Geschöpfe, das ich je erlebt habe. Ich hatte gekämpft wie die andern, solange es ein Kampf war. aber von dieser Szene wandte ich mich mit Ekel ab. Wie Teufel hausten die Männer. Perdosa hatte die Keule weggeworfen und stach mit der Waffe um sich, die ihn: am liebsten war — denr Messer.
9tnr der Neger hielt sich abseits und schnitt den wenigen Tieren, die noch zu entfliehen versuchten, den Weg ab.
Ich stand entsetzt da, gegen die Felswand gedruckt, und starrte mit stieren Augen auf das Schlachten, au müde und willenlos, um dem Morden Einhalt zu tun ooer auch nur die Höhle zu verlassen. Dumpfer, heißer Geruch erfüllte die Luft. Den Gang entlang rollte ein langsam air- schwellendes Bächlein, und hier und dort zwischen den Steinen bildeten sich große dunkle Tümpel schwarzroten Bluts.
Während all dlLser Zeit hatte das Gebrüll der Seehunde jedes andere Geräusch übertönt. Nun aber wurde das Getöse schwächer und ich konnte deutlich das Fluchen und das Geschrei der wütenden Männer hören. Immer beklemmender wurde der dumpfe, heiße Geruch. Immer rascher floß das Bächlein. Eines der noch lebenden Tiere, sinnlos vor Furcht, wälzte sich dicht zu mir heran und ich sah, wie Tränen aus seinen Augen flössen. Das gab mir den Rest. Ich wandte mich und stolperte in dem Halbdunkel zum Ausgang, zu unserem Boot. Dort wartete ich lange. Ein Seehundjunges, keine drei Monate alt, watschelte herbei, brüllte entsetzt auf, als es mich sab, und tauchte ins Wasser — nicht um alles hätte ich dem armen, kleinen Kerl etwas zuleide getan. Dieses Junge allein war von der ganzen Herde am Leben geblieben!
Nach und nach kamen die Männer, einer nach denr andern, todmüde, hohläugig, schwankend wie Bettunkene, blutig vorn Kopf bis zu den Füßen, mit zerfetzten Kleidern, mit zitternden Gliedern. Kein Mensch sprach ein Wort. Als alle ins Boot geklettert waren, stießen wir ab und waren nach wenigen Ruderschlügen wieder rin Hellen, im Sonnenschein.
Langsam ruderten wir zurück, wortlos, wie wir gekommen waren. Ganz sttll saßen die Männer da, als sei die flammende Mut in ihnen ausgebrannt. Handy Salomon netzte fortwährend seine Lippen mit der Zunge — wie ein Tier, das sich die Lefzen leckt. Thrackles starrte geradeaus' vor sich hin aus glanzlosen Augen. Nienrand sprach.
Als wir bei der Hütte landeten, stand die Sonne schon tief im Westen. Unser erster Gedanke war: Wasser! Müde schleppten wir uns über den Hügel z-u der Quelle, und die Männer warfen sich flach hin und tränkeit gierig, bis sie nicht mehr ttinken konnten. Dann zündeten wir ein Feuer an, aber der Neger weigerte sich ,zu kochen.
„Soll ein anderer koch'," knurrte er. „Habs genug gekocht an Bord." y
Perdosa, der Mexikaner, der das Holz für unser Feuer herbeigeschleppt hatte, ärgerte sich gewaltig über den Neger und schrie in seinem gebrochenen Englisch:
„Ich gehackt Holz! Ich getan meinen Teil. Wenn ich hacken Holz, du verdammter Nigger müssen kochen Essen!"
Aber der Nigger schüttelte nur den Kopf, und sinnlose Mut packte Perdosa. Er sprang mit beiden Füßen in das Feuer, um die Flammen auszutrampeln, schleuderte das brennende Geäst weit weg, ins Wasser sogar, und brüllte, wenn memaiid kochen wolle, so solle auch kein Mensch ein Feuer haben.
Endlich legte sich Pulz ins Mittel.
nt wohl die Mäuler hatten, ihr verdammtes
Gesindel! ' fluchte er. „Mach' dich ans Kocheii, du schwarze N'.gaerseele — wir müssen doch essen, Narr, einfältiger! Und du tap,t das Feuer in Ruhe, Perdosa, sonst sorge ich dafür, daß du neues Hotz hackst!" ^ ' 1 '
Mit ernem schrillen Schrer stürzte sich Perdosa au ihn. Pulz war klein, aber behende, und verstand sich gründ lrch auf die rauhe Art des Raufens, wie es unter den Schiffsvolk niederster Klasse Sitte ist. Er empfing Perdost mit zwei blitzschnellen Fausrschlügen; auf die Schläfe mi der Linken, unter das Kinn mit der Rechten. Aber er hatti die richtigen Stellen nicht getroffen. Perdosa packte 'ihn und im nächsten Augenblick wälzten sich die beiden, wüten! hin und herrollend, im Sand.
weckte den Neger aus seinem ärgerlicher tzlnbruten; wie mit einem llkuck schirr er zu erlvacher
und starrte erstaunt auf die Ringer. Dainr blitzte es bösartig in seinen Augen auf. Er zog sein Messer und schlich sich mit katzenleisen Schritten zu den Kämpfern hin — die Gelegenheit war zu gut, sich an dem Mexikaner zu rächen.
