654
Damit schritt er weiter. Als er sich nach geraumer Zeit umwandte, sah er, wie die beib-en mit ihrer Karre langsam hinter ihm dreinzogen.
„Ich laß mich hängen, wenn das keine Boten der neuen Nationalregierung sind," sprach er halb vor sich hin. Auf den einsamen Gängen war er gelohnt, mit sich selbst zu reden. „Sie Hetzen uns das Volk auf. Aber die Papiere waren in Ordnung. Das andere ist nichts meine Sache."
Eine halbe Stunde später stand er vorm Dorf. Nach frommer Gewohnheit war auch hier, wie vor jedem Ort und Oertchen der Gegend, an alten zuführenden Straßen ein heilig Bildwerk aufgestellt. Meistens war es ein roh aus Blech geschnittener und mit bunten Farben grell angemalter Schutzheiliger, der den Wanderer von einem Baumstamm oder einem kleinen Holzgerüst grüßte. Hier aber stand, in plumper Schnitzarbeit aus Holz geschnitten, die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben. Auf dem Stamm einer Weide war sie befestigt, und im Sommer bogen sich die Zweige schützend um sie herum. Jetzt im Winter erhob sich das fromme Bildwerk zwischen den kahlen Aesten, als friere es mit ihnen. Es stand schon so lange, daß niemand im Dorfe war, der sich genau erinnerte, wer es ausgestellt hatte und um welche Zeit das geschehen war. Nur oer halbverrückte Schulmeister Jan Hebda, das Eichhörnchen, erklärte, ein gläubiger Patriot hätte 1831, also vor mehr als drei Jahrzehnten, nach der Schlacht bei Ostrolenka diese Madouna mit dem Jesusknaben dem Dorfe gestiftet. So lange mochte sie auch wirklich öastehen. Der Regen hatte die Farbe verwaschen, der Staub der Straße sich grau darüber gelegt. Auch fehlte ein Stück des Armes: kurz, die heilige Jungfrau Von Nasgora, so hieß das Dorf, befand sichln einem jämmerlichen Zustande.
Wozu haben wir eigentlich den Josef? dachte der Gendarm, als er vorüberging und sich fromm bekreuzte. Man sollte der lieben Gottesmutter einen neuen Schmuck geben. Verdient hat sie es wohl, und der Josef tut's um einen Gotteslohn. Rechts und links zogen sich die Häuser hin. Baracken mit Lebmwänden, Reisig und Brennholz davor. M und zu dazwischen ein solides, kleines Haus mit freundlichen Fenstern. Es war Dämmerung geworden: schnell und früh sank jetzt der Abend. Die Schornsteine rauchten: trüb aus beschlagenen Scheiben flammten die Lichter. Vor einem Haus fiel ein hellerer Schein auf die hartgefrorene Straße. Wuchtige, llirrende Hammerschläge tönten in die Dämmerung des frühen Winterabends.
Peter Wroblewski ging hier nicht vorbei, cm noch fleißig, Michael Laskowicz, mein Lieber?
Mack Fererabend, Bruderherz, und gib mir ein Schnäps- chen! Der Wind hat mir durch die Knochen geblasen, ich war bis zur Grenze."
Der Schmied hörte auf zu hämmern und nahür aus dem Schurzfell die Flasche hervor.
„Versuch', Bruder," sprach er mit einer Stimme, die srch am Drohnen der Hämmer gebildet zu haben schien, „es ist was Neues und Feines. Seit den zwanzig Jahren, wo wir uns kennen, hat mir noch nichts so wohlgetau. Schon der Name wärmt." }
^ dem Blasebalg das Feuer an, und während
^ dav Metall angluhte, zuckte ein grimmes Lächeln der Befriedigung über sein rußiges Gesicht.
~S r ßtejj&arm, sein Herzensfreund, tat einen tiefen Zug. e, - bu i ter .. mu f3 der Christenmensch heizen," sagte er. Name nxeb*\t bu ?" *** toic anderes. Aber von welchem
^ id)aeI 2 <Eowicz lachte. „Nicht von meinem. Und erst recht nicht. Aber was gut ist, hat einen
, Warnen. Und wenn du beim Schankjuden den Schnaps haben willst so verlang' nur „Russenblut". Ich schlag' noch mal so schnell, wenn ich den Namen hör' "
rtll? wu Hr an9 ^^lchweren Hammer und ließ ihn wuchtig aus die stählerne Schutzplatte des Ambosses saufen. Weithin ^ohnte und klirrte es durch die Dämmerung. Peter Wro- Pblewskr war einen Schritt zurückgetreten. Er schüttelte
l'ÄtÄÄ»“
m. uf $'£ en Brauen des Schmieds zogen sich zusammen „Die Pest an ihren Hals!" schrie er aus „Bist ein Pole und kannst so reden! Aber du trägst einen Roch den uh »echt lreb Hab, und mußt tanzen, wie sie pfeifen. Hol’s
der Henker!" Zornig setzte er das Gebläse in stärkere Tätig- reit. Die Flammen umlohten seine .Hüiiengestalt. Die .Helm- spitze des Gendarmen funkelte auf.
