423 —
Was ich bin und Mas ich faBe, Kauf ich Dir. mein PatEid", sodann das urwüchsige „Fwi und Merschllttcrkch wachsen uns^e Pichen", und das noch heute oft mtfr mit wahrer Dcgnsterung gehörte Lied „Zwischen Frankreich und dem Böhmerwald, da .waMen fünfte Reberr. / Grüß' mein Lieb am schonen Rhem, grüß mrr meinen kühlen Wein", mit dem Kehrreime: „Nur m Deutschland, Kur in Deutsck>land, da will ich elvig leben'." Besonders vmig mw ergreifend erklingt des Dichters Liebe zu allem, wasdeEi ist. in dem Luide, das er im Jahre 1839 nach der Hemikehr aus Frankreich sang: „Deutsche Worte hör' ich wieder, sei gegritßt mrt 'Nerz und Hand, Land der Freude, Land der Lieder, schanz heitres Vaterland". Auch im! -Jahre 1870/21 inockM der ^2jal)irig6 Dichter nickst schweigen. „Wir sind da!" rief er zornglühend den Fernoen zur . p '
„Wir deutschen Soldaten fechten Für das deutsche Vaterjland,
Wir sind mit Lieb und Leben Ihm bis zuni Tod ergeben!
Nun wohlan, kommt heran!
Wir sind da, Mann für Mann
Ohne Zagen euch zu schlagen, eilch zu jagen
Weit vom Rhein, . ,.
Juchhe, ihr sollet dran denken!'
Ungeheures Aufsehen erregte es. als bei d^r ersten Aufsuhrunq von Marschners „Templer und Jüdin" im KömaUchkN^Opern^ Hanse in Berlin nach dem Kriege an Stelle des üblicheii Lobliwes ailf den englischen König Richard Löwcnhcrz („Wer ist der Ritter hochgeehrt") der betrcsfeiide Künstler mit hoher Begeisterung plötzlich sang:
Wer ist der greise Siegesheld,
Der uns zu Schutz und Wehr Fürs Vaterland zog in das Feld Mit Deutschlands ganzem Heer?
Wer ist es, der voin Vaterland Den schönsten Lohn empfing,
>Bor Frankreichs Hauptstadt siegreich staub Und heim als Kaiser ging?
Du, edles Deutschland, sreue Dich,
Dein König, hoch) und ritterlich,
Dein Wilhelm, Dein Kaiser Wilhelm ist's!" * . - Dem alten Kaiser, der selbst anwesend war, wurden, als auch die zweite Strophe verklungen war, stürmische Huldigungen dargebracht, und als der brausende Beifallssturm sich einigermaßen- gelegt hatte und man den Namen des Dichters erfuhr — man hielt die Verse anfänglich für eine Improvisation des Sängers — da fragte man sich kopfschüttelnd: „Ja. lebt denn d;er noch, der Sänger von ,,D«UtschlMid, Deutschland über alles? Ja, er lebte und, was mehr ist, er dichtete noch/ dichtete nach vaterländisch)«: Weisen wie ckhedem in seinen stürmischen Jugendjahren. Gerade der deutsche französische 'Krieg hatte ja den: greisen Dickster che Genugttmng gebrackst, daß sein „Deutschland, Deutschland über alles", daß er als Schutz- Und Trutzlied gegen französische Er- oberungsgetüste am 26. August 1841 auf der Insel Helgoland gedichtet hatte, nun zum dauernden Besitze aller Deutschen wurde. Merkwürdig lange hatte es gedauert, bis das Lred seinen Sceges- zug durch Deutschstand antrat und sein Inhalt der Verwirklick-ung entgegen reifte. Das vercullaß,te den Dickster zu der wehmütigen/ Klage, die er als Widmung einer Freundin in ein Bändchen seiner 1859 veröffentlichten und Fcuun verkauften vaterländischen Liedersammlung „Deutschland über alles" schrieb:
„Deutschland, Deutschland über alles!"
