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„Unser Parky sieht wieder einmal ans, als hätt' der leibhaftige Gottseibeiuns ihn schon beim Wickel," bemerkte Jves, der nie den Mund halten konnte.
„Cr sorgt sich um den Schoner. Hoffentlich hat Brlly Edwards die Bö rechtzeitig herankommen sehen," antwortete Forsythe, damit die augemeine Befürchtung in Worte Neidend. „ ,
„Er ist ein tüchtiger Segler, und der Schmrer nNlß, nach seinen Irrfahrten auf eigene Faust zü schließen, sehr fest gebaut sein," sagte Jves.
„Es wird schon alles seine Richtigkeit haben," beruhigte Tarier. „Der Wmd scheint auch nachzulassen."
Triefend naß, kam Barnett jetzt herunter.
„Was gibt's Neues?" fragte Doktor Trendon.
Der Navigationsoffizier schüttelte den Kopf.
„Nichts, aber der Kapitän ist in einer Verfassung-i"
„Was fehlt ihm denn?"
„Der Schoner. Er scheint sich steif und fest einzNbitden, daß dem etwas passiert ist."
„Hegen Sie etwa nicht die gleichen Besorgnisse?" fragte Forsythe. „Mir wenigstens geht es so. Ehe ich mich aufs Ohr lege, will ich noch einmal Umschau halten."
Er ging an Deck, kam aber fast augenblicklich zurück. Er rief aufgeregt den anderen Offizieren zu, rasch au Deck zu kommen, und seine Stimme nana so eigentümlich, daß sämtliche Herren gleichzeitig in die Hohe schnellten und seiner Aufforderung wie einem Befehl Folge leisteten.
Das Wetter hatte sich etwas aufgeklärt. Das Schiff rollte schwer. Aus der See unterschied man nur schannr- gekrönte Wogenkämme.
Am Himmel aber zeigte sich derselbe fahle Schein wie vor zwei Nächten-
„Das Nordlicht!" rief der Zahlmeister Mc Guire.
„Natürlich," sagte Jves. „Äiusgerechnet inr Westen! Da pflegt es ja auch gewöhnlich aufzutreten, besonders am Ranoe der Südsee, wo Nordlichter ohnehin dicht gesät sind."
„Was ist es denn?"
Niemand fand eine Antwort. Carter, der fortgestürzt war, berichtete bei seiner Rückkehr:
„Es muß elektrischen Ursprungs sein, denn der Kompaß ist wiederum wie verrückt geworden."
„Edwards dürfte jetzt der Lösung des Rätsels sehr nahe fein!" meinte Jves. „Der Sturm muß ihir dern Brennpunkt des Interesses gerade entgegenaetrieben haben!"
„Was könnte ihm da geschehen?" fragte McGuire.
„Das weiß ich nicht," sagte Carter langsam. „Doch habe ich eine dunkle Ahnung, als ob der verlassene Schoner auf irgend eine schauerliche Weise mit jenem Licht im Zusammenhang stehe . .
Wohl eine Viertelstunde lang hielt die eigentümliche Glut an, ohne bestimmte Formen anzunehmen. Zuletzt schien sie etwas näher gerückt zu sein als beim ersten Anblick. Dann erstarb sie, und es herrschte wieder tiefe Finsternis. Dia Ossiziere der „Wolverine" lagen schon lange in unruhigem, durch quälende Träume gestörten Schlummer, ehe der empfindliche Kompaß sein Gleichgewicht wiedererlangt hatte; und niemand konnte am Morgen wissen, wie weit bei dem abtreibenden Winde der Kreuzer vom richtigen Kurse ab- gewühen sein nrochte.
Den ganzen 6. Juni über suchte die „Wolverine", abwechselnd durch Nebel und Pegenbven behindert, die öden Meeresbreiteu ab, ohne den verlorenen Schoner wieder in Sicht zu bekommen.
Der Abend brachte von neuem dichten Nebel und gleichzeitig eine leichte nördliche Brise, der aber nach stundend langem Wehen es dennoch nicht gelang, die dichten Schleier zu zerreißen. Da vernahm man auf dem Kriegsschiff plötzlich ein klatschendes Geräusch, wie vom Schlagen gewaltiger Flügel. ^
Der Ton schivoll an und erstarb wieder, als vom Ausguck der Ruf ertönte:
„Schisfslichter, drei Striche voraus an Steuerbord!"
„Als was erkennen Sie es?" lautete die Frage oort unten.
„Ich sehe nichts außer dem grünen Licht!" und nach einer Pause: „Jetzt sehe ich das Backbordlicht. Das Schiff scheint zu wenden und gerade auf uns zuzubalten. Jetzt ist! es nur noch zwei Längen entfernt," rief oer Mann mit starker Stimme.
