Mittwoch, den 29. November
Iriffi
Königsträume.
Roman von K a r l Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
4. Kapitel.
Joses Laskowicz. der Sohn des Schmiedes, hatte lauge durch die trüben Scheiben gesehen. Jetzt stand er auf und humpelte mühselig nach der gegenüberliegenden Wand, ^n einem trogartigen Gefäß lag ein Bündel weißer, gesckßilter W"idenrut'en im Wasser. Er bücttc sich herab und nahm eilte der Ruten auf. Prüfend bog er sie hin und her. Sie war durch das halbstündige Wässern elastisch geworden.
Da seufzte Josef Laskowicz und setzte sich an die Arbeit.
Das Zimmer war klein, und wenig nur stand darin. Ein derber Tisch, zwei, drei kräftige Stuhle, ein Bett, und auf einem weiteren Stuhl eine zinnerne Waschschüssel. Int Ofen prasselte das Feuer. Davor, hoch ausgeschichtet, lag auf dein hartgestampsteu Lehmboden Brennholz, und gleich dabei ein großer Posten Weidenrnten, mancl)-e geschält und gebleicht, manche noch mit der Rinde darum. Manntgfach.es Handwerizeug lag in der Nähe, nicht sauber geordnet, sondern grad' eben beim Verlassen der Arbeit hingeworsen. Da war die hölzerne Zange zttm Schälen, der Reißer zum Zerspalten der Ruten; seltsam geformte Hobel und hölzerne Formen trieben sich daneben hertun. Von der Unordnung, die an dieser Wand des Zimmers herrschte, stach um so tnerk- würdiqer die Ordnung ab. in der ändere Gerätschaften am Fenster ansgestellt waren. Auch dort Handwerkszeug, aber es biente nicht der Korbarbeit, Neben größeren und kleineren Klötzen weichen Linden- und Birnbaumholzes gab es da verschiedenes Stemm und Stechzeug, wie es die Bildschnitzer brauchen. Eins der Hölzer zeigte schon die Spuren der ersten rohen Bearbeitung. Auf dem Fensterbrett selbst stand eine fertig geschnitzte Madonna. Es war die übliche Arbeit, wte sie dörfische Künstler liefern. Das Gesicht mit starrem Ausdruck, ganz ohne Leben und Lieblichkeit. Nur die Fallet! des Gewandes fielen leidlich schön. „ c -
Josef Laskowicz hatte inzwischen mechanisch ferne Arbeit begonnen. Ziemlich rasch flocht er den Boden des Korbes. Dann sanken seine Hände vor, und sein Blick, der noch eben gleichgültig über die weißen Ruten geglitten war, sah seltsam verträumt nach draußen. Die Sanne kant durch die Wollen: in den trüben Scheiben !ag ein schwacher goldener Strahl. Dazu sang das Feuer, und nebenan fiel dumpf der Hammer auf den Amboß der mächtige Hanrmer, den
Michael Laskowicz, der Schmied vott Nasgora, schwang.
Joses war von Kindheit an so daran gewöhnt, dag er's saunt noch hörte. Nicht Hall und Schall tveckten ihn, wenn er träumte. Unb die Traume durchwoben ia sein gaitzeS Leben, durchwoben es Jahre jund Jahre schott. Mit jedem wurden sre schöner, farbiger,»heißer — mit jedem baute sich das geheime
Märchen weiter, dessen Held er selber war, das er jede Stunde durchlebte, das ihm sein Dasein erhektte, und das doch niemals, niemals zu Enoe kam.
Draußett rollte jetzt ein Wagen vom Schlosse her dte Chaussee entlang. Rascher, als irgend jemand es chm zu^ getraut hätte, lvar der Krüppel aufgesprungen und ans Fenster gestürzt. Er sah nichts mehr; nur die beschneite, sonnenbeschienene Straße, die Felder drüben, den Kiefernwald. Da rieb er sich die Augen und legte dann die Dana darüber. Sein sonst blasses, abgefallenes Gesicht war leicht gerötet, und die Brust atmete kurz und heftig.
In der Schmiede nebenan war der Schlag der Hammer jetzt verstummt. Gleich daraus tönten schwere, ungleichmäßige Schritte im Nebenraum. Michael Laskowicz, der Lchnned, -machte Frühstückspause. Eine dicke Schnitte Brot mit einem Ende Räucherwurst dazu in der einen, das ausgeklappte Taschenmesser in der anderen Hand, so erschien ec bald darauf vor seinem Sohne. Sein Gesicht war berußt, das lederne Schurzfell hing ihm um die Hüften.
„Hast schon gegessen, Juschu?" fragte er in seiner rauhen Art.
Der Krüppel schreckte auf. ^ „ . r ...
„Ich habe keinen Hunger, Vater." Dabei beugte er sich gattz auf seine Flechtarbeit und hantierte eifrig daran herunr Das Gesicht des Schmiedes sah immer finster aus; letzt ward es lwch finsterer. Fast heftig fuhr die Klinge des Messers ms
„Es ist dafür gesorgt, daß ich's nicht vergesse," murmelte er. Und lauter: „Bon der Luft lebt kein Mensch. Das geht nun Tag für Tag so. Und der Josef Laskowicz wird ctu Mann dabei, den ein Kind umpustet."
Er setzte sich schwer ans einen Stuhl und legte die Faust
auf den Tisch. r „ , rt ..
„Als ich so alt war wie du," sprach er, „Hab ich gewünscht, daß der Heilige, der so riesenhast stark war und das Christkind trug, vont Himmel käm', um mit mir zu rtngen. Gott vergeh' nur die Sünde: es war lästerlich. Aber wo ich auch hinkam, ich Hab' keine Faust gesunden, die besser hieb wie meine, und keinen Arm, der stärker war. 's war mein Stolz als junger Kerl, und schämen tu’ ich mich noch heut nicht drum! Deine Mutter selig war nicht anders. Hab' ste zum erstenmal gesehen unter den anderen Mädchen, da lacht sie und nimmt die beiden schweren Wassereimer hoch — sw wareti ganz vollgesüllt —, und lacht wieder und larist damit, als wollt' sie zum Tanz. Die anderen denken, sie können's auch; aber nach drei Schritteti müssen fre d« Eimer hinsetzen, daß das Wasser überschwappt. Da halt ich die Frau, wie sie für einen Schmied paßt. Und der Junge, denk' ich. wird so stark werdet! tvie tvir zwei zusammen, und wenn er und ich die Hämmer sausen lassen, fühlt es das Eisen, daß zivei Laskowicze darüber sind Hopla, Freundchen, und jetzt? Warst ein Bub wie kein zweiter, nicht satt zu kriegen, und wild wie der Teufel Und hast du den anderen Löcher in den Kopf geschlagen, so zog ich dir


