Aufhebens von der Säche. Wegen seiner Gesundheit sitzt er nicht hier!"
„Wißt ihr, was denken ich?" murmelte Perdosa. „Er Mach' Di'mants!"
Der Nigrer briitete wie geistesabiviesend vor sich hin, ein Zustand, in dem er seine Orakel zu äußern pflegte.
„Holt das Kist'," murmelte er. „Ich es sehn voll l— Voll Di'mants!"
Alles lauschte wie gebannt und in abergläubischer Ehrfurcht. Handy Salomon sagte im Flüsterton zu mir:
„Gewöhnlich geb' ich ja nichts auf das Geschwätz des Niggers. Ist 'n zu dummer Kerl. Aber wenn er solche Augen macht, dann muß man auf ihn hören. Dann hat er das zweite Gesicht. Hat schon oft in die Zukunft geseh'n. Letztes Jahr — mit der Oyama — das hat er uns auch schon drei Tage vorher gesagt. Darum waren wir auch so gut vorbereitet!"
*
Außer einer großen Prügelei zwischen Pulz und Perdosa ereignete sich eine lange Zeit hindurch nichts Bemerkenswertes. Ich jagte Schafe, fischte, wanderte umher — immer in Begleitung eines Mannes, der schon müde war, rwch ehe es losging. Selbst Percy Darrow fiel das mürrische unzufriedene Wesen der Leute auf, und er erriet auch sofort oie Ursache.
„Ihr werdet faul, Jungens!" sagte er. „Warum tut ihr nichts? Und wo steckt der Kapitäns
Sie brummten, es gäbe nichts zu tarn, Und der Kapitän zöge vor, an Bord zu bleiben.
„Will ihn deswegen nicht tadeln," sagte Darrow, „aber ab und zu könnt' er uns seine quietschende Gesellschaft schon schenken. Nun paßt auf, Jungens, ich will euch 'mal was von den Seehunden erzählen. Die alten Männchen haben lange, steife Schnurrbartborsten — einen Fuß lang. Wißt ihr auch, daß die ein famoser Handelsartikel sind? Die Chinesen fassen sie in Gold und reinigen damit ihre langen Pfeisen. Solch 'ne Borste hat 'nen Wert von sechs Pence bis zu ein und einviertel Dollar. Warum macht ihr nicht Jagd auf die T:e.:e?"
„Wenn das man nicht aujch so ist wie mit den Wudus!" brummte Handy Salomon.
Darrow lachte amüsiert.
„Nein, diesmal ist's Wahrheit! Ich will euch 'was sagen. Ich gebe euch sechs Pence für jede Schnurrbartborste und vier Pence für die Galle!"
Am nächsten Morgen schüttelten die Leute ihre Schlaffheit ab und gingen auf die Seehundsjagd.
Wir töteten die Männchen, indem wir sie von der Herde trennten, in die Enge trieben und ihnen dann einen Schlag auf eine bestinrmte Stelle des Kopfes versetzten. Sie känlpsten mit überraschender Zähigkeit, erlagen jedoch chnell einem gut gezielten Schlage. Wir streiften die Kopfhaut mit dem langen Sck)nurrbart ab, nahmen die Galle herauf und schlerften den Äkmnpf in die Brandung, wo er von den Fischen verzehrt wurde. Anfangs zogen die Leute aus Vergnügen ani Neiien den Tieren mich die Haut ab. Dann mußte dre oft zwei bis drei Zoll dicke Speckschicht Strick für Stuck auf der Innenseite des Felles herausgeschnitten wer- cjeu — ein langweiliger und übelriechender Spaß. Wir Tran; unsere Kleider glänzten davon, 'Fbst dre Poren unserer Haut schienen Tran auszuschwitzen. Nachdem da» Fell so gereinigt war, mußte es erst noch gegerbt werden. Dre von Percy Darrow angegebene Methode lieferte ledoch bei ziemlich langwieriger Behandlung keine sonderlich zufriedenstellenden Ergebnisse. So schwand denn des fünften schweren, fettigen und übel- duftenden Felle- das Interesse der Leute an Pelzwerk, um beschränket ^ di glich auf die Seehundsschnurrbärte zu
r Aigte uns auch, wie inan sie am besten
herauvlösen konnte. Die Gesichtshaut der Tiere mußte näm- Uä) , a Fkrw'sung ubergehen; daun ließen sich die Borsten mit Leichtigkert^entfernen. '
zur erste Serie hingen die Leute an einer Leine auf. Gleich darauf aber erhob jlch ein heiseres Gekrächze; wir stürzten hm und sahen gerade noch, wie sich eine Schar Raben mit der ganzen Ausbeute davonmachte. Künftig mußten wir cckso Netze zum Schutz aufspannen. Etwa einen Lnt^^beu,,wrr so den, Schunds sang. Als im Laufe der Zeit dre Männchen vorsichtiger wurden, unter
nahmen wir Jagbexpeditionen nach vorgelagerten Felsenklippen.