O wie sang ich es so oft!
Niemals loottt' Erfüllung werden,
Was ich lang und heiß gehofft, -- Ach! Die Tage der Erfüllung Meiner Hoffnung kamen nicht,
„Deutschland. Deutschland über alles!"
Blieb nur immer mein Gedicht,
Und im Jahre neununflinfzig Ward es mir gar wunderbar.
So als böte mir ein Engel Der Erfüllung Rose dar.
Und ich sang von Deutschland wieder.
Sang in Freud' und Hoffnung nur,
Dock) mein „Deutschland über alles!"
Kam und ward Makulatur.
Erst im Kriege 1870 wurde „Deutschland. Deutschland über alles" n^oen der „Wacht am Rhein" zum volkstümlichsten Liede. Ter Dichter sandle damals einem Freunde, der eine besondere Veröffentlichung des Liedes mit einigen anderen Melodien als der ursprünglichen Haydnschen Melodie der österreichisckien Kaiser- Hymne plante — es befanden sich darunter Vertonungen des Liedes von Franz Mt, Conradin Kreutzer, Franz Lachner, W. Neßler u. a. — eine damals leider nickst zur Veröffentlichung gelangte Vorrede, in der es hieß: „Daß dies Lied eine Zukunft Habens würde, stand zu erwarten. Von dem Augenblicke an, daß wir auf- hörten zu fragen: „Was ist des Deutschen Vaterland?", von dem Augenblicke an, daß diese Frage beantwortet war durch die siegreichen Heere von ganz Deutschland, da wurde das Lied „Deutschland über alles" zur Wahrheit unb kann von nun an als ein Lied aller Deutschen mit Recht gesungen werden, wenn es auch die
ganze Welt außer Deutschland verdrießt. Ja, wir haben endlich ein Recht dazu, mehr als der Engländer zu feinem Rnle Britannia und der Franzose heute noch zu seiner Marseillaise."
Erinnerungen an den -8. Februar M3.
Am 18. Februar 1913 übernahm der lieeneiö ös lettres, ckoeteur en droit Monsieur Raymond Poincare die Regierung Frankreichs. Am 17. Januar 1913 hatte ihn die Assemblee nationale zum Präsidenten gewählt. Einen Monat später verließ Armand Fallieres das Elysee und Raymond Poincare hielt seinen Einzug.
Dieser Tag war kein Feiertag für Paris. Hätte die Stadt keinen reichen Flaggen schmuck angelegt gehabt, so wäre dieser Tag wie alle anderen verflossen. Durch verschiedene Avenues, Rues Und Boulevards gelangte ich glücklich gegen 9 Uhr zu den Champs- Elysees. Tausende von Autos, Omnibusse, Droschken, Geschäfts- wagen und Fahrräder bewegten sich wie sonst durch die Menschenmenge. Nur die Fahnen verkündeten auch hier elloas Besonderes. Kaum 200 Meter von mir ist eine Fahne auf Halbmast zu sehep. Ah, es ist die Fahne der trauernden Straßburg. Die Statue rst Mit einem neuen schwarzen Flor behängen, ein Kranz aus Zypressen- und Palmenzweigen mit schwarzer Schleife liegt zu Füßen der ttanei'ndvn Jungfrau. Me goldenen Lettern P. L. auf der Schleife verkünden den Stifter. ES ist die Patrioten-Liga Frankreichs, die sich zum Ziele ihrer Bestrebungen die Wiedererooerung: Elsaß-Lothringens gesetzt hat. Wie weit sie gekonrmen ist, zeigen die jetziger: Tage. Die Erreichung dieses Zieles erhoffte man unter dem neuen Präsidenten, der schon als Schüler des Lyzeums zu Bar-le-Duc seinen Namen figürlich durch eine Faust (franz. pring) im Viereck (franz. carre) darstellte. Diesem Manne mit der Faust im Viereck hat Madame Caristie-Martel im NathauA zu Paris, das von L£on Riotor verfaßte Gedicht als Willkomvr zugerufen.
