Ausgabe 
6.12.1916
 
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'$ Mariele.

Bon Paul Alexander Schcttler.

(Nachdruck verboten.)

's Mariele war das älteste von sieben Kindenr einer armen Steinklopfersfamilie ganz draußen in der Vorstadt. Vater Stetw- flopfer schlug sich die Finger blutig und Mutter wusch sich dreHanoc wurtd, um die sieben hungrigen Schnäbel satt zu kriegen, 's Mariele aber mutzte als ältestes die Geschwister hüten, den lieben langen Tag. AlS es aus der Schule entlassen wurde, hatte das Hüten tzwar ein Ende, aber das Arbeiten nicht, beim mm hie8 es auch sürs Mariele, Geld verdienen. . .

Sv mutzte das Mädel fri'ih aus denr Haus und bei einer Frau Klickermisch anklopseu. Frau Klickerbusch war Stclleitoermtttlernt einpfahl 's Mariele an Fräulein Mechtild Silberzapf, ein gar ält­liches, aber reiches Fräulein, das die Welt durch ein Stielglas mit säuerlicher Miene zju betrachten pflegte uitd nur für Tiere eilt näheres Interesse bezeigte. In ihrem Heim beherbergte sie Hunde, Katzen und Vögel, die alle wohl versorgt werden wollten.

's Mariele arbeitete von morgens früh bis in den späten Mend, datz es kein Schlafmittel brauchte, wie das Fräulein, um abeiids Lotinüde in Schlummer z>U sinken. Aber es klagte nicht. Es fcurd das alles in der Dibiuotg, datz es selbst nichts wftr und bedeutete und das Fräulein alles von ihnl verlangen durfte. Freilich, das Fräulein sorgte schon dafür, datz es nicht auf dumme Gedanken kam oder gar ini't Mädchen aus der Nachbarschaft herumspenzelte. Denn werm erst der Geist der Aufsässigkeit über so ein dumm Ding kam, dann wars aus mit der Gutwilligkeit, das wutzte das Fräulein zur Gelinge.

Auf Jahr und Tag blieb 's Mariele in seiner ersten und einzi­gen Stellung, als könnt' es nicht airders sein. Und wenn e§ auch ab Und an einmal zu den Eltern und Geschwistern in der Vorstadt auf Besuch gehen durfte, von der Außenwelt blieb 's Märiele doch ebenso ab getrennt, wie seine Herrin, das Fräulein. Mlar es da ein Wunder, datz es vom Krieg nicht viel wutzte? Ja, daß seit Vater mit hinausgezogeu war und viele, viele deutsche Männer, und daß es traurig war, das verstaild auch 's Mariele, aber viel Zeit, darüber nachzusinneu, was das alles bedeutete, hatte 's M'ariele min ein­mal iricht, und auch keinen Menschen, mit dein es hätte darüber sprechen, von dem es hätte etwas erfahren können. Es hatte genug Krieg, wenn das Fräulein einmal nach einer schlaflosen Nacht gran­tig war mt b 's Mariele ihm nichts reckst machen konnte. Von der Außenwelt drang so nxmig in sein Reich, und das Fräulein wollte von all diesen Dingen nichts, aber auch gar nichts wisset!. Freilich, so nach und nach wurde in dem Mariele das Velvutztsein für die harte Gegenwart wach. Nach einem Besuch bei Mutter und Ge­schwistern kam es sehr still und traurig zurück, 's Märiele war ja auch keine rechte Tochter gewesen, wenn es nicht mit den Seinen Um Winters Schicksal gezittert hätte, als eis hörte, wie schwer es Vater S-teinklopser draußen habe und wie so viele brave Männer Gesundheit und Leben für das Vaterland opferten. Trotz aller Arbeit schlief 's Mariele doch nicht mehr so gnt und festJvie früher, ihr Inneres beschäftigte sich immer lebhafter mit dem Schicksal des Vaters Und der Soldaten. Sie wurde jetzt erftamtlich hellhörig für Dinge, die man draußen, wenn sie eiuholen ging, um sie herum be­sprach. Hatte sic nie auf das Gerede der Frauen und Mädchen ge- prt, so sog sie jetzt begierig die Reden der fremden Menschen in sich ans. Vor den Zeitungsstellen blieb sie stehen und buchstabierte sich die neuesten Berichte zusammen. Das alles behielt sie wohl für sich Und verschloß ihre Gedanken tief im Innersten. So beganü langsam das Unfaßbare in ihr Wurzel zu schlagen und ihre schlum- mernden Empftudungen gu wecken. Oft saß sie abends nach der Arbeit in ihrem Kämmerlein rwch wach rurd hing ihren Gedanken nach, oft ertappte sie sich, datz ihr mitten in der Arbeit Tränen ver­stohlen die Wangen herabkullerten, sie wutzte nicht, waruni. Es ging Seltsames in ihr vor, und sie schßotz in' ihre Gebete nicht nur den Vater, sondern alle Soldaten ein, die sie draußen imiftte, die kämpf­ten und ausharrten, bluteten uird starben und sie ahnte, datz es mehr gab, als ihr unbedeutendes Ich. mehr aber auch, als die Wün- che des Fräuleins und ihrer verhätschelten Lieblinge. Sie ahnte, atz ein großes Weh über die Welt gekommen war, das auch sie anging, ein großes, namenloses Weh.

