Agitator einst mit Fingern auf dich weist: Seht an, Leute, das ist auch so einer, der euch abtrünnig nmcht von eurem Glauben, der euch mit Gewalt i'.nd List eure Religion stiehlt. Wirklich, Vater, in der heutigen Zeit und bei der 'Aufregung des Volkes ist alles möglich. Es wäre vielleicht klug, drese Andachten zu lassen." .. f r
Hans Albert schob die Schirmmütze, die er mit Erlaubnis der Gäste oft auch im Zimmer aufbehielt, hintenüber. Er pustete vor Wut: das war seine empfindlichste Stelle.
„Ich den Leuten ihw Religion rauben? Ich sie vom Glauben abtrüilnig machen? Himmelsakrament, das ist mir doch zu toll! Gerade ich, der diesen Heuochsen mit Mühe und Not die Religion in ihre Dickschädel trichtert! So was ist mir doch noch nicht vorgekommen! Weshalb laufen die Kerls von andern Gütern über die Grenze, weshalb die ganze Auflehnung gegen die Obrigkeit? Weil der Bande die Religion fehlt! Meinen Leuten fehlt sie durch mein Bemühen nicht. Deshalb rührt keiner auch nur einen Finger, um die Insurgenten zu unterstiitzen. So liegt die Sache, mein Herr Fiüus!" .... „
„Aber es steht dock) fest," sagte Versen, „daß die Leute gerade aus Religionseifer vielfach in den Aufstand ein- treten."
„Dann ist das eine falsche Religion!" schrie der alte Baron, und der Krückstock bearbeitete den Boden, „die Bibel sagt ausdrücklich-"
Ernst August lachte hell aus. „Da haben wir den Salat! Eine falsche Religion! Laß das nur eüien hören, bester Vater, und sie zünden dir trotz oder gerade wegen deiner Morgenandachten das .Haus überm Kops an!"
Der alte Baron keuchte vor Aufregung. Seine tyrannische Natur konnte Widerspruch nur schwer vertragen. Er war jetzt in der Stimmung, die es dem Inspektor Oehmke stets ratsam erscheinen ließ, mit geducktem Rücken in möglichst großer Entfernung um den gnädigen Herrn herumzuschleichen.
„Firlefanzereien! Advokatenknisse!" rief er, „hochrot im Gesicht. „Seit wann lernt man in der preußischen Armee dergleichen?"
Er ließ die Augen von einem zum andern rollen. Fritz von Versen mußte unwillkürlich lächeln. Das schlug dem Faß den Boden aus.
„Ich begreife überhaupt nicht," schrie Hans Albert, j „wie ein preußischer Offizier diese Räuberbanden entschuldigen kann, und daß er solchen Mordbrennern überhaupt j niÄ) ein Recht zugesteht."
„Ein preußischer Offizier," erwiderte Versen, „braucht dock) nicht ungerecht zu sein. Er kann gewisse Beweggründe des Gegners achten."
„Und wenn er solche Ansichten hat, dann werden ihm die Mordbrenner leid tun, und er wird seine Leute über oie Köpfe der Banditen schießen lassen, he? Das sind die Kon- sequenzen. Ob man mit diesen Anschauungen die Pflichten eines preußischen Offiziers vereinigen kann —"
„Vater!" rief Ernst August erschrocken und unwillig. Fritz von Versen stand totenbleich auf. Die linke Hand tastete nach der Säbelkoppet. Aber der Säbel war abgelegt.
„Ich rate keinem, daran zu zweifeln," sprack er. Ein Zittern der Erregung war in seiner Stimme, doch oie Worte kamen klar und scharf heraus.
Eine kurze Stille, die alle Nerven spannte. Ernst August sah ernst und fragend seinen Vater an, der mürrisch den Wein im Glase betrachtete. Hanna hatte sich etwas vorgebeugt. Eine wilde Angst war in ihren Augen. Sie hingen an dem jungen Offizier, der, immer noch bleich, die linke Hand leicht auf den Tisch gestützt, wie wartend dastand.
Dann blies der alte Baron ans seinen Wein.
„Wollte Sie nicht beleidigen, Herr von Versen. Bin überzeugt, daß Sie Ihre Schuldigkeit tun werden wie jeder andere!" Es war langsam gesprochen, als müßte er sich jedes Wort abringen. Dann goß er ein halbes Glas Wein hinunter, wie um alles hinabzuspülen.
Leutnant von Versen atmete tief auf.
„Es ist gut. Meine Kameraden wissen, daß ich, wenn's dazu konnut, nicht der Letzte bleibe."
„Sondern schneidig vorangehst, prost, Fritz! Mein Vater hat's nicht so schlimm gemeint. Stoßt mal an, ihr Kampfhähne! Hol's der Geier, ich führe euch wahrhaftig nicht zusammen, damit ihr euch zankt! So viel ist der ganze Aufstand nicht wert."
