Ausgabe 
13.11.1916
 
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Züge und Geschichten von Leibniz.

Zu seinen: 200. Todestage, 14. November.

Am 14. November 1716, abends unk 10 Uhr, verschied in Hannover, einsam und verlassen, Gottfried Wilhelm Leibniz, einer der umfassendsten Geister, den Deutschland je hervor gebracht hat. Das ganze Wissen seiner Zeit beherrschte er: er war Philosoph, er war ein scharfsinniger Rechtsgelehrter, der durch seine Abhand­lung über die verwickelten Rechtsfälle, mit der er als Zwanzig­jähriger in Altdorf den Doktorhut erwarb, die Welt in Erstaunen setzte: er war ein hervorragender Sprachforscher, als Schöpfer des Riesenschwertes" der Differentialrechnung kann er als Mathe­matiker an Bedeutung neben Gauß gestellt werden, er war Staats­mann, Geschichtsschreiber, Begründer der Berliner .Akademie der Wissenschaften: Fürstinnen, die Königin .Sophie Charlotte und andere, waren seine Schülerinnen und Freundinnen getvesenMnd hatten keinen höheren GenM gekannt, als tiefe philosopUsche Gespräche mit ihm zu führen, und doch hat ihm die Mitwelt ihren Tank versagt. Man weist nicht einmal wie bei Mozart wo eine sterblichen Reste beigesetzt sind, und erst die Nachrvelt hat eine überragende Bedeutung für die Philosophie ::nd die Wissen- chaften überhaupt ihrem vollen Werte nach erkannt und an­erkannt.

Auf keinem der vielen Gebiete des Wissens, die L-eibnizj bereichert hat, hat er ein großes, abschließendes, systematisches Werk geschrieben. So ist nach dem anschaulichen Bilde Kmw Fischers seine Philosophie nicht mit einem einzigen großen Kristall zu Ver­gleichen, sondern besteht in vielen, verschieden geschliffenen Spiegeln, deren jeder dasselbe (Bild bald in größerem, bald im kleinerem Maßstabe zurückstrahlt. Aehnlich.es gilt von seiner: Leisttmgen auf anderen Gebieter:: inan muß viele, überall' verstreute Splitter zusammensuchen. Um! eir: vollständiges Bild des großen Polyhistors aufbauen zu können. ^Leibniz selbst war sich dieser Zersplitterung wohl bewußt.Es geht ins Fabelhafte (so schreibt er einmal) wie zerstrerit mach alten Seiten meine Arbeite:: sind! Ich durchwühle Archive, untersuche alte Handschrift«:, sammle ungedrnckte Manuskripte. Ich möchte daraus Licht für die Geschichte Braunschweigs schöpf«:. Dabei entpfange und schreibe ich eine Unzahl von Briefen. Ich habe soviel Neues in der Mathematik« so viele Gedanken in der Philosophie, so viele andere literarische Beobachtungen, die ich nicht gern umkonmien ließe, daß icf) bei dem Maße der Aufgaben oft nicht weiß, wo ich anfangen soll und mit Ovid ansrufen möchte:inopem! me cöpia facit." Schon als Knabe war Leibniz ans das erstaunlich erfolgreiche System der erfinderischen Selbstbelehrung" gekommen, wie er in seinem auto­biographischenPacidius" schildert:Wilhelm Pacidius, ein Deut­scher von Geburt, aus Leipzig, der d«: Bater, den Führer seilles Lebens zu früh verloren hatte, wurde aus eigenem Antriebe zu hem Studium der Wissenschaften hingetrieben und erging sich in ihnen mit voller Freiheit. Man, ließ ihm den Zutritt zw der Bibliothek des Hauses, der achtjährige Knabe verbarg sich hier oft ganze Tilge lang, und obgleich er das Latein kann: stammeln konnte, so üahn: er die Bücher, !vie sie ihm gerade in die Hand fielen, holte sie hervor, und legte sie wieder beiseite, blätterte darin ohne Aus­wahl kostete, wo es ihm behaate, und übersprang, je nachdem die Klarhett der Sprache oder d:e Annehmlichkeit des Inhalts ihni anzog. Es war, als ob er das Schicksal zum Lehrer genommen Und eine Stimme zu hören geglaubt, die ihm zurief:Nimm und lies."