Ahnte von alledem das Fräulein nichts? War es so in seine Welt ein gesponnen, fast es nichts sah, außer sich selbst und seine Tiere? O, auch dein Mechtild Silberzapf gingen bald die Augen auf. Es konnte den Tatsachen gegenüber nicht gefühllos verharren, das; sich neue Tinge draußen ereigneten, denn, warum die Lebens­mittel immer teurer und knapper wUrdcut, das ließ sich nicht durch ein noch so scharfes Augenglas erkennen, dazu bedurfte es gesunder Airgen, die über die Tinge htttanssehen koimten. Aber eben deshalb würde das Fräulein unsicher und nervös. Und uachdein es in eini­gen schlaflosen Nächtelt dem Problem na chg!e grübelt und auf Gegen­maßregeln gesonnen hatte, unr vor einer unsicheren Zukunft ge­sichert tzlu sein, faßte es den großen Entschluß, vorzubeugen altem, was auch kommen sollte. Es kaufte ein.

's Mariele aber, das in seiner Einfalt solche Vorsorge schön und gjut fand, hatte mit dem Einholän und Schichten alle Hände voll ^it'ttrn und nahm all seine Gedanken zusammen, es dem Fräulein' recht tztn macheit. 's Mariele war eben ttotz beginnenden Erwachens doch noch recht dumm, uujd das Fräulein? Nun, das Schicksal

hatte cs auch diesmal beschlossen, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen.

Es wäre nänrlich mm alles schön und gut genasen, wenn nicht plötzlich, grad als man die Schätze unter Dach uttd Fach gebracht hatte, eine körperliche Schwäche sich bei Fräulein Mechtild cinge- stellt hätte. Hatten ihre Kräfte die ungewohnte Arbeit nicht ausge­halten, oder hatten die Sorgen ihr seelisches Gleichgewicht gestört? Kürz, es stellte sich Fieber eist, das Fräulein konnte weder essen, noch triirken, und mußte das Bett hüten.

Ter Arzt würde gerufen. Er kam, schüttelte den Kopf, zog ge- wichttge Falten, befühlte den Puls, ließ sich die Zunge zeigen, machte einige MaleHm, hm!" und ftagte so nebenbei 's Mariele, ob denn dem Fräulein etwas Aufregertdes zugestoßen sei.

Da beichtete 's Mariele vor lauter Angst und Sorge um seine Herrin, wie sie in den letzten Machen sich beide abgerackert, gerech­net, gekauft uitd aufgespeichert hätten, urid sie lat ein übriges, und führte den Herrn Doktor höchstpersönlich in die Vorratsräume, in denen. die Summe all ihrer Arbeit schön aufgesckstchtet lag und hing.

Der Herr Doktor schüttelte wieder den Kopf, zog gewichttge Falten, niachteHm, Hm!" und verordnete zuerst einmal leichte Kost:Wassersuppe!"

Wassersuppe?" erschrak 's Mariele.

Wassersuppe?" stöhnte das Fräulein.

Wassersuppe!" brummte der Herr Doktor im tiefsten Kontra­baß und empfahl sich.

Jeden Tag kochte jetzt 's Mariele dem FräuleinWassersuppe", Und das Fräulein löffelte sie imb seufzte:Meine schönen Vor­räte!" Undach, wenn ich bloß nicht j-etzt schon sterben mutz, eh wir sie aufgegeissen haben!". Und es wurde vor Gram zusehends kränker.

