Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Er war froh, daß der halbverrückte Schulmeister ihn verlassen hatte. Was gingen ihn die Sensen und die Ftrun- rnen an, was ihn der Freiheitskampf? Er sah ein anderes! Bild, und in lichtem Nebel verlor sich die Ankunft.
Unweit des Schloßparkes begann der Mefernwald, der sich fast eine Meile weit hinzog. Auf ihn schritt Josef Lasko- wicz, der Krüppel, zu, so schnell er konnte. Als er den Waldrand erreicht hatte, sah er zurück. Dicht vor ihm Park und Schloß, nur ein Sturzacker dazwischen. Er lächelte. Dann humpelte er in den Wald hinein.
-Obwohl kein Pfad zu sehen war, hinkte er sicher und ohne Besinnen dahin. Er hatte ein ganz eigenes Plätzchen, das nur wenige kannten. Und er erreichte es bald.
Es war ein kleiner Erdbau, wie ein Kelter anzusehen. Holzfäller oder andere Wa-ldarbeiter mochten ihn errichtet; haben, um drinnen ihre Gerätschaften zu verschließen, oder während des Tages die entbehrlicheil Kleidungsstücke dort unterzubringen. Sie hatten einen versteckten Platz gewählt.
Der Krüppel hatte das HAtchen vor zwei Jahren etwa aufgefunden und in Besitz genommen. Er trug Moos hinzu und machte ein Lager zurecht, und auf diesem Lager streckte er sich im Sommer stundenlang aus. Es war dämmerig um ihn her, denn die Tür war nur klein.
Aber so sah ihn niemand, und dafür blickte er ans dem Dunkel heraus in ganze Lichtströme, die durch die Wipfel spielten. Sie waren nur um so Heller und goldener, je däm- meriger es hier drinnen um ihn war. Und war's mit seinem Leben nicht auch so? Wohl stand er im Finstern, aber um so leuchtender erschien der wunderbare Märchentranm, in den er hineinfah.
Immer Heller war auch jetzt sein Gesicht geworden, je mehr er sich dem Ban näherte. Er war beinahe freudig, als er die Tür aufmachte. Sie knarrte in den Angeln; er mußte sich bücken, um hindurchschreiteu zu können.
Drinneu konnte er gerade stehen. Er überzeugte sich bald, daß niemand inzwischen sein Heiligtum betreten hatte; zu stehlen gab es hier auch nichts. Oder doch? Juschu Lasko- wicz ging in eitlen Winkel. In Laub und Moos kramte er herum. Dann holte er mühsam etioas Großes, Plirmpes' hervor, was mehrfach in Lumpen und alte Tücher gewickelt war.
Es !var ein ziemlich grober Holzklotz, doppelt und dreifach so groß wie die, welche zu Hanse in seiner Stube lagen. Auch hier traten in roher Bearbeitung schon die Umrisse per Madonna hervor, die wohl das Jesuskind im Arm halten sollte.
Es hatte seine eigenen Gründe, daß er dieses Werk gerade hier und nicht zu Mairie schnitzte. Der Pater hätte
nicht gelitten. Denn wer sollte wohl eine so große Madonna kaufen? Die kleinen verkauften sich leichter. Da hatte er sichere Zlbnehmer. Vor allem jedoch: Hier hatte er seine schönsten und herrlichsten Stunden verlebt, hier, in dieser dämmerigen Waldeinsamkeit, war sein Herz so voll, so rein, so feierlich gewesen wie niemals zu Haus. Und er meinte, nur hier würde er deshalb etwas schaffen können, was all diese Reinheit einfinge. Wenn der Wind im Walde sang, wenn sein Herz schwoll, dann segnete ihn und sein .Werk wohl die heilige Jungfrau.
Ihr sollte es ja gewidmet sein, sein großes Datckopfer. Wofür? Für das große Glück, das sie ihm gegeben, für den schönen, schönen Traum.
Für den Traum. Juschu Laskowicz hätte das Stechzeug nicht nötig gehabt. Er wickelte den Holzklotz rasch wieder in die Lumpen und verbarg ihn. Dann warf er sich lang auf das weiche Mooslager und schloß die Angen. ysirv manchmal öffnete er sie, um hinanszusehen ins Helle Licht. Und immer verklärter und seliger waren sie.
— — Er war ein kleiner Junge. Er spielte mit vielen anderen Kindern und prügelte sie. N?nr mit einer spielte er, ohne sie zu schlagen. Wie hieß sie gleich? Ach ja, Kascha Kacz- marek. Sie kam ihm damals wohl sehr schön vor. Eines Tages spielten sie wieder. Gerade auf der Chaussee, wo der Kirschbanmweg abbog und zum Schloß führte. Und mit einemmal lag ec im Staube, Porte Kascha ausschreien. Schreck und Entsetzen lähmen ihn, er fühlt erst kaum einen Schmerz, nur etwas Dumpfes, Schweres. Vielleicht ist er ohnmächtig. Dann, ohne noch schreien zu können, schlägt er die Augen entsetzt auf.
In Todesnot, Schreck und einem jäh fühlbar werdenden Schmerz Miten sie sich. Sie nehmen ein Bild auf, das sich ihnen einprägt für alle Lebenszeit: über sich gebeugt, große Tränen in den blauen, erschrockenen Kinderaugen, sieht er ein Mädchengesicht, so fein, blaß unfc kühl, daß es kein zweites ähnliches mehr geben kann.
Was weiter geschieht, iveiß er nicht. Halb besinnungslos liegt er da. Er hört, wie wenn die Leute reden und schreien. Ihm ist, als hebt man ihn auf. Da wirb der Schmerz unerträglich.
Jan Hebda, der verrückte Schulmeister, der die Kräuter kennt, pfuscht an ihm herum. Als man endlich den Arzt holt, ist es zu spät. Tage und Nächte, Wochen und wieder Wochen muß er im Bett bleiben. Und dennoch das ganze Leben dazu verurteilt, ein Krüppel zu sein. Äas Kinb erfaßt die ganze Tragweite des Unglücks noch nicht. Viel schlimmer drückt den kranken Juschu die Langeweile.
Seit zwei Jahren if# die Mutter tot. „Sie hat sich verhoben," sagt der Bater. So ist er ganz allein. Niemand ist bei ihm. Endlos dehnen sich die Stunden. Er hört die anderen Kinder draußen lärmen und schreien. Er sieht, wie sich Kasch« Kaczmarek manchmal am Fenster hochzieht und sich die Nasi an der Scheibe plattdrückt. Und dazu das ewige wilde Gehämmer nebenan aus der Schmiede. Er weint und ist trotzig.


