Ausgabe 
13.9.1916
 
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Die beiden weißen Esel.

Skizze von NilsLago-Lengquist.

Mut. Uebersetznng 4u£ dem Schwedischen von Hete G l u b r e ch i.

Dämmerung ist's. Wie durch einen Zanberschtag hat sich die durchsichtig blaue Lust in violette Töne gefärbt. Noch eine VrerteL- stunde urck> dichtes Dunkel breitet sich Uber Arles, Mistrals Stadt der Sagen und der Träume. Aller Lärm und lautes Getriebe aus dem Boulevard des Lices ist verstummt, die Scharen spielender Jungen sind verschwunden, auch die letzten Kinderwagen wurden von wachsamen Bonne:: nach Hause gefahren, bevor die Abend- Ächle herannahte.

Doch in den Haustüren verweilen nochles belles Arlchien- nes" und gucke:: mit ihren schOarzen Augen hinaus in das Dunkel.

In einer Stunde ist der Tag zu Ende. Dann werde ich wieder mein Abendessen in der kleinen Künstlerkneipe einnehmen, die mir, dem Fremdling, ihre einfachen Pforten geöffnet hat. Und werde dann von meinem Fenster aus wieder die gleiche Szene beobachten, die sich tagtäglich in der Abenddämmerung aus meiner,Straße ab­spielt: vor einer: Korbwagen gespannt, trollt ein kleiner weißer Esel nrit seinen kurze:: Beinen auf einen Hallseingang zu, g^ade dem meinen gegenüber, und ein kleiner Alter, dessen Kopf ebenso weiß ist wie das Fell seines Esels, klettert mühsam auf den Magensitz, nimmt die Zügel und rollt mit seinem Gefährt davon.

Oben am Fenster steht ein junges Paar, Schwiegersohn und Dochter und winkt mit feierlicher Miene dem Alten zum 2lb- schled nach.

Dann werden die Fenster wieder geschlossen.

Für heute ist daS Schauspiel zu Ende, morgen beginnt es wie­der aufs neue, und so geht es voraussichtlich immer weiter, alle! Tage solange der Alte lebt.

Herr Rastaud, so ist sein Name, wurde mir rasch ebenso wohl- bekaunt, wie sein kleiner Esel, und wenn ich die beiden nun unter der nicht gerade besonders artigen Rubrik:Die beiden weißen Esel" zusammenfasse, geschieht es aus einem Grunde, den ich so­gleich berichten will. > '

Herr Rastaud ist im glücklichen Besitze eines so großen Kapita­les, daß dessen Rente, zusammengenommen mit der Pension, die er als verabschiedeter Staatsbeamter erhält, ihm ein gesichertes Alter gewähren. 1

Auf seinen: Land gute, draußen, eine Viertel Meile vor der Stadt, hat er sich zur Ruhe gesetzt und seine Haushaltsführung! einer älteren Wirtschafterin anvertraut. Täglich läßt er seinen! Korbwagen mit den: kleinen Esel anspam:en, um seiner Tochter und seinem Schwiegersöhne einen Besuch abzustatteu.

Nach einen: knappen Jahre glücklichster Ehe wurde er Witwer, und seit dieser Zeit spendet er seiner Tochter den ganzen Reichtum seiner warn:en Seele und seines Herzens Güte und Weichheit. Und diese wiederum scheint alles zu tun, um ihm seine Liebe zul vergelten. Herr Rastaud müßte demnach ein glückkicher Mann sein.

Doch das Schicksal hat es wohl mroers gewollt!

Seit vielenj, langer: Jahren trägt er eine unheilbare Wunde imi Herzen, eine Wunde, die das Glück seit jener Zeit aus seinem Leben heransriß, da der Tod seiner Frau und die Geburt seiner Dochter znsammentrafen.

Niemals hat der Alte über seine:: Lebenskummer gesprochen, aber ein jeder vermag ihn aus seinen Augen zu lesen, :md einen! Menschen gibt es, der darun: weiß, der auch die innersten Ge­danke:: des Herrn Rastaud kerrnt rmd-sich an seiner Pein

erfreut!

