Cr denkt an dies und das: an das Nest mit den Eiern und an die Enten im Dorftümpel. Auch an Kascha Kaczmarek. Aber plötzlich verschwindet alles, und nur eins steht vor ihm: das wunderschöne, feine, blasse, kühle Gesichtchen der kleinen Baroneß.
Er könnte es malen: das blonde, regellose Haar, das schon ein wenig ins Bräunliche fällt, die blauen Augen, in denen die Tränen glänzen, die weiße Stirn, die wohl nie von Straßenstaub und sengender Sonne berührt war. Und wie sie die Hände vorstreckte! Alle, die er kannte, auch Kascha Kaczmarek, hatten kurze, braune Finger. Aber diese Hände waren weiß ünd fein, wie sie Maria hatte, die heilige Jungfrau.
Das Bild wich nicht. Wie eine himmlische Erscheinung hatte die kleine Baroneß vor ihm gestanden, wie das Kind eines fremden, glücklichen Landes, in das er, der Dorfbube, nie hineinkam.
Als sein Vater Frühstückspause-machte und ins Zimmer trat, fragte er wie gewöhnlich, ob der Junge was wolle. Er verlangte Wasser und Seife. Und er wusch seine Hände rastlos, in Trotz und Scham versuchte er's stets von neuem. Fast die Haut scheuerte eir, sich ab. Ms er sah, daß alles nichts nützte, weinte er.
Juschu Laskowicz hatte die kleine Baroneß Hanna bisher immer nur flüchtig gesehen. Der Wagen fuhr in scharfen: Trab, wenn jemand von den Herrschaften darinnen saß. Nur wenn er leer war, gingen die Pferde langsam, und dann guckten die Dorfkinder neugierig und doch voller Ehrfurcht hinein, über die schweren blauen Polster fort bis zum runden kleinen Spiegel empor.
Das Fräulein durste nicht auf die Dorsstraße hinaus. Der Baron hatte so seine Ansichten von zweierlei Menschensorten, die so wenig' zusammenkommen konnten wie oben und unten. So geschah es, daß Juschu die Baroneß kaum jemals iwher gesehen. Nur ihr Lachen hatte er gehört, wenn sie im Park mit dem Schmetterlingsnetz umherlief. Eine ganz andere Welt ging ihm nun auf. Er träumte und malte sich aus, wie sie wohl wohne. Seine Kinderphantasie erhöhte sie immer mehr. Alles Menschliche streifte er ihr ab, sie wurde eine weiße Märchenfee. Sie war so schön, daß sie die Schönheit selber sein mußte. Und da er nichts Schöneres jemals gesehen, so wurde sie ihm das Maß aller Dinge.
Gleichgültig, ja, mit einer gewissen Verachtung, dachte er nun an Kascha Kaczmarek. Eine fiebernde Schönheitssehnsucht war in ihm geweckt und richtete sich auf Hanna von Graßnick. Die lange Zeit, die er untätig im Bett zubringen mußte, beförderte diese Entwicklung. Wäre er gesund aufgestanden, und hätte er die Möglichkeit gehabt, wie früher in wilder Ungebundenheit umherzutollen — vielleicht wären in Streit und Spiel mit den alten Kameraden die Träume verflogen. Aber es ward ihm so weh, als er sie springen und laufen sab und doch selbst mühsam nur am Stock schleichen konnte, daß er sich in Scham und Herzweh in den finstersten Winkel verkroch. Die er früher geschlagen, höhnten jetzt, denn sie wußten, daß er sie nicht mehr fangen
Nur Kascha Kaczmarek war zu ihm gekommen. Doch sie hatte er in der Wut fortgestoßen. Da blieb er auf die Einsamkeit und die Träume weiter angewiesen.
Die Jahre vergingen. Er lernte von einem Wanderlehrer Körbe flechten. Ein anderer zeigte ihm das Bildschnitzen. Stunden und Stunden konnte er dabei sitzen. Hin und wieder geschah's, daß Hanna von Graßnick vorbeifuhr. Aber es geschah viel zu schnell. Er behielt stets das Kind im Kopf. Als er ernst unweit des Weges, der zum Schloiß führte. e:ne schlanke Mädchengestalt sah und fragte, wer das wäre, bekam er von einem Formal die erstaunte Antwort: „Ps:a krew, kennst du das Fräulein nicht?"
Mer er lachte nur.
Dann kam ein Dag, wo sie mit Kascha durchs Dorf ging. Er saß vor der Tür. Sie redete ihn an, fragte nach dem Berne. Seine Antwort war halb gestanrmelt. Und von dresem Tage an war er ihr rettungslos verfallen. Sie war kern Krnd mehr. Er auch nicht. Aber in ihrer Jungfräulichst war sie noch tausendmal schöner, tausendmal reiner. Und alter Sehnsucht, aller Träume Ziel war eben nur sie und wreder sie. Seine Träume wurden heißer, seine Phantasten kränker und glutvoller. Die Inbrunst, mit der er ihrer «Me, verzehrte ihn. Immer bleicher ward er, immer mehr verfiel er, immer schtvächer ward seine Brust. Sie schmerze
oft. Dann drückte er die Hand dagegen und träumte vorr seinen: Märchen.
