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Die junge Marquise zog sich wieder in ihre Gemacher zuruck: der Oberstabsarzt verschwand mit dem Versprechen, am selben Abend noch einmal nach der Patientin zu sehen.
Vorläufig wenigstens ließe sich nichts tun; man müsse die weitere. Entwicklung ab warten.
Im übrigen — ob Tag oder Nacht... eine einfache Benachrichtigung der Frau Marquise genüge — ex fei jederzeit zur ©idle.
An der Tür wandte er sich noch einmal zurück. Seine- ehrlichen blauen deutschen Augen suchten ein blutleeres schmales Jungmädchengesicht, darum das gelöste lockige Haar wie ein kostbarer prunkender Rahmen lag.
Seine kleine Marguerite Varrel — sein tapferer aufrechter Kamerad... und lag jetzt so jämmerlich zusammengebrochen in den Kissen!
Hots der Deuwel — man hatte es iveiß G-ott nicht leicht im Leben?
Aber hier wollte er mal zeigen, Was der Königlich preußische Oberstabsarzt Doktor Georg Hartmann gelernt hatte!! "
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Drei Wochen waren ins Land gegangen, seit man die sterbliche Hülle der alten Marquise de St. Chamant zu Grabe getragen — seit drei Tagen sah die junge Schloße- Herrin abends wieder den Kreis ihrer deutschen Gäste um sich.
Nicht aus einem inneren Bedürfnis heraus geschah es, nicht aus einem Hunger nach Geselligkeit und Menschen, daß Jutta wieder allabendlich die deutschen Offiziere im großen Bankettsaal des Schlosses um sich sammelte — vielmehr aus dem Empfinden heraus, daß es eine Pflicht der Gastlichkeit sei, diesen aufrechten Männern, denen der Tag und oft auch die Nacht eine Kette von Arbeit, Nachdenken und intensivster Nervenspannung bedeutete, diesen Männern wenigstens für eine Stunde des Monds die fehlende Häuslichkeit zu ersetzen.
06' es sie gleich Ueberwindung kostete, ob sie sich auch gewaltsam aus der stillen Zurückgezogenheit ihrer Trauer herausriß — sie Übersah keine der tausend kleinen Pflichten der Gastfreundschaft. Und mochte auch die laute Fröh- lichkeit fehlen, mochte der Tod einer alten Frau auch immer noch wie ein Druck über allen Menschen und Räumer: lasten — das Herz ging der jungen Marquise auf, wenn sie im Bankettsaal diesen durch die Konvention nur mühsam gedämpften Frohsinn um sich beobachtete, wenn sie sah, wieviel sie all diesen deutschen Offizieren mit dev einer! armseligen Stunde eines gemeinsamen Abendessens im Schloß bvt.
Nur heut empfand sie keine rechte Freude darüber. In ihr zitterte noch immer der Schreck über die Ohnmacht der kleinen Marguerite Varrel, die oben bewußtlos in den Kissen lag, deren Wiederherstellung sich vielleicht monate^- lang hinausziehen konnte.
Das Ereignis war natürlich im Schloß wie im Kavalierhause eingehend erörtert worden. Jeder kannte ja die zierliche Elsässerin; jeder lvnßte, wie tapfer sie dem Doktor Hortmann am Krankenbette der alten Marquise beige- standeu uud Kameradschaft geleistet.
Was Wunder, daß ihre jähe schwere Erkrankung aber- mals einen dunklen Schatten über die Abendgesellschaft warf.
Und so war es denn nicht einmal auffällig, daß der; Rittmeister Drüuuow — nach ansgehobener Tafel und als die Herren mit einer Zigarette nzid einer Tasse Mokka noch in den Vorzimmern herumstanden, ehe sie sich von der Gastgeberin verabschiedeten — den Rest seiner Zigarette in einem Aschbecher ausdrückte, die Mokkatasse beiseite stellte und zu der Schloßherrin trat.
„Gnädigste Marquise — darf ich mich erkundigen, ob in dem Zustande Fräulein Varrels bereits eine Milderung eingetreten ist?"
Sie hatte sein Näherkommen nicht bemerkt; sie zuckte bei dem unvermuteten Klang seiner Stimme unwillkürlich zusammen und vermochte nicht zu verhindern, daß ihr ein leises Rot über die Wangen flog.
„Herzlichen Dank für Ihre liebenswürdige Anteilnahine, Herr Rittmeister. Der Herr Oberstabsarzt ist eben bei unserer jungen Patientin und ich warte sehnsüchtig aus seine Rückkehr."
„Ich wünsche Ihnen und uns, gnädigste Marquise, däß er recht günstige Nachrichten bringt."
