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Aristide Carotte, -er Zremdensührer.
Vor: M <r r t i n Proskaner.
•STtö noch Frieden in Europa war, stand Aristide Earotte in Paris auf dem „Boulevard des Italiens", handelte mit Ansichtskarten und Pariser Andenken und belästigte mit den anderen „fliegenden Händlern" nach besten Kräfte:: die zahlreichen Fremdeln, die über die Boulevards spazierten.
Aristide Carotte war ein magerer kleiner schwarzlockiger Kerl mit einer geschäftstüchtigen Seele. In ihm rollte das Blut seiner lebhaften und phantastischen südfranzösischen .Heimat; unb nicht Nmsonst stammte er aus Carcassonlre, das in der Nähe des Unsterblichen Tarascon liegt. Er begnügte sich nicht damit, den Fremde:: eine Handvoll abscheulich bnnter Ansichtskarten aufdringlich störend unter die Nase zu halte::, sondern er schnappte bald hier und dm ein paar Brocken englisch und deutsch auf, horchte einiges den sprachkundigen Fremdenführern ab, die in der Nähe ihren Stand hatten, und wendete diese „Sprachkenntnis" nun in: seinem Geschäftsbetrieb an.
Tie merkwürdig klingenden Worte, die er für englisch oder deutsch hielt Und jeweils den Fremden entge'genschrie, hatte;: auch insofern einen gewissen Erfolg, als die so Ap gesprochenen, von ungefähr an den Klang ihrer eigenen Sprache erinnert, stehen blieben und oft, belustigt durch das Kauderwelsch des Herrn Aristide Carotte, mit ihm eine Unterhaltung begannen. Der Schluss war daun natürlich ein Ankauf, den der gute Aristide Carotte seiner Sprachgewandtheit zuschrieb.
So ging das friedliche Leben Europas lurd des Herr:: Aristide Carotte noch eine ganze Zeit, als plötzlich der große Krieg aus- brach, die Fremden von den Pariser Straßen verschwanden und die Ansichtskartenhändler auf den Boulevards sich nur durch den Verkauf der dümmsten und ordinärster: Schmähbilder auf Deutschland notdürftig ernähren konnten.
Ta wurde Aristide Carotte der Sorge um das tägliche Brot plötzlich enthoben, indem er euren Militär-Gestellungsbefehl erhielt und sich zum 207. Linienregiment nach Limoges zu begeben hatte. Hier bekam er ein Bett in der Kaserne, eine Uniform und wartete die weitere Entwicklung seiner soldatischen Laufbahn mit heimlicher Unruhe ab.
Da wurde eines Mittags beim Mannschafts-Appell angesagt, es sollten sich Leute mit Sprachkenntnissen melden. Anstide ersah seine Gelegenheit und sprang mit vor die Front. Der Hauptmann g:ng fragend die Reihe der Sprachkundigen entlang, wobei ihm Aristide Carotte im stolze:: Ton mitteilte, daß er englisch undi deutsch spreche.
Ter Hauptmann blieb stehen: „Sie sprechen deutsch? Ausgezeichnet ! Was sind Sie von Beruf?"
Carotte hatte das dunkle Gefühl, daß die einfache Angabe- s,Ans:chltskartenhändler" den eben erzielten guten Eindruck stören würde; außerdem empfand er sich selbst als etwas besseres — in rasender Eile flogen seine Gedanke,: — und so sagte er: „Ich bin Fremdenführer, Herr Hauptmann!" „Ausgezeichnet!", wiederholte der Offizier, „in Paris, nicht wahr?" — „Jawohl, Herr Hauptmann!" „Sie scheinen ein fixer Junge zu sein," nickte der Vorgesetzte wohlwollend, „solche Leute brauchen wir!"
.Er wmkte dem Korporal, der sich Aristide Carottes Namen notierte, und als Carotte vier Wochen später mit einem Transport zur Front kam, hatte er in seinen: Militärpaß den stolzen Vermerk „Dolmetscher für deutsch und englisch."