Dieser hartherzige Mann ist Herr Aubert, mein Wirt.

Wenn ich am Abend von meinem Fenster aus die Mfahrt be­obachte, kann ich sicher sein, daß Herr Aubert hinter einer anderen Fensterscheibe steht und mit interessierten aber ivenig wohlwollen- den Blicken ar: den: Ereignis da draußer: auf der Straße teilnimmt.

Was Herrn Auberts starke Feirrdschaft gegen Herrn Rastaud veranlaßt hat, habe ich durch ihn selbst nicht erfahren können, aber lich l-abe den Gru:ü> dazu erraten.

Selbstverständlich eine Frau!

lllnd mein Wirt war der verlierende Teil, während Herr Ra­stend sie als seine Gattin hein:führte. Diese unuoorbene Frau war die Mutter der jungen Blondine, welche jetzt das ganze Glück des Allten ansmacht.

Die junge Frau ist übrigens eine vollendete Schönheit. Sie ist schlank und blond wie ein Kind des Nordens und hat ix:bei die schwärzesten Augen, die eS in Arles nur gibt, und seidenweiche! Lange Augenwinlpern, die ganz besonders reizvoll lverden, wenn ijie oie Augen niederschlägt. Und das tut sie gen: unb oft: denn fte weiß, daß es ihr steht!

Als ich anfing, mich für die Familie Rastarch zu interessieren, richtete ich einige Fragen an meinen Wirt. Doch Herr Auberö wandte die Innenfläche,: seiner Hände mit einer vielsagenden Be­wegung nach außen und brummte in raschen: Tempo eme Menge Worte vor sich hin, tue alles mögliche bedeuten konnten, nur keine! Antwort auf meine Frage. Seitdem ist es mir aber doch geglückt, wenn er urie ein großer weißer Vogel in seiner vortreffliche:! Küche herumflattert, brockenweise etwas aus ihm herauszuhorchen.

Es gab eine Zeit, in der Herr Aubert und Herr Rastaud die besten Freunde waren: nichts schien die beiden trennen zu könne,:. Und doch, es geschlH!

Die beiden Freunde trennten sich, um sich nie wieder zu ver­söhnen.

Herr Rastaud verheiratete sich mit der Frau, die Herr Aubert für sich selbst ausgewählt hatte. Und sonnt kam der Bruch zustande.

Herr Aubert kaufte ein kleines Hotel in seiner Vaterstadt Arles und verließ Paris, wo er und sein Freund bisher gewohnt hatten.

Mehr als zwanzig Jahre später mußte er eines schönen Tages sehen, daß sein alter Rivale auch hierher g^ogen war, und nun» wollte der Zufall es, daß sie sich ruumfhörlich begegneten, ohne daß doch nur einer von ihnen einen Schritt zur Versöhnung getan hätte.

Herr Rastaud betrachtete mit schlecht verhüllten: Mißtrauen seine:: früheren Nebenbuhler, und dieser wieder konnte niemals vergessen, daß er es damals war, der zurückstehen mußte und den Korb bekam, selbst jetzt noch nicht, wo die Geliebte schon seit so vielen Jahren auf dem Kirchhof ruhte. Die verwundete Eitel­keit hatte einen zu harten Schlag bekommen: selbst nach einer Ver­söhnung so wie früher hätte es nie wieder zwischen ihnen wer­den können.

Eine heimliche, nicht zu verratende Quelle der Schadenfreude

existierte aber für den abgewiesenen Rivalen-und diese

selbe Quelle wurde zur allergrößten Lebenssorge für Herrn Rastaud.

Die verstorbene Viadame Rastaud war von wunderbarer Schön­heit gewesen, und ihre Dochter batte diese Schönheit von ihr er­erbt. Doch im Gegensatz zur Tochter, die lichtblond war, hatts Frau Rastaud tiefschwarzes, schönes Haar gehabt. Auch Herr Ra- stiaud war so dunkel, wie nur ein SiÜ>l ander sein kann.-

Eh bien! Wie kam also die Tochter zu dem goldblonden Haare??

