Ausgabe 
23.8.1916
 
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Der gestohlene Mord.

Skizze von Max Arels, Berlin (Mchdruck verboten.)

Julius Teigel war Stenograph bei derMorgenzeitnng". Er hatte 100 Matt Gehalt und war dafür der .Wärmeleiter, der die glühenden Energien des öffentlichen Lebens ungekühlt in die Öffentlichkeit weiterleitete. Was der Tag anschwemMte, Taten und streitbare Meinung!^, unsauberes Spülicht imd glänzende Gewichtlosigkeiten, frohe Tinge und erschreckende Traurigkeiten, das wurde allabendlich von neun bis morgens um ein llhr Julius Teigel, dem Stenographen, durch den Fernsprecher diktiert.

Tie Polizei liebte ihn und erzählte ihm von Einbrüchen und Morden; die Feuerwehr malte ihm schreckliche Brände aus, Spitäler Und Sanatorien gaben ihm Berichte über das Befinden erkrankter Künstler und hochstehender Persönlichkeiten; Zuträger und Menschen mit Verbindungen erzählten ihm, so wie man Kindern vor denk Einschlafen Märchen beibringt, alles Bunte und Unwahrscheinliche, das der abend vorlog. Die ganze Stadt salutierte vor ihn: und! erstattete gleichsam mit gesenktem Säbel Meldung. Wem: er ans der Telephonzelle kam, hing«: viele Alugen an seinen Lippen; denn jetzt salutierte eine Redaktion vor ihm. Große Angelegenheiten warf er wie brennende Scheite vor die erwartungsvollen Redakteure und schürte dann den Brand mit den weißen Blättern, auf denen! Einzelheiten, Zahlen und Zeiten nrit seiner raschen und nach­drücklichen Schrift vermerkt waren. Blatt um Blatt gab er /eine Schätze ab, übertrug das Stenogramm mit jage:ü>em Stift auf das Papier und je mehr er von seiner Beute veräußert hatte, desto kühler wurden die Blicke, die ihm eben noch freundlich imio auf- mnnternd gefolgt waren. Oft hob er sich als letzte die Nachrichten von der Börse auf. So konnte er das prachtvolle Gefühl: zu! gelten, Ueberraschuugen zu verschenken, Enttäuschungen hinzu­schlendern, bis zum äußersten genießen. Es gab Momente, da er zögerte, den Sturz von Kursen aufzuschreiben, da er nur,verwor­rene Striche auf das Papier malte, so, als ob er den Zusammen­bruch von Vermögen noch eine Minute aufhalt«: könnte. Wenn er aber dann seine ganze Wissenschaft abgegeben halte, war er bettelarm. Niemand kümmerte sich mehr um ihn, denn alle gingen daran, der nackten Wahrheit bunte Gewänder anzuziehen.

Julius Teigel tvar kein Poet. Man erzählte ihn: zU viele Ge­schichten vor dem Schlafengehen,, als daß er Lust verspürt hätte- auch nur eine dieser kantigen Geschichten mit dem Sand der Phan­tasie rund zu schleifen. Er war kein Poet, aber eines dichtete er immer wieder, weil -es das Unmöglichste, weil es sein Eigenstes war; dieses dichtete er: einmak, ein einziges Mal nur aff die Ereig­nisse, die ihm des Nachts zu gerufen wurden, nicht preiszugeben, sie wie Geheimnisse für sich zu behalten, ihre Keuschheit zu be­wahren, sie nicht zur Schau zu stellen. Er hatte das inbrünstige Verlangen, über verzweifelte Liebhaber den Mantel seines Schwei­gens zu breiten, die Schönheit eines Feuers für sich zu behaltest .o ja, . . . abelr all dies blieb sein, ungeschriebenes Ge­dicht. Er trug die große Gebärde des Verschweig ens, aber seine Tat war das atemlose Reden.

Die Redaktion der Morgenzeitung war angefüllt von Stille. Allzu stürmisch sind die Begebenheiten, die in einer kleinen Resi­denz an eine kleine Redaktion lieranroNen, eben nicht. Der Chef überlas seinen Leitartikel, der Nachtredakteur war im Setzersaal. Mitternacht hatte geschlagen, das Blatt war fast geschlossen, denn es sollte als erstes der drei Zeitung«: der kleine:: Stadt erscheinen. Schreibtische standen wesenlos und unwichtig im griinen Schein verkleideter Glühlichter. Sie sahen unnütz und abgebraucht aus wie die Worte, die an ihnen geschrieben waren. Ein Duft von Zigaretten und Maschinenöl schwamm kalt mtb fettig in der er­schöpften Luft.