In der Jnfanteriestellnng, in die man Aristide mit den andern Leuten geführt hatte, fand er es nicht so schön, wie er es erwartet hatte. Aber bald hatte er den richtigen Anschluß an den Feldwebel geftniden urch ihn auch ans de:: Vermerk in seinen Militärpapieren gebührend aufmerksam gewacht. Auchunter den Kompagnie-Kameraden führte er das große Wort; und bald galt der „Fremden- Mrer , wie er allgemeii: genannt wurde, mit seinent südlichen Temperamentbei den anderen schwerfällige:: irormannischeN Kameraden als eut fixer Junge, lohne daß cs einen: von ihnen klar wurde, daß der brave Aristide Carotte noch nicht das Geringste getan! hatte, uii^ßsen Ruf zu rechtfertigen.
Ta rm einmal der Feldwebel den .Infanteristen Carotte zu sich und fragte :hn, ob er sich getraute, eine Patrouille zu führen, d:e ziemlich wert :ns Land hinein gegen die deutschen Truppen rekognosznren sollte Aristide bejahte stürmisch ruck, fand durchaus, daß er für cme solche Rolle außerordentlich geeignet sei. Er erhielt also den Auftrag, sich mit der ihn: beigegebenen Patrouille in der Richtung des feindlichen Vorinarschcs vorzuschiebeu und festzuslellen w:e weit die stündliche Stellung ai: gewissen Punkten sich erstreckte Wtd insbesondere, wo etwa de::ts.che Vorposten !und Feldwachen' eingerichtet seren. Ter Feldwebel wies Aristide Carotte noch daraus
daß er auch versuchen sollte, Ivenn irgend möglich, einckn solche,: klerncn deutschen Posten aufzuheben, die dabei gemachten Gefangenen jjr verhören und ihre Anssage:: für seine eigenen weiteren Forschungen entsprechend z,l verwerten
Aristide hörte mit glänzende!: .Augen zu — sah er sich doch im Traum bereit» als Gebieter zahlreicher Gefangener , erhielt seine Leute zu geteilt Wtb marschierte mit ihn en nb
Zuerst freilich, beschlich ihn ein seltsames Gefühl. Äs er das f?& Clt ^rr a0er unbfcite Hilfe der ^Kameraden Schritt für Schritt hinter sich lassen mußte; und er führte seine Leute gar sorglich die
Hecken- und Buschbestände entlang, obgleich an Feinde noch garuicht zu denken war. So kam die Patrouille langsamer vorwärts als sie gedacht hatte; und als cs Nacht wurde, lenkte Aristide Carotte P' r l i eU r ^ n i amen Bauernhof zu, der seltsam friedlich zwischen f Egsam näher schiebenden Gewitterwolken der Heiden
feindlichen Fronten lag.
. das Pochen Aristides erschien ein kleiner buckliger Bauer
^ ^ Soldaten freundlich aufnahm und ihnen!
Abendessm m:t großen Gläsern voll des landesüblichen Schnapses aus schwarzen Johannisbeeren vorsetzte. Aristide Carotte hielt zun: Dank dafür eine sehr schwungvolle Ansprache, in • 0 $L öon Vi T ä?& aen Heldentaten die Rede war. bestimmte dam: » n ■ dosten und legte nch mit den übrigen begeistert und Ichlaftrunken :n das Heu. Am Morgen wurde er durch den buckligen ^Dnern geweckt, der ihm mitteilte, sein Gevatter, ein anderer Malier, l.wbe eben berichtet, inan hätte in einem Dorfe, etwa 30Ki- lometer von diesem Hof entfernt, deutsche Patrouillen gesehen! ^:ese Nachricht brachte den noch nicht ganz ernüchterten Aristide auf die Beme, er rief seine Leute stärkte sich nochmals am Jo- haninsbeerschinaps, füllte seine Feldflasche damit und zog ab.
Eifrig und vorftchttg wanderte die Patrouille unter Carottes Führung noch Osten zu; die Sonne brannte immer heißer, der Durst führte die Feldflaschen mit dem schwarzen Schnaps immer öfter an d:e trockene:: Lippen; und bald hielt Aristide wieder seine berühmten anfeuernden Reden, die unter der Wirkung des Genossenen herrlicher als je erblühten. So waren sie eine ganze Weile marschiert, erst in Deckung, dann aus dem offenen Feldweg, wo es sich doch viel bequemer ging, als plötzlich vor ihnen im tiefsten Baß cui scharfes HE!" erdröhnte ^ . , Ein kleines Gebüsche, ans ein paar Strauchern besteheiid, an dein sie gerade Vorbeigehen wollten '^n lebendig geworden zu sein, denn daraus traten etwa acht bis hervor, in grauen Stoff gekleidet, grau überzogene spitze Helme auf den Köpfen, groß, breitschultrig — Deutsche!
