schein Blick das schwarte Wasser an den Psählen beobachtend, lehnte Kapitän Selover neben mir an der Reeling.
„Die Flut steigt," quietschte er. „Da ist auch schon die „Lucy ©eile"."
Der Schleppdampfer pusste mit uns den Hafen entlang und durch das Goldene Tor in die offene See hinein. Wir hatten sämtliche Leinwand gesetzt, sogar den MßenMver und ein mächtiges Gaffeltopsegel, das dre „Laughing Laß" zuweilen aus dem Großsegel trug; denn der abendliche Passat hatte an Stärke abgenommen. Ungefähr um Mittermacht passierten wir die Farallvnen.
Der Schoner lief tadellos. Die Mannschaft war in drei Wachen eingeteilt, eine ungewöhnliche, aber bequeme Einrichtung. Bei gewöhnlicher Witterung genügten zwei Leute auch vollständig. Bis auf Salomon, der am Ruder stand, war das Deck leer. Die phantastische Kopfbedeckung des Mannes über dem fettigen Lockengewirr, das scharfe, sich gegen den phosphoreszierenden Hintergrund deutlich ab- zeichnende Profil machten ihn zu einer Erscheinung sagenhafter Seeräuberromantik. Bildete ich mir doch beinahe ein, silberbeschlagene Pistolen und Dolchmesser in seinem Gürtel funkeln zu sehen.
Vergeblich bemühten weine grübelnden Gedanken sich, eine Erklärung für all das Merkwürdige zu finden, das ich heute gesehen.
Was bedeutete zum Beispiel die für eine dreifache Besatzung ausreichende Anzahl der Boote und das geräumige Vorderklastell mit seinen achtzehn Kojen, wie auf einem Passagierschiff? Und dann diese wilde, bunt zusammen- ewürselte Bande von Mannschaft samt ihrem Gebieter, er in lächerlichstem Kontraste einerseits so merkwürdig ordnungsliebend, andererseits aber so unglaublich schmierig war? Wußte Doktor Schermerhorn auch, wenn er seine Person und seine kostbare Expedition, welcher «Art sie immer sein mochte, eigentlich anvertraut hatte?
Die Lichter der Küste waren hinter uns versunken: fröhlich tanzte und schaukelte die „Laughing Laß" auf hoher See, anscheinend das einzige Schiff wert und breit auf dem Meer. Dachte ich über die letzten vierundzwanzig Stunden nach, so Voninte ich nrich des Gefühls nicht erwehren, daß ich mich doch recht unüberlegt in ein tollkühnes Abenteuer gestürzt hatte. Bei nüchterner Ueberleaung machte ich mir freilich das Unlogische meiner Empfindungen klar. Ich befand mich im Gefolge eines ehrwürdigen, hochgeachteten Gelehrten, der seinerseits wahrscheinlich irgend welche Tiefseeforschungen oder Untersuchungen anderer Art auf einer unbekannten Insel anstellen wollte. Aber meiner Phantasie genügte das nicht. Das Schiff, die Ausrüstung, die Besatzung mit allem Drum und Dran verhieß Ungewöhnliches, Romantisches.
Um so besser wird meine Geschichte aussallen — dachte ich achselzuckend...
3. Kapitel
Die zwölf Repetiergewehre.
Am nächsten Morgen nach meiner Wache zur Koje traf ich zum ersten Male mit Percy Darrow zusammen und machte m ihm eine der merkwürdigsten Bekanntschaften meines Lebens. Während unseres halbstündigen Gespräches änderte ich wenigstens zehnmal ineine Ansicht über ihn. Im ersten Augenblick hielt ich ihn für sehr gescheit, im nächsten für einen Dummkopf; bald fand ich ihn offenherzig, kameradschaftlich, entgegenkommend, dann wieder schloß ich aus seinem Blick unter den gesenkten, blonden Wimpern, dem schleppendeil, annraßenden Ton gelangweilter Herablassung aus ein zurückhaltendes und gekünsteltes Wesen 3u einem Atemzuge schützte ich ihn als Denker, als Narr, Hohlkopf, Grübler, Müßiggänger und Schwärmer ein. Anfälle plötzlicher Vertraulichkeit erweckten in mir Zweifel an seiner Aufrichtigkeit — vielleicht bezweckte Darrow das, aber ebensogut mochten sie auch nur der Ausfluß einer gedankenlosen Liebenswürdigkeit sein . . .
Er war groß, schlank und bleich, langsam in Sprache, Plick und Bewegung. Blonde Brauen wölbten sich über stets halbyeschlofsenen Lidern, die schmale, sehnige Hand drehte lässrg an dem blonden, wohlgepflegten Schnurrbart, und die Worte kamen u\ langgedehnter, entweder unausstehlich herablassender und anmaßender oder auch unsäglich gelangweilter Sprechweise aus seinem Munde.
