Schicksale.

0?oman von Heinrich Kornfeld.

(Nachdruck verboten.)

(Amerikanisches Copyright by Carl Duncker 1914)

(Fortsetzung.)

Die beiden Herren hatten sich vorzeitig verabschiedet 1ml der Rittmeister aU persönlicher Adjutant des Oberst- rommandierendeu eii:laufende Diensttelegramme zu ordnen und fernem Ehef bereitzulegen hatte und weil der Ober­stabsarzt durch einen Hüftschuf;^ den eine Ordonnanz heut vormittag erhalten, ärztlich in Anspruch genommen ivar.

Seite an Seite wunderten sie mis deni breiten Kieswege dem Kavalierhaus entgegen. Sie hatten ihre Zigarren fort- geworfen: sie gingen ganz langsam nur das Knirschen 11 fl * et ^ ren rrüßen und hin und wieder silver- IMes Anschlägen der Sporenrädchen. Sonst war es ganz

v-,^ er hochstehende Mond tvarf fast senkrecht seine Strahlen durch das Blätterdach der Parkbäume, malte selt­sam verzerrte Kringel und Kreise, ließ das dichte Unter- bolz wie Raubtiere erscheinen, die sich lauernd zum Sprung duckten. Irgendwo ganz in der Ferne schrie ein Käuzchen -ern paarinal gellend aus: verstummte wieder. Und danach war das Sckßveigen, war die große Lautlosigkeit nur noch desto stiller. Und in dieser herben Hkrchtstitte begann deo Doktor Hartmann zu erzählen.

Ohne daß ihn der andere anfgefordert hätte, ohne daß er es vielleicht selbst beabsichtigte.

Die Worte drängten sich einfach aus dem Innersten heraus über die Lippen.

Bon seiner jungen Patientin sprach er; von der kleinen reizenden Marguerite Varrel, die so tapfer und aufrecht ihm zur Seite gestanden und die jetzt so elend niedergebrochen war.

Er blieb jählings stehen; er faßte den Rittmeister an einem Unifornlknopf.

Schwere Deroute! Heilloser Nervenchoc! Niederbruch deö ganzen Organismus! Und das bei einem jungen Mädchen von schätzungsweise kaum zwanzig Jahren! Ohne ersichtliche äußere Gründe gewissermaßen mitten aus heiler Haut heraus! . . . . Brünnow, Menschenskind Sie sind doch eiu verdammt kluger Kerl: Sie sind dock) mich Psycholog und vielleicht sogar etwas Psychopath daß Sie für dies Nrederbrechen wenigstens den Schatten einer Ver­mutung haben könnten!"

Gefährlich finster funkelten im fahlen Mondlicht die sonst so gutmütig treuen blauen Aug-en des Oberstabs­arztes; und der Rittmeister Brünnow mußte unwillkürlich denkell:wenn der lange Hartmann sich über jeden, seiner Patienten derart erregt, daß der ganze Marm fiebert, dann dürfte er weiß Gott nicht allzu alt werden! Dann bringt er sich vor lauter Mitgefühl totsicher vorzeitig ins Grav1"

Und versetzte achselzuckend:

Keine Ahnung, Doktor. Da müssen wohl irgendtvi« innere Zusammenhinge sich zu dieser Katastrophe Er­dichtet haben Zusammenhänge, die wir einfach rstcht kennen, nicht einmal vermuten können."

, Er setzte sich wieder in Beilegung; sein Begleitev hielt notgedrnngen Schritt, stieß heftig hervor:

Natürlich! Da haben wir's: der Laie bestätigt die Diagnose des Arztes!

Genau in derselben Linie läuft ja auch meine persön­liche Ansicht. Fragt sich bloß ioo haben roir den Ails- gangspiinkt dieser inneren Zusammenhänge zu suchen?!"-

Bei irgendeiiiem Mann natürlich, Doktor."

Der lange Oberstabsarzt inachte eine so unvermittelte Bewegung, als wolle er abermals den Schritt verhalten; doch der Rittmeister hakte ihn freundschaftlich unter, zog ihn mit sich, ergäiizte:

Diese Vermutung kommt übrigens nicht auf das Konto des Psychologen, den Sie in niir vermuten. Sondern Sie werden sich der Szene erinnern, die Sie seinerzeit hier im Park zwischen der kleinen Varr-el und diesem Monsieur de Marsillargues beobachteten Der Marsillargues ver­schwand in der Frühe des nächsten Tages, ließ vermutlich die ganzen drei Wochen nichts mehr von sich hören und heute klappte die kleine Mademoiselle zusammen. Ich will keineswegs behaupten, daß diese Kombination nun der tsieffhe Weisheitsschluß des Lebens sei: aber immerhin besteht doch die Möglichkeit, daß ich nicht hanebüchen mit meines Philosophie daneben haue."

Neben ihm murmelte eine gepreßte Stimme:

,,Jm Gegenteil, Brünnow mehr fönute überhauvt kein Mensch recht haben. Denn stellen Sie sich vor Made­moiselle Varrel war mit diesem Alphonse de Marsillargues richtiggel)end verlobt."

Lächerlich!" '

Der Oberstabsarzt hakte erbittert eilt: 1

Wieso lächerlich?"

Weil ich diese kleine Mademoiselle Varrel für viel zu klug halte, als daß sie die zweifelhaften Qualitäten dieses Alphonse de Marsillargues nicht schon binnen der ersten vier Wochen dieser Verlobung durchschaut hätte."

Die Verlobung ist ja auch aufgehoben und die Sache zwischen den beiden total erledigt."

Na also dann seien Sie doch zufrieden, Doktor'"

Zufrieden, Brünnow? Wieso zufrieden? Was geht die Verlobung der Mademoiselle Varrel mich persönlich an und wieso hätte ich Veranlassung, über das Ende ihrer Be-^ Ziehungen zu diesem Marsillargues zufrieden zu sein?"'

, Worauf der Rittmeister der vierten schweren bayerischen Reiter nur so nebenhin lächelte und beiläufig meinte:

Gott, Kindchen wir kämpfen ja hier nur gegen die Männer, nicht gegen die Frauen."

Das . . . also iveiß Gott, Brünnow was Sie damit sagen wollen, das versteh ick) nu wirklich nicbtl"