Lange hat es gedauert, bis mein Wirt soviel aus sich heraus!- horchen ließ, daß der Grund seiner Schadenfreude und zugleich des armen Herrn Rastauds tiefer Kummer, das goldblonde Haar seiner Tochter war. Doch als ich dieses nun wußte, beschloß ich eines schönen Abends einmal die Geschichte vollständig heraus- zubckommen.

Und das glückte.---

Herr Aubert säubert gerade Radieschen, ich lehne mit einer Zigarette im Munde an: Pfeiler der Mauer. Die Unterhaltung habe ich bereits auf die Familie da drüben gelenkt, auf die Tochter und den Schwiegersohn; beharrlich und mit gewisser Zickringlich- keit äußere ich dann:Ach, sehen Sie mal an. Monsieur Aubert, so schönes blondes Haar haben Sie in Ihrer Jugend gehabt!"

Ohne den geringster: Verdacht fährt sich mein Wirt über den glatten Scheitel, der von einem knapp zenttmeterbreiten Haarkranz umgeben ist.

O nein, Monsieur, ich habe ja immer schwarzes Haar ge­habt, .solange ich überhaupt welches hatte," fügte er mit

einen: kleinen Seufzer hinzu.

Ja, dann verstehe ich nicht-"

Was verstehen Sie nicht, Monsieur?"

-Das blonde Haar des Mädchens! Der jungen Frau

da drüben!-"

Herr Aubert fährt total überrascht auf, und ein äußerst ge­schmeichelter Schimmer kommt in seine Augen:Oh, Monsieur, Sie irren sich vollkommen!!"

Ja, ich sehe das jetzt ein. Aber ach so *

so war es ein anderer??"

Nein, sicher nicht! Madame Rastaud war absolut d^sem da treu dem da diesem Mvnne dem Kamele? Aber er, er hätte verdient-"

Eifrig tastet Herr Aubett mit seinen Fingern an die Stirn- acgend.Nein," näher beugt er sich zu mir hin.nein sehen Sie, Monsieur, Madame Rastaud war ein Weib. Durch und durch! Ich kannte sie schon länger als dieser Narr, ihr Mann!

Ein herrliches Weib! Aber lllrz bevor sie ihn kennet: lernte, ließ sie sich vielleicht aus Laune, vielleicht aus Eitelkeit ihr wundervolles, deutsches Blondhaar.... schwarz färben.

Sie war ja eine Frau, Monsieur, und darum mich inan so etwas verstehe::! Eure bildschöne Frau! Die Tochter hat nun das blonde Haar der Mutter geerbt. Dieses aber begreift der Mann da drüben nattirlich nicht! U:ü> so glaubt er felsenfest, daß er be­trogen wurde, und schleppt diesen Kummer nun still für sich immer weiter herum.

Und das gönne ich ihm, den: Elenden!"

Im selben Augenblick hört rnan draußen auf der Straße das Rollen eines Wagens. Vorsichtig öffnet Herr Aubert das Fenster und hat ein Überaus befriedigtes Lächeln aus seine:: Lippen', in* den: cx mit zuruft:

Selsen Sic, da trollen sie wieder ab. die beiden lveißen Mel?" _

Zur Errichtung eigenhändiger Testamente.

Den Abfassern eigenhändiger Testamente kann gar nicht ge­nügend Vorsicht angeraten werden. Dei:n die gesetzlichen Erben die an dem Nichtbcstehen des Testaments 'Interesse l>rben. nehmen es gar scharst unter die Lupe. Bor allem :m:ß die Orts- und Zeit­angabe richtig fein. Das Testament darst also weder vordaticrt noch nachdattert spcrden. VLau versuche auch Schreibfehler in tvr Datierung zu vermeiden, denn n*mn auch hierdurch nreistrns nich: die Nichtigkcstt des Testaments lserbeigeführt wird, so geder: iie