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Um öitz Mittagszeit sprang Pulz plötzlich auf.
„Der Teufel soll den Gestank holen!" schrie er. „Wieviele von den verdammten Dingern haben wir, Jungens?"
„An die dreihundertfünhig," sagte Thrackles.
„So — un' das is' für rnich ausgerechnet gerade genug, kalkulier' ich! Ich Hab' den Gestank satt. Ich mag nich' mehr — ich will nich' nrehr — Schluß!"
Die Minner starrten ihn an. Auf ihren Gesichtern )rägte sich deutlich der Ekel aus vor diesem Hantieren mit auligem Soehuuds fleisch und übelriechendem Seebunds- ett. Sie hörten alle zu arbeiten auf und scharten sich um Mlz.
„Ihr könnt tun, was ihr wollt!" schrie Pulz. „Aber ich tu’ nicht mehr mit. So 'ne Goldgrube sind die stinken^ den Kadaver auch nicht, sollt' ich meinen, daß man sich totschustet um sie. Da gibt's noch ganz andere Dinge auf der Insel!"
In sein blasses Gesicht kam ein bösartiger Ausdruck Von Gier.
„Di'mant'n!" schrie der Neger.
„Recht hast du, Doktor!" brüllte Sälomon. „So ist es! Diamanten! Und warum ich mich mit alten Seehundeil.
plagen soll, wenn's Diamanten gibt, seh' ich nicht ein -
Darauf könnt ihr Gift nehmen."
Noch lange standen sie beisammen, flüsternd und gesti- kulrerend.
Und nun verschlimmerte sich die Lage von Tag zu Tag, Von Stunde zu Stunde. Die Männer rührten kerne Hand mehr zu rrgend einer Arbeit. Und das Mißiggehen, das Nichtstun, das dumpfe Hinbrüten wirkten wie Krankheits- ^reger auf Hirn und Nerven bei uns allen. Die winzigsten Dinge lösten Wutausbrüche aus — ein verlegter Teller, gleich gefunden werden konnte, ein verschwendetes Oliuk Holz beinr Feuer; ein leerer Wassereimer, so wenig Mül)e es machte, ihn neu zu füllen. Zornige Worte, zan- kende Stimmen hallten regelmäßig über die Insel hin, und hatte der eine oder der andere wirklich eimnal keine Lust, sich äu slrerten, so blieb ihm nichts anderes übrig, als den halten, da jedes auch iroch so harmlose Wort wütenden Widerspruch fand. Wie einer spuckte, was er aß, * v l suh zum Schlafen hinlegte — baß ätaexta und E tt€ r^l€beit anderen der Schur, als sei seine besondere Art des Spuckens und Essens und Schlafens als ungeheure Beleidlgung für alle anderen ausgeNügelt, bis sich die Wut aller m einem lächerlichen, aber gefährlichen Zoruesaus- de". Schuldigen ergoß. Dmm gab es bösartige Prügeleien, und es war ern Wunder, daß keine ernsthaften Verletzungen vorkamen.
Immer schlimmer wurde es.
Mi^?^^osesten Kleinigkeiten versetzten uns in Raserei.
€ Nrcht weit von unserer Hütte pflegte
-N^udwo eine Grüle zu zirperr, urid wahrscheinlich hatte siestundeiilang rede Nacht gezirpt, seit wir aus der Insel waren, ohne daß ich es je beachtete.
^br ertappte ich mich darauf, wie ich mich schlaf- '»alzbe zitbernd vor Aufregung über das furchtbare Geräusch, urid gar nicht anders ko mite als in nervöser Spannung hiuzuhorchen, ob das Gezirpe nicht
‘ ’ 0 Uni ? klangen dann die leisen Töne wieder, dann war ev Mir, als schreie mir jemand aellcud ^hren. An Schlaf war nicht zßl denken Wie Hammer- Mage pochte mir das Blut in den Schläfen, L nlte Schweiß stand mir auf der Stirne vor Aufregung und in
nur der eine Gedanke Platz • Mein Gott, die Grille — diese fürchterliche Grille ^mmer wieder versuchte ich zu schlafen. "
Ader es war unmöglich. Da und dort Snrch «uff*
|totln ft bcr SKonff*dn hli i n h e bl '?' 9 r itl feilH ' n leuchtenden ^preisen ver Mondschein, und an diesen Streiken irU
h ? l $ entsetzlicher Langsanlkeit die Minuten ver-
Singen. Dentt immer wieder merkte ich mir genau die Laae
«ft bes. Scheins und sah 'dann erst nach einer
fotLr r i' K bte !2 ir emc ^vigkeit dünkte. Und immer ölanzte der Streifen unverändert — keine rebn ^ konnten vergangen sein! Irgendwo viele Merlen wert w«g, Miete ein Gelvittersturm,'desseii'ferner Donner fast ununterbrochen hörbar war. Es er cheint
wahrscheinlich, daß auch auf der Insel die Luft ifej lta l6^laden war in jener Nacht, und daß
vtefe elektrischen Einflüsse uns nervenkranke Menschen
völlig toll machten. Ich wenigstens kann mich nicht ent* sinnen, daß ich jemals in meinem Leben, und ich habe viel erlebt, so wahnsinnig erregt war, je die unbeschreiblich« Nervenuberspannung gefühlt habe, die einem oie Zunge wre vertrocknet am Gaumen ktebeir läßt und die Augen aus den Höhlen treibt.
