Gchlcksale.
Roman von Heinrich Kornfeld.
(Nachdruck verboten.)
(Amerikanisches Copyright by Carl Duncker 1914 .)
(Fortsetzung.)
Wie d<rs immer so ist: — die Stunden wirklich großen 'gewaltigen Erlebens — jene seltenen Stunden, die den Menschen auf Herz und Nieren prüfen, die gewaltig den ganzen Organismus zusammenreißen — schon der nächste Alltag spülte sie hinweg.
So auch ging es mit der überraschenden Verlobung des Doktor Georg Hartmann. Man hatte gestaunt, wie sich da mitten im wilden Kriegschaos Herz zu Herz gefunden; man hatte ihm die Hand gedrückt, hatte beim Glase Wein mit ihm angestoßen, hatte sich gefreut, daß ein so famoser ausrechter Kerl Wie der lange Doktor sich die reizende kleine Marguerite fürs Leben gesichert.
Aber schon am nächsten Tage tat der lange Oberstabsarzt, als wäre nichts geschehen, wieder seinen gewohnten schweren Dienst, quirlte das ruhelose Hasten uno Treiben auf der breiten Kiesproinenade vor dem Kavalierhause auf und ab, schnarrten Motorräder, knatterten Autos, klapperten die Morseapparate, schrillten die Telephonklingeln.
Alles ging den altgewohnten Gang, alte Dinge hasteten in der schon selbstverständlich gewordenen Hetzjagd, alle Nerven waren wieder auf den Dienst eingestellt.
Jeder hatte feine Obliegenheiten, seinen Pflichtenkreis, seine großen Verantwortungen und kleinen Genugtuungen. Jeder schien wieder ganz im Getriebe der Gewohnheit unter getaucht zu sein.
Nur einen Einzigen im Verbände des Generalstabes der XI. deutschen Armee gab es, der mit geheimen Gedanken umherging, dessen Gehirn nach einer ganz bestimm- teii Richtung hin arbeitete, schürfte, kombinierte... den Rittmeister Brünnow.
Drei Tage war es jetzt her, seit ihm abends auf dem Rückwege zunr Kavalierhaus der schmale flimmernde Lichtstreifen entgegengeblinzelt.
Die Untersuchung des Kellers hatte nichts ergeben — meinetwegen. Aber sollte er sich daran genügen lassen? Sollte er dadurch überzeugt sein, daß er damals einem Phantom, einer Augen läuschung erlegen?
Ausgeschlossen! Er war doch kein Narr! Hatte allezeit Direktion im Leibe, und Augen und Ohren und Nerven scharf an der Kandare gehabt!
Autosuggestionen gab es nicht, wenn man nur ein einziges Glas Wein getrunken hatte, mit klarem Schädel heimwärts wunderte — Autosuggestionen in Feindesland gab es nicht, wenn nran deutscher Offizier und sich bei jedem Schritt seiner Verantwortung bewußt war!
Zu diesem Ergebnis gelangte er immer und immer wieder, soviel er auch dem nächtlichen Rätsel nachgrübelte.
Eigentlich hatte er das ja nur in der einen Nacht getan, während er nach der fruchtlosen Durchsuchung des Kellers im Vorzimmer Seiner Exzellenz über den eingelaufenen Diensttelegrammen und Meldekarten der Offi- zierstasetten saß.
Im fahlgrauen Morgendämmer drei Stunden sich aufs Bett gehauen; danach ein kaltes Bad, eine Tasse schwamen
Kaffees, eine Zigarette_ der Schädel arbeitete wieder
klar und ruhig und nüchtern.
Hatte am nächsten Morgen die erste dienstfreie halbe Stunde dazu benutzt, um das Kavalierhaus herum einen Jnspektionsgana zu unternehmen. Ganz langsam, fast gleichgültig sch^ndernd, gewissermaßen als ergehe er sich ein wenig in der wundervollen Morgen frische des Herbstes.
So war er um das Haus herUmgebummelt, hatte seinen Terrier über den Reitstock springen lassen, hatte sich ein Lied gepfiffen — bis er mitten im Schwung des Refrains abbrach.
Aber stehen blieb er doch nicht. Höchstens — daß sein Schlendern noch langsamer wurde. Die Augen jedoch, die krochen durch das wirre Gesträuch der Syringenbüsche, die sich an.den Grundmauern des Hauses aufrankten. Und was diese unbestechlichen deutschen Augen da entdeckten, das war eine von Grün fast völlig überwucherte kleine Bohlentür, die bestimmt nicht zum Hauptkeller führte, die seinen, und seiner Kameraden Blicke bisher entgangen.
Und der Eberhard Brünnow ivußte im selben Moment: das war die Tür, durch deren Bohlenverschlag gestern nacht der seine Lichtfaden geschimmert!
Alles — ohne daß er auch nur eine einzige Sekunde den Schritt verhalten hätte. Konnte ja möglich sein, daß ihn durch eben diese Ritze jetzt jenrand scharf beobachtete, jedes Zucken seines Gesichts, jedes etwaige Stutzen oder Zögern kontrollierte.
Darum bunimelte er gemächlich weiter, ließ beit Terrier wieder seine Kunststücke machen, pfiff den Refrain des Liedes zu Ende, pfiff auch noch den nächsten Vers... und als er mit dem fertig war, hob er die Hand und winkte ab. Denn jetzt stand er nneder vor denr Hauptportal; und der Doppelposten wartete schon mit „Gelvehr über", um zu präsentieren.
Drinnen aber in seinem Zimmer siel die gelangweitte Maske. Die Spannung straffte seine Züge; in den Augenwinkeln erwachte scharfes Zucken und unruhiges Leben. Die Hände auf dem Kreuz übereinandergeschlagen, begann er mit langen klirrenden Schritten über die Dielen auf- und abzuwandern.
Sein Geist ließ sich treiben von dem tvilden Tohuwabohu, das ihin hinter der Stirn durcheincrndertollte. Und dann — ganz jäh — ganz unvermittelt — stand eine Erinnerung vor ihm.
Die Erinnerung an einen Vorfall, den er mal als .Junge elesen und über oen seine kindlich schwMtige Phantasie amals nächtelang gefieberte


