Schicksale.
Roman von Heinrich Kornfeld.
(Nachdruck verboten.)
tNmerlkanisches Copyright by Carl DunLer 1014.)
(Fortsetzung.)
Nein, die b-eiden Deutschen hatten sich nicht durch ein Phantom, durch eine Autosuggestion narren lassen. Sie hatten mir nichts davon geahnt, daß sich an den Hanpt- keller durch eine dünne Wand getrennt — ein kleiner Seitenkeller anschloß hatten nichts davon geahnt, daß an der Verbindnngswand dieses Seitenkellers Alphonse de Marsillargues gestanden, jedes ihrer Worte belauscht hatte.
Die beiden Deutschen waren die Kellertreppe wieder hinaufgestiegen. Dumps dröhnend fiel die Tür ins Schloß; knirschend drehte sich der Schlüssel — dann wurde es wieder still. Ganz still.
Alphonse de Marsillargues trat hochatmend von der Nerbindungsmand zurück; ließ sich — achtlos der Gefahr — auf einer Dynamitkiste nieder.
Er war wahnwitzig unvorsichtig gewesen, daß er die letzten vier Nächte bei offenem Licht in diesem Seitenkeller gearbeitet.
Vor zehn Minuten, als er draußen vor dem Kavalierhause Stimmengemurmel vernahm, als er harte, wie zwei Menschen stehen blieben, miteinander sprachen — da hatte er blitzschnell das Licht gelöscht.
Jetzt wagte er nicht, es sofort wieder anzuzünden. .Möglich — die beiden Deutschen schlickten noch um das Haus, kehrten wieder zu der Seitentür des Nebenkellers zurück, legten sich dort auf die Lauer.
Jetzt hieß es — für die nächste Viertelstunde jedes Geräusch vermeiden.
Er saß auf der Dynamitkiste, lauschte verhaltenen Atems in die Nacht hinein. In ihm war nichts von Unruhe.
Ganz gelassen, ganz kaltblütig überlegte er, lies sein Geist die Ereignisse der letzten vier Tage zurück:
Monsieur Bourdin, der Wirt des Zentralhotels in Vatry, hatte ihm die Grnndrißskizzen des Reimser Architekten ausgehündigt. Hatte ihm damit die überraschende Lösung eines Problems geliefert, über dem er — Alphonse de Marsillargues — sonst wohl in alle Zeit und Ewigkeit zwecklos gebrütet hätte.
Die Nacht danach brachte ihm tiefen und ruhigen Schlaf.
Und als dann der Morgen aufdänrmerte, begann Alphonse de Marsillargues sein Werk.
Zum Steinbruch „Bon espoir" sülchte ihn der Weg und dort begann seine Arbeit: — ein stundenlanges angestrengtes Suchen, ein unablässiges Kombinieren, ein nimmermüdes Tasten und Arbeiten mit Hammer und Meißel, ein Beisei beräumen zersprengter Kalksteinblöcke.
Bis er gesunden, was er suchte — halb verschüttet den geheimen Gang, von dem Monsieur Bourdin damals
gefaselt. Den geheimen Gang, der noch aus der Rümerzeit stammen sollte, der vier Kilometer unterirdisch zu den vor Jahrhunderten ansgesprenateu Kellern des Kavalierhauses führte. Des alten Kavalierhauses, auf dessen Grundmauern sich jetzt ein neues Gebäude erhob.
Alphonse de Marsillargues — der elegante Pariser Flaneur, der große Sportsmann — besaß eiserne Energie, eherne Zähigkeit: wußte, was er seinem bis auf die letzten Muskelfasern, bis in die äußersten Nervenstränge durchtrainierten Körper zumuten durfte. Trotzdem wurde es eine gewaltige Arbeit, bis es ihm gelang, den halb verschütteten geheimen Gang aus dem Steinbruche „Bon espoir" bis zu dem Seitenkfeller des Kavalierhauses von St. Chamaut freizulegen, daß er passierbar wurde.
Nach zwei Tagen — von Sonnenaufgang bis in den sinkenden Abend hinein geschasst — war das Werk gelungen. Nun lag der Weg frei, der Alphonse de Marsillargues zur Erfüllung seiner Pläne, zum Ziel seiner kühn und doch unerbittlich nüchtern angelegten Wünsche führen sollte.
Bereits in der nächsten Nacht — es Ivar keine Zeit zu verlieven — betrat er ihn.
Längs des Weges von Vatry zum Steinbruch hatte er einen jener Karren gefunden, wie ihn die französischen Weitv bauern zum Transport der guten Ackerkrume auf ihre Weinberge benutzen; hatte ohne Bedenken diesen Karren gestohlen, ihn mit sich in den Steinbruch genommen.
Und als die Nacht hereinbrach, da belud er ihn mit vier Dynamitkisten im Gewicht von 100 Kilogramm, schob seine gesährliche Last den geheimen Gang entlang zum Seitenkeller des Kavalierhanses. Anderthalb Stunden brauchte er, bis er die Kisten im Keller abgeladen, zum Steürbrnch znrnckgekehrt war. Dreinral in derselben Nacht machte er noch dieselbe Fahrt, verstaute acht Zentner Dynamit im Seitenkeller.
Me nächsten vier nächte sahen ihn bei der gleichen gefährlichen mühseligen Arbeit.
Dann glaubte er genug zu haben.
Vierzig Zentner Dynamit — sie mußten genügen, das Kavalierhaus von St. Chamaut in die Luft zu sprengen, vom Erdboden wegznrasieren.
Gestern nacht war er damit fertig geworden, heut nacht hatte er geplant, die dünne Zwischenwand vom Seitenkeller zum Hauptkeller dnrchtznb rechen, um die anfgestapel- ten achtzig Dynamitkisten hinüberzusck-assen. Hatte schon Hammer und Meißel angesetzt, den' Arm zum ersten Schlag erhöben — da kam von draußen jenseits der Seitentür Stimmengemnrmel an sein Ohr.
Eine Sekunde später — und alles wäre verloren gewesen! Nditten in der Arbeit hätten sie il)U überrascht.
Oder doch nicht. Schlimmstenfalls blieb ihm ja noch immer der Rückzug durch den gehemren Gang. Aber sein Plan wäre vernichtet gewesen. Das durfte nicht gesck^eheu. Nimmermebr.