Einige Zeit später kam Handy Salomon in diplomatischer Sendung zu mir.
„Die Seehunde werden immer scheuer," begann er.
„Jawohl!"
„Wir werden sie jetzt wohl nur noch schießen können!"
„Das glaube ich auch," stimmte ich ihm zu.
Pause —
„Wir haben aber keine Patronen," kam jetzt eine Anspielung.
„Und nreine Büchse habt ihr in liebevolle Obhut genommen !"
„Aber nein, durchaus nicht, Herr!" rief er förmlich entrüstet. „Thrackles wollte sie bloß reinigen. Sie können sie jeden Augenblick wiederhaben."
„Ich habe aber keine Patronerl —"
„An Bord gibt's doch 'ne Menge."
Nachdenklich rieb er seinen Stahlhakerr anr andern Aer- mel blank, dann sah er mich plötzlich mit spitzbübischem, humorvollem Zwinkern an:
„Sie haben Angst vor uns!"
Ich wußte nicht recht, was ich sagen sollte
„Das haben Sie aber nicht nöiig!"
Ich schwieg noch irmner.
Mrt listigem Blick schlug er jetzt eine neue Tonart an.
„Natürlich Hab' ich das nicht so gemeint, Herr. Sehen Sie, hier auf dieser alten Insel, wo wir wie Brüder zusammen hausen, tritt mau sich näher. An Land gibt's keine Offiziere und Mannschaften, nicht wahr? Wenn ivir auf die alte „Laughing Laß" zurück'kommen. dann tun wir auch wieder unsere Pflicht, wie sich's gehört. Darauf könnet: Sie Gift nehmen. Der Alte weiß das auch. Der will nicht an Land. Der weiß ganz genau, warum er an Bord bleibt."
Er spuckte aus und sah mich erwartungsvoll an. Ich war neugierig, woraus er eigentlich hinaus wollte.
/„Wer Sie denken.gewiß, Herr, ein Offizier bleibt ein Offizier, und ein Maat bleibt ein Maat, und Disziplin muß aufrecht erhalten werden, zu Laude wie zu Wasser. Da haben Sie ganz recht, Herr! Und Sie denken weiter, daß die Müssen, ausgenommen im Fall eines Kanipses, nur für das Hinterdeck bestimmt sind. Auch ganz richtig. Daher sollen Sie das Schießen übernehmen und auch die Patronen bei sich führen. Der Disziplin wegen, Herr."
Die Kühnheit des Mannes, rnich so zu bewaffne!:, setzte mich in Erstaunen, noch inehr aber die Sorglosigkeit, mit der er mich an Bord zu Kapitän Setover gehen ließ. Fast schien es, als hätten sich die Meuterer eines besseren besonnen. Aber ich hatte keine Zeit urrd keine Lust, mir über den alten Schurken und seine Beweggründe den Kopf zu zerbrechen, denn in mir war nur ein einziger Gedanke:
Ich konnte mit Selover sprechen!
Ihn aufrütteln!
Seinen angeborenen Kampfinstinkt erwecken und einen Starken neben mir haben iii diesen schweren Zeiten!
0 auf einmal wieder froh und selbstbewußt. Aus
Leibeskräften ruderte ich zur „Laughing Laß" hinüber, denn ich konnte es kaum erwarten, dem alten Seebären ins Auge zu sehen Uiid ihm zu berichten, wie es um seine Leute stand Das mußte ihn aufschrecken; alles herausholen, was an Kraft lind Starre in ihm steckte . . .
Ich kletterte an Bord.
Das Deck war weiß gescheuert, Taue und Zeug in wundervoller Ordnung, aber auf rnein Rufen antwortete Selover mcht. Ich rief und rief und stieg endlich die Kajntentreppe hrnab. In der Kajüte war der Kapitän
Sinnlos betrunken!
quer über dem Kajütentisch, die Arme aus- gestreckt den Kopf auf der Platte. Es war die furchtbarste Enttäuschung meines Lebens. Die Wut packte mich. Ich schüttelte ihn, streß ihn mit Füßen, schlug ihm ins Gesicht; brutal, hart, al^ sei ich e:n anderer Mensch geworden in den wenigen Sekuiiden.
lEr ächzte und stöhnte und fiel zu Boden — und blieb besinnungslos.
Da raffte ich ein paar Patronen zusammen, zwarnia etiva waren es, und fuhr an Land zurück. LÜrf den Srj^ aber hatte ich einen Zettel gelegt:
„Die Leute meutern! Sind Sie noch ein Mann?"
(Fortsetzung folgt.)


