Der Radium-Vulkan.
Roman von St. E. White und S. H. Adams.
Autorisierte Uebersetzung. — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Früh am Morgen des 7. Juni ließ der Kapitän alte Offiziere in die Messe bitten.
„Meine .Herren," begann Kapitän Parkinson, „wir stehen vor einein Problem, das bis jetzt, soviel ich weiß, nicht seinesgleichen hat. Ich habe die Absicht, den Schoner bis nach Honolulu zu bringen Doch können wir ihn bei dem jetzigen unbeständigen Wetter nicht weiter im Schlepptau behalten. Ich möchte daher zwei Offiziere mit der Führung beauftragen, will aber unter den obwaltenden Umstanden kein Kommando erteilen und bitte um freiwillige Meldungen."
Augenblicklich meldeten sich alle wie ein Mann, von dem alten Doktor Trendon bis zu dem jungen Zahlmeister.
„Ich habe nichts anderes erwartet," sagte Kapitän Parkinson ruhig. „Doch ein Wort noch, meine Herren! Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß der Schoner sich zweimal in höchster Gefahr.befunden hat. Nur eine solche konnte Mr. Edwards dazu bewegen, seinen Posten zu verlassen. Wir, die wir ihn kennen, sind alle von dieser lieber- zeugung durchdrungen. Ebenso wenig kann ich mich der trübsten Befürchtungen über sein und seiner Gefährten Schicksal Erwehren. Bon der Art der Gefahr aber vermag ich mir kein ailch nur einigermaßen wahrscheinliches Bild' zu machen, hat vielleicht einer der Herren eine Ansicht zu äußern?"
Allgenreines Stillschweigen.
„Mr. Barnett? Doktor Trendon? Mr. Jves?"
„Könnte nicht ein Zusammenhang zwischen der unaufgeklärten Lichterscheinung, die wir zweimal gesehen haben, und den, zweimaligen Verlassen des Schiffes existieren?" meinte der erste Offizier nach einer Pause.
„Das habe ich niich auch wieder und wieder gefragt. Aber wie nahe auch die Lichtquelle dem Schoner gewesen sein mag, so ist er doch jedenfalls unbeschädigt geblieben!"
„Allerdings, Herr Kapitän," erwiderte Barnett, „und damit ivird diese Erklärung auch wohl hinfällig."
„Ich danke Ihnen für die Bereitwilligkeit, mit der Sie meinen Wünschen Nachkommen, meine .Herren," fuhr der Kapitän fort, „wenn auch meine Pflicht dadurch gewissermaßen erschwert lvird. Ich nehme Mr. Jves' Anerbieten an, weil er mit diesen Gewässern vertraut und des Segelns kundig ist." Sein Blick durchslog suchend die Reihe der Offiziere.
„Verzeihung, Herr Kapitän," platzte der Zahlmeister heraus, „ich habe bereits mehrere Jahre eine Schonerjacht gefahren und würde sehr gern die Gelegenheit ergreifen—"
„(iVitt, Mr. Me Guire, dann sollen Sie der ziveide Be- fehlshaber an Bord sein."
„Ich danke Ihnen gehorsamst, Herr Kapitän."
„Sammeln Sie nun eine freiwillige Mannschaft, meine Herren, und begebe,l Sie sich sogleich auf Ihren Posten. Scheuen Sie keine Mühe, um Berichte über^die Fahrt des Schoners aufzufinden! Achten Sie auf die Signale und melden Sie jede noch so geringfügige End- decknng, wie auch jedes ungewöhnliche Vorkounnnis!"
Vonnittags zehn Uhr bei nebligem Wetter begab sich die neun Mann starke neue Besatzung — lauter stämmige Leute — nach der „Laughing Laß" hinüber.
Alle Unbilden der Witterung schienen sich zu vereinen, um den Schoner von seinem Begleitschiff trennen. Der Nebel sank nur, um böigen Nebelschauern Platz zu machen, die höchstens den Ausblick auf ein Schachbrettmuster kleiner Wasserflächen und undurchdringlicher grauer Schleier gestatteten.
Vor Abend schon war die „Laughing Laß" bei chrer langsamen Fahrt durch eine Legion Wellen von dem Kreuzer getrennt, der um Sonnenuntergang zwischen zwei Nebelschwaden noch einen Blick auf sie erwischte. Darm setzten Wind und Regen mit erneuter Kraft aus Südosten ein. Der Kreuzer wendete sofort, um dem vermutlichen Kurs seines Schutzbefohlenen zu folgen, der wahrscheinlich weit leewärts abgetrieben wurde.
Stundenlang rauschte der Regen und heulte der Wind. Damit entwölkte sich plötzlich der Himmel, und gleichzeitig hallte ein Schrei des Entsetzens vom Bug bis zum heck der „Wolverine". In weiter Ferne erschien am westlichen Hori- rizont das Seltsamste, »vas die Augen der an Bord befnw- lichen Männer je im Leben erblickt:
Bon einem wunderbaren goldglüheudeu Reif stiegen blendende Lichtströme spiralförmig in den dunklen Himmel hinauf. Sie spielten in allen Farben des Spektrums: in flammendem Orange, köstlichem, durchsichtigem Blau und sprühendem Rot. Unten flimmerte ein breites Band von blässerer Farbe, wie eine krause Masse erstarrter Blitze.
Wäre alle Schönheit sämtlicher Nordlichter in eins verschmolzen, vor dem blendenden Glanze und der erhabenen Pracht jener wundersamen und doch Furcht einflößenden Himmelserscheinung lväre sie jäh verblaßt.
Todesstille herrschte auf dem Schiff, alles stand lvie versteinert in sprachloser Erstarrung. Vom Vorderschiff tönte plötzlich ein neuer Ausruf des Schreckens. Der Steuerunteroffizier, der am Rade gestanden hatte, stolperte die Leiter hinunter und stürzte, die Finger in eirrer Gebärde des Entsetzens weit von sich gespreizt, das Deck entlang, wobei er fortwährend schrie:
„Die Nadel! Der Kompaß!"
Barnett, Trendon und die andern eilten nach dem Steuerhause. Die Nadel schoß von links nach rechts und von rechts nach links. An ihrer Spitze glühte ein stahlblauer Feuerschein. Dann nnrbelte sie herum, funkensprühend, hielt an, zitterte, und bog sich anfivärts, daß sie an den Glasdeckel klopfte.