, . Was für Wissenschätze er erworben hatte, zeigt die Angabe semes Sekretärs Eckhart, nach den: ermit Soldaten. Hof- und Staatsleuten Künstlern usw. redete, als wenn er von ihrer Pro­sen wn gewesen wäre." Manchmal freilich wurde er von Leuten, mit denen er ftch in Gespräche einließ, verkannt, denn sein Aeußeres vernet durchaus, nicht den großen Denker und Vielwisser: in: Gegenteil, Lelbmz hat Zeit seines Lebens mit seinem unansehn-, Uen, schwächlichen Körper und vom 50. Lebensjahr an viel mit Krankheiten zu kämpfen gehabt. Immer blieb er dabei Sieger. Nach Eckharts Beschreibung ging er immer mit dem Kopfe gebückt, als hatte er euren hohen Rücken, undwenn er ging, standen seine

y'? I / I ] Tn L?i n k wst in solcher Gestalt, wie Scarron die seinigen beschreibt. Mit größter Tatkraft wußte er seiner Schwachheit gewaltige Arbeitsleistungen abzuringen:Er ftubierte in einem mit und kam oft tagelang nicht vom Stuhle (berichtet Eckhart aus stmen letzten Jahren). Ich glaube, daß sich davon am rechten Berne eine ^uj-um ober offener Schaden bildete. Ties machte ^ be:m GAn Beschwerde, er suchte es also zuzuhellen, aber sobald es geschehen, bekam «er heftiges Podagra. Dieses suchte­er durch stilles Liegen tzu besänftigen, und damit er im Bette stu- dicr«: konnte, zog er die Beine krumm an sich. Die Schmerzen aber zu verhindern und die Nerven unfühlbar zu machen, ließ er hölzerne Schraubstocke machen und dieselben überall, wo er Schmerzen fühlte, anschrauben. Ich glaube, er habe hierdurch seine Nerven verletzt, sodaß er die Füße zuletzt gar ivenig gebrau- Q>«: konnte, da er denn auch fast stets zu Bette lag." Leibniz selbst hat mit Humor «ne Szene ausgezeichnet, die er in Paris bei einem Buchhändler erlebte, der ihn nicht kannte, nach deni Aeußern emschatzte und verspottete. Der Zufall wollte, daß der Verfasser eures philosophischen Werkes, das Leibniz verlangt batte.

ge Z abc ^ukam.Dieser (erzählt Leibniz) kannte Mia, voriangst und machte nur «n großmächtig Kompliment)

nannte mich einen Illnstre und sagte in einem Atem soviel Dinge von meinen Qualitäten, daß der Buchführer" mit den Beistehenden » l '! U ^ Nasen aufsperrten. Da hätte man gesehen, was sie 15 kur Komplimente schnitten; was ich sagte, war recht und app!aud:ert, und ich habe niemals noch so sichtbarlich gemerkt, wwo b« den Menschen die Präokkupation und das Ansehen ver­mögen.

Gberursel im Taunur.

^ 2?i Wiesengrund, am Urselbach, liegt nahe am Walde das alle Städtchen Oberursel, mtt einer bed«ttenden geschichtlich)«: und kulturellen Bergang«ch«t. Lchon 781 bestand in Oberursel ein Monasterium ad Ursellam; später wird der Ort als der Sitz eines der dr« Zentschaften im Niddagau, der Grafschaft Ursel, zu der 14 Dörfer gehörten, bekannt. Die Nüring, Bolanden, Münzcuberg waren ferne Gaugrafen, die .Eigenherren des Ortes war«: die Herren von Eppstein und Könmstein. Ludwig der Deutsche schenkte :m neuten Jahrhundert das Kloster Ursella dem Bartholvmäus- Sttft (Dom) in Frankfurt a. M. Kaiser Friedrich IV. verlieh Oberursel 1444 Stadt- und Marktrechte. Die Zentgerichte wurden unter d«: großen Linden des Städtchens aus der großen 2ku ab- gehalten. Unter diesen Bäumen tagte auch alljährlich am Tage vor Fronlcuhnam das Märkergeding, der Holzgerichtstag für die zahl­reichen Daunnsdörfer, die am großen Walde teil hatten. Jahr­hunderte hindurch bestand dieser Holzgerichtstag der Märker, bis :m Jabre^1813 eine Teilung des großen Gemeindewaldes eintrat. Am 24. September 1813 überreichten dieTeilungscommissaire" für Hessen, Nassai: und das Großherzogtnm Frankfurt den alten, 1623 gestiftet«: Markbecher mit den 9 Medaillons dem Landgrafen von Hessen-Homburg. 2lus 'der Spitze des Feldbergs wurde der Becher nach vollzogener Grenzfestsetzungauf das Wohl Sr. hoch- fürstlichen Durchlaucht und aller Beteiligten" geleert. Das Elche nner uralten deutsch«: Verfassung besiegelte dieser Trunk.