Julius Teigel malte mit unernuidlicher Beharrlichkeit immer wieder die Grimasse eines Politikers auf ein Blatt Papier. Es war nun nichts mehr zu erwarten. Die Korrespondenten hattet sich für heute ausgegeben. Er schaute in die stille Unordnung des Zimmers hinein, in diese Teller mit den Speiseresten, in klebrige Gläser, verstreute Papiere, anfgeklappte Bücher, lstnein in ver­bitterte Spannungen, die nun in Setzerkästen und Druckmaschinen rumorten, um in wenigen Stund«: zu verschlafenen Menschen zu kommen, die sie aufrütteln und brauchbar machen sollen für das wache Getriebe des Tages. Herr Julius Teigel fährt mit dein' .Bleistift durch das verwirrte Haar und denkt .... eigentlich an nichts. Vielleicht e:n wenig cm die letzte Premiere und an die wunderschöne Veronika Karr. . . oder an den Einbruch in der Hülbenstraße Nummer 81 ... . und wieder an Veronika Karr, die nicht nür die größte Künstlerin, die auch der liebenswerteste Mensch ... ja, ja, Stenograph mit hundert Mark. . . Ueber- schwemmung des Ebro. . . Reblaus in Mederösterreich ... und

der Wanderzirkrls Hidalespo kommt.und Sturmflut in

.China....

,,Herr Teigel . . . Herr Teigel . . . schläft der Mensch?" ruft der Nachtrcbakteur, er ist dick und groß und wälzt sich »nie eist Meer an den Stenographen heran.Sturmflut in China," denkt Julius Teigel Und fährt tfu3 den: Traum.

,,Teigel, hören Sie denn nicht? Telephon!"

Der Stenograph flattert aufgascheucht zur Zelle, nimmt den Hörer ab;Morgenzeitung?"

Halloh . . . Sind Sie's, Teigel? Hier Korrespondenz Kluhn. Eine schreckliche Nachricht! Veronika Karr ist ermordet. Der Heck­mann, abends hat er noch den Lohengrin gesungen, hat sie er­schossen. Eifersucht. Fix, Teigel, daß Jhr's noch ins Blatt be­kommt, ich rufe in fünf Minuten nochmal an und gebe Euch Ein­zelheiten. Warten Sie am Apparat!"

Julius Teigel legt den Hörer auf. Das Klingeln des Tele­phons steht noch in der Zelle, bohrt Gänge in sein Hirn, und über diesen: zackigen Don, diese hastige, von geschäftiger Erregung ge­rötete stimme, die von Veronika Karr erzählt und von Ihren: Ende. Mit auseinander fallenden Lippen sitzt er einen Augen- blick lang, dann gräbt ein starrer Einfall eine Furche in sein Ge­sicht: Nein!"

Die Macht ist in seinen Händen! Er kann den Tod unter­schlagen. Er, der kleine Stenograph, kann den Tod unterschlagen. Gönnerhaft und hinterhältig blinzelt er durch das Fensterchen der Telephonzelle: loie einer, der sich der: Spaß macht, vor Kinder hinzutreten mit leeren Händen und dabei die Taschen voll Zucker­werk hat. Aber er wird die Taschen zuknöpfen. Er defraudiert einen Mord! Dile ganze Redaktion ist jetzt so winzig Kein vor ihm, er abe^ wächst ins Riesenhafte, das macht: er steht auf dein unterschlagen«: Sterben der schönen, seinen Veronika Kärr.

Kommt der Nachtredakteur, eilig:

Wer ries denn, Teig.es, so spät noch?"

Sehr ruhig, sehr gefaßt antwortet der:Ah, ein Freund fragte, ob ich noch ins Cafe komme."

Sorgen!" brummt der Vorgesetzte, und geht in die Setzerei.