„Mit dir ist nicht mehr zu sprechen, Michael Laskowicz! brummte er ärgerlich. „Seit es drüben losgeht, bist du nicht bei Sinnen. Gott schütze dich und die — die arideren, aber ich muß meine Pflicht tun und tue sie."
Er sah ihn an. „Der Schnaps ist gut. Wie heißt er?"
„ r'r® 11 ein guter Kerl und mein Freund, er heißt „Russenblut", Bruderherz!"
Und als Peter Wroblewski einen tiefen Zug nahm, riß der Schmied das Sensenblatt, das nuri glühte, ans dem Feuer, faßte es mit dem Dorn und hämmerte brauf los. Bei jedem Schlage stteß er eine Verwünschung durch die Zähne.
„Willst wissen, was ich rede? Hopla, Bruder, man kann nicht immer einen aus der Flasche nehmen. Mer das Herz' will gestärkt sein. Und bei Gotk> ich sage dir: Das stärkt das Herz noch besser!"
_ f Er holte aus: „Das für den Baron, unfern Herrn! Ja, sprrng' du nur! Warum ist mein Junge heute ein Krüppel!"
Klirr, sauste ein zweiter Schlag nieder: „Das für die Bluthunde über der Grenze! Solch Hammer auf jeden sterben^ädel, bann will der alte Michael Laskowicz ruhig
Das Sensenblatt bog sich schon mehr gerade. „Und das" — ein neuer Hieb — „den Preußen, weil sie den Bluthunden helfen! Hopla, das macht die Arbeit leicht und das Herz leichter!"
Peter Wroblewski, der Fußgendarm, hielt sich die Ohren zu. „Freundchen! Michael! Ich Hab' nichts gehört — kein Wort! Mer so darfst du nicht reden. Vergiß meinen Rock nicht! Heilige Jungfrau, was sind das für Zeiten! Nicht seinen besten Freund darf man anhören."
Der Schmied lachte nur. „Schlimm genug, daß du den Preußen dienst! Deinetwegenllann Polen noch heut' sterben' Ich aber, ich denke anders, ich, Michael Laskowicz der Schmied von Nasgora! Und wenn du mich anzeigen willst, gut, gut! Man wird ja erleben, was geschieht!"
Entrüstet gab der Gendarm* ihm die Flasche zurück. ^Bist du von Sinnen? Ich dich anzeigen? Zeigt der Peter Wroblewvki seinen besten Freund an? Bei allen Heiligen, öer Kopf verwirrt sich oft, wenn er grau ist. Mer von dem Kopf seiner Wohlgeboren, des Schmiedes, hätt' ich das nicht ^gedacht." 1
Er wollte Kehrt machen. Da ließ Michael Laskowicz den Hammer ruhen. „Ich reib' die Worte nicht mit Speck ein " brummte er. „Und wenn der Hammer grob klingt, so ist er dafür ein Hammer Deshalb brauchst du nicht wegzulaufen. Du kommst schon früh genug zu deinem Kreuz. Aber ein andermal red' mir nicht so dazwischen."
,^Jch Hab' nur gesagt, daß du sttll bist über die Preußen. M trag den Rock. Die Preußen haben uns nichts getan." c."-."So-schrie der Schmied und stemmte die Fäuste in die Husten. „Wenn s beliebt, Euer Gnaden: Du kommst von der Grenze?" '
„War dicht daran wenigstens!"
„Und hast trotzdem nicht die Postenketten gesehen? O Pwtr, mein Freund, du hattest bessere Augen sonst!"
„ Der Gendarm zuckte die Achseln. „Die Grenze muß besetzt fein, Michael. Sonst überschwemmen die Sensenmänner auch das Großherzogtum."
. . "Vielleicht," sagteder Schmied, und ein Blitz zuckte in fernen Augen, ,,^ch tonnt' mir Schlimmeres denken' Aber ' h'«fl*! Krieg ist Krieg, und greift der Pole
haut der Preuße totebet. Jetzt jedoch ist das anders. Nur ernzelne kommen über die Grenze. Weshalb? Weil sie die Preußen lieben? Maria Josef! Nein, weil die Russen sie verfolgen. Was geschieht jedoch? Man nimmt sie hier L rangen. Auch gut tef) ertrag’ viel. Aber höre, du Bnntrock, man liefert sie den Russen aus! Weißt du, was dann drüben mit ihnen geschieht? Erschossen werden sie, Pe er Wroblewski. Erschossen, weil sie als Polen für Polen kämpfen. Nun red nur noch von den Preußen." *
hören^' bTÖ ‘ f,nte ber Heuler wieder und wollte nicht auf-
„Ich versteh' davon nichts," sprach der Gendarm >mrf> °Er Panse finster „Aber sonst, wir Holen haben L hier öoch nicht schlecht. Besser wie drüben."
Ein kurzes tzohnlachen war die Antwort.
(Fortsetzung folgt.)