Es war ihm einst in den Sinn gekommen, als er au einen: Sommerabend hier in !dem! Waldhüttlein lag. Der Tag war voll sengender Glut gewesen. Heiß war auch der Abend noch. Der Wald stand still und rauschte nicht mehr. .Ein Nelkendust, süß und beklommen, schwamm durch die Luft, fern spielten Knechte auf der Harmonika ein altes Lied von zwei Liebsten, und der Mond stand am Himmel, zärtlich wie ein goldener Traun: vom Glück. Hin und lvieder ein elektrisches Knistern in: Moose, und zuzeiten die Stille jäh unterbrochen durch das Bellen eines Rehbocks. Wie ein heißer, seliger Atem ging's durch die Nacht; wie ein zärtlich Geflüster schien's von Baum zu Baum zu klingen.
Da ward's ihn:, den: Krüppel, immer wilder unrs Herz. Er streckte die Arme aus, — wonach? Er rief, halb irr, einen Namen, — welchen? Seine Brust atmete schneller und stärker, und der Nelkenduft, es mußten tvilde Menduelken sein, ward immer heißer. Uno tvilder und süßer ward sein Märchentraum: Es war einmal ein ganz blutarmer, häßlicher, dumn:er Krüppel, der sich an der Krücke fortschleppte und Körbe flocht, die er verkaufte. Seine Hände waren braun und grob und schmutzig, und er wohnte in einem kleinen, verfallenen Hause. Nicht weit davon hauste in einem prächtigen Schlosse eine Königstochter. Sie war von solcher Schönheit, wie man sie niemals früher oder später bei irgend einem Menschen vorfand. Ihre weißen Hände waren wie die der Himmelskönigin, und wer sie ansah, hätte niederknien mögen und beten.
Der arme, verkrüppelte Bettler sah sie au. Und seit diesen: Tage verließ ihn ihr Bild niemals mehr. Es war sein höchstes Glück, daß er an sie denken konnte.
So weit war Juschu Laskowicz schon immer gelvesen. Er stöhnte leise. Der heiße Abend, die wilden Nelken, der Mond und all das Geflüster und Getuschel ringsun:.
Er dachte immerzu an die Königstochter, fuhr Juschu Laskowicz plötzlich in seinen Gedanken fort, doch er wußte nicht, was werden sollte. Und eines Abends im Walde siel ihm ein, wie das wohl loäre, wenn er, der Bettler, die wunderschöne Königstochter einmal in: Leben, ein einzigmal, küssen würde.
Zuckte kein Blitz? Stano das Herz der Welt nicht still? Sein eigenes setzte den Atem aus. Wen:: er sie einmal im Leben küssen würde, dachte er zum zweitenmal. Er zitterte wie berauscht; gleich elektrischen Schlägen ging es durch seinen Körper. Er, der Juschu Laskowicz, sollte Hanna von Graßnick im Arm halten, sie umschlingen, sie küssen. Er richtete sich halb auf, rutschte auf den Knien von: Eingang der Hütte ganz ins Freie und sah nach oben: unzählige Sterne funkelten hernieder, unfern aus Moos und Büschen schienen Glühkäser zu leuchten, der Duft des Abends war hier draußen noch stärker. Und plötzlich warf sich der Krüppel vornüber auf den Boden, barg sein glühendes Gesicht im Moos und stieß dumpfe, halb unterdrückte Laute aus: Jubel und Schluchzen.
In jener Sommernacht, in der Jüschu Laskowicz die Fortsetzung seines Märchens gefunden hatte, schlief er nicht. Und wie es zu geschehen Pfleat: der Gedanke, der ihm erst ungeheuerlich erschiene::, ward ihm allmählich immer veh- trauter. Es schien ihn: bald selbstverständlich, daß das Märchen gar nicht anders weit er gehen könne, daß eben der Bettler wirklich die wunderschöne Königstochter küssen würde.
In heißen Liebesschauern wölbten sich seine Lippen. Sein ganzes Leben war von nun ab nur noch die große Sehnsucht nach Erfüllu::g, ein großes Erwarten des Tages, der sie gewähren sollte. Er war so naiv sicher, daß der Tag eintrete:: mußte. Ein selsenfester Glaube, den nichts erschüttern konnte, erfüllte ihn. Und ihn: war ferner ganz außer Frage, daß hier sein kleines Heiligtum ihn und die wunderschöne Königstochter aufnehmen, daß Sterne fallen und wilde Nelken durften würden, wenn seine Lippen die ihren dereinst berührten.
Weiter aber versagte seine Phantasie völlig. Er dachte wohl: Ich werd sie küssen — aber das Drun: und Dran, !vas sein würde und werden sollte, verlor sich in einen: lichten silbernen Nebel. --
Auch heute, am kalter: Wintertag, kam Juschu Laskowicz m:t dem Märchen nicht zu Ende. Als er immer wieder selig getmumt hatte, humpelte er seufzend aus feinem Ban hervor, .machte die Tür zu und sah nach der Sonne. In kurzen: würde es auf dem Schloübof Mittag läuten. Auch die


