Der Weg zum Seemannsgrab.
Von Richard Lässig.
(Nachdruck verboten.)
Ringsum undurchdringliche Nacht. Nur der weiße Gischt des spritzenden Bugwassers schimmert wie aus weiter Ferne hindurch. Der eisige Nordostwind faucht zuweilen Millionen von scharfen Wassertropfen über die Back und Brücke in die Gesichter der Seeleute, die eisern auf ihren Posten verharren. Kein Schrei einer Möve durchbricht die Stille der Wacht. Man hört nur das Getöse der an der Bordwand brechenden Wogen. Dann und wann auch ein Ruderkommando unb die Verstandenmeldung.
Im Zickzackkurs geht es ins scheinbar Ungewisse. In .Gedanken sieht man eine Meile nach der anderen hinter dem Heck verschwinden. Mit riesenhafter Gewalt bohren sich die beiden Schrauben durch die unruhige See, das gurgelnde und sich stauende Wasser ein Stück mit sich fortreißend.
Schon die vierte Nacht geht es so.
Patrouille!-Ein rasendes Hin und Her.
Ueberall ist der Feind zu vermuten. Wenn auch alle Kriegsfahrzeuge sich durch Abblenden ziemlich unsichtbar gemacht haben, so ist der Ausguck doch ein derartig scharfer, daß dem geübten Auge so leicht nichts entgeht.
Was in Friedenszeiten in harten Manövern: geübt, kommt jetzt alles zur Geltung: Wachsamkeit und Gewissenhaftigkeit allerseits, Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit im Kampfe mit den Naturgewalten.
Im Laufe des Tages meldeten unsere Flieger einzelne feindliche Streitkräfte in unmittelbarer Nähe. Dadurch wurde te.de in Einzelnen doppelte Vorsicht zur Pflacht gemacht. Keiner denkt an sich. Die Möglichkeit eines plötzlichen Gefechtes ist zu nahe.
Auch voir der Funkentelegr. Station sind feilldliche Zeichen von großer Lautstärke geineldet. Diese Meldung bürgt beinahe für die unmittelbare Nähe feindlicher Fahrzeuge.
Schon nach einer halben Stunde bestätigt sich diese Annahme, indem der Backbord-Ausguck durch die Stille der Wacht ruft:
„320 Grad ein weißes Licht."
„Drauszuhalten!"
„Zu Befehl, Herr Kapitän."
„Beide Maschinen große Fahrt voraus!"
Die Maschinentelegraphen knattern nach dem Maschinen- rauin. Dort reißen die wachhabenden Maschinisten die Ma- irövrierventile auf, um die Maschinell auf große Fahrt zu bringen.
„Ruder Backbord 20," befiehlt der wachhabende Offizier auf der Brücke.
„Backbord 20," meldet der Rudergänger zurück.
„Beide Maschinen laufen große Fahrt voraus," ruft der Posten am Maschinentelegraph.
„Ruder Mittschiffs!"
„Mittschiffs" — — „Ruder liegt Mittschiffs."
„350 Grad ein weißes Licht," meldet der Ausguck wieder.
„Beide Scheinwerfer klar!"
Auf der Brücke peilt alles voraus. Das Licht war nur einen Augenblick zu sehen. Man erwartet sein Wiederaufleuchten. Das Schiff hält direkt darauf zu. Die Entfernung ist nicht genau abzuschätzen, weil die Nacht stockfinster ist.
„Scheinwerfer sind klar."
„Voraus dasselbe Licht," melden Steuer- und Backbord- Ausguck zu gleicher Zeit.
„Wieviel laufen wir jetzt?"
„24 Meilen, Herr Kapltän."
„Beide Maschinen äußerste Kraft voraus", befiehlt dieser.
Die Manövrierventite der Maschillen fliegen galrz auf. Nach den einzelnen Heizräumen knattern Telegraphen: Mehr Damvf! Durch die Lustschüchte der Heizräume hört man an Oberdeck die Bentjlatwnsmaschinen rasen, die den Feuern mehr Sauerstoff züstihrell.
Tief unten im Schiffsrumpf schlveißtriefende Meilschen, die Heizer. Halbnackt gleichen sie Negern. Eiile Schaufel Kohle nach der andern fliegt in die weißen Feuer. Die Heizer sehen öfter nach dem Manometer, dabei die aus-, gerauchte Pfeife zwischen den Zähnen. Sie ahnen, daß da oben ettvas im Gange ist; umsonst wird nicht äußerste Kraft gelaufen.
Oben auf der Brücke werden die Gläser an die Augen gerissen.
„345 Grad ein abgeblendetes Schiff mit drei Schornsteinen," meldet der Backbord-Ausguck. Bon den achterer: Posten kommt dieselbe Meldung.
„Alarm!" ruft der Kommandant.
Zu gleicher Zeit sind die Marmglocken in Beilegung gesetzt. Born, achtern, in den Wohndecks, überall, wo sich Leute aushalten. Jeder Einzelne ist davon wie elektrisiert. Matrosen und Heizer der Freiwache fliegen aus den Hängematten. Die Geschütze sind schon von der Kriegswache besetzt. Ebenso die Sprachrohre. Die wachffeien Offiziere eilen auf die Brücke. Die Lecksnch- und Sicherun gsgruppen, von technischem Personal zusammengesetzt, verschwinden in die einzelnen Räume unter Deck. 'Die Atunitionsaufzüge iverden bereits von den Munitionsmännern in Bewegung gesetzt. Nach jeden: Geschütz hin ist eine Kette von Leuten gebildet, die Munitionsmänner. Auch die beiden Aerzte mit den Krankenträgern befinden sich an den Gefechtsverband- plützen. Die Feuerlöschgruppen sind an Ort und Stelle. Der erste Offizier nimmt bereits die Kürrmeldungen der einzelnen Gefechtsstationen unter Deck wahr. Er befindet sich in der Zentrale, ein Raum, in dem alle Meldungen über Lecks, Feuer, Rauchgefabr nsw. einlaufen. Bon hier gehen dann die nötiger: Befehle arls. Das ganze Sprachrohrnetz gleicht jetzt der Telephonzentrale einer Stadt. Alle möglichem: Meldungen laufe:: :m Kommandotrrrn: ein. Der