„Gott^gebe es, Herr Mttmeister."
Der bayerische schwere Reiter LonMe die Augen nicht von ihr loskriegen. Dieser leise Schatten von Trauer, der sich wieder lauf ihr Gesicht gesenkt, gab den vornehmen Zügen einen eigenen fremden Reiz.
Und dann glitt ihm ein Bemerken über die Lippen — ein gefährliches Wort, das er zurückdrängen wollte unÄ doch halblaut murmelte;
„Gnädigste Marquise — die Atmosphäre Frankreichs ist unbarmherzig gegen Sie."
Sie warf den Kopf in den Nacken. Die Nüstern ihrer edel gemeißelten Nase zitterten etwas, als sie entgeguete:
„Wie soll ich das verstehen, Herr Rittmeister?"
Und er daraus:
„Die Menschen, denen hier in Frankreich Ihr Herz gehört, Frau Marquise — diese Menschen stehen unter keinem glücklichen Stern."
Sie sah ihn starr an; dann lächelte sie abermals. Und wieder war es oas maskenhafte leere Lächeln, das ihür wehtat. ^
„Vielleicht habe ich das selbst verschuldet, Herr Rittmeister. Solange Frankreich mein Herz gehörte, beschützte dieses Land auch all die Menschen, die oiesem meinomj Herzen nahe standen. Jetzt rächt es sich wohl dafür, daß ich fahnenflüchtig geworden bin."
Seine Augen hafteten noch immer an ihren Zügen. Er fragte zwischen den Zähnen:
„Gnädigste Marquise wollen Frankreich verlassen?"
„Ich Hab Heimweh bekommen nach Deutschlano, Herr Mttmeister."
„Und die Uebersiedlung soll bald erfolgen?"
Sie schüttelte leise verneinend den Kops. Sie sah an ihm vorbei.
„Ich weiß es noch nicht. Das hängt ja aüch davon ab, wann der Herr Oberstabsarzt uns die Genesung der kleinen Marguerite in sichere Aussicht stellen kann. Vielleicht also bin ich gezwungen, noch lange Monate in St. Chamant zu bleiben."
„Gnädigste Marquise geben viel auf, wenn Sie St. Chamant verlassen."
„Vielleicht weniger, als Sie vermuten, Herr Rittmeister. Denn nicht wahr — Erinnerungen kann man auch über eine Landesgrenze mitnehmen."
Da war es dem bayerischen schweren Reiter, als wüchse zwischen dieser schönen jungen Frau und ihm selbst ein Schatten auf — ein Spuk — ein schemenhaftes Gespenst. . . der weiland Marquis Rens de St. Chamant, der seit Jahren im Erbbegräbnis schlummerte.
Und der Klang seiner Stimme war kalt, als er versetzte:
„Ganz recht, gnädigste Marquise, Erinnerungen kann man auch über die Landesgrenze mitnehMen."
„Erinnerungen — sie werden auch das einzige Gute sein, das ich mir mitnehme. Denn was ich sonst noch in diesem Lande empfing, das mag Frankreich behalten."
Rätselhafte Worte, deren Sinn er nicht zu deuten wußte.
Und vielleicht — vielleicht hätte schon die nächste Minute ihm eine Lösung gegeben, wäre nicht der lange Oberstabsarzt in der Türe aufgetaucht.
Eine Sekunde blieb er suchend stehen, dann hatte er die junge Schloßherrin entdeckt, schlängelte sich durch das Gewühl der Uniformen zu ihr hindurch.
Sein Rapport war kurz:
In dem Zustande der jungen Paticutiu hatte sich vorläufig noch nichts geändert. Wie gesagt — man mußte ab- warteu und hoffen. Vorläufig lautete die einzige Parole: — die Hände im Schoß zusammen legen, aber die Augen ofsenhalten und jede Sekunde bereit sein, zuzuspringem
Da strich sich die junge Witwe mit tastender Hand'bs- wegung über die Stirn. i
„Es können also noch Wochen vergehen, Herr Oberstabsarzt, ehe Mademoiselle Marguerite transportfähig ist?"
„Selbst auf diese Frage muß ich mich! vorläufig einer Antwort enthalten, gnädigste Marquise. Mer hoffen wir immerhin, daß die näck)sten Tage Ihrem Pessimismus keine Nahrung geben."
„Hoffen wir es."
Und der müde schleppende Tonsall dieser letzten Worte klang noch immer in dem Rittmeister Brünnow nach, als er zehn Minuten später mit dem Oberstabsarzt über die breite Kiespromenade dem Kavalierhaus entgegenschritt.
(Fortsetzung folgt.)
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