Ausgabe 
4.9.1916
 
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See. Die schnurgerade Blasenbahn zeigt, daß der Torpedo nicht vergebens läuft.

Noch einmal blitzen Von drüben geteilte Salven auf. Dann steigt eine riesige Wassersäule in die Luft, begleitet von einem Ivahn sinnigen Getöse. Der feindliche Kreuzer reckt sich mit dem Bug noch einmal in die Hötze, um dann senkrecht in der Tiefe zu verschwinden. Das Werk eines Torpedos.

In unserem Scheinwerferlicht erkennt man nur noch schwimmende Menschen mit verzerrten Gesichtern. Sie ver­suchen, die von uns ausgeworfenen Leinen zu erreichen, um sich auf diesem Wege zu retten.

Während des Gefechtes wurden durch unsere Funken^ Telegraphen Torpepoboote herbeigerufen, die jetzt mit größter Fahrt in Sicht kommen.

Schiffbrüchige bergen!" wird ihnen hinübergemorsü So gelingt es, noch eine ganz beträchtliche Zahl der mit der wütenden See kämpfenden Männer zu retten.

Unser Schiff hat gestoppt. Die Boote werden wieder geheißt. Ter Kommaildant läßt die ganze Besatzung an- treten. Vollzähligkeitsmusterung.

Lückenhaft stehen -bic einzelnen Divisionen irrt Dunkel der Nacht angetreten. Mit Itefetu Weh im Herzen ntelden die, welche an den Lücken stehen, die fehlenden Kameraden.

Nach kurzen, aber desto herzlicher gemeinten Worten des Kommandanten gehen alle wieder auf ihre Statton und das Schiff steuert, begleitet von den Torpedobooten, seinem Hennatshafen zu.

*

Auch heute ist die Sonne erschienen wie an jedenn anderen Morgen. Auch heute sendet sie ihre Strahlen durch den diesig beginnenden Tag.

Unsere siegreichen Seeleute, noch auf denr Heimweg be­gaffen, bltcken zurück, dorthin, wo in der vergangenen Nacht der Kampf tobte.

Wieviele mögen dort in Zukunft voricherziehen und wissen nicht, wieviel brave Seeleute da unten liegen, die ihr Vaterland mit allen Kräften verteidigten. Nur die, die es erlebten, wissen, wie schwer er war, der Weg zum Seemannsgrab.

Im voriibsrgehen.

Volt Karlernft K n a tz.

N o ch i m m e r.

n rPfSuo. Sie haben beide Eckplätze. Er drüben, sie hüben. Er m klein, dick, zufrieden und ftuurpfsinuig. Sie ist noch kleiner lote kurzen Bctne pendeln beim Sitzen über dem Boden ein) Anblick, der geeignet ist, alle Neigung zunl Weiblichen zu ersticken,) noch mcrer, noch stumpfsinniger. Viele Brillantringe und ein Korsett, das nach allen Seiten anslädt, luie ein Barockban aus der Zeit des Niedergangs.

Ilebrigens dritter Klasse roie ich. Aber bei den beiden ist die Sparsamkeit doch wohl übertrieben.

Es sitzen außerdem fünf Feldgraue im Abteil. Sie fahret« Mt dritter, zweiter und erster Gott sei Dank wo geradck Matz ist. ^

Das behagliche Paar geht, nach längeren Gesprächen über die Genüsse, du es erwartet, zürn Mittagessen im Speisewagen Sie kommen wieder, befriedigt. Er klopft fick auf den Bäuch und Aftnt, es set, den Krieg gerechnet, imnterhin anständiq gewesen Ste ntckt und verdaut. Die Feldgrauen mm, sie sind nicht im Speisewagen gewesen. Kerne Möglichkeit mitzureden

Der Kellner, ein Brett mit Tassen durch den Gartg steuerrtd. al^ ob er dte Venus von Milo trüge: Mffee gefällig? Bitte Ach­tung Dante sehr! Kaffee gefällig? Bitte Achtung!

Dre Feldgrauen sehen auf die Taffen mit einem stillen Blick, den tcki nicht vergesse. Ruhig, mit einent Xetfen Wunsch, aber ver­achtend. £>te wissen: für uns ist der Kaffee, den das Rote Kreuz beim nächsten Halten schenken wird. Wer farm das hier int Zuge tzEen? Nur einer hat noch etwas zu rauchen. (Ich berichte hier, zch dichte nicht.) « '

Das Paar bestellt. Der Kaffee kommt.Bitte Achtung! ffaffee Nein, hier ist sonst kein

Mer packt sie aus. Wn Riesenpaket Kuchen. Siel tzhvgWch. Kn jeder meiner fünf Feld-, grauen hat auf diesen Knchcnpopokatepetl, die dieses wvhkgenmdcte Kwel-Klnder-Shstcm vertilgt^ einen Blick g«vo>sen. (Ich be- «chte H'er. rch dichte mW ) Den gleichet, Blick wie vorhin: still, Nlhtg, verzichtend. Sachlich sozusagen

«^*8*. W- mx fa unerträglich, schien mir. Ich stürzte MV,.kaufte r«lm Niaarren, mastige, beim es gab keine anderen, ^'ilte sie an die füirf Feldgrauen. Sie sagten: danke! Vftii

stcLn Sinnen" iwl ' pn! ^ fahre jcht

, Hier aber strich sich der Gatte die kuchengesüllte Weste glatt, Fars einen beleidigten Blick auf mich, griff zu seiner Zigarren- rasche, streckte sie gönnerhaft dem icächsten Feldgrauen hin und sprach:Nun sagen Sie mal: wie steht denn die Geschichte vor Verdun?" . . . .