or * 1 ??. ~ tüiei)er die Grille... Es war nicht mehr zum Aushalten.
. „Verfluchtes Gezirpe!" brüllte ich gellend.
., "nd als sei dies ein Signal gewesen^ regten sich schwarze Schatten auf den Matratzen der .Hütte, und hohl- augige Männer stürmten in die Nacht hinaus, schreiend und fluchend über die arme, kleine Grille. Allen andern war es so ergangen wie mir! Wir organisierten urrs (und ^ ivar uns tödlicher Ernst damit) zu einer Expedition, das Tierchen auszugraben und zu fangen — eine lächer- Itaie Jagd von sechs Männern auf ein kleines Jusektchen. Und es gelang uns nicht einmal, sie zu ftnden. Aber sie schwieg endlich. Doch kaum waren wir wieder in der Hiitte und in unseren Betten, so fing das Gezirpe wieder an, bis wir verzweifelt auf Schlaf Verzichteteil und uns um ein Feuer scharten.
. So todmüde waren wir, als der Tag anbrach, daß nicht f™ ^"Mr sich rühren mochte, uni für Frühstück zu so^on. Endlich gegen neun Uhr, rafften wir uns soweit auf, Kaffee und etwas Pökelfleisch zu kochen. Bezeichnend dabei war, daß es weder dem Neger-einsiel, das Geschirr rügte! ^n, Cm einäi9er öon uns diese Unsauberkeit
sprang^auf^E schüttelte Handy Salomon sich und
Seehunds jagen l^- «■ «34 geh'
Mir anderen standen wortlos auf, als sei es nicht der Muhe wert, ein Wort darüber zu verlieren. Schweigend d n§ Busser, schweigend kletterten 22L t sch^s^ud setzten loar uns auf die Ruderbänke, rn langsani die Küste entlang, ohne ein Wort
u sprechen, bis wir an die Einfahrt zu der Felsenhöhle Salomon lvarf das Steuer herum lind wir ruderten .Zu- Da Flut war, kamen wir ein gutes Stuck weit hinein, ehe imr das Boot aufs Trockene ziehen und heraus,prlngen konnten. 6 ’
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den Häufen «nnen!" " »Sie werden uns über
“ s du für, eine Angst hast um dein bißchen Haut *** ,a F'^sblöcke dort klettern —"
^ leuchtete Pulz und deni Neger ein, und sie stellteir sich m dein schmalen Gang auf. Wir vier anderen packten unsere schweren hölzernen Keulen und stürmtm in das Halbdunkel hinein, nebeneinander, denn der stuqana -ur Hohle erweiterte sich bald, und als wir rasch vordranaen steigerte sich das Gehell der Seehunde zu ohrEbetünbe^e« L°rm. So dunkel war es, daß wir i« KÄ K- f ^ Un L je ?^^kürper sehen konnten - eine d^E Masse, die werter rn das Hohleninnere hineinflüchtete vor uns. Thrackles stolperte isber einen Nachzügler und stieß einen wütenden Finch aus, während er seine Keule aus das Tier niedersausen ließ. Da staute sich die schivarre M»fs- mit unhermlicker Plötzlichkeit, und überall funkelt^ S lich° chlmmer-nbe Augen. Die Seehunde hatten das Ende Hohle erreicht und konnten nicht mehr weiter —
Wir blieben stehen, unentschlossen.
LFortsetzung folgt.)
Die Grenzmühle.
Von Heinrich Leis.
(Nachdruck verboten.)
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