Leise hatte Hanna sich erhoben und war fast unbemerkt aus dem Zimmer gegangen.
Auch Versen wäre gern eitlen Augenblick allein gewesen. Ein halber Groll, den er nicht ganz unterdrücken konnte, war noch in ihm. So ergriff er denn die Gelegenheit, als sein Kamerad ihm die Zrgarettentasche hinhielt, um die Erlaubnis zu bitten, mal eine seiner eigenen, leichten Zigarren herbeiholen zu dürfen.
Sein Groll tvar draußen bald verslogen: er war kein nachtragender Mensch uuo kannte durch Ernst August die Polterernatnr des alten Barons zur Genüge. Als er leichten Herzens biircT> den Korridor zurückschritt, traf er gerade auf Hanna. Sie kam aus der Küche und hatte die letzten Anordnungen znm Llbendessen gegeben. Als sie ihn sah, stieg eilte leichte Röte in ihr Gesicht. Auch er war euren Augenblick verdutzt. Dann faßte er sich.
„Sie haben mir viel zu verzeihen, gnädigstes Fräulein. Die politischen Lieder sind besonders für Damen garstig. Und wir waren so darin! Wie sehr muß Sie das alles gelangweilt haben!"
Sie schüttelte beu Kopf. „Ich habe mich nicht gelangweilt."
Und plötzlich ward sie blutrot.
„Herr vou Versen," sprach sie leise, „Sie dürfen meinem Papa das nicht übelnehmen. Ich bitte Sie darum!"
„Aber gewiß nicht, — kleine Meinungsverschiedenheit —- nicht mehr Vorkommen —" dararis quirlte sich der Leutnant einen Brei zusammen.
Delrn es lvar auch über ihn eine Verlegenheit gekommen. Weshalb? Weil Hanlia ihn bat? Weil er ihre .Hand hielt, die sie instinktiv >,ausgestrcckt hatte? Weil ihre eigene Verwirrung ihn ansteckte? JeUnsalls standen sie beide in dem schlecht beleuchteten Flur, und Fritz von Versen hielt noch immer Hannas Hand, und sie sprachen noch immer nichts. Es waren nur Sekunden, aber doch schien es Hamm eine kleine Ewigkeit, weil sie nach Worten suchte und keine fand. Und während die Lippen still waren und schwiegen, klopften die Herzen.
Ein Geräusch aus der Küche machte der wunderlichen Stille ein Ende. Rasch entzog die Barvneß dem blauen Dragoner die Hand.
„Danke," sprach sie leise.
Er schüttelte den Kopf.
„Ich danke!" Und weil sie eine Bewegung nach der anderen Seite des Flurs machte: „Kommen Sie nicht mit hinein ins Zimmer?"
„Ich habe noch in der Küche etwas vergessen!"
Und rasch enteilte sie. Erst eine ganze Zeit später folgte sie ihm in die Stube und nahm ihren Platz in der Nähe des Ofens wieder ein, gawz leise, um das Gespräch der Herren nicht zu stören. Der Schein der Lampe traf sie nicht voll. Sie saß im Halbdunkel. Ernst August fragte nach diesen und jenen Vorkömmnisseü des täglichen Lebens, nach dem Inspektor, nach den Gutsnachbarn.
„Uebrigens, wie stellen sich denn diese Herren zum Ausstand, eher papa?"
„Da beginnt das verfängliche Thema von neuem," sagte Hanna halb erschrocken.
„Nicht doch: das Zanken haben wir abgeschworen."
Hans Albert schob seinen Stuhl geräuschvoll näher an den Tisch.
„Die Gutsbesitzer?" antwortete er. „Das werden sie mir am allerwenigsten anvertrauen, was sie denken. Llber daß sie ihren Landsleuten den Sieg wünschen, ist selbstverständlich. Ob sie im geheimen mit der Nationalregierung in Verbindung sind, weiß der Teufel. Es sind viele junge .Herren dabei, die zu allen: aufgelegt sind. Nur der alte Koz- lowski ich ein harmloser, guter Kerl, dem eine Flasche Rotwein über den ganzen Aufstand geht. Und dann natürlich Graf Rutkowski. Er steht ganz auf unserer Seite."
„Ein Pole?" fragte Versen erstaunt, „ein Graf Rud- kowski? Das ist merkwürdig."
„Er beurteilt die Sachlage eben reifer und ruhiger. Uebrigens vermeide ich auf der andern Seite, mit ihm über das Thema zju reden. Er ist der einzige, mit dem wir Verkehr unterhalten, das heißt: er kommt öfter mal vorgefahren."
Hans Albert trank; Ernst August lächelte spöttisch.
„Man soll shn derr „Deutschen" nennen/' sagte er. „Und weshalb er auf unserer Seite steht, weiß Hanna vielleicht besser als mein lieber Vater!"
(Fortsetzung folgt.)