Und Julius Teigel steht mit zitternd«: Knien vor der Zelle. Ergriffen von sich selbst;, diesem plötzlich«: Geist der Auflehnung; nicht gewachsen, erschüttert von einer Pflichtverletzung. Er möchte ein Recht haben zu schweigen ... ein Recht! Wenn er jetzt die Nachricht weitergibt . . . ihn: fällt ein, wie holdselig Veronika Karr gefächelt hat, als er sie iwch gestern :m Magen fahren sah und sie grüßte.

Ein Lächelr: war wie eine Blume in seinen Hut gefallen.

Ja, er liebte, ganz, ganz heimlich liebte er die groß«. Veronia Karr.

Er überdenkt, welcher Mftuhr nun entstehen wird, wenn er das Schreckliche preisgibt. Wenn er es auf ein Blatt Papier hin­wirft, wenn es von ein paar Menschen mit flink«: Fingern ge­ordnet, in Buchstaben gegoss«:, in Press«: zur Wahrheit gemacht wird, mm: es in weift g«: Stund«: hastig hinausläuft, von Weiber:: mit heiseren Stimmen in alle 'Straßen getragen, angepriesen, a:G- geschrien würde

Der Liebling unseres Stadttheaters, Veronika Karr, er­mordet! Die Tat eines Eifersüchtigen!"

Die tote Veronika wird durch den fröstelnden Morgen gezerrt, geschleift, verkauft. Eine verschlafene Stadt, die vor den: klft)pel::d«r Nus anfmUckt, den Kaffee zur Seite schiebt, diese Menge wird sich über die Arme, Holde beugen, wird mit roten Augen ihre Wunde begaffen. Nein! Auch wenn er schweigt, wird es die Stadt nässen. Denn die ander«: Blätter, die werden rede::. Oh ja. Mögen sie. Julius Teigel mit den abgeschabten Röllchen und den: vom Staub eingefaßten Henrdkrag«: spürt plötzlich eine große Reiulichkert, etwas Klares, Gnies. Er hat kein Teil an dein, was geschieht. In einer Viertelstunde sind diese Räume hier finster, alle Türen ver­sperrt, kein Mord kani: sie heute mehr aufsprengen,

Da lähmt ihn ein Einsall, bricht wie ein Knall in die Stille seines Spürcns nach denk Recht: er hat noch nicht altes getan! In wenigen Sekunden wird der ersten Meldung eine zweite, eine dritte, eine Kette von Fernrufen des fleißigen Herrn Kluhn folgen: Wie ein Blitz, alle Tiefen und Möglichkeiten durcheilend, alle Notwendigkeiten erhellend, zuckt seine Ueberlegung. Sjutn zieht Julius Teigel sein Taschenmesser, dasselbe, mit den: er vor zu'« Stunden sein kleines Abe:ü)brot zerteilte, mtb drückt sich scheu in die Zelle, zu den: einzig«: Telephon der kleinen Redaktion. Ein rascher Schnitt in die Leitungsdrähte, und noch einer . . . und schon winselt sterbend die Glocke, aber er sägt in die Drähte hinein, erstickt das verräterische Läuten. Die Drähte schälen sich wie Wunden aus der Isolierung... die Glocke ist still... die wird schweigen. .. Nun weiß er, daß er diese Raunte nie mehr betreten wird, uvdfe, daß man ihn morgen vielleicht wegen boshafter Sachbeschädigung verhaften wird, weiß auch, daß er aus dieser Zelle ins Elend geht. Aber er trägt es ohne Beschroer, wie ein Berauschter sein Leid trägt.

Ter Nachtrcbakteur:Feines Blatt heute. Gute Nacht Teigel."

Da spürt der Stenograph plötzlich, ohne Uebergang, etwas sehr Seltsames, spürt dies: daß vielleicht affe Nackt re da ff eure, daß alle Redakteure der ganzen Welt irgendwo im tiefster: ßiinm'U weinen, nicht weil Veronika Karr gestorben ist, aber weil sie es hinansschrcien müssen und er hascht nach der Hand des Nacht- rcdakteurs und streichelt sie leise.

Verdreht, Teigel, ganz verdreht?"

Dann werden die Lichter ansgeniackst.

Und Julius Teigel schlürft mit aufgeklapptem Rockkragen, den gestohlenen Tod in: Arm, hirnrus in die Nacht . . . ins Nichts