Thrackles sah ihn und schrie:
„Weg da! Keine von deinen verdammten Tricks!"
„Geh' zur Hölle!" knurrte der Mger.
Thrackles sprang auf ihn los, und da packte plötzlich all' die Mäiiner eine ungeheure Wut, blind, furchtbar: ein sinnloses Toben, so, wie bei dem Morden der Seehunde in der Höhle. Sie stürzten sich aufeinander. Ohne Grund. Sie hämmerten sich mit Fäusten, und bald blitzten die Messer. Irr wildem Knäuel wogte es hin und her, in so engem Gedränge, daß ich die einzelnen Personen kaum unterscheiden konnte. Ich stand auf und starrte und tauschte auf das Keuchen, auf das dumpfe Dröhnen der Fausthiebe, das scharfe Surren zerreißender Kleider, den klatschenden Brandungston, der in starker Naturgewalt den Lärm der Menschen überschallte.
So gefangen nahm mich die furchtbare Szene, daß ich Kapitän Ezra Selovers Kommen nicht hörte und ihn erst sah, als er dicht an meiner Seite stand-
„Halt!" tönte seine gellende Falsettstimme in den Lärm hinein.
Und diese Stimme, so unglaublich es klingt, hörten die Männer sogar in dieser Siedehitze tobender Aufregung und — gehorchten ihr!
Sie ließen sich los, sprangen auf und wandten die schweißtriefenden Gesichter dem Kapitän zu, halb in Drohung, halb in ängstlichem Geducktsein. Nur Thrackles sprang vorwärts, als wolle er sich auf den Kapitän werfen blieb aber wie gebannt stehen unter dem scharfen Blick des Mannes, dessen harte Faust er so oft gesuhlt hatte.
„Ich bezahle euch Männer dafür, zu kämpfen, wenn ich es euch befehle — und nur daun!" sagte Ezra Sclover mit starkeck Stimme. „Was soll der Lärm hier heißen? Was fällt euch ein? Soll ich-"
Einen nach dem andern sah er mit stechendem Blick an, und einer nach dem andern senkte scheu den Blick vor denr starken Willen dieses starken Mannes. Alt ihre Drohungen, all die ausgeheckten Mordpläne zerflossen in Nebel.
Aengstlich !oie Schulbuben vor denr gestrenge« Lehrer standen die Männer da, die mir so furchtbar erschienen waren.
Und dann —
Ich starrte den Kapitän unverwandt an und sah aus einmal zu meinem Entsetzen, luie die Willensstärke ans seinem Blick schwand und ein glanzloser, schwacher, stierer Ausdruck in seine Augen kam . . .
Auch die Männer mußten die merkwürdige Veränderung gesehen haben und ihre Bedeutung fühlen. Sie drängten sich langsam vorwärts — blieben aber wie an- gefroren stehen, als die .Hand Ezra Setovers sich langsam, zu seiner Hüstentasche senkte. Aber statt des gefürchteten Revolvers kam die Hand mit — einer Flasche wieder zum Vorschein... In den Gesichtszügen des Kapitäns prägte sich nun die gleiche Willensschwäche aus wie in seinen Augen!
Er lächelte — ein liebenswürdiges, dummes trunkenes Lächeln!
„M—macht doch keine Ge- sch -schichten," redete es die Männer in beinahe weinerlichem Ton an. „Seid doch — hw—m—meine guten Jungens - allright, allright. Wollt rhr wen Sch—schluck haben? Js 'n verdammt guter Whisky, könnt ihr mir glauben guter, alter Whis sch ky. "
Er stolperte, schwankte und ging mit unsicheren Schritten auf die Männer zu, immer noch blöde lächelnd —
„Bei Gott - der Kapitän ist betrunken!"
Leise sagte es Handy Salomon, flüsternd.
Mer alle l)örten .ihn nrio alle verstanden, was er nreinte.
Kein Wort mehr wurde gesprochen — kein Signal war nötig. Gleichzeitig, wie ans Kommando, stürzten sie sich aus ihn. Einen Augenblick noch zeichnete sich die schwan- kende Riesengestalt Ezra Selovers scharf ab gegen den Abendhimmel — dann wälzten sich brüllende, tobende Ge- palten an der Stelle, wo er gestanden hatte, Messer blitzten. Ich hörte ein leises Auf stöhnen.
In einer Minute war alles vorüber.
LFortsehung folgt.)