„ f^ne Leute blieben jo, wie sie angerufen wurden,
Mtarrt stehen, Der lleberfall kam ihnen zu plötzlich und unerwartet Einer machte einen mechanischen Griff nach seinen! Gewehr, da machten drüben die zehn Gewehre eine so deutliche Bewegung, daß d:e Franzo,e::, ^ ohne daß ein Wort gesprochen wurde, alles ver- standeu. Endlich sagte der Uuterofsizier, der die Deutschen führte, Mblbe,. der vorhin so erschreckend „Halt" gerufen hatte: „So, ^hr Mannekens, nu gebt 'mal Eure Knarren ab und kommt mit, aber n bischen f:x, w:r haben Eile!"
Dabei trat er auf Aristide Carotte zu und wollte ihm das Gewehr fortnehmen Aristide sprang mit einer herrlich wilden Bewegung d:e auf ;eder Pariser Theaterbühue gewirkt hätte, zurück;
der große deutsche Unteroffizier nahm sein eigenes Gewehr u-w hielt e» ruhig und sorgfältig zieleiid vor Aristides Bauch, woraus dieser plötzlich eine heftige Uebelkeit, ein vom Magen auf- steigendes unsicheres Gefühl empfand und verächtlich sein Gewehr von sich warf. D:e andern folgten seinem Beispiel.
„Nu jähste", sagte der Berliner Unteroffizier geniütlich, „wariim mcht gleich? Zureden hilft!" und ließ von seinen Leuten D:e französischen Gewehre aufnehmen. Dafür bekamen die Franzosen die deutschen Tornister aufgepackt, und bald marschierte der K..unvermutet entstandene Trupp weiter nach Osten, als es Aristide Carotte und seine Kanieraden gewünscht hätten 17 . Dre Sonne brannte eiitsetzlich, und das Tempo, das der große Unteroffizier angab, war ein preußischer Geschwindmarsch, so daß den p-ranzosen bald der Schweig nur so herunterlief. Sie fingeu ?n, sich, sehr unbehaglich zu fühlen; das Bewußtsein der Gefangen- schuft, in d:e fte fo plötzlich-, wie iiis kalte Wasser gestellt waren, steigerte d:e üble Laune, ünid bald schimpften sie leise und dann lauter vor sich hm.
Der deutsche Unteroffizier, der kein Wort verstand, hörte lachend zu, ohne etwas zu sagen oder auf die flehenden Blicke der ermüdeten Gefangenen zu achten. Er wußte genau, was für eine Strecke er heute noch zu marschieren hatte, uiid so ging es Kilometer nnttKilometer rm Geschwindschritt weiter — voran die Fran- zosew unter den Tornister:: stöhnend und schimpfend, dahinter die Deutschen, vergnügt rauchend und wachsam.
™ kehrte sich die schlechte Laune der Franzosen gegen
Arrsttde Carotte, :n dem fte plötzlich — und nicht ganz zu Unrecht 77 de "Urheber des Malheurs sahen. Zornige Reden begannen, sck;l:eglich verlangten die ermüdeten Leute, Aristide solle mit den Deutschen reden u::d mindestens eine Rastzeit verlangen.
Aristide Carotte erwachte langsam durch das zornige Schelten der Kameraden m:s dem stumpfsinnigen Trotten, das er den ganzen Weg lang emgehalten hatte, und sah sich verstört um. Nein — es war kern entsetzlicher Traum, es war Wirklichkeit. Hier waren d:c grauen Gestalten der wachsamen Feinde und da die zornfnnkeln- be.? Gingen der Kameraden. Ein jähes Angstgesiihl stieg vor den bösen Blicken :u ihm auf; ia, ja — er würde tun, was sie wollte::
— er wurde m:t den grauen Barbaren da reden, mit den ungehobelten grauen Burschen — oh, er loürde! Und wähi'eud er Mit Lippen und Händen redend die aufglimmende Wut der Kameraden zn besänftigen versuchte, raste er zugleich im Jmiern bnnf- seinen Wortschatz, durch seine Kenntnisse der deutschen Sprache die er ia ^uliuer so stolz betont hatte.
dMu' ihn: war ganz rvirr im Kops, die lvcnigen Sprachbtockcu fiUlMer Zeiten schienen verschwundei: und durcheinandergeivürfelt.


