und sah ihm über die Schulter.
„Das ist kein anderer als Rutkowski! Verdeubelt später Wind, der ihn heute noch herweht. Sakrament, das wird wieder ein scharfes Zechen geben."
„Lllpus in fabula, pflegt man in solchen Fällen zu sagen," brummte Ernst August. „Da kannst du ihn gleich kennen lernen. Fritz. Aber bitte, friß ihn nicht auf."
Versen sagte nichts. Ms er nach dem Ofenplatz sah, war er leer. Hanna von Graßnick hatte das Zimmer verlassen. Eine Minute darauf wurde der Besuch gemeldet. Es war wirklich Graf Napoleon Rutkowski.
In dem Gesicht des Grasen zuckte keine Miene, als er sich so unerwartet den beiden Dragonern gegenüber sah. Nur aus der kühlen Art, mit der er sich bei der Vorstellung gegen Versen verbeugte, mochte ein guter Beobachter herauslesen, wie wenig angenehm ihm die Anroesenheit der Offiziere war. Der Leutnant selbst war noch tveniger erffcut. Instinktiv hatte sich schon vorhin ein aehcinrer Haß gegen den Grafen Rutkowski bei ihm geregt. Als er ihm nun gegenübertrat, lvar diese Abneigung nur gewachsen. Er konnte sich selbst kaum Rechenschaft darüber geben, lvas ihn so verstimmte. Waren es diese merkwürdigen, oft halb von den Lidern bedeckten Augen, die sich gleichsam verschleiert hatten, die mit gleichgültiger Verachtung über alles hin* woasahen? War es ferne überlegene Art, mit der er daS Gespräch führte, jetzt durch ein Witzwort alles zum Lachen brachte, jetzt dern alten Baron Gelegenheit gab, sein Licht leuchten zu lassen? War es die Ahnung, daß dieser Mann gefährlich sein konnte, daß er bei der holden Weiblichkeit, Hanna mit einaeschlossen, leichtes Spiel haben mußte, wenn er ernstlich wollte? Jedenfalls preßte Fritz von Bersen die Lippen zusammen. Der diesmalige Aufenthalt in Nasgo-ra war nicht so nett wie der vorige, und dieser Graf Rud- kowski trug nicht zum wenigsten Schuld daran. So blieb Versen einsilbig.
„Ich hoffe, die Herren nehmen doch länger Quartier auf Nasgora?" sagte Graf Napoleon liebenswürdig und sah von einem zum andern.
Ernst August schüttelte den Kopf. „Morgen mittag laust unser Urlaub ab. Dann geht es zurück wid> Wreschen."
Ein kurzes, triumphierendes Aufblitzen der Augen. „Sck-ade. Der Herr Baron und das gnädige Fräulein würden eS gewiß angenehm empfinden. wenn sie noch länger die ländliche Einsamkeit etwas belebter sähen."
Versen hatte den jähen Gtfatu der sonst so gleichgültig* ruhigen Augen bemerkt. Er hob kühl den ätzopf.
„Wir hoffen, noch oster hier au sein, Herr Graf. Wahr», scheinlich werden wir in Kürze Stratkowo besetzen. Darm liegt Nasaora auf dem Wege."
Sie blickten sich gegenseitig an. Nur wenige Sekunden.