In diesen, Augenblick zerriß der Nebel, und plötzlich tauchte die lautlos herbeisegelnde „Laughing Laß" auf. Sie
näherte sich dem größeren Schiff mit solcher Schnelligkeit, daß-es aussah, als wollte sie es rammen. Sie war so nahe herangekommen, daß Onkel Sams Leute voll brennender Neugier auf ihr Deck herabstarren konnten, auf dem alles Leben erstorben schien. In Lee des Kreuzers verlangsamte sie ihre Fahrt, doch dann faßte die Brise sie wieder, und das Wasser schäumte unter ihrem Bug hoch auf. Gegen alle Vorschrift rief Jves laut:
„Ahoi, „Laughing Laß"! Ahoi, Billy Edwards!"
Aber keine Antwort drang zu den LMschenden auf dem Hinterdeck der „Wolverine". Isttt Schauer des Entsetzens' durchrann sie.
„Sie ist gestern abend verlassen worden," sagte Trendon mit heiserer stimme. -»
„Wie wollen Sie das wissend fragte Barnett.
„Beide Segel sind gerefft. Seit jener Bö war kein Reffen mehr nötig. Die Mannschaft muß sich während des Sturmes davongemacht haben."
„Dann müßten die Leute gerad-ezn ins Wasser gesprungen sein, denn die Boote waren vollzählig," rief Carter. „Das ist also Unsinn!"
„Das andere auch," brummte Trendon.
Schnell aufeinanderfolgende Befehle unterbrachen vorläufig jede weitere Erörterung. Jves wurde ans den Schoner geschickt, nur die Segel einznziehen und fernere Nachforschnn- gen anznstellen.
Was er erkundete, war bedenklich wenig. Sämtliche Boote waren vorhanden, auf dem Schiff befand sich olles in bester Ordnung — gerade so, als ob Billy Edwards sich seines Auftrags entledigt hätte — doch der fröhliche, liebenswürdige, junge Offizier und seine Leute blieben spurlos verschwunden. Ueber das Wie und Warum zerbrachen sich die Kameraden vergeblich die Köpfe. Jves hatte den Anfang eines von dem Leutnant geschriebenen Journals gefunden, dessen Inhalt seine hochgespcnmten Erwartungen aber bitter enttäuschte. Er lautete:
„Bö ans Nordost. Ließ zwei Reffe eir,legen, und der Schoner hält sich sehr gut; scheint ein schnelles, seetüchtiges Schiff zu sein. Weitere Nachsuchnngen nach dem Schiffs- / journal ohne^Erfolg. Habe einem von den Leuten, der rin Stück Mechaniker ist, besnhl>n s-Nnirgo au. mi. erjenveschla- geneii Kiste zu arbeiten, bis er sie aus bekommt. Den Spuren nach, die er am Schloß entdeckte, muß schon ein anderer vor ihm Versuche dazu gemacht haben."
Eine weitere Eintragung war nicht erfolgt.
„Doktor Trendon hat recht," 'sagte Barnett. „Was da auch immer geschehen sein mag — es muß sich unmittelbar nach der Bö ereignet haben!"
„Gerade in der Zeit, als der seltsame Glntschein sichtbar wurde!" rief Jves.
Nun sollten zwei Mann und ein Deckofsizier an Bord der „Laughing Laß" gehen, eine Verbindung mit ihr durch eine Trosse Herstellen, und die Nacht drüben bleiben. Doch als der Befehl dazu erteilt wurde, wollten die Leute nicht recht heran. Einer von ihnen schützte mit ängstlichem Stottern Krankheit vor.
Trendon stattete nach der Untersuchung dem Kapitän Bericht ab.
„Scheint Gespenster zu sehen. Kann aber ebenso gut krank sein. Angstmeier. Die andern jirrb nicht besser."
„Wer wurde kommandiert?""
Der Doktor nannte einen der Deckoffiziere.
„Congdon? Das ist ja mein Boots führen,"" jagte Kapitän Parttnson. „Einer der besten Leute, von dem ich nicht gut annehmen kann, daß er Angst hat. Wollen doch mal mit ihm reden.""
Congdon wurde herbeigeholt.
„Sie haben den Befehl erhalten, für die Nacht an Bord, des Schoners zu gehen, Congdon?"" fragte ihn der Kapitän.
„Jawohl, Herr Kapitän.""
„Haben Sie irgend einen Grund, weshalb Sie lieber nicht hingehen möchten?"
Der Mann zögerte mit der Antwort und bot ein Bild peinlichster Verlegenheit. Endlich stieß er, nicht ohne eine gewisse Würde, hervor:
„Selbstverständlich gehorche ich dem Befehl, Herr Kapitän.""
„Nur ruhig heraus mit der Sprache, mein Sohn!"
„Es — es rst wegen Mr. Edwürds, Herr Kapitän. Nichts hätte ihn von einem Schiff fortbringen können, wenn nicht etwas — etwas —Der Deckofsizier stockte und suchte


