471
Meister Pitt.
Erzählung von Paul Alexander Schettler, Duisburg.
- Wer den SchneiderMeister Pitt in Friedenszeiten sah, dieses kleine, schmale Männchen mit dem blassen Gesicht und rötlichen Spitzbart, der Musste an den Märchenschneider denken, der die Heldentat vollbrachte, sieben auf einen Streich zu töten, nämlich sieben Fliegen.
Grösseres hätte dem schmächtigen Manne niemand zugetraul. Vielleicht aber mar er nicht einmal dazu fähig; denn Schneider! Pitt tat keinem etwas zu leide, auch keiner Fliege. Dazu war er zu sehr Philosoph und Dichter. Und dazu hatte ihn wohl sein Beruf gemacht.
Den ganzen Tag — wie ein Schineiderlein aus Grimms Märchenbüchern — mit untergeschlagenen Beinen auf dem langen Schneidertische zusamMengekauert sitzen und sticheln, säumen und flicken Müssen, das soll wohl zum Grübeln und Phantasieren führen. Wenn man dann Ernährer von sechs jungen Pitts ist, sechs rotk-öpfigen, sonnensprossigen Pitts, alle dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, dann ist der Weg zur Philosophie nicht mehr weit.
Meister P^t war mit dem, was ihm das Leben gab, zufrieden; er hatte eine brave freundliche Frau, die trotz ihrer sechs Spröß- linge Zeit und Muße fand, ihren Mann mütterlich zu umsorgen Und ihm die Arbeit leicht zu machen. So rundlich und behäbig wie sie war, so richte sie doch nicht einen Augenblick. Bald schaffte sie im Hause, bald int kleinen Garten, bald waren es die Kinder, bald die paar Hühner, denen ihre Pflege galt. Immer aber und in der Hauptsache war es ihr Mann, der Pitt, wie sie ihn kurzweg nannte, den sie besonders Umsorgte.
Ta ich selbst zu Meister Pitts Kunden gehörte, habe ich ihre nie rUheu.de Sorgfalt, mit der sie ihren Mann umgab, immer wieder bewundern können.
„Er arbeet't zu viel!" sagte sie öfter mit sorgenvollem Kopf- schütteln, nee, was der Mann arbeet't! Nu, weeß Gott, ich laß ihm nischt abgehen, aber es schlägt nich an! Nee, es schilägt, weeß Gott, nich an bei ihm."
Im Winter war sie's, die besorgt jede Zugluft von ihm fernhielt, daß er sich nicht erkälte. Im Sommer setzte sie ihm frische Blumen vors Fenster. Tie niedere Schneiderwerkstatt sah dann allerliebst aus, zumal zur Belebung und Unterhaltung ein immerdar vergnügter Kanarienmatz mit Trillern und Pfeifen den angenehmen Gesellschafter machte. Unter so artiger Musikbegleitung ließ sich's ebenso trefflich schneidern wie philosophieren, und nmancher Anzug, der aus Meister Pitts Werkstatt hervorging, war Unter Vogelfang und Blumlcnduft entstanden, trug in Nähten Und Stichen oft weltferne Gedanken, die die emsig fliegende Nadel aus ihrein elliptischen Wege unversehens aufgespießt und mit einge- fHdjftt. hatte.
Vielleicht ivar das Meister Pitts größtes Geheinrnis, daß seine Nähte umso unzerreißbarer waren, und seine Knöpfe umso fester saßen, je lockerer das Gespinst seiner Phantasiert und je verworrener das Getvebe seiner Grübeleien war.
Meister Pitt hatte gerade wieder einen AuzUg von mir Unter den Händen, da brach der Krieg ans.
Der Krieg traf den blassen, stubenhockerigen Schneider wie ein Schlag. Er war tagelang nicht zu gebrauchen, so hatte das Fieber der Begeisterung von ihm Besitz ergriffen. Und als er sich endlich wieder zn seiner Arbeit zurückgefnnden hatte, waren doch seine Gedanken in den Schützengräben draußen und inmitten des KUmpfgetümmcls. Zum ersten Male habe er rote Backen gehabt, der Pitt, sagte die Meisterin. 9lber sie war ob des Aussehens ihres Mannes doch in arger Sorge.
Ob sie ihn wohl nehmen? Um diese Fragen kreisten ihre angstvollen Gedanken: denn sie war gewißj, er habe wohl genug Begeisterung, aber er hielt es nicht aus.
So oft ich zur Anprobe kam, nahm mich Frau Pitt beiseite.
„Meenen Se, daß er mit muß?"
Ich tviegte den Kopf. i
„Er Hot doch nich emol 's Militärmäß."
„Das Militärmaß hat heut jeder deutsche Jüngling und Mann, liebe Frau Pitt!"
„Aber, wo er doch nischt vertragen kann! Wo em doch jeder Zug schad't! Wjo er doch so schtvach off d'r Brust is'! Ich sag'' Ihne', er kann kee' Tierchen was zu leide tun —"
„Deutschland braucht heute jeden Mann, Frau Meisterin!"
' § „Jeden Mann, ja!" wiederholte Frau Pitt, und so etwas wie ein Lächeln huschte über ihre beküinmerten Züge. „Pitt is' ja gar kee' Mann, meinte sie kopfschüttelnd, „Pitt is ja nischt wte Haut Und KUoche'!"
Uebrigens sprach sie Nur in des Meisters Abwesenheit so von ihm und ihrer Sorge. Er selbst mochte von solchen Reden nichts wissen, und obwohl er sich darüber ausschwieg, ob er lieber daheim oder lieber draußen war, hätte ich ihn in Verdacht, daß er mir dem sagenhaften tapferen Schneiderlein zum mindesten die Abenteurerlust und den Ehrgeiz gemein hatte. Dazu steckte ein stiller, aber ehrlicher Patriot in ihm, .der sich nur zuweilen in einenr Wort oder! Blick verriet, ivenn man mit ihan politisierte.
Natürlich hatte Schneider Pitt nicht gedient. Wegen allgemeiner Kür perschwäche war er nicht genommen worden, — int Frieden.
Er loar Landsturinmann und wurde zuiiächst auch nicht zum Kriegsdienst herangezogen.
So stand es, als er an meinest iieueu Anzug die letzte Handi anlegte. Er war besonders gut geworden, dieser letzte Anzug. Tie Knöpfe saßen wie angewachsen, als sollte der Anzug den längsten Weltkrieg überdauern.
So kam es, daß ich lange, lange, die Schneiderwerkstatt nicht betrat. Eines Tages aber stellte ich fest, daß mein Ueberzieher! ausgebessert Und aufgebügelt werden müsse. Ich übergab ihn dev Haushälterin.
„Tragen Sie ihn zn Meister Pitt!"
„Meister Pitt? Der is' doch im Schützengraben!"
„JNt Schützeitgraben, der schmächtige Pitt? Das ist doch nicht möglich."
„Ja, das hat halt jeder gemeint. Und well er gevad den Frack vom Bürgermeister in Arbeit gehabt hat, hats geheißen, sie werden ihn noch lassen tvenigstens den Frack fertig machen. Aber nem! Grad vom Frack rveg haben sic ihn geholt, den Pitt. Schwupp 'nein in den Schützengraben."
„Na, — und?"
Na, Und -der .Frack is' halt nicht fertig! gelvorden. Und dev §>err Bürgermeister muß mit dem alten speckigen herumlaufen. Krieg is' Krieg!"
„Ich meine, wo steckt denn nun der Meister Pitt? Im Westen, im Osten?"
„In Rußland liegt er. Ganz schlimm muß es sein, wo er ltegt, ja, ganz besonders schlllnm —"
„So, warum denn besonders schlimm?"
,^Za, die Meisterin meint es, well er so furchtbar schwer auszusprechen is', der Name von dein Ort, wo er liegt. Wer es geht ihm gut, hat er geschrieben."
Tie Haushälterin wußte in allem Bescheid. Ich konnte alsck getrost dem Beispiel des Bürgermeisters folgen und auf Pitts Hilfe verzichten. Pitt, der Helfer aus allen Nöten, lag im Osten in einenr Schützengraben und focht gegen die Russen! Nadel und Schere und Zwirn ruhten, und viel gefährlichere Werkzeuge schwang jetzt Meister Pitts rasche und geschickte Hand! „Bis zum Frieden also!" sagte ich ergeben und schloß den Ueberzieher in den Schrank.
Doch es sollte anders kommen.
Monate waren vergangen, da überraschte ich die Haushälterin! eines Tages, als sie mit meinem Ueberzieher aus der Tür schlüpfen wollte.
„Ja, lvas soll denn das heißen?" rief ich sie zurück. „Ich denke, Meister Pllt ist fort. Haben Sie denn einen neuen Schneider entdeckt?"
„Ei. der Pitt is doch wieder da, Herr, auf Urlaub. Drei Tag'' nur. Also, wie dem Mann die Uniform steht! Und nun dacht' ich, da wollt ich doch gleich —"
„Pitt auf Urlaub? Nichtsda, Sie bleiben hier, sagte ich. „Wenn Meister Pitt wieder im Lande ist, gehe ich selber Zu ihm hinüber. Mit dem Ueberzieher warten wir ruhig bis nach dem Krieg. Wir wollen dem Meister doch nicht die paar Tage Urlaub vergällen."
1 „Er hat's mich selbst geheißen," beteuerte die Frau. „Wenn er's schon mal nötig habe, der Ueberzieher, so meinte er, sollt' ich ihn gleich mal eben 'rüberhvlen!"
„Allerdings, wenn er's selbst geheißen hat —" nickte ich. Und schon war sie zur Tür hinaus.
Meister Pitt war ans dem Felde daheim! Ta mUßte ich doch gleich selber zu ihm und sehen und hören.
Schon als ich in die niedrige Haustür trat, merkte ich, daß etwas Besonderes los sein müsse. Die Stube war voller Menschen; Nachbarn, Nachbarinnen, Kunden waren gekommen, ihn zn sehen. Sie alle befanden sich mit der Frau Meisterin in lebhafter Unterhaltung. Auf dein Schneidertische aber saß ein gebräunter Mann in feldgrauer Hose und in Hemdärmeln und nähte mit verbissener Emsigkeit an einem Kleidungsstück, — an des Bürgermeisters Frack.
„Wenns oen'n Oogenblick Zeit hat, Herr, en halbes Stündchen, dann kömUtt Ihr Ueberzieher an die Reih'. Zuerscht aber Muß ich dem Frack hier vom Herrn Borgermeester noch de Knöppe an-« nähen, — der hat mir weeß Gott de ganze Zeit im Krieg uff d'v Seele gelegen, der Frack dahier, meen' ich!"
„Da seh'n Se's", sagte die Meisterin zu mir. „Er arbeet't zü viel, nee, was der Mann arbeet't? Da Hot er sich nu de rotem Backen nn Krieg geholt, Nu, weeß Gott, er wird mer wieder blaß wie frieher!"
Mch ich schüttelte den Kopf. Ick)! hatte mir gedacht, Meister Pitt würde nun wunder was von seinen Heldentaten berichten^ wie sein sagenhaften Ahnherr: sicbeir auf einen Streich — und nun schwieg er — schwieg — Und arbeitete wieder an des Bürgermeisters Frack.!
Ms ich die Frau unterbrach und fragte, ob er denn voN draußen gar nichts erzählt habe, von seinen Erlebnissen und Taten, da nahnr sie mich beiseite Und sagte treuherzig: l ,^Ach Gott, ja, mir hat er ja een'n Bericht gemacht, lvie se's oft hart gehabt haben, und von den Stürmen all ufr de russischen Stellungen. Wie aber de Leute kanten un ooch >vas Nüssen wollten, in einend fort fragten, ba setzt er sich uff sein'n Tisch wtd tttt, nx^eß Gott, als tveun girr nischt gewesen wär', un arbeet't, als ivenn er nn wirklich nich in zwee Tagert wieder ins Feld mußt'!"


