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Die Minuten sanken, wurden zu Viertel stunden, zur halben Stunde — zu einer Stunde.
Lmttlose Stille um ihn.
Vielleicht, daß er jetzt seine Arbeit beruhigt wieder Hütte auftichmeu können. Mer er wagte es nicht. Die nächste Nacht sollte ihn wieder an der Arbeit sehen — heut nichts mehr.
hautlos erhob er sich, glitt wie ein Schatten durch den Kelter, tauchte unter in dem gähnenden Schlund des geheimen ^nges.
Ein paar Sekunden noch vorsichtig durch die rabenschwarze Nacht tastende Schritte — dann erstarb! auch das.
Alles uxtr totenstill.
Ueber dein Hauptkeller im Vorzimmer seiner Exzellenz des Generals von Lüssow saß der Rittmeister Brünnow über den eingelauienen Diensttelegrammeu, schnatterte hin und wieder der Morsetelegraph auf
Schläfrig patrouillierte der 3
Doppelposten vor dem
Hauptportal des Kavalierhauses auf und ah.
Sonst war all das quirlige Leben des Tages in tiefem .Schlgi versunken.
Eine Nachtigal schluchzte in den SyringenbüsckM.
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„Pas ist ja garnicht möglich, Mensch!"
»tzch schwöre Ihnen der der Mittler Gottes, Monsieur, so und nicht anders verhält es sich —{ vor etwa einer halben Stunde klingelte es plötzlich ans dein Zimmer Mademoiselle Varrels! Jeanette, unser zweites Stubenmädchen stürzt hinein, denkt: — vielleicht hät Mademoiselle im Flever an dem Klingclzug gerissen .... doch! da liegt das fltnge Fräulein tm Bett — zwar noch sehr blaß, aber die Augen groß und klar ausgeschlagen ltnb verlangt — tout de suite — tont de suite — sofort etwas zu essen. Erst hat die Jeanette ihren Ohren nicht getraut: hat schon gefürchtet, Mademoiselle rede irre — aber es verhielt sich tatsächlich so. Mademoiselle hatte wahnwitzigen Hunger. Da bin ich denn schnell zu Ihnen hier ins Kavalierhaus hin üb er ge- stürzt, Monsieur, damit Sie sich dies Wunder persönlich anseheu."
„Ein Wunder ist es tatsächlich," bestätigte der Oberstabsarzt Dotbor Hartnraun dem alten Frederic. Und er ließ sich gerade Zeit, die Mütze auf den Kopf zu stülpen und nach dem Fieberthermometer zu greifen — dann ging abermals die Jagd über den breiten Kiesweg zum Schloß hin.
Auf der Diele empfing ihn die Marquise.
„Herr Oberstabsarzt — ich bin außer mir vor Freude. Sollte es wirklich möglich sein, daß die Krankheit ein so überraschend kurzes Ende gefunden hat?"
„Es wäre mehr als überraschend, auädiaste Marquise. Der alte Frederic hat vorhin das richtige Wort dafür gefunden — es wäre ein Wunder! Ein Wunder Gottes! Der -arte Körper Mademoiselle Marguerites müßte ein weitaus stxrtt'rc Energie bergen, als irgendwer von uns vermutet halte."
„Sie wollen jetzt hinauf, Herr Oberstabsarzt?"
„Selbstverständlich, gnädigste Marquise — sonst glaube ich doch noch nicht. Wenn gnädigste Marquise befehlen, dann erstatte ich nachher Rapport."
Sie nickte ihm dankend zu. Und er eilte die Treppen hinauf: verhielt vor der Tür des Zimmers den Schritt.
Etwas wallte in ihm auf, das er erst Niederkämpfen mußte. Er dachte unwillkürlich: — wie ein Primaner, der zum erstenmal zum Ball geht und dort seine Herzliebste Enft. Er wollte lächeln über sich selbst, über die grauen! Faden die trotz der achtnnbdreißig Jahre schon durch sein H-aar strähnten- wollte sich einen Narren schelten und bekam es doch nicht fertig. Fühlte nur das unruhige Schlagen des Herzens, das Hämmern des Blutes in Adern und Schlafen.
Ein paar Minuten Ruhe - damit er sich nichit verriet.
Und so stand er und.lauschte auf das brausende Drölsiren J" ^ I . ,ei ‘. £) ^ rcn und streckte wie willenlos die Hand nach der Tn r kl Nike aus und drückte sie nieder und trat ein.
Ztnimer ^ ^der ins Schloß — Totenstille im
Was jetzt geschah, war das Werk weniger Mnuterr.