Der Arzt mußte wiederkommen. Er zuckte die Achsel, niachte Hm, hm!" und oerordnete:Haferbrei!"

. Aber auch der Haferbrei nützte nichts. Ter Zustand des Fräu­leins besserte sich nicht. Ta hielt es 's Mariele nicht läitger, ÄS eilte dort Sorge getrieben zum Herrn Doktor und bat ihn gar freundlich, doch offen sagen, wie es niit dem Fräulein stände, es mache sich so große Sppgch datz es seine Vorräte nicht werde überleben Wunen.

Ta sah der Herr Doktor 's Mariele durchdringend durch seine blinkenden Brillengläser ait und sagte ernst und unwirsch:

Was dem Frältlein fehlt, willst du Nüssen? Tie Hamsterkrank- heit hat's!

Tie Hamsterkrankheit?" 's Mariele machte große Augen und hätt' vor Verwundern auch noch 'ne gebrat'ne Taube verschlingen können, so lveit sperrte cs den Schnabel ans. Die Brillengläser des Herrn Doktor begannen jetzt fteuudlicher zu funkeln, und mit einem väterlichen Klang in der Stimme sagte der Arzt:

Setz dich mal daher, Mädel!"

's Mariele setzte sich und der Herr Doktor begann auf das Mädel einzureden. Ob es demt mrfjt wüßte, datz es Süud' und Schand' wär gegen das Vaterland, soviel Vorräte in solcher Notzeit aufzustapeln, wo andere Lttut' es nöttger hätten als das Fräulein und 's Mariele. Eine Süud' sei's gegen den Geist der Soldaten im Felde, die nicht an sich denken, sondern Leib und Blut dem Vater­land hiugeben, Und eine Schcntid' gegen die Mitmenschen, denen nian IdaS Notdürfttgste vor der Nase wegschnappte und es womöglich auf dem Speicher oerkommen lasse.

Da habt ihrs mm," fuhr er fort,von allem Gekrampf und Gegier hat dein Fräulein die Kränk'. Ter fressende Geiz ist das, die nagende Sorge, die scheele Jchsuchk, die sitzen ihr am Herzen, llud all das Gute, das sie zusammengescharrt, das ftessen jetzt die Mäuse, «anstatt datz eis den aruten Leuten Mgut kommt, die nicht wissen, Wie sie für ihre paar Groschen das bischen Leben fristest sollen in dieser schweren Zeit." f

's Mariele saß ganz verdattert ob diesen Ermahnungen. Hatten ihre Gedanken je so iveit gedacht, als sie dem Fräulein aufs sichern half? Ja, den Armen nahmen sie das Brot, vielleicht gar ihrer eigenen MUtter und den Geschwistern, wahrend Vater draußen für sic kämpfte. Wie lange war sie doch nicht in der Vorstadt gewesen, sie hatte so viel zu schaffen gehabt. Geiviß ging es ihnen nicht zunt Besten, lind den armen Nachbarn, die draußen ivohnten? Ein großes Erschrecken durchfuhr sie, eine tiefe geheime Angst fühlte sie in sich aufsteigen. Und als der Arzt endete, daß es mit der Krankheit des Fräuleins nicht besser weiche, bevor nicht des Nebels wahrer Grund beseitigt sei, da wutzte 's Mariele, Was es zu tun halte.

In derselben Sttrude ttock eilte cs zum Rathaus uud ließ sich vor den Herrn Bürgermeister führen. Ob schon viele arme LeUt' in der Stadt hungerten, fragte es grad heraus, und ihr Fräulein habe genug Vorräte, datz sie alle satt würden, cs selber sei aber schon ganz krank von all den Sorgen geworden, und ob der Herr Bürgermeister den tanneit Leuten und dem Fräulein helfen wollt?

Ter Herr Bürgermeister gab dem Mariele die Hand. Anderen Tags aber fand sich ein Beamter beim Frältlein ein Und machte eine Bestandsaufnahme Ivr stattlichen, sehr stattlichen Vorräte. TaS Fräulein fühlte sich viel zu schwach, mit Einspruch dagegen zu er­heben, datz mau ihre Vorräte daoontrug, sie ließ alles über sich er­gehen, Uud als man ihr andeutete. datz sie alles bezahlt erhalte, auf Heller und Pfennig, ioeil sie'sfreiwillig" hergebe, huschte ein mattes.Lächeln über ihre Züge.