Paris ä la Lorraine.
La petite patrie et la grande marraine,
O President ö!u» te f£tent par ma voix
Avec tes deux Andens! Songe ä ce que tu vois!
CVun geste tu conquiers la eite souveraine!
C’est Paris! C'est la Nef aux glorieux envofs,
Parmi les trois couleurs erigeant sa carfcne,
Pour accueillir ici, dans sa fiert£ sereine,
Le Lorraiti que la France eleve ä son pavois.
Paris de nos a'ieux! Paris grand! Paris libre!
Entends ä ton appel la Lorraine qui vibre: "'l
Son chardon merveiLleux pique, mais il fleurit!
II fleurfra sept ans popr ta gloire! Et la France Au clair regard, au coeur vaillant, au vif esprit,
Sur le grand Livre d’or edrit son esp£rance!
Am Nachmittag desselben Tages kam ich mit einem mir bekannten Geheimpolizisten in eine Pariser Kaserne. Die Soldaten feierten inmitten ihrer Vorgesetzten den Regierungswechsel. Das kameradschaftliche Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen berührte mich sympathisch, während der Unterhaltungsstoff mir äußerst peinlich war. Väan konnte nur von einem Raub Deutschlands hören, den es im Jahre 1871 sich zuschulden hätte kommen lassen. Der zukünftige Krieg müsse Frankreich bis an den Rhein ausdehnen und ähnliche Bemerkungen umschwirrten meine Ohren. Eine geographische Zeichnung an einer Wandtafel gab mir die Gewißheit, daß der Festredner diese und ähnliche Revanchegedanken entwickelt hatte. Ich dachte, die Zukunft wird's lehren. Machte gute Miene zum bösen Spiele und »oar froh, als mein Begleiter weiteres Bier ablehnte, das auch ich tat und mtt ihm bald darnach das Lokal eines Deutschen erreichte. Nach dem Abendessen ging es mit einigen Landsleuten in ein Kino. Huldigungen für Poineare lvechselteu mit anderen sehr angenehmen Films. Zum Schlüsse wurden die Herrscher Europas bei ihren Lieblingsbeschäftigungen dargestellt. Der Zar von Rußland befand sich Uns einer Bärenjagd, der König von England gondelte auf der Themse, der Kaiser von Oesterreich mar auf der Gemsjagd usw. Plötzlich eine Pause. Am Vorhang erscheint die Inschrift: Attention! L'empereur Guillaume! (Achtung! Kaiser Willielm!) Ein herrlicher deutscher Eichenwald erscheint. Jagdivagen mit Jägern fahren vor. Zuletzt kommt ein Sechsspänner. Majestät in Jagd- uniform entsteigt der Equipage. Er geht an den Anstand und nimMt ein Gewehr, das ihm sein Leibjägcr reicht. Ein herrlicher Zwanzigender erscheint im Hintergründe. Er kommt näher. Majestät legt an, der Schuß fällt und tödlich getroffen stürzt der .Hirsch. Pfui! Pfui! A bas l’Allemagne! Fini! Vive la France! erschallen ohrenbetäubend durch den Raum. Salutierend steht Majestät vor den Erbfeinden, unter denen einige sind, die im tiefsten Herzen denken: Euer Uebermut wird hoffentlich noch von unserem herrlichen Kaiser gebrochen. Wir sind dann auch dabei. Neben dem Kaiser erschien das Bild des Präsidenten Poineare mit der umrahmenden Schrift: Vive la France!
Wie erhalten erschien mir das Kaiserbald neben dem Bilde des Präsidenten. Wie hoch erhaben steht unser Kaiser mit seinem siegreichen Volke heute über dem Präsidenten Poincare mit seinen! irregeführten Untertanen. Gebe Gott, daß die Völker in Zukunft vton .Herrschern bewahrt bleiben, die sie um ihres Ehrgeizes willen ins Verderben stürzen. W. 1)., Lich.