. E lange Georg Hartmann war hasftg zu dem Bett ^^Etteteir Da starrte ihm aus den weiy^i Kissen etn schnmles ^sickitchen entgegen — bttttleer und müd und lieb
vertiaut und doch seltsam fremd. Die Augen groß und
schwer. Um die Lippen ein ninttner zu deutender Zug. Als ob ein Mensch über nachtdunkle endlose Unpfade geirrt und sieht zum erstenmal wieder das Licht des Tages;
S lt wieder die erste leise Hoffnung im Herzen aufkeimen, vielleicht doch noch einmal dieses ziellosen Weges ein Ende sein könnte.
So seltsames Leben war um die Lippen der Kranken. Den Oberstabsarzt Doktor Hartinann erschütterte das. Er kam nicht mehr los von den großen schweren Kinder)- angen; sein Herz und seine Seele verfingen sich in den Zügen dieses zarten müden Kindergesichts.
Er wußte nichts davon, daß er srch auf dem Stuhl neben dem Bett niederließ, daß er Marguerites Hand ergriff, daß er sich zu ihr hinabbvg und gedämpft versetzte:
„Wie ist es nur möglich, Mademoiselle Margucrite, daß Sie Fieber und Ohnmacht so tapfer Niederkämpfen konnten?"
Nachdenklich!, fast verträumt ruhte ihr Blick auf seinem Gesicht. Sie machte eine Kopfbeweauna, als wolle sie verneinen. In ihrer Stimme war noch kein Klang.
„Ich weiß davon ja nichts, Herr Oberstabsarzt. War ich denn krank? Liege ich, schon lange hier? Mir ist nur so seltsam schwer in den Gliedern."
„Sie waren krank, Mademoiselle Margnerite — jetzt aber werden Sie bald gesund werden."
Eine Unruhe glomm in ihren Augen ans. Die schleppende Sttmme wurde hastiger.
..Wie lange lieae ich hier schon, Herr Oberstabsarzt?" m\m viernndzwanzig Stunden, Margnerite. Ein
kurzer Fieberanfall — eine Öhümacht.
Sie hob die Linke, strich sich über die Stirn-
Mitten in dieser Bewegung hielt sie inne. Die Hand ballte sich zur Faust, sank auf die Bettdecke herab.
Und, als erwache sie aus Halbträumen jählings zur Klarheit, als hätte ihr Geist wieder den Rückweg zu dem gestrigen Geschehen gefunden — glitt es ihr mie ein abgerissener Schreckens taut üb er die Lippen: —
„Jetzt entsinne ich mich.... gestern im Boudoir der Fvan Marquise — ich konnte plötzlich nicht mebr weiterlesen
— die Angst, die mir gegen das Herz schlug. . ich
wollte ia fort — ich muß ja fort — ich darf ja nicht langer ans St. Chamant bleiben."
Da kam es mit zwingender Gewalt über ihn — er hatte sich erhoben; er [taut) vor ihr; er ergriff ihre Hände: ferne blauen deutschen Angen leuchteten in ehrlicher Treue- dre Worte holperten ihm abgerissen und stürinisch über oie Lippen:
„Du sollst auch fort von hier, liebe kleine Margnerite. Wenn du erst wieder gesund bist, sollst du fort von hier — Deutschland. Du hast mir ja selbst gesagt — du bist Elsässerin; du bist Deutsche uiid sollst setzt endlich! dein Vaterland icheii."
„Mein — Katerland!"
„Ich kleine Margnerite — dein heiliges deutsches Vaterland !
„Bei meiner Mutter in einem fleineti rheinischen Städtchen sollst du ans mich, warten und sollst gesund und froh werden -bis unsere Zeit erfüllt ist. Der Krieg wird lange dauern und wird schwer werden uiid Millionen Menschenleben vernichten.
„Mich hält die Pflicht hier fest; ich kann dich jetzt nicht zu meiner Mutter bringen. Aber ich »vUl ihr schreiben und ich weiß sie wird dich mit viel Liebe empfangen und wird dern armes krankes Herz gesund pflegen.
„Was hinter dir liegt, ist ein böser, häßlicher Traum
- was dcmer wartet, ist deutsches Eick im deutschen Vaterland. G»tt mag rn seiner Gnade geben, daß ich eines Dages zurückkehre. Dann werde ick dich heimhole» %jl d» auf mich warten, liebe Üeine Margnerite?"
Sie antwortete nickst Sie hatte sich halb emfaerichtet dre Stirn gegen seine Hand gepreßt. Eine Heimat nutz -rrreden und LrÄtz srnoen - gab es denn wirklich feinet >lück aus der Welt? '
(Fortsevung folgt.)
Lin Tiroler Mädchen.
Erzählung von Max Karl Böttcher.
(Nachdruck Verboten.)
Ein lücher Sltdwind strich über die Almen, und wo am steilen Hmw die Bcvgrolen in «unepchkendem Schimmer aus' dem Grün der Matten lugten, neigten sie ihr Haupt in frohem Gruße dem