. In der Geschichte der Reformation uich ihrer Kriege ist Ober­ursel geradezu klassischer Bod«:. Ms zwischen den Erzbischöfen Adolf von Nassau und Tiether von Isenburg 1462 heftige blutige Fehden ausgetrag«: wurden, übersiedelten Mainzer Buchdrucker nach Ober- irrfef; auch der Württe mberger Nikodemus Frischlin errichtete dort eine Druckerei. Tie Erzeugnisse dieser Druckstätte, die der Reformation dienten, wurden in der Gelehrtenwelt hoch eingeschätzt imd haben ihre Bed«ttimg bis aus den h«:tigen Tag bewahrt. Tie TrnckangabeUrsellis" in den .Werken der Verfasser, die zun: Teil auch in Oberursel wirkten, hat heute noch gitten Klang, Nicolaus Henrieus (15621595), Cornelius Sittor (15991606), Wendelin Junghan (16181620) gehörten zu den angesehenen Druckern, die die großen Gedanken der Reformationslehre der Mit- und Nachwelt überlieferten. Tie Bücher fanden aus den be­rühmten Frankfurter Messen zum großen Verdrusse der Mainzer Kurfürsten regen Absatz. Schton 152'5 soar Erasmus Mberus, geboren in Sprendling«:, der als Schüler Luthers in Wittenberg die besondere Zuneigung des großen Reformators genoß und zu den rührigsten Streitern für die Reformation gehörte, als Rektor der Lateinschule in Oberursel tätig. Seiner Feder entstamm«i zahl­reiche Schriften, in d«ren er für Luthers Lehre eintritt. Dietrich L-artorius fand eine Zuftrichtstätte in Oberursel. Er hatte in: Frankfurt unter Begünstigung HamMans von Holzhausen in der Katharinen-Kirche die neue Lehre gepredigt und war deshalb stark den Anfeindungen der alten Richtung ausgesetzt. Tie Sachsen­häuser traten zivar energisch für denWrediger ein, er n:ußte aber infolge der Feiiwseligkeiten, die in der Neujahrsnacht 1525 vor der Bartholomäuskirche zu groben Ausschreitung«: führten, fliehen. In Oberuriel imrkte er dann als Prediger in Luthers Sinn.

Noch andere bedeutende Männer, darunter Eberhard Haber­karn, waren bis 1561 als Superintendenten der Grafschaft König- ftein für die lutherische Sache in Obernrsel tätig. Im Jahre 1581 kam Oberursel mit der Herrschaft Königstein am Knrmainz. Ms dre Kriegsheere nach der Niederlage Friedrichs von der Pfalz in Böhmen durch Kaiser Ferdinmll) II. am Maine haust«:, blieb auch Obernrsel nicht Verschnitt. Das Cronbergische Eschborn, das Main- zische Oberursel imd das.Hanausche Nied wurden 1622 von den Brannschweigern niedergebrannt. Tie Kaiserlichen belagerten Ober­nrsel 1630, die Schweden 1631, dann weder die Kaiserlichen 1635, die Schweden 1640. Ms die Schweden 1631 die Stadt beschossen brannte ein Teil der 1479 erbauten schonen gotischen Pfarrkirche nieder: ihre 1528 gegossene Glocke fiel herab und ivnrde vergrabei: damit sie den Siegern nicht in die Häiide siel. Frankfurt wollte diese 81 Zentner schwere GlockeMaria", ihres schönei: Tones wegen, ankansen: Oberursel schlug aber das Angebot ar:s, obwohl es sehr günuig war. Am 23. Januar 1645 wurde das abermals von den Kaiserlm-en besetzte Oberursel von den mit den Hessen verbündeten Franzosen angegossen, der Angriff nmrbe aber wirksam abgc* schlagen. Nach dem Wzug der Kaiserlichen zerstörten die Franzos«:, nachdem ne es an verschiedenen Ecken angezündet, das vielgeprüfte Obernrsel gänzlich. Auch die Schrecken des siebenjährigen Krieges bekam der Ort zu verspüren.: General Soubise belegte es 1759 «n:ge s)«t init französischen Truppen. Ebenso sah Oberursel im spaterci: Revolntwnskrieg öfters Kriegsscharei: in seinen Mauern.

..Ueber die Ereignisse des Jahres 1792 berichtete die Frankfnrt.r Karserl. R «chs-Ober-Post-Antts-Zeitung vom 7. Dezember : 792