Ich sah seine wohlgebildete Gestalt in lässiger Haltung mit aufgestützten Ellenbogen an der Reeling lehnen.
Als er mich bemerkte, winkte er mich zu sich heran. Irl dieser Gebärde lag eine so großartige Hochnäsigkeit, daß ich sie anfangs eigentlich gar nicht beachten wollte. Dann überlegte ich aber, daß es hier für mich weniger darauf ankam, meine persönliche Würde zu wahren, als Erkundigungeil einzuziehen. So trat ich denn au ihn heran.
„Sie sind oer Steuermann?" sagte er langsam.
„Muß wohl so sein, da ich nrich auf dem Achterdeck befinde," gab ich bissig zurück.
Er nrusterte mich nachdenklich, während er mit dey einen Hand eine mexikanische Strohzigarette rollte.
„Wissen Sie eigentlich, wo Sie hinkommen werden?"< fragte er schließlich.
„In den Himmel hoffentlich! Das hängt übrigens ganz von meinem künftigen Leben ab!" antwortete ich frech.
Ein fades Lächeln umspielte einen Augenblick seine Lippeir. Dann steckte er die Zigarette an.
„Der Steuermann scheint nicht auf den Mund gefallen zu sein," bemerkte er.
Ich gab keine Antwort.
„Aufrichtig gestanden, weiß ich rrämlich auch nicht, wohin die Reise geht, und glaubte, Sie könnten es iitici sagen," fuhr er fort. „Wo kommt das Schiff und diese« Bonde von Halsabschneidern, mit der es bemannt ist, denn eigentlich her?"
„Meinen Sie mich?"
„Sie natürlich auch!"
Dainl wandte er sich um und« legte mir in dum) jener Anwandlungen plötzlicher Vertraulichkeit, die ich später nie für ganz echt, andererseits aber auch nicht für gailz irnd gar gekünstelt halten konnte, die Harrd« aus die Schulter.
„Ich brenue vor Neugierde!" gestand er im Tonfall grenzenlosester Gleichgültigkeit. „Vermutlich kennen Sie Doktor Schermerhorn?"
Ich bejahte. Und er fuhr fort:
„Seit zehn Jahren bin ich seine rechte Hand. Ich besorge alles für ihn, bestelle sogar seine Mahlzeiten. In meinen Händen erst gewinnen die Entdeckungen, die ßt macht, Gestalt. Plötzlich heißt es nun, er will eine Reise machen. Wohin? Das würde ich schon zur Zeit erfahren. Wie lange? Auch das würde er mir rechtzeitig mitteilen. Zu welchem Zweck? Dieselbe Antwort. Was für Vorbereitungen soll ich treffen? Die will er selbst in die: Hand nehmen — mich rührt beinahe der Schlag! Welcher wissenschaftliche Apparat? Schlag Nummer zwei — auch das wird seine Sache sein. Ob ich denn nichts dabei tun könnte? Was glauben Sie nun, daß er mir zur AnA wort gibt?"
„Woher soll ich das wissen?"
„Im Laufe unserer geistvollen Unterhaltung hätte Ihnen das eigentlich schon aufdämmern müssen," sagte er in schlepperidem Tonfalle. „Mm also, der gute vlte Schermie mit dem erleuchteten Hirn wird aus einmal neckisch. Er sagt zu mir: „Bilden Ee sich ein, Percy, Sie wären mutterseelenallein auf einer wüsten Znse'l, säßen auf dem Sande und überlegten sich, was Sie alles anschaffen müßten^ um die Sache dort gemütlicher zu machen. Und dann« gehen Sie hin und kaufen Sie all' das ein, aber nicht z«uj knapp." Das war meine Richtschnur."
Er blies gemütlich Rauchringel.
„Was zahlt er Ihnen?" fragte er mich daun.
„Genug!"
„Viel zu viel, möchte ich wetten! Solch ein Narr! Das hätte er mir überlassen sollen. Wie ist dieses Schiff eigentlich? Sind- Sie schon früher einmal darauf gefahren?^
„Nein."
„Sonst jemand von der Mannschaft?"
„Ich iglaub e, es sind! alle Selovers Leute," ent ge A-, nete ich.
Er warf den Zigarettenstummel in die See.
„Nun, ich wünsche Ihnen viel Genuß von Ihrer doppelten Löhnung," spöttelte er.
Das also wußte er doch schon! Wieviel im übriges noch von seiner Unkenntnis geheuchelt war, konnte ich nrcht erraten. Mit sarkastisch funkelriden Augen schleuderte ev nach dem Kajüteneingang, an Salomon vorüber, der am Steuerrad stand, und mit einem Fuß und einem Ellbogen; lässig steuerte. Der stählerne Haken glänzte in der Sonne. Darrow warf einen neugierigen Blick darauf, ebenso auf den Kopfputz des Mannes.
(Fortsetzung folgt.)