Die H a n d.

v Die Buchen des Spessart leuchten sanft im rötlichen Abend»- Himmel. Das Tal der Kinzig liegt friedvoll gebreitet. Es ist, als ob dte neunte Stunde des Abends in diesen Fluren ewiger Sonn­tag fei.

Mir der Zug dröhnt und rasselt vorüber an blau-grauen Fichtenwänden, durch Buchendome und saubere deutsche Felder.

Ein Haltepunkt, ein Dorf, das dahinten in der viotettcn Bläue des Sonnenunteraangs nichts von diesem Zuge zu loiffen scheint, dte,em Zuge, der demgroßen Anschluß" eilfertig entgegenpra.'selt.

Drei Menschen stehen auf dem Erdstreisen, der hier Bahnhof heißt. Eine ältere Frau, ein kleines Mädchen von zehn Jahren, etn Soldat von 20 Jahren und ettvas darüber. Eine Mutter und Schinester und Bruder. Ter Soldat trägt das Gewehr am Band, t*m Tornister auf dem Rückn, Feldflasche, Strauß er kehrt aus dem Urlaub zur Front.

i i ^.ter: es auch richtig, Korl, daß der ZUg um

11 Uhr geht tn Frankfurt?"

-/Aber ja! Mutter. Alles in Ordnung. Ich soag Dir's ja."

Me kleine Schivester zieht ihr buntes Schneuztüchlein heraus und wischt voreilig an den Augen.

Einsteigen! Bitte!"

D^r.länge Soldat legt beide Atme um diese Mutter, die einm Kopf kleiner ist als ihr Sohn. Sie küssen sich, ungeschickt, er vev- .egen, undsre, des Küssens längst entwöhnt, rasch, drängend und kraftlos. Sie sagen nichts. Nun steigt er ein und streckt den jungen Kopf sofort aus betrt Fenster.

Ter ZUg fährt ab.

r ?it dem Strauß wie ein junger Bär. Und nun

i>refc Mutter der dieser Abschied gewiß wie ein schwerer Stein auf der verblühten Brust lastete, sie hebt die ländlich abgearbeitete Hand um ein kleines aus der Hüfte und winkt, winkt hilflos, die Trauert tapfer verschluckend sie winkt mit dieser Hand, die nichts von dev- Anmut abschiedwinkender Gtoßstadt-Mädchenhände wissen fi l ' : >[° tauge als der Zug noch sichtbar ist. Glanz leise, ganz un- gcschiat. Und doch ist cs, als ob der Zug von dieser Mutterhand nur keuchend und Ehsam sich losrisse .... Ein Mschied eine« deutschen Mutter. ^

_ . H anau - O st.

Sechs Mädels zieheit ant Zug entlang. Gott weiß, wo sie hin- gehoren Füllig und schlank, groß und klein, reichhaltig gemischt. Es ist 12 Uhr nachts. Vier O-Züge nach Berliir und Leipzig folgen kurz ausemander. Heder ist stoppvoll von Feldgrauen, die uns dem Westen m den Urlaub oder auch über Berlin in dierussische Arbeit fahreu.

,. ^Nehmen Sie mich doch mit! ruft eine kecke Blondine zu einent Fenster, aus dem drei forsche Waffengattungen jung, braun rmd verschuntzt herausgucken.

Kauft's Erich eine Fahrkarte bis Pinx!" (so heißt das Nest feldgrau und nicht anders).

.. mich auf Ihren Tornister", ruft eine andere, und

ihr Blick ist feucht.

Daß. Tu nicht abistürzft, Mädel, wcwi die große Weich« kommt! ^

'Bug?^^ 11 ^nU öai Plätzchen für uns in dem großen

Nötig hätten wir Euch schon!" ruft ein Jäger ans dem Hintergrund des Ganges und zwinkert verliebt über die Kämeraden hiii nach allen Seiten.Wer der Hindenbnrg erlanbtS nicht."

' stämmige V-Zug-Mafchine vorn gibt fttrchrbcrre Töne von

F.Ü Tantpf nach allen Seiten und erfüllt den näckcklülfen Bahnhof m,it dem Lärnt ihrer Abfahrtsbereitschaft.

Die sechs Mädels stehen imtergehakt urtd stumm. Da ruft ein Berliner, Infanterie, dessen Uniform man ansieht, daß er geraden­wegs von Verdun oder sonstrvoher komuten nruß, wo es heiß zugeht: Na, Und wie rs bet nu mit'n Wschiedskuß?"

Tie Sechse sehen sich an, stupsen sich und lächeln.Mach doch Käthe tu s doch, Marie!" und auf einnral der Zug tollt schoii stem Marte, öoti den fünf anderen gehoben und gehalten, älls dem Trittbrett und küßt reihum, und man lvulidert sich, ivic- viel Manncrköpse plötzlich aus so rlincm I) Zug-Fenster gucken können.

Jieb sie weiter, Miezeken!" ruft der Berliner. Und Marü springt ab, verteilt glückselig das Tutzerrd tut Eiltempo erhaltener Kusse Unter die fünf Kameradinnen, der Zug entschwindet und blinzelt nur noch listig mit den roten Augen aus denr ^xbienem gewtrr dorthin zurück, tvo sechs Hanauer Mädels sechs vecsäneden- farbige Taschentücher schimmken ....

Vermischtes.

^ Ein friesischer Jbikus. Auf dem Friedhöfe de4 .teilten Dorfes Büttel bei Geestelltüilde. so schreibt uns ern Atit- arbeiter, befindet sich rmtcr einent altersgrattett Deckslein deck u